Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Margot >

Die Gefangenen der Apachen. Zweiter Band

Paul Margot: Die Gefangenen der Apachen. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Margot
titleDie Gefangenen der Apachen. Zweiter Band
publisherGrunow, Leipzig
year1868
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140410
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel

Sonnenstrahl's List. – Darhee. – Zwei Ehrenmänner. – Des Mulatten Lager. – Preston's Rache.

Kaum war der Vorhang von Büffelfell hinter Marie und Tojolah gefallen, als Sonnenstrahl sich rasch in ihrem freiwilligen Gefängniß umsah; vorsichtig prüfte sie die Scheidewände des Wigwams, welche aus mit Thiersehnen zusammengenähten doppelten Felllagen bestanden; endlich hatte sie gefunden, was sie suchte, eine Stelle, wo die Häute weniger straff angezogen eine schmale Spalte ließen. Aufmerksam spähte sie in den anderen Raum, um sich zu vergewissern, daß nicht etwa Darhee sich in demselben aufhalte; doch der gänzliche Mangel an Waffen, die zierliche Ausschmückung dieser kleinen Zeltabtheilung ließen ihr Tojolah's früheren Aufenthaltsort erkennen. Entschlossen zerschnitt nun Sonnenstrahl die Nath, schlüpfte durch die Oeffnung und begann nun emsig das mühselige Geschäft des Zusammennähens. Ja mühselig war das Geschäft, denn die Häute welche naß aufgespannt werden, ziehen sich beim Trocknen dermaßen zusammen, daß sie, wieder getrennt, nur entsetzlich schwer zusammenzufügen sind. Fast vier Stunden hatte Sonnenstrahl, in steter Angst gestört zu werden, gearbeitet, schon nahte sich der Mittag, zu welcher Zeit man stets den Gefangenen ihre Speisen brachte, noch wenige Minuten und Marie's Abwesenheit mußte entdeckt werden – da endlich war Sonnenstrahl fertig, mit Befriedigung betrachtete sie ihr Werk und freute sich, daß Niemand die frische Nath zu erkennen vermochte, weil sie der benutzten Sehne vorher durch Räuchern das Aussehen einer alten gegeben hatte. Plötzlich schlug wilder Lärm an ihr Ohr, laute Stimmen erschallten zwischen dem Wiehern und Stampfen vieler Rosse; jetzt galt's mit kecker Stirn dem Verhängniß Trotz zu bieten, ob auch die Brust unter den heftigen Bewegungen fast zu springen drohte. Entschlossen schlüpfte sie zum Zelt hinaus und stand, um die nächste Ecke biegend, so plötzlich vor den unruhig nach dem Lärm im Dorfe lauschenden zwei Apachenkriegern, daß die beiden Wächter nicht im Stande waren zu sagen, woher das Mädchen so plötzlich gekommen; verwundert starrten sie wohl dasselbe an, doch ließen sie Sonnenstrahl ungehindert passiren, ja achteten nicht einmal darauf, daß diese nicht sogleich in das Gemach der Gefangenen eintrat; ihr Sinnen und Trachten war nur zu erfahren, welche Ursache das Getöse im Dorfe habe, als ein lauter Schrei Sonnenstrahl's sie aus ihrem Brüten riß. Erschreckt fuhren die Apachen zusammen und blickten mit stieren Augen auf das Mädchen, welches ihnen mit lauter Stimme zurief:

»Uah! Wo ist das bleiche Mädchen? Sind die Apachenkrieger Maulwürfe, oder haben sie geschlafen? Ich werde Krieger herbeirufen, die den blinden Knaben suchen helfen sollen!« Bei diesen Worten flog Sonnenstrahl davon und verlor sich gewandt unter der immer mehr anwachsenden Menge. Die beiden Apachenkrieger, in ihrem grenzenlosen Erstaunen, auf welch räthselhafte Weise das ihrer Obhut anvertraute weiße Mädchen, verschwunden sein könne, durchspähten jeden Winkel des Wigwams, doch nichts Verdächtiges bot sich ihren Augen dar und scheu flohen sie ins Freie, überzeugt, daß nur ein böser Geist ihnen diesen Streich habe spielen können.

Wer könnte aber das Entsetzen beschreiben, als die geschlagenen fast gänzlich aufgeriebenen Apachen mit den Prairieräubern ins Dorf rückten. Niemand wollte glauben, daß das kleine Häuflein der Rest der großen Schaar sei, welche mit so übermüthigen Hoffnungen das Dorf verlassen; ja Viele schienen geneigt, das Ganze für einen übel angebrachten Scherz zu halten, und das Hauptcorps noch zu erwarten; doch die wilden, grimmigen Gesichter der Krieger deuteten auf eine keineswegs scherzhafte Stimmung und als einer der ältesten der Apachen sein Pferd auf eine kleine Anhöhe trieb und in wilden Worten ihren Kriegszug schilderte, herrschte die unheimlichste Stille unter der vor Kurzem noch so bewegten Menge.

»Von fünf bis sechs Comantschenhaufen umringt« – fuhr der Krieger in seiner mehr aufreizenden als wahrheitstreuen Rede fort »deren jeder, mit einer starken Anzahl Weißer untermischt, uns fast an Stärke gleich kam, fochten die Apachen wie die verwundeten Panther; Tod und Verderben verbreitend schlugen wir uns durch die dichten Reihen der Feinde, jeden Schritt mit Blut erkaufend, jeden Schritt mit Leichen der Gefallenen bedeckend. Doch der Weißen Rifle's lichteten fürchterlich unsere Schaar; da rafften wir alle unsere Kräfte zusammen, durchbrachen die Comantschen und flohen, doch unser Häuptling – die große Schlange – kehrte nicht zurück, er fiel von unzähligen Kugeln durchbohrt!«

Ein wahrhaft dämonisches Wuthgeheul der Menge unterbrach den Redner, der sich auf seinem Mustang hoch aufrichtend mit lauter Stimme den Lärm überschrie:

»Noch aber steht es in unserer Macht, das Blut unserer Brüder zu rächen, weiße Gefangene sind in Euern Händen; herbei mit den bleichen Hunden! An den Marterpfahl mit ihnen!«

Und – »Tod den Gefangenen!« – heulte die gräßliche Rotte im Begriff fortzustürzen, um die unglücklichen Opfer herbeizuschleppen.

»Halt!« rief plötzlich eine mächtige Stimme so gebietend, so kalt, daß Alles sich schweigend nach dem Rufer wandte. Da trat Darhee unerwartet hinter einem Baume hervor und schritt langsam in die Mitte der Versammlung. Alles wich schaudernd dem Häuptling aus, an dessen Gürtel eine glänzend polirte stählerne Streitart hing, das Zeichen, daß Darhee, nach der »großen Schlange« Tod, die Oberherrschaft an sich gerissen. Unter leisem Murmeln wiesen die Apachen auf des Häuptlings zerfetzte und besudelte Kleidung, auf seine zerrissenen, mit Wunden bedeckten Hände; da wandte sich jener, und als er sein wildes blutunterlaufenes Auge über die Menge schweifen ließ, erstarb jedes Wort, jedes Geräusch.

»Ihr wollt die Gefangenen opfern?« frug er scharf, und als ihm ein zustimmendes Geheul antwortete, fuhr er mit entsetzlichem Hohne fort:

»Gut, holt sie Euch, aber – sie sind entflohen!«

Einen Moment weidete sich Darhee an der Verwirrung und den Wuthausbrüchen, die seine Worte erregt, dann begann er wieder:

»Während wir glaubten, Euch Tag für Tag beutebeladen als Sieger zurückkehren zu sehen, kommt Ihr geschlagen, mit Schande bedeckt und der besten Krieger beraubt in unser Dorf, und während wir glaubten, die Gefangenen so sicher bewacht zu wissen, daß Niemand nur an eine Flucht dachte, entflohen sie auf schnellen Rossen. Der »kleine Bär« liegt erstochen am Felsenpaß und ich selbst, ich Darhee, fiel in ihre Hand. Gebunden, geknebelt ließen sie mich liegen, nachdem sie mich beraubt. Da berührten meine gefesselten Hände eine scharfe Steinkante, mit deren Hülfe zerrieb ich den Lasso, der um mich gewunden; ich achtete nicht der brennenden Sonne, nicht fühlte ich, daß ich mir die eigenen Glieder zerriß, ich sah nur, daß Faser auf Faser nachgab, endlich nach stundenlanger Pein waren meine Hände frei; doch die wunden Finger vermochten nicht die Knoten an den Fesseln meiner Füße zu lösen, und wieder arbeitete ich im Schweiße meines Angesichts, bis auch das letzte Lassoende zersprang. Wüthend sprang ich auf, doch ohnmächtig sank ich wieder zu Boden, die übermäßige Anstrengung hatte mich erschöpft und das feste Einschnüren meiner Glieder den Blutlauf gehemmt; fast stand die Sonne im Zenith, als ich meinen Weg anzutreten vermochte, nun bin ich da! Doch ehe die Flüchtigen verfolgt werden und wir das mir noch nicht faßbare Ereigniß untersuchen, muß ich den Ingrimm, der mich verzehrt, kühlen, muß die mir angethane Schande in Blut abspülen. Ein Bleichgesicht ist noch in meiner Hand, und kein Teufel soll es den auserwähltesten Martern entreißen.«

Wie ein Panther schoß Darhee davon und seinem Wigwam zu, um Marie seiner Rachsucht zu opfern, Don Manuel aber, oder »Waktehno« wie ihn die Indianer nannten, ahnte wohl, wer noch in der Gefangenschaft zu finden sein solle, ein Wort sammelte den Rest der Räuber um ihren Anführer und rücksichtslos drängte sich dieser dem Apachenhäuptling nach.

Ohne der regungslos an dem Zelteingang lehnenden, nun freilich nutzlosen Wachen zu achten, stürzte Darhee durch den Eingang, – ein markerschütternder Schrei, und im nächsten Moment stand er schäumenden Mundes vor den unachtsamen Wächtern. »Wo ist das bleiche Mädchen?« preßte er mühsam hervor.

»Entflohen!« hauchte der eine der Wächter und im selben Augenblick zerschmetterte Darhee's Tomahawk des Unglücklichen Stirn.

»Hund! Sohn einer Hündin, wo ist die Euch anvertraute Gefangene?« wandte sich Darhee an den Gefährten des Erschlagenen.

Dieser, scheu den Unglücklichen zu seinen Füßen betrachtend, begnügte sich nicht mit einer so kurzen Antwort, er glaubte während einer längeren Rede würde sich der Häuptling etwas besänftigen und begann mit fester Stimme:

»Nicht einen Augenblick wichen wir von diesem Eingang«, doch hastig unterbrach ihn Darhee, indem er drohend die blutige Streitaxt schwang, mit den Worten:

»Genug der Ausflüchte! Nicht umsonst trägst Du den Namen der geschwätzigen Elster, antworte ohne Umschweife! Wo ist das gefangene Mädchen?« Gänzlich außer Fassung gebracht, stammelte der Apache: »verschwunden – ohne eine Spur zu hinterlassen! Der weiße Medicinmann muß seine Schwester verzaubert haben!«

Die Erinnerung an George genügte, Darhee's letzten Rest von Besonnenheit zu verscheuchen und kaum war der »Elster« das letzte Wort entflohen, als der Unglückliche mit bis zum Mund gespaltenem Schädel zu Boden sank. Zu spät erkannte der Häuptling die doppelte Thorheit, den einzigen Mund zu schließen, der im Stande war Aufklärungen zu geben und sein neues Amt mit einem Acte der Rohheit und der eines ersten Sachems unwürdigen Unbesonnenheit eingeweiht zu haben. Doch – Todte sind nicht wieder zu erwecken, geschehene Dinge nicht zu ändern, jetzt galt es nur die erregten Gemüther der Umstehenden, deren Murmeln drohender und drohender ward, zu besänftigen und deren Interesse auf andere Dinge zu lenken.

»Meine Söhne und Brüder!« begann er, mühsam den Verdruß über sein voreiliges Handeln bekämpfend, »beklagt nicht die, welche nur ihre gerechte Strafe erlitten. Noch ist die Fehde mit den Comantschen nicht beendet, die wir züchtigen und demüthigen müssen; doch dazu bedürfen wir Männer, was sollen uns solch armselige Wichte, die nicht vermögen am hellen, lichten Tag ein Weib zu bewachen? Sie sind Knaben oder Verräther. Oder glaubt Ihr an das Märchen von dem Medicinmann? Er ist nichts, als ein so schlauer Betrüger, daß selbst Darhee sich von ihm täuschen ließ und viele von Euch kennen ihn!

»Manches Jahr lebte er als Sclave in unserer Mitte, es ist George, der weiße Knabe, .der auf einem Jagdzug vor längerer Zeit entfloh!«

Wilde Rufe des Erstaunens, der Wuth und der Rache unterbrachen den Häuptling; er hatte sein Ziel erreicht – die von seiner Hand Gemordeten waren vergessen.

Nun sandte Darhee seine besten Späher aus, die Fährten aufzusuchen, und als der Tag sich neigte, kehrten die ausgesandten Krieger zurück; sie hatten ihre Aufgabe vollständig gelöst und waren in zwei Abtheilungen den verschiedenen Spuren nachgeritten bis diese sich verschmolzen. Neue Stürme erregte das Herbeischaffen der Leiche des »Bibers«, die man gefunden; endlich brachte man auch die beiden aufgespürten Räuber herzu, die so verschmachtet und von ihrer peinvollen Situation so alterirt waren, daß sie auch nicht die geringsten Aufschlüsse zu geben vermochten.

Unterdessen hatte Don Manuel verdrossen die Umgegend durchstreift; er war zufällig ein genauer Beobachter Sonnenstrahls gewesen, auf deren ausdrucksreichem Gesicht er all die Stürme abgespiegelt sah, die ihren Busen durchwogten – und als ihre Augen in wilder Freude aufleuchteten, daß mit der Elster Tod auch der letzte Mund geschlossen, welcher gegen sie hätte Verdacht erwecken können, da durchzuckte den Räuber der Gedanke, daß Sonnenstrahl Näheres von der Flucht wissen müsse.

Nicht recht im Klaren, wie er mit dem Mädchen verfahren solle, trat er, um mit seinen Gedanken allein zu sein, in das Berathungshaus, doch wie angewurzelt blieb er stehen, als er vor sich auf der Erde den Mormonen Preston liegen sah, welcher – beide Arme unter dem Kopf – gleichgültig nach der Decke starrte und die Melodie eines Negerliedes pfiff.

»Valga me dios!« rief der Räuber verblüfft »Ihr hier? Seid Ihr denn nicht geflohen?«

»Wie Ihr seht, nicht!« brummte Jener unwirsch.

»Verdammt kaltblütig! Aber sagt, habt Ihr denn solche Ursache Euch durch Pfeifen bemerkbar zu machen?«

»Nachdem ich die Flucht meiner Mitgefangenen erfahren –« berichtete Preston – »hielt ich allerdings es am Gerathendsten mich etwas zu verziehen; ich hatte verwünscht wenig Lust als Ableiter der schlechten Laune der Herren Apachen zu dienen, jetzt aber wird mir doch die Zeit etwas lang, ich mache mich durch Pfeifen bemerklich und hoffe, man wird es sehr gnädig aufnehmen, daß ich mich nicht an der Flucht betheiligt, von der ich in der That Nichts gewußt, auch nicht deren Einzelnheiten kenne!«

»Hm! Ihr dürftet Euch verrechnet haben!« meinte trocken der Räuber.

»Wie so?«

»Ihr seid nicht mit geflohen, weil Euren Genossen nicht eben viel an Eurer werthen Person zu liegen schien, das heißt: weil sie Euch nicht mit, nehmen wollten!«

»Kann sein! aber Niemand weiß dies!«

»Ich zum Beispiel!«

»Aha!« lachte Preston »nachdem ich selbst es Euch erzählt! Allerdings unmenschlich schlau!«

»So ist's, aber ich ahnte den Sachverhalt!« entgegnete Don Manuel, »und ich sage Euch, hat einer der Apachen nur den Schimmer einer Ahnung von dem, was ich weiß – Caspita Freund, dann wird man sich bald mehr um Euch kümmern, als Ihr wünschen mögt!«

»Zum Teufel, Ihr haltet demnach meine Lage wohl ziemlich interessant?« frug der Mormone.

»Sehr!«

Eine Weile blickten sich die beiden Männer in dem fast dunkel gewordenen Raum fest in die leuchtenden Augen, als wolle Jeder des Anderen Gedanken errathen. Plötzlich erhob sich der Räuber und sprach:

»Preston ich will Euch retten!«

»Aha. Ihr bedürft wohl meiner?« frug dieser spöttisch, doch antwortete der Andere ernst:

»Wir sind einander gewachsen! Laßt d'rum die Wortgefechte, ich versichere Euch, die Zeit dazu ist schlecht gewählt; man wird mich suchen, ich kann mich nicht lange mehr bei Euch aufhalten!«

»Gut! Ihr wollt mich retten, das ist mir begreiflicher Weise nur angenehm, aber – unter welchen Bedingungen?«

»Die sollt Ihr später erfahren! Es wird dann immer noch Zeit sein, Euch in die gegenwärtige Lage zu versetzen, wenn Euch meine Vorschläge nicht gefallen! Jetzt aber laßt Euch fesseln, ich muß fort!«

»Mich fesseln?« frug der Mormone.

»Und knebeln!« sprach Don Manuel.

»Ihr müßt aber gestehen, daß Ihr ganz absonderliche Art habt, Euer Rettungswerk zu beginnen!«

»Preston, Ihr seid ein Thor! Ich wiederhole Euch: werdet Ihr gefunden, wie Ihr seid, so gebe ich keinen Piaster für Euer Leben; anders aber wenn Ihr gebunden und geknebelt ans Licht gezogen werdet; vorwärts, haltet mich nicht unnütz auf, denn ich sage Euch, Freund Darhee ist in einer verzweifelten Stimmung!« Und den Mormonen kunstgerecht bindend, erzählte der Räuber so gemüthlich weiter, als säße er mit einem guten Freunde bei einem Glase Alicante:

»Ja, ja in ganz verzweifelter Stimmung ist Freund Darhee; denkt Euch, außer daß zwei der besten Apachenkrieger ermordet und zwei meiner Leute gefesselt aufgefunden worden sind, haben die Flüchtlinge sogar dem alten Herrn selbst übel mitgetheilt. Caramba ich hätte ihn sehen mögen, aber – das Beste kommt noch: mit fünf tüchtigen Pferden, Waffen und anderen Kleinigkeiten ist Darhee's eigenes Töchterlein verschwunden! Hätt' nimmer das in der kleinen Heuchlerin gesucht, doch mag's sein, das steht aber fest – ein tüchtiger Bursche war's, der die Flucht geleitet und meinen ehrenwerthen Verbündeten diese colossale Nase gedreht! So – nun noch den Knebel in den Mund, und nun laßt Euch die Zeit nicht zu lang werden!«

Mit diesen Worten verließ Don Manuel das Berathungshaus, den Mormonen seinen sicher nicht sehr erfreulichen Gedanken überlassend – und eilte nach Darhee's Wigwam, wo er die angesehendsten Apachen vorfand. »Waktehno ist in Darhee's Zelt willkommen!« sprach Letzterer zu dem Eintretenden. »Will der tapfere Weiße des Indianers einfaches Mahl theilen?«

»Ich danke. Eine wichtige Entdeckung führte mich noch so spät in meines Vaters Zelt. Darf ich sprechen?«

»Darhee's Ohren sind immer für Waktehno's Worte offen!«

Sich leicht verneigend, ließ sich der Räuber auf einen als Schemel dienenden Büffelschädel nieder und frug:

»Hat man noch keinen der geflohenen Hunde gefunden!«

»Nein, aber mit der neuen Sonne folgen zwanzig meiner besten Krieger den deutlichen Spuren!«

»So will ich meinem Freunde Darhee einen Rath geben«, fuhr nachlässig Don Manuel fort. »Er sende bessere Späher aus, als heute, sonst könnten seine Krieger leicht wieder mit leeren Händen zurückkehren!«

»Hugh! Was will mein Bruder damit sagen?«

»Nichts anderes, als daß Deine Späher Maulwürfe sind!«

Ein mißbilligendes Murmeln flog durch die Versammlung, doch ohne dessen zu achten, fuhr der Räuber fort:

»Meine Augen waren besser; ich fand nur fünf Fährten, waren aber alle Gefangenen entflohen, so mußten mit derjenigen Euerer Tochter sechs aufzufinden, oder es konnten eben nur fünf geflohen sein.«

Einen Augenblick weidete sich der Sprecher an dem Erstaunen der Versammelten, die diese so richtige Logik mit ziemlich verdutzten Mienen aufnahmen, dann begann er wieder: »Noch einmal durchsuchte ich Alles und war glücklicher, als das erste Mal! Ich fand, was ich erwartet!«

»Die sechste Spur?« frug Darhee rasch.

»Nein!« entgegnete jener »den Gefangenen selbst!«

Nachdem der Sturm, den diese Worte erregt, sich einigermaßen gelegt, sprach Darhee, sich mit ungeheuchelter Achtung an den schlauen Räuber wendend:

»Waktehno ist ein großer Krieger, er vereinigt mit der Tapferkeit die größte Weisheit und Nichts entgeht seinem Auge, die Apachen sind glücklich, ihn Freund zu nennen. Wer aber ist's und warum floh der bleiche Hund nicht mit den Uebrigen?« »Weil er ein Freund der Apachen ist!« »Hugh! Mein Bruder spricht dunkele Worte!« »Nein. Der älteste der Gefangenen, der finstere Mann mit den dunkelen Haaren – ist niemals Euer Feind gewesen. Nur Mißverständnisse zogen eine Wolke vor unsere Augen. Er floh vor den Comantschen, um Schutz bei den Apachen zu suchen und fiel in meine Hand, es war mein Gefangener! Geduldig litt er, er wußte, daß die Zeit komme, wo die Wolke vor Eueren Augen verschwinden und Ihr klar sehen würdet. Als die Weißen auch ihn zur Flucht bereden wollten, beharrte er darauf zurückzubleiben und weder Bitten noch Drohungen konnten seinen Entschluß wankend machen.«

»Warum wandte sich der Weiße aber nicht an die Apachen?« frug noch immer ungläubig Darhee! »Kommt und seht selber!« War Don Manuels einzige Antwort – und gefolgt von Darhee und einigen Kriegern, welche Fackeln trugen, schritt er nach dem Berathungshaus, wo die kunstgerecht geknebelte Gestalt des Mormonen jeden Zweifel, jedes Mißtrauen erstickte.

Mit dem eigenen Messer zerschnitt der Häuptling Preston's Fesseln und sprach zu dem scheinbar Gemißhandelten:

»Der bleiche Mann stehe auf, er ist unter Freunden; morgen wird ihn Darhee um die Flucht befragen, heute aber folge er Waktehno in dessen Zelt, nur er allein hat noch ein Recht an ihn!« Und sich an Don Manuel wendend frug er ihn:

»Will der große weiße Jäger sich mit uns berathen? Die Apachen legen großes Gewicht auf seine Worte!«

»Gut! Ich werde kommen, nachdem ich für den hier gesorgt!« antwortete der Räuber, damit nahm er Preston am Arm und führte ihn nach dem Lager seiner Leute, welche abgesondert von den Apachen um ein großes Feuer lagen und ihr Abendessen zubereiteten.

»Nehmt Platz!« flüsterte Don Manuel, »eßt, trinkt, schlaft und thut was Ihr wollt; ich werde bald wieder bei Euch sein!« Mit diesen Worten eilte er hinweg und überließ den Mormonen dessen widerstreitendsten Empfindungen.

Doch Preston war nicht der Mann, sich lange mit nutzlosem Brüten zu beschäftigen. Reue, Furcht, so wie jede Regung des Herzens waren dem Egoisten fremd, und zufrieden, daß der Tag besser geendet, als zu hoffen war, streckte er sich nach eingenommenem Mahl auf den Rücken und ergötzte sich an dem phantastischen Spiel der Flammen in dem Blättergewirr, das über seinem Haupte rauschte.

Zwei Stunden mochte er so gelegen haben, rings herrschte tiefe Stille und das regelmäßige Schnarchen der Räuber fing auch ihn an einzuschläfern, da berührte eine Hand leicht seinen Arm und eine Stimme flüsterte ihm zu:

»Wälzt Euch vorsichtig zu mir, es ist nicht nöthig, daß die Schufte dort unser Gespräch belauschen!«

Geräuschlos wand sich der Mormone durch das Gras und saß wenige Augenblicke später in den Schatten einer mächtigen Tanne, neben dem Räuberhauptmann, welcher nach kurzer Pause begann:

»Preston, ich habe Euch gerettet!«

»Ich danke Euch!«

»So seid Ihr also zufrieden?«

»Bis jetzt natürlich! Doch laßt vorerst Euere Bedingungen hören, kurz und bündig und erinnert Euch Euerer eigenen Worte, daß wir uns einander gewachsen seien!«

»Ihr wollt, daß ich mich kurz fasse? Nichts lieber als dies, darum – ohne alle Vorrede: Preston, Ihr seid in Euere Nichte verliebt?«

»Zum Teufel, Ihr seid neugierig. Doch sei's drum, ja – ich gestehe – die kleine Katze hat mirs angethan. Freilich habe ich jetzt verwünscht wenig Aussicht, sie wieder zu bekommen; ich kann mir wenigstens denken, daß sie nicht freiwillig in meine Arme läuft!«

»So gebt Ihr wohl das Mädchen auf?«

»Ich denke nicht daran! Doch seid endlich offen, was soll's jetzt mit Marie?«

»Cascaras, begreift Ihr denn nicht, daß auch ich das Mädchen liebe?«

»Ihr, Ihr liebt Marie?« frug erstaunt der Mormone, »wahrhaftig, unsere Unterhaltung wird merkwürdig interessant! Feind und Freund, Verbündeter und Nebenbuhler in einer Person, sprich, was soll nun werden?«

»Ihr sollt es hören, doch schreit gefälligst nicht so laut! Ich habe so eine Ahnung, daß es mit Euerer Hilfe gelingt, den scheuen Vogel wieder einzufangen, sprecht: wollt Ihr dazu Euch mit mir verbinden?«

»Hm! haltet Ihr mich wirklich für so dumm, daß ich für Andere die Kastanien aus dem Feuer hole?« höhnte Preston.

»Laßt Euere Sticheleien und wartet, bis ich ausgesprochen. Durch eine geschickte List flöste ich heut den Apachen den Glauben ein, daß ich besser verstünde eine Fährte zu halten, als sie selbst, und da sie ohne dies ihre Krieger gebrauchen, um Boten nach allen Himmelsgegenden zu entsenden, ward es mir leichter als ich erwartete, die Erlaubniß zu erhalten, mit meinen Leuten die Verfolgung der Flüchtigen zu übernehmen. Versteht Ihr nun?«

»Aha, ich fange an zu begreifen!« brummte der Mormone.

»Gott sei Dank! Also Morgen früh bei Zeiten ziehe ich ab; ich brauche Euch wohl nicht zu erklären, welcher Spur ich folgen werde und ob ich hierher zurückzukehren gedenke, wenn ich glücklich gewesen. An Euch ist's nun, zu bestimmen, ob Ihr mich begleiten oder hier zurückbleiben wollt; doch gebe ich Euch zu bedenken, daß die Apachen sich mit den wildesten Kriegsgedanken herumtragen und Hilfsvölker sammeln wollen, um die Scharte auszuwetzen oder, was mir wahrscheinlicher erscheint, sich den Kopf vollends an den Comantschen einzurennen; in dieser Verwirrung nun, fürchte ich, werden die Apachen wenig Zeit und Lust haben, sich mit einem Gefangenen länger aufzuhalten, als es nothwendig ist, denselben langsam zu verbrennen.«

»Ihr meint demnach, Don Manuel, daß mir nichts übrig bleibt, als mich auf alle Fälle Euch anzuschließen?«

»Es ist jedenfalls das Beste, von zwei Uebeln sich das kleinste zu wählen!« entgegnete dieser philosophisch und blickte gelassen in das erlöschende Feuer, geduldig wartend, bis sein Gefährte das Schweigen unterbrechen werde.

»Wohlan!« rief endlich Preston entschlossen. »Ich werde Euch begleiten, wenn Euere ferneren Bedingungen nicht zu hart sind!«

»Urtheilt selbst! Wenn es uns gelungen, Euere Nichte wieder einzufangen, wollen wir zwei Wochen lang uns um die Gunst des Mädchens gleichzeitig bewerben; ich werde ihr die Verhältnisse so schildern, daß sie einsehen wird, daß sie nur zwischen uns Beiden zu wählen hat. Und sollte sie trotzig genug sein, sich nicht zu entscheiden, so spielen wir genau zwei Wochen nach dem Tage ihrer neuen Gefangenschaft um ihre Person, wie um die Rechte an sie und ihr Vermögen.«

»Ah,« knirschte Preston, einen wüthenden Fluch zwischen den Lippen; doch nicht etwa der schändliche Anschlag auf das Kind seines Bruders empörte ihn, nein in ohnmächtiger Wuth ballte er nur die Hände, weil er all seine Geheimnisse enthüllt sah. Als Don Manuel sich genügsam an des Mormonen stillem Ingrimm ergötzt, fuhr er spöttisch fort:

»Caspita mein Freund. Was wollt Ihr? Ein Zufall ließ mich Euch in die Karten schauen. Der Mulatte, über den wir auch noch ein Wörtchen zu sprechen haben, zeigte mir dies Notizbuch, erkennt Ihr es vielleicht?«

»Alle Wetter, es ist das meine, ich vermisse es schon seit langer Zeit! Wie aber kommt es in Euere Hand?«

»Bei Euerer Gefangennahme am Biberbach wird es Euch entfallen sein; dort wenigstens überließ es mir Jean für eine Kleinigkeit. In diesem Notizbuch nun fand ich verschiedene interessante Copien von einem Freischein, einem Testament und der Deponirung verschiedener Capitalien in der Filiale der New-Orleans-Bank zu Vicksburg. Ihr versteht mich doch?«

»Vollkommen! fahrt nur fort, ich unterhalte mich köstlich!«

»Das freut mich! Diese Notizen nun leiteten mich zu dem Plan, den ich Euch mitgetheilt. Jetzt Kamerad sprecht, nehmt Ihr meine Vorschläge an?«

»Ja!« erwiederte fest nach einer Pause Preston.

»Und Ihr schwört, unsere Bedingungen zu halten?«

»Ich schwöre es, und Ihr?«

»Ich schwöre es auf das Kreuz dieser Machete. Doch noch eins, ich habe noch nicht gefragt, wo sich die Orginale der erwähnten Documente befinden; habt Ihr dieselben?«

»Ich hatte sie!« lachte Preston ingrimmig. – »In meiner Brusttasche geborgen, trug ich sie nebst vielem Gold unter dem Jagdhemd; doch bei der Ankunft in diesem Dorfe wurde mir Alles geraubt!«

»Demonio, ist das wahr?«

»Pah! Ich erlaube Euch mich zu durchsuchen!«

»Nein, nein ich glaube Euch, doch wer –«

»Der Mulatte ist der Dieb:« zischte der Mormone.

»Ah der Mulatte!« rief stirnrunzelnd der Räuber. »Daß doch der Donner den Hallunken erschlage, er wird mir merkwürdig unbequem; was meint Ihr zu dem braunen Burschen?«

»Das werde ich Euch sagen, wenn er in meiner Gewalt; das scheint mir nun allerdings das Notwendigste zu sein, die Abrechnung zwischen mir und ihm soll dann nicht lange warten lassen!«

»Nun hört Preston! Auch ich hasse Jean wie Niemand mehr, und doch hält mich ein voreilig geleisteter Schwur ab, ihn selbst zu tödten, oder auf meine Veranlassung umbringen zu lassen; anders seid Ihr daran, Ihr habt ein Privatgeschäftchen mit ihm, das mich nicht kümmert; seht, also auch dazu bedarf ich Euerer. Nun wollen wir uns aber niederlegen und schlafen, es ist beim Himmel, wenigstens zwei Uhr des Morgens! Also Kamerad, wir sind einig?«

»Wir sind es!«

»Unser Wahlspruch sei: 'Tod dem Mulatten und ehrlich Spiel um Marie!'«

Herzlich schüttelten sich die beiden Ehrenmänner die Hände, hüllten sich fester in ihre Mäntel und lagen nach wenigen Secunden im friedlichsten Schlaf.

Kaum graute der Morgen, als es im Lager der Räuber lebendig wurde. Mächtige Stücken Fleisch brieten über dem Feuer, während die gesattelten und bepackten Pferde bereit standen; endlich gab Don Manuel das Zeichen zum Aufbruch und unter den Grüßen und Glückwünschen des ganzen Dorfes ritt die kleine Truppe im scharfen Trabe davon, – da, als die Reiter aus dem Engpaß bogen, sprengte aus den Büschen Sonnenstrahl herbei und ritt schweigend an Don Manuel's Seite; mehrere Minuten schien der Spanier ihrer Anwesenheit nicht zu achten, dann hielt er plötzlich sein Pferd an und frug das Mädchen barsch:

»Was willst Du hier?«

»Dich begleiten!«

»Pah! Du bist närrisch. Jetzt ist wahrlich keine Zeit zum Tändeln, siehst Du nicht, daß wir auf einem Kriegszug begriffen?«

»Was thuts? Ist es das erste Mal, daß Sonnenstrahl die Gefahren des Kampfes mit Dir theilt? Ich begleite Dich wohin Du auch gehst, wie der Schatten will ich Deiner Fährte folgen und Nichts soll mich von Dir trennen!«

»So?« rief der Räuber ungeduldig werdend, und heftete einen giftigen Blick auf das treue Mädchen – »Du willst mir folgen, trotz meinem Verbot? Haha, dann werde ich Dich wie einen lästigen Hund mit der Peitsche aus meinem Lager jagen!« und lachend sprengte der Elende davon.

Wie der Blitz war die Indianerin an seiner Seite und rief mit entsetzlicher Wildheit:

»Waktehno, nimm das schlechte Wort zurück, es gilt Dein und mein Leben; erlaube mir zu folgen und ich will wieder Deine Sclavin sein!«

»Nein!« brüllte durch den zähen Widerstand gereizt der Räuber. »Nein und nun geh zum Teufel. Du feile Metze, oder –«

Wohl erhob der Schurke drohend den Arm mit der schweren Hetzpeitsche, doch scheu hielt er inne, als er Sonnenstrahl's Blick begegnete, dessen dämonisches Funkeln ihn erschauern ließ.

Wie zwei Steinbilder hielten die Beiden unbeweglich, bis Sonnenstrahl das peinliche Schweigen brach; die Hand drohend erhebend rief sie mit greller Stimme:

»Waktehno! Vergiß diese Worte nicht, welche in meiner Brust die Liebe zu Dir in den unersättlichsten Rachedurst verwandelt; nun geh, geh erbärmlicher Feigling, doch – so wahr Du vor mir auf Deinem Pferde sitzt, Du wirst mich wiedersehen. Geh!«

Wie von einem Zauberbanne erlöst, sprengte Don Manuel seinen Gefährten nach, da, an der Ecke wandte er noch einmal den Kopf, und noch immer hielt die Apachin an derselben Stelle und ihre Hand hob sich noch einmal drohend gen Himmel!

Den ganzen Tag konnte der sonst so wilde, unerschütterliche Mann den ergreifenden Anblick des schmählich betrogenen Mädchens nicht vergessen und ein unbehagliches Gefühl beschlich ihn, wenn er sich den wilden, kräftigen Character der Indianerin vergegenwärtigte und deren Drohungen gedachte. –

Des Hauptmanns trübe, wortkarge Stimmung übte ihren Einfluß auf die ganze Schaar, die schweigend dahinzog, übellaunig, daß noch immer nicht der Befehl zum Haltmachen gegeben wurde, obgleich es schon ungewöhnlich spät; da hielt der voranreitende Anführer plötzlich sein Pferd an und sein neubelebtes Auge sprühte in gewohntem Feuer, während sein ausgestreckter Arm nach einem noch fernen, gutversteckten und kaum merkbaren Lichtschein deutete.

Eine kurze Besprechung genügte, und von den Pferden herabspringend, welche der Obhut von vier Männern anvertraut wurden, verschwanden die übrigen Räuber in der Finsterniß, einen weiten Kreis um das entdeckte Lager bildend; Preston hatte sich neben dem Räuberhauptmann in's hohe Gras geworfen und harrte gespannt der kommenden Entwickelungen; da erklang neben ihm der klagende Ruf des Coyoten so täuschend, daß der Mormone nicht anders glaubte, als eins dieser scheuen Thiere sei von ihnen aufgeschreckt worden, doch war es nur des Hauptmanns Signal zum Vorrücken.

Wie die Schlangen wanden sich die dunklen Gestalten durch das Gras; jeden Strauch, jede kleine Bodenerhebung benutzend, näherten sie, sich rasch dem Feuerschein, der, wie sie jetzt schon gewahren konnten, aus einem Gebüsch hervorschimmerte. Da schlug Preston's Büchse leicht an einen hervorragenden Stein, und so leise das Geräusch auch gewesen, der Metallklang war doch bis an das umzingelte Lager gedrungen, denn augenblicklich hob sich ein dunkler Kopf über die Büsche und spähte in die stille Nacht.

»Die Pest über Euere Ungeschicklichkeit!« flüsterte Don Manuel. »Wenn der Bursche dort nur den Kopf nach uns wenden wollte, um sein Gesicht – Valga me dios, der Mulatte!« unterbrach er sich erstaunt, als der Schein des Feuers voll auf das braune Gesicht Jean's fiel.

»Kommt Preston, hinter jenen Felsblock!« fuhr er rasch fort. »Von dort aus können wir uns, gemüthlich unterhalten, ohne zu, fürchten, daß des Mulatten Rifle aus Versehen losgehen und uns den Schädel zerschmettern könne! Im Uebrigen, fängt unser Zug leidlich glücklich an, meint Ihr nicht?«

»Weiter, weiter,« preßte der Mormone mühsam hervor. »Ich sah durch eine Oeffnung der Büsche so eben langes Frauenhaar, sah einen Nacken und konnte ich auch das Gesicht nicht erblicken, mir ahnt, wer das Lager theilt; ja, Ihr dürftet Recht haben, das Glück scheint uns diesmal zu lächeln!«

Der Räuber erbebte bei diesen Worten und mit verdoppelter Eile strebten sie dem schützenden Felsblock zu, jetzt hatten sie ihn erreicht und augenblicklich rief der Spanier mit lauter Stimme nach dem Feuer:

»Halloh! Seid Ihr es. Freund Jean?«

»Geht zum Teufel!« erwiederte dieser mit grimmiger Stimme. »Wer sich so verrätherisch zu meinem Feuer schleicht, kann nur mein Feind sein, und ich habe Mittel genug, lästige Gäste zu verscheuchen; nun laßt mich in Frieden, ich kenne Euch nicht!«

»Caspita, habt Ihr ein kurzes Gedächtniß! Kennt Ihr Euern Freund Don Manuel nicht mehr?«

»Ah. Ihr seid's?« brummte der Mulatte mit gut geheucheltem Erstaunen. Nun denn, so kommt zum Feuer!«

Bereitwilligst folgten der Räuber und Preston der Einladung und ersterer schüttelte eben Jean's Hände, welcher verblüfft den Mormonen anstarrte, als die Büsche rauschten und die Räuber sich um ihren Anführer schaarten.

Nicht zu beschreiben war der wilde Blick, mit welchem der Ueberrumpelte die ungebetenen Gäste maß, deren große Zahl er nicht erwartet und als plötzlich neben ihm Preston's spöttische Stimme erklang:

»Ah, liebe Marie, hier finde ich Dich wieder? Du thatest Unrecht. Deinen armen Onkel zu verlassen!« – Da biß sich der Mulatte auf die Lippen, daß das Blut hervorsprang; doch er hatte noch nicht die Hoffnung aufgegeben, sich aus der Schlinge zu ziehen und machte, sich gewaltsam bemeisternd, gute Miene zum bösen Spiel.

Die Räuber aber, nachdem sie ihre Kameraden mit den Pferden herbeigerufen, lagerten sich ungenirt um das Feuer, vor allen Dingen ihr Abendmahl zuzubereiten.

Marie schien gänzlich unberührt von dem unerwarteten Zusammentreffen zu sein; sie blickte still vor sich nieder und nur einmal zog ein wehmüthiges Lächeln über ihr Gesicht, als ihre Hand die verborgenen Waffen berührte; sie fand Beruhigung in dem traurigen Gedanken, daß es in ihrer Hand läge, den Tod der Schande vorzuziehen. Sie achtete nicht der Worte ihres Onkels, sie achtete nicht der glühenden Blicke, die Don Manuel auf ihre, durch die pikante Kleidung gehobene Gestalt warf.

Ihr reines Auge hing noch vertrauensvoll an dem sternenübersäeten Nachthimmel und ihr inbrünstiges Gebet gab ihr neuen Muth und neue Kraft.

Des Mulatten Verstimmung wich nach und nach einer verzweifelten Lustigkeit, die auf's Höchste stieg, als er in erstaunlich kurzer Zeit Don Manuel's große Feldflasche voll starkem Mezcal geleert; mit schon schwerer Zunge begann er endlich zu berichten, auf welche Weise er Marie den Flüchtlingen wieder abgejagt.

»Hoho!« lachte er roh, »die Apachen ließ ich sich herumhauen und hatte nur Augen für das entflohene Täubchen, das starr auf das Gefecht blickte; wie eine Katze schlich ich mich heran – puh und sie war gefangen. Ich nahm mir keine Zeit, mich nach meinen Freunden umzusehen – Gott bewahre, ich jagte davon und als zwei der Schelme, die entkommen waren, mir folgten, hihihi – da schickte ich sie zur Beobachtung der Flüchtlinge fort – hihi, ich wollte mit meinem Täubchen allein sein! Nun aber gebt mir zu trinken; Gottes Tod, es sind schon viele Tage vergangen, seit meine Flasche leer!«

Augenblicklich hielten mehrere Räuber ihre Feldflaschen dem Burschen hin, doch der Hauptmann schob dieselben zur Seite und sagte achselzuckend:

»Der Mulatte hat genug; seht Ihr nicht, daß er schon halb betrunken?«

»Hoho, betrunken?« brüllte dieser, durch den Widerstand gereizt, »glaubt Ihr senor ich sei ein Kind, dem ein Fingerhut voll in den Kopf steigt?«

»Ihr seid ein Prahler!« entgegnete Don Manuel, um Jean noch mehr in Hitze zu bringen. »Und ich setze diese silberbeschlagene Pistole zum Pfand, daß Ihr nicht im Stande seid, noch eine Flasche zu leeren, ohne bewußtlos zu Boden zu stürzen!«

»So! – Wirklich? – I seht einmal senorsenor Gelbschnabel!« schluckte der Mulatte, indem er auf den Spanier zustolperte. »Setzt noch den andern Taschenpuffer dazu, und ich trinke drei der größten Flaschen aus und dann, dann balancire ich – balancire ich Euere Macheta noch auf der – auf der Nase!«

»Topp es gilt!« rief der Räuber. »Hier liegen die Pistolen im Gras, sie sind Euer, wenn Ihr Euer Versprechen haltet und nun meine Burschen, gebt mir einmal drei volle Flaschen her!« Jubelnd umringten die Räuber den immer mehr taumelnden Mulatten, welcher mit flammenden Augen eine der Flaschen ergriff, an den Mund setzte und im nächsten Augenblick geleert zu Boden warf.

»Ahi! Her mit dem Whisky, ich – ich werde Euch zeigen, wie – wie ein – wie ein Gentleman trinkt!« Und die zweite Flasche ward mit gleicher Geschwindigkeit geleert, schon griff Jean nach der dritten, als das scharfe Gift zu wirken begann, mit einem entsetzlichen Fluche griff der Mulatte nach seiner brennenden Stirn, taumelte einige Schritte vor und schlug dann dumpf zu Boden.

Der Räuber lautes Hohngelächter folgte dem schweren Fall. Don Manuel aber flüsterte Preston in's Ohr: »Der hat genug! Ihr könnt Euere Rechnung mit ihm nun abschließen, doch nicht hier, – wir wollen uns bemühen, alle widerlichen Bilder vor den Augen der Senorita fern zu halten!«

Einige Worte genügten, um den vollständig Besinnungslosen von einigen Räubern nach dem Wäldchen tragen zu lassen, welches sich kaum hundert- und zwanzig Schritt hinter dem Gebüsch, worin sich das Lager befand, ausstreckte, auf einen Wink zündeten die Burschen hier ein Feuer an und schlenderten dann gleichgültig zu ihren Kameraden zurück.

»Nun an's Werk!« rief Don Manuel. – »Sputet Euch, denn ich gedenke noch diese Nacht aufzubrechen, – so wie Ihr mit dem da fertig seid!«

»Ja, an's Werk!« wiederholte der Mormone, und beide Männer begannen den Mulatten nach den Documenten, welche er Preston geraubt, gründlich zu durchsuchen; wohl füllte dessen Taschen allerlei Plunder, doch nicht der geringste Fetzen Papier bot sich ihren Augen dar. Vergeblich rissen sie dem Unglücklichen das Jagdhemd auf, befühlten jede Nath, vergeblich rissen sie das Futter aus dem zerlumpten Filzhut, vergeblich schnitten sie die Mokkassins auf, nicht eine Spur der vermißten Documente war zu entdecken.

»Höll und Verdamniß!« fluchte ingrimmig der Mormone – »wo mag der Schuft den Bettel nun versteckt haben?«

»Caspita! Freund Jean ist jetzt leider nicht in der Verfassung, Euch darüber Auskunft zu geben; doch kenne ich glücklicher Weise seinen Fuchsbau, dort werden wir sicher das Vermißte finden – doch dächte ich – Ihr machtet ein Ende mit dem dort; ein tüchtiger Stoß – und dann laßt uns aufbrechen!«

»Nein!« sprach der Mormone mit eisiger Stimme, »für den ist der ehrliche Stahl zu gut. Pah, das wäre kein Lohn für seine Verrätherei, unbewußt zur Holle zufahren; nein, nein zollweise soll er sterben – fühlen, daß der Tod ihn mit jeder Secunde näher kommt und sich nicht rühren, nicht Hilfe flehen können, das sind die Leiden, die ich dem Schurken zugeschworen!«

»Und wie wollt Ihr diesen herrlichen Plan ausführen?« frug Don Manuel einen scheuen Blick auf seinen Gefährten werfend.

Statt aller Antwort holte Preston vier starke Lassos unter seinem Mantel hervor und fesselte des Mulatten Arme und Beine in Form eines Andreaskreuzes an knorrige Wurzeln, die überall den Boden durchzogen, dann schnitt er ein Stück seiner Wollendecke ab, füllte etwas Sand hinein und nachdem er um das Ganze einen Faden gewunden, zwängte er den Knebel in des Mulatten Mund, welchen er gewaltsam mit seinem Dolche geöffnet!

»Nun kommt!« sprach er – mit seiner abscheulichen Arbeit fertig – zu dem Räuber und wandte sich zum Gehen.

»Preston, Ihr seid ein Teufel! Macht ein Ende mit dem Burschen und« –

»Und Ihr – Ihr Waktehno – der Tödter? Ihr habt Mitleid? Gottes Tod, das ist spaßig! Nein der Schurke bleibt so, den Urubussen und Schackalen zur Speise; – es sei denn, daß ihn sein Freund Satan einen barmherzigen Menschen zur Hilfe senden wolle; das wird nun freilich wohl nicht geschehen, doch haben wir ihm wenigstens die Hoffnung gelassen; das ist doch Etwas! Nun kommt aber!«

Den Spanier fast gewaltsam mit sich zerrend, eilte der entsetzliche Mann dem Lager zu.

Fast im selben Augenblicke theilten sich vorsichtig die Büsche, ein dunkler federgeschmückter Kopf schob sich lautlos durch die Zweige und ein funkelndes Augenpaar folgte den beiden sich rasch entfernenden Schurken.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.