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Die Gefangenen der Apachen. Zweiter Band

Paul Margot: Die Gefangenen der Apachen. Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Margot
titleDie Gefangenen der Apachen. Zweiter Band
publisherGrunow, Leipzig
year1868
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140410
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Drittes Kapitel

Der bleiche Medicinmann. – Sonnenstrahl. – George und Darhee. – Die Flucht. – Der Zusammenstoß mit dem Mulatten. – Ein muthiges Herz.

Tag auf Tag verging und jeder fand Tojolah und George, meist auch Marie, in traulichem Gespräch auf dem Hügel; doch während Darhee glaubte, daß es, nach dem fröhlichen, willigen Auftreten seiner Tochter, dem fremden Medicinmann gelungen, Tojolah des Alten ehrgeizigen Plänen willfährig zu machen, brüteten die drei, gedeckt von dem dichten Buschwerk, über den Plan zur Flucht.

Oft hatte der Mulatte, Ingrimm im Herzen, versucht Darhee zu warnen, vergebens! Letzterer blieb wie mit Blindheit geschlagen und sandte Jean, dessen ewiger Quälerei müde, endlich mit einem wichtigen Auftrag nach einem mehrere Tagesreisen entfernten Dorf. Ohne den Alten nicht zu beleidigen, konnte Jean dessen Wunsch nicht ablehnen, und nach einem langen Gespräch mit Marie's Onkel bestieg der Mulatte endlich sein Roß, schärfte den ihm beigegebenen Räubern die rastloseste Bewachung Marie's ein und zog endlich mit einigen Apachen ab.

Dies Gespräch zwischen dem Mormonen und dem Mulatten nun hatte George belauscht und so sehr Marie's Herz sich dagegen sträubte, mußte sie endlich dem jungen Manne beistimmen, daß von dem Mormonen nur Verrätherei zu erwarten sei und so wurde beschlossen, diesen seinem Schicksal zu überlassen und nur die beiden Trapper mit in ihr Geheimniß zu ziehen und bereits in den nächsten Tagen die Flucht zu versuchen.

Der Plan zu derselben war folgender:

George solle vor Darhee treten und ihm verkünden, daß Tojolah's Bekehrung fast als vollendet zu betrachten sei, doch wolle er, um zu verhüten, daß sie nicht in ihre frühere Abneigung gegen ihren zukünftigen Gebieter verfalle, noch eine Beschwörungsceremonie anwenden, zu deren Nutzen er aber viele Kräuter sammeln müsse.

Auf diesem seinem Wege solle er – unter dem Vorgeben, daß die Gegenwart eines Indianers seinem Zauber schade – sich von den beiden Räubern bewachen lassen, diese nach und nach vertraut machen und zur Stunde der Entscheidung an einen gebüschreichen Platz leiten, wo Tojolah die zwei Trapper verborgen halten wolle. Mit deren Hilfe sollten George's Wächter gefesselt, nöthigen Falles erschlagen werden und in deren Costüm und Bewaffnung die Trapper den anscheinend eifrig nach Kräutern suchenden George durch die ausgestellte Postenkette bringen.

Tojolah und Marie sollten zu derselben Zeit einen Spazierritt nach einer anderen Richtung unternehmen und erst an einem bestimmten Orte sich mit den anderen Flüchtlingen vereinigen.

Daß die Trapper, um ihren Quälern und geschworenen Feinden zu entrinnen, freudig ihr Leben wagen würden, war nicht zu bezweifeln, sie wußten ja, was ihnen in wenig Wochen bevorstand und billigten auch vollkommen den erwählten Plan.

Wohl schmerzte es Marie's sanftes Herz, daß sie den Bruder ihres Vaters seinem dunkelen Schicksal überlassen mußte, doch war sie zu verständig, als daß sie nicht die Notwendigkeit dieser scheinbaren Härte eingesehen und Tojolah hatte nicht zu große Mühe, ihre weiße Schwester zu trösten. Am meisten richtete sich jedoch Marie an der wunderbaren Energie und Geistesschärfe der Indianerin auf, welche nicht allein alles zur Flucht Nöthige zusammentrug und verbarg, sondern auch die ungemein schwierige Vermittelung zwischen George und den beiden Trappern, die natürlich nie an einer gemeinschaftlichen Berathung Theil nehmen konnten, vermittelte; nie aber zeigte sie auch nur die geringste schmerzliche Bewegung, daß sie ihren Vater auf immer verlassen sollte.

Endlich kündigte das kühne Mädchen an, daß sie Alles zur morgenden Flucht vorbereitet; Waffen und Lebensmittel seien in einem hohlen Baume verborgen, auch habe sie ihren Vater veranlaßt die beiden Trapper in der Nähe dieses Platzes mit dem Bau einer Hütte für sie am nächsten Tage zu beschäftigen, und da sie schon mehrere Male mit Marie weite Ausflüge zu Pferde gemacht hatte, so fiel es gar nicht auf, als sie gesprächsweise erwähnte, sie wolle dem bleichen Mädchen am nächsten Morgen die mehrere Meilen entfernten Wasserfälle zeigen.

Höchst gnädig nahm Darhee George's Mittheilungen auf, als dieser ihm nach dem Mittagsessen eröffnete, daß von morgen Abend an, Tojolah je eher je lieber die Squahw der großen Schlange werden würde, auch die noch für nothwendig befundene Ceremonie erregte des Alten Mißtrauen in keiner Weise und augenblicklich begab er sich zu den zwei Räubern, um sie zu bitten, seinen Gefangenen morgen zu begleiten; doch was der Indianer auch den beiden Gesellen bot, der Mulatte mußte sie mit des dem Mormonen geraubten Geld gut bezahlt haben, sie schlugen seine Bitte ab, da sie aber doch nicht gern Darhee's wirklich reiche Geschenke im Stiche lassen mochten, so fand einer den Ausweg, daß sie Darhee's Willen erfüllen würden, wenn dieser die ihnen anvertraute Marie bis zu ihrer Rückkehr, in ihrem Wigwam einsperren und von zwei Apachen bewachen lassen wolle; augenblicklich schlug Darhee ein und war mit seinem Arrangement so zufrieden, daß er nicht gewahrte, welche Bestürzung seine Worte erregten, als er, in Marie's Wigwam tretend, wo auch George und Tojolah sich befanden, letzterer den eben gefaßten Entschluß ankündigte und sie ersuchte den beabsichtigten Ritt nach den Wasserfällen aufzuschieben. Lange schon hatte er das Zelt verlassen und noch immer konnten die Drei kein Wort finden, ihren bitteren Gefühlen Luft zu machen.

Plötzlich sprang Tojolah empor und rief hastig:

»Sei guten Muthes meine Schwester, ich weiß einen Ausweg! George hat mir erzählt, daß Du oft Dich beklagt, wie sehr Dich die Beweise der Zuneigung verletzt, welche Dir Don Manuel erwiesen; ich kenne den Anführer der Prairieräuber und weiß, daß er nur Schlechtes mit jeder Frau im Sinn; ich kenne aber auch Jemand, der an ihn hängt mit jedem Athemzug, es ist eine Freundin von mir, sie wird Dich retten. Sonnenstrahl, wie wir sie nennen, ist ein schönes Mädchen, welches mich liebt, das ich aber in letzter Zeit gemieden. Sonnenstrahl kennt nur einen Gedanken: Manuel, und leicht werde ich sie bewegen, wenn ich ihr sage, daß Deine Reize dem theueren Manne die ihren hätten vergessen lassen. Doch nur wenig Stunden sind uns vergönnt, ich muß eilen mit Sonnenstrahl zu reden, auf dem Hügel werde ich Euch finden!«

Ohne Erwiederung abzuwarten, schlüpfte Tojolah hinaus und bald hatte sie ihre Freundin gefunden, welche am Ufer des kleinen Sees saß und ein monotones Lied summend, stieren Auges in das glitzernde Wasser blickte. Tojolah hatte nicht zu viel gesagt, daß sie ein schönes Mädchen sei; obgleich ungewöhnlich dunkel gefärbt, besaß sie doch einen üppig gerundeten, herrlichen Körper und ihre dämonisch funkelnden Augen erzählten von einer Gluth der Gefühle, die den vollen Busen durchwogten.

Die Sinnlichkeit jedoch, die in jedem ihrer Züge ausgesprochen und die nur zu oft zum Ausbruch gekommen waren, hatte die reine Tojolah ihr entfremdet, nicht wenig war daher Sonnenstrahl überrascht, als jene sich plötzlich zu ihr niederbog und ihr zuflüsterte:

»Deine Lippen verkünden das Lob des fremden weißen Geliebten und Dein Herz weilt bei ihm, er aber hat Deiner bald vergessen!«

Wie der Blitz fuhr Sonnenstrahl in die Höhe und während sie die Hand fest auf den wogenden Busen preßte, knirschte sie:

»Tojolah, was sprichst Du? Ha, wenn er falsch wäre, den ich so heiß geliebt, daß ich ihm Alles gab und fast verachtet von meinem Stamm dastehe, ich würde mich fürchterlich rächen und nicht ruhen und rasten, bis ich deren Blut getrunken, die mir sein Herz stahl. Doch nein, Du scherztest. Du wolltest mich nur schrecken?«

»Nein, Sonnenstrahl, ich sprach die Wahrheit! Doch noch ist die Leidenschaft Deines Geliebten im Entstehen, aber sie wird zur vollen Flamme auflodern, wenn er den Gegenstand seiner Liebe wieder sieht – und täglich kann er zurückkehren!«

»Wiedersehen?« frug Sonnenstrahl, »also hier weilt die Räuberin meines Glück's?«

Und als Tojolah bejahend das Haupt neigte, fuhr sie mit entsetzlicher Wildheit fort:

»Ah hier? Du wirst mir sie nennen, Tojolah, und ich werde sorgen, daß er sie nicht wieder sieht!«

»Beruhige Dich!« fiel ihr Tojolah in's Wort, »setze Dich neben mich und höre mir zu, ohne mich zu unterbrechen! Ich kenne die, deren Schönheit Don Manuel's Herz entflammt, doch darfst Du ihr kein Leid's thun, denn ich liebe sie! Willst Du aber thun, was ich Dir sage, so schwöre ich Dir, sie weit, weit von hier fort zu bringen und nur ein außerordentlicher Zufall könnte sie wieder hierher leiten!«

»Was Du auch verlangst« – unterbrach sie stürmisch Sonnenstrahl – »ich will Alles, Alles vollbringen! Aber laß sie sich bald, bald entfernen, daß wieder Ruhe in meine Brust einkehrt und ich den stechenden Schmerz verliere, der mein Herz beengt!«

»Morgen soll die entfernt sein, die Deinem Glück gefährlich,« betheuerte Tojolah, »aber sie geht nur, wenn drei der gefangenen Bleichgesichter mit ihr entfliehen können. Deine Nebenbuhlerin ist das weiße Mädchen, daß Du oft in meiner Gesellschaft gesehen!«

»Ah, das Bleichgesicht!« hauchte Sonnenstrahl, »ja sie ist schön, wie das sanfte Licht des Mondes! Ja, sie soll fliehen und wird sich hüten, den Wölfen wieder in den Rachen zu laufen; – was ich thun kann, um ihr zur Flucht zu helfen, soll geschehen, wer mit ihr geht, – die weißen Männer? pah, was kümmern diese mich? wenn nur das Mädchen nicht mehr in unserem Dorfe weilt, alles Andere ist mir gleichgültig. Aber Tojolah, was soll ich thun?«

»Morgen schon will das weiße Mädchen fliehen, sie wird jedoch in strengem Gewahrsam gehalten und doch muß sie weit von hier sein, wenn die Sonne über unserem Scheitel brennt. Ich habe mir schon den Kopf zersonnen, aber keinen Ausweg gefunden!«

Einen Augenblick starrte Sonnenstrahl vor sich nieder, da begannen die dunkeln Augen zu glühen und hastig frug sie ihre Freundin, ob es dieser gestattet sei, zu der Gefangenen zu gehen, wenn sie wolle; als diese versicherte, daß ihr Niemand das wehre, ja daß sie sogar des Nachts bei Marie schlafen würde, flog ein höhnisches Lächeln über Sonnenstrahls lebhaftes Gesicht.

»Wohl, wohl!« lachte sie hönisch! »Geh ruhig Deines Weges und suche Dein Lager, ich aber werde Dich morgen früh besuchen und verkleidet soll Marie entfliehen; ich werde mich statt ihrer bewachen lassen, sorge nicht für mich, ich werde mich aus der Schlinge ziehen, ohne daß man mir etwas anhaben kann. Bevor wir aber scheiden, komm mit nach meinem Zelt, ich werde Dir Kräuter geben, um die Haut der Weißen zu dunkeln, einen Anzug, um sie mir ähnlich zu machen; wie Du die Gefangenen durch die Reihen unseres Stammes bringst, bleibt freilich Deiner Klugheit überlassen, doch werde ich wenigstens morgen, wenn ich Dich besuche, allen mir Begegnenden sagen, daß ich Dich zu einer feierlichen Waschung abholen wolle, die mit der Ceremonie, von der ich so viel gehört, in Verbindung stehe, und Niemand wird Dich mit der vermeintlichen Sonnenstrahl ansprechen. Doch noch eins, wie ist's mit den Pferden?«

Einen Moment blickte Tojolah sinnend ihrer Freundin in's Auge, dann antwortete sie zögernd:

»Die Bleichgesichter sollten zu Fuß fliehen, da ich nicht wußte woher ich Pferde erhalten konnte!«

»Pshaw! Hältst Du die Apachen für Maulwürfe?« höhnte Sonnenstrahl! »In kürzerer Zeit, als sie geflohen, lägen die Gefangenen wieder gebunden im Berathungshaus. Ist es mir auch gleichgültig, was mit den weißen Männern wird, das bleiche Mädchen darf jedoch nicht wiederkehren; drum höre Tojolah: Von dem Augenblicke an, wo die Sonne ihr rothes Licht über die Berge sendet, sollen vier gute Pferde an dem Engpaß halten, der hinter dem Rohrbruch sich durch die Berge windet, und ich will sorgen, daß die Wache die Augen schließt, aber komm jetzt nach meinem Zelt! Ich muß Dir die Kräuter, die Kleidungsstücke geben, ich muß eilen noch Manches zu besorgen!«

Flüchtig schritt sie mit ihrer Freundin dahin, übergab selber die nothwendigen Sachen und wollte rasch nach dem obenerwähnten Rohrbruch schreiten, als Tojolah sie aufhielt, um ihr mit beredten Worten für die Unterstützung zu danken, deren Werth sie erst jetzt recht erkannte.

Fast erstaunt blickte sie aber Sonnenstrahl an und sprach dann kopfschüttelnd.

»Du bist noch Kind Tojolah, sonst würdest Du es so natürlich finden, daß ich Alles aufbiete, Dir zu dienen, weil ich mir dadurch selbst diene. Laß die schönen Worte. Du verstehst mich ja nicht, weil Du nicht liebst!«

Weil Du nicht liebst! – wie sonderbar klangen dem schönen Indianerkind die Worte, sie merkte nicht, daß Sonnenstrahl sich rasch nach dem See wandte, sie achtete nicht der freundlichen Grüße der ihr Begegnenden; langsam schritt sie dem Hügel zu, auf dem der Mann ihrer harrte, der all die Stürme in ihrem Herzen erregt, den sie über Alles liebte, ja über Alles! Ohne Zögern opferte sie ihm ihr Leben und mit rührenden Vertrauen fesselte sie ihr Schicksal an das seine, an das des Gefangenen, den sie erst befreien, wegen dem sie zum Verräther an ihrem Stamm werden, ihren Vater, ihre Freunde verlassen mußte, um jenen auf dessen dunkelen, gefährlichen Wegen zu begleiten! Und sie sollte nicht wissen, was Liebe sei?

O das einfache Naturkind kannte nur zu wohl das seligste der menschlichen Gefühle, dem sie rückhaltlos ihr reines, warmes Herz geöffnet; sie hatte die Macht der Liebe ja in sich selbst gefühlt, sie an Marie bewundert; denn so ungebildet Tojolah war, hatte sie sich doch mit dem weiblichen Tactgefühl, das unbewußt – fast instinctartig vor Bösem, vor Unlauterem zurückbebt und Hehres anbetet, vor Sonnenstrahl's heißer, sinnlicher Gluth zurückgezogen, während sie Marie's edle Liebe fast mit Andacht erfüllte. Marie's Liebe, welche dem schwer geprüften armen Mädchen Muth und Kraft gab, die ihr auferlegten Leiden standhaft zu ertragen, Marie's Liebe, die jetzt in inbrünstigem Gebet sich zum Lenker der Welten wandte, während neben ihr auf dem Hügel George stand und unruhig nach Tojolah ausschaute. Ah! wie inbrünstig flehte Marie Gottes Beistand an und als Tojolah die frohe Botschaft brachte von dem, was sie erreicht, erhob sie sich gestärkt und folgte dem voranschreitenden Paar leichteren Herzens nach Darhee's Wigwam, da sich bereits die Dämmerung in das von Hügeln umschlossene Thal niedersenkte.

Tojolah eilte zu ihrem Vater, George und Marie aber standen noch lange vor dem Zelt in leisem Gespräch, bis einer der beiden Räuber, die allnächtlich ihr Lager vor dem Eingang der Zeltabtheilung aufschlugen, in der Marie schlief, zu George herantrat und ihn in höhnischem Ton ansprach, indem er auf die ihm folgenden beiden Apachenkrieger deutete:

»Senor, laßt's Euch die Nacht in Gesellschaft dieser Heiden gefallen! Henrico und ich schlafen dort im nächsten Zelt, laßt uns rufen, wenn Ihr Euere Kräuterwanderung beginnen wollt. Per dios! hätt' freilich nicht geglaubt, daß ein so tüchtiger Bursche solche Narrenspossen triebe!«

Noch allerlei brummend, ging der wüste Geselle davon, während die Apachen, zwei ganz junge Krieger, sich vor dem Zelteingang auf ihre Decken niederstreckten.

Jetzt suchten auch die beiden Gefangenen ihr Lager, sie mußten ja all ihre Kräfte stählen, die sie leicht nur zu nöthig gebrauchen konnten. Noch lagerte tiefe Dunkelheit in dem engen Raum, als George durch ein leichtes Geräusch geweckt wurde, es war Tojolah, die kam, Marie's Verkleidung zu beginnen. In verschwiegener Nacht fiel des armen Mädchens Kleidung, welche nur noch aus Fetzen bestand, und die Indianerin rieb ihrer Freundin die Theile des Körpers, die nothwendig unbekleidet bleiben mußten, tüchtig mit Pflanzensäften ein, ehe sie ihr eine Kleidung von Hirschhaut überwarf, dann zog sie Marie neben sich nieder und flüsterte:

»Such noch wenige Augenblicke zu schlafen, das Nothwendigste ist geschehen, vollständig kann ich Dich erst verändern, wenn es Tag wird!«

Wieder herrschte rings lautlose Stille; als endlich der neue Tag sich erhob, er, der so verhängnißvoll werden sollte; mit den wiederstreitendsten Gefühlen begrüßte ihn Tojolah, doch hatte sie keine Zeit zu sentimentalen Betrachtungen; rasch beugte sie sich zu Marie nieder und weckte sie, um deren Toilette zu vollenden. Es war wenig mehr zu thun und bald umarmte sie ihre erröthende Freundin mit der Versicherung, daß Niemand in ihr eine Weiße erkennen könne; da erwachte auch George und die grenzenlose Verwunderung mit der er auf die ihm fremde Gestalt starrte, war wohl das beste Lob der gelungenen Umgestaltung.

In der That, Marie mit dem lichten Teint, ihrem langen, hellen Gewand, das ihre Formen gänzlich verhüllte, hatte keine Ähnlichkeit mit der vollen Indianergestalt, die vor dem jungen Mann stand. Das Lederröckchen, an das sich vom Knie an zierliche Leggies und dauerhafte Mokkassins anschlossen, ließen Marie's Nacken, Arme und einen Theil des Busens frei, doch der warme, rothbraune Fleischton all dieser Theile, das frische Gesicht, mit dem durch einen Federschmuck verdecktem Haar, glich ungemein Sonnenstrahl's Aeußerem.

George's lebhafte Ausbrüche machten das junge Mädchen immer sicherer und Alle sahen mit Zuversicht dem Kommenden entgegen. Das im Dorfe neu erwachte Leben verkündete endlich die Scheidestunde; schweigend zog George seine Geliebte und die Braut seines Freundes an das mächtig klopfende Herz und sein zum Himmel erhobener Blick flehte Gottes Segen auf ihr Wagniß herab; dann schüttelte er beiden Mädchen innig die Hand und wollte in's Freie eilen, als ihn Marie aufhielt, um ihm die ihr anvertrauten Sachen zurückzugeben; doch nahm er nur seine Ledertasche, die er im Jagdhemd barg; Messer, Pistole und die Munition überließ er Marie, ergriff den von Tojolah dargereichten Tomahawk, verbarg auch ihn und eilte mit einem bedeutungsvollen: »Auf Wiedersehen!« hinaus.

Nur wenig Menschen waren in den langen Zeltgassen zu erblicken und ohne Weiteres ließ George die beiden als seine Begleiter bestimmten Wächter herbeirufen; der zurückbleibende Apache blickte während des indolent auf George, welcher mit zitternder Hand Dianas Fesseln löste und die Hündin in's Freie jagte. Ja George's Hand bebte merklich; Niemand hatte aber auch an das treue Thier gedacht, es würde aber sicher aufgefallen sein, wenn Marie bei demselben vorbeigeschritten und die Hündin, die sich sonst um Niemand kümmerte, an der vermeindlichen Indianerin Sonnenstrahl schmeichelnd emporgesprungen wäre; jetzt revierte sie jedoch in weitem Bogen und George wußte zu seiner Beruhigung, daß sie nicht eher an seine Seite eilen würde, bis er sie pfiff. Unterdeß erschienen seine Wächter und unter den Hohnreden der beiden Spanier wanderte er rüstig nach Norden, dem Ende der Hügelkette zu, welche das Apachendorf in einem Halbkreis von Nord nach Süd einschloß, während der See die westliche Grenze bildete. George schritt suchend bald vor- bald rückwärts, pflückte von Zeit zu Zeit eine Blume und war so endlich mit seiner Begleitung zu dem letzten Wachtposten gekommen, der die Räuber anrief und einige Worte in apachischer Sprache mit ihnen wechselte; George aber hütete sich, sein Gesicht sehen zu lassen, er blickte aufmerksam nach dem Wäldchen, in dem er eben die Trapper bemerkt hatte und wandte sich – immer noch Kräuter suchend – jetzt nach dieser Richtung, als ihn einer der Wächter – Enrico – ansprach:

»Caramba, seit Ihr noch nicht fertig mit dem Unsinn? So sputet Euch doch, ich und mein Freund haben Hunger. Ihr habt uns vom Lager fortgejagt, ohne daß es uns gelungen wäre, zu frühstücken!«

»Das thut mir leid!« antwortete George mit geheuchelter Sanftmuth. »In der That sehr leid, denn fünf bis sechs Stunden muß ich noch suchen, ehe ich habe, was ich bedarf!«

Einen Moment starrten sich die, ob dieser unwillkommenen Kunde höchlichst betretenen Räuber an, dann brachen sie in eine Fluth von Verwünschungen aus!

»Fluchet nicht!« rief pathetisch ihr Gefangener. »Ich bin nicht schuld an Euerem Ungemach. Seht am jenseitigen Bergrücken, der hinter den Wachen liegt, stehen die Blumen zu tausenden und ich könnte dort in einer Stunde so viel sammeln, wie hier in drei!«

»Bei San Iago!« fluchte der Eine. »Warum sperrtet Ihr nicht früher den Rand auf?«

»Was nützte es, es darf ja doch Niemand durch die Postenkette!« war Georges gemessene Antwort.

»Nicht? den möchte ich sehen, der uns Beide verhindern wollte, unsere Spazierhölzer dahinzutragen, wohin es uns beliebt, aber sagt: hebt eine Unterbrechung Euer Arbeit vielleicht deren Werth und Wirkung auf?«

»Nicht im Mindesten!«

»Buene, so wollen wir Euch dann dahin führen, wohin Ihr wollt; aber erst laßt uns etwas ausruhen, dort im Wald ist Schatten und Kaninchenhöhle neben Höhle!«

»Und das flinke Viehzeug willst Du wohl mit den Händen fangen?« fragte der Andere. »Du weißt doch, daß Niemand schießen darf, ja hätten wir einen tüchtigen Hund! – Alle Teufel. Señor, was soll das heißen?« unterbrach er sich plötzlich, als dicht neben seinen Ohren George einen gellenden Pfiff ausstieß und im nächsten Augenblick Diana herbeigeflogen kam.

»Hier ist ein guter Jagdhund!« sprach unbefangen der junge Mann, »er hat schon manches Wild erlegt, und wird Euch helfen!« Und ohne die halb mißtrauischen Blicke seiner Gefährten zu beachten, schritt er langsam dem kleinen Wäldchen zu und die Sehnsucht nach Ruhe und Erquickung verscheuchte auch bei den Räubern das instinctive Gefühl, daß nicht Alles so sei, wie es solle. Noch waren sie nur wenige Schritte in das Wäldchen eingedrungen und schon hatte Enrico den Schacht eines wilden Kanin gefunden; augenblicklich warf er sich nieder um zu untersuchen, ob die Höhle bewohnt, als ihn plötzlich ein schwerer Fall aus seiner Betrachtung störte; er wollte emporfahren, – doch fühlte er ein haarscharfes Messer an seinem Genick und der bis jetzt so sanfte, freundliche Gefangene rief mit nicht zu verkennenden Ernst:

»Ein Laut, eine verdächtige Geberde macht Deinem Leben ein Ende! Bedenke das, steh auf und sieh Dich um!«

Knirschend erhob sich Enrico und erblickte seinen Kameraden gefesselt, geknebelt in den Händen der beiden Trapper, und ehe der Ueberraschte recht zur Besinnung gekommen, befand er sich in derselben angenehmen Lage. – Einer der Räuber war mit einem dichten Bart geziert, der andere, wie auch die beiden Trapper – entbehrte des männlichen Schmuckes; der Bärtige aber war derjenige gewesen, welcher vorhin mit den Apachen gesprochen, dessen Stelle übernahm daher George, einer der Trapper stellte den Kräutersucher vor, der andere dessen zweite Wache. In wenig Secunden war die Metamorphose geschehen, George und der eine Trapper nahmen die Büchsen ihrer früheren Wächter auf und verließen die sich in verzweifelter Wuth gegen ihre Bande Ankämpfenden; doch George war zu lange Indianer gewesen, um nicht zu verstehen einen Knoten unzerreißbar zu schürzen und unbekümmert um die Gefesselten schritten die drei Männer in's Freie! Während sie sich nun im Angesicht des jetzt belebten Dorfes befanden, hatten sie den Muth langsamen Schrittes dem Trapper, welcher die Kräuter pflückte zu folgen, – jetzt standen sie aufathmend am Engpaß, – einen letzten Blick warfen sie auf das Dorf zurück und ihr nächster Schritt entzog dasselbe ihren Augen! Da blieb der Trapper, der George copirte, plötzlich stehen und flüsterte:

»Verdammt! Die Wache, die dort hockt, kennt mich zu gut, wir kommen nicht vorbei. Er war es, der mich gefangen nahm, nachdem ich ihn verwundet!«

Ein Eisesschauer durchrieselte die Männer, doch rasch gefaßt hauchte George: »Wartet« – und stand im nächsten Augenblick neben dem Apachen.

»Was starrt der Apachenkrieger in die Ferne?« frug er die Rothhaut und konnte kaum seine Fassung bewahren, als jener antwortete: Der kleine Bär wartet auf Darhee!« »Dort ist er!« rief plötzlich George und als sich der Apache zur Seite wandte, stieß er ihm sein langes Messer bis an's Heft in's Herz. Rasch rief George nun die beiden Trapper herbei und erzählte die neue Gefahr, indem er mit Hilfe der beiden Männer den Getödeten in eine natürliche, sitzende Stellung brachte; die beiden Trapper mit dem Hunde mußten nun zurück und sich verstecken; George aber nahm dem von seiner Hand Gefallenen den Lasso von der Seite und sprang hinter einen mächtigen Felsblock. Kaum hatte er sein stürmisch schlagendes Herz etwas beruhigt, als Hufschläge an sein Ohr drangen; – er lauschte und warf einen dankbaren Blick nach oben, es war nur ein Pferd, das sich nahte. Näher und näher kam der Klang – jetzt hörte er das Schnauben des Thieres, er sah dessen Kopf, den Reiter – es war Darhee, der jetzt anhielt, verwundert – die Wache im Schlaf zu finden!

Im selben Augenblick pfiff George's Lasso durch die Luft und legte sich um des Häuptlings Hals, jäh sprang das Roß zur Seite und warf seinen halberdrosselten Herrn herab um mit flüchtigen Sätzen zu entfliehen, doch fingen es die Trapper auf und brachten es, nicht wenig erstaunt von dem Vorgefallenen, herbei.

»Nehmt Büchse und Munition meines Gefangenen,« rief George, »und eilet den Weg hinab und dem Walde zu, den ihr am Saum des Horizontes sehen werdet; bindet das Pferd an, daß ich Euch schneller einholen kann, und nun fort!«

Die Beiden ergriffen schweigend die Waffen, banden das Pferd an und eilten in langen Sätzen davon; es waren erfahrene Männer, die wohl einsahen, daß jetzt keine Zeit zu unnützen Fragen sei. George aber fesselte blitzesgeschwind Darhee's Arm und Fuß und lösete ihm etwas die beengende Schlinge, dann frug er apachisch:

»Darhee! Kennst Du mich?«

»Uah,« flüsterte der Alte, »der Medicinmann!«

»Nein! Nicht der Medicinmann, sondern der Knabe, den Du einst mit seiner Mutter geraubt, nachdem Du ihm den Vater erschlagen; der Knabe wurde zum Jüngling und floh Deinen Quälereien, – der Jüngling wurde zum Mann und kehrte zurück, um Vergeltung zu üben. Kennst Du mich nun?«

»Ich kenne Dich, Du Hund vor einem entlaufenen Sclaven!« knirschte wüthend der alte Häuptling, George aber fuhr gelassen fort:

»Gut! und Du kennst auch das Gesetz der Wüste: Aug um Auge, Blut und Blut?«

»Ich kenne es und fürchte Dein Messer nicht!« antwortet furchtlos Darhee. »Stoß zu! doch bedenke, in wenig Stunden ist Deine Verrätherei entdeckt, hundert Apachen werden sich auf Deine Fährten stürzen. Dich fangen und Deine Martern werden endlos sein!«

»Mag sein!« sprach kalt der junge Mann! »Wir wollen nicht über verschiedene Ansichten streiten, dazu ist wahrlich jetzt keine Zeit. Hör mich an, Du rother Schurke, der Du meine Mutter oft verhöhnt, wenn sie die Vergeltung des großen Geistes auf Dich herabrief. Nun ist die Stunde gekommen, Du bist in der Hand des oft gequälten Knaben, und Nichts hält mich ab. Dir das verrätherische Herz zu durchbohren, Nichts, als Tojolah!«

»Tojolah, Tojolah! Was ist mit ihr?« frug rasch Darhee.

George antwortete mit der gewissenhaftesten Fesselung der noch freien Glieder, der vollständigsten Knebelung seines Feindes, und sogar eine Schlinge warf er ihm um den Hals, das andere Ende des Lassos an einen Strauch befestigend, um zu verhindern, daß der rachsüchtige Indianer nicht unzeitig sich den Hügelpfad hinab nach dem Dorf zu wälzen könne; dann sprang George auf das wilde Indianerroß, lenkte es dicht an Darhee und rief:

»Tojolah muß mir die Mutter ersetzen, die Du mir geraubt, sie folgt – aber freiwillig – dem weißen Mann, den ihr Herz liebt! Sie eilt auf schnellem Roß der Freiheit zu, darum kann ich meine Hände nicht mit Deinem Blut beschmutzen. Ich überlaß Dich Deinem Schicksal, Du wirst jetzt Ruhe haben, zu erkennen, daß der Gott der Weißen mächtiger, als Dein Manitou. Leb' wohl!«

Die Ferse berührte die Weichen des ungeduldigen Pferdes und wie der Wind flog es den steilen Pfad hinab; mit fester Hand führte es George den gefährlichen Weg und mit rasender Eile jagte er den Trappern nach; unendliches Wohlbehagen sprach sich deutlich in den Zügen des wackern Mannes aus, daß es ihm wieder vergönnt, auf schnellem Roß, die Waffen in der Hand, das kleine Stückchen Erde zu verlassen, das all seinen Schmerz, all sein Glück, sein Hoffen umschlossen. – –

Fast im selben Augenblick, in dem George am frühesten Morgen des verhängnißvollen Tages sein Wigwam verließ, eilte Sonnenstrahl durch den Rohrbruch dem südlichen Engpaß zu, erreichte das dichte Weidengebüsch, das selben begränzte, und vorsichtig spähte sie nach der Indianerwache; ihr düsteres, wildes Auge, Pfeil und Bogen in ihrer Hand, ließen keinen Zweifel, auf welche Weise sie den Weg frei machen wolle. Mehrere Minuten verstrichen jedoch, ohne daß sie die Wache zu sehen bekam, und jetzt erst dämmerte in dem von wilden Leidenschaften zerrissenem Herzen eine Ahnung des Verrathes am eigenen Stamm; der Arm sank schlaff herab, das bessere Gefühl schien die Oberhand zu gewinnen, – da trat der rothe Krieger zwischen den verbergenden Felsen hervor und blickte, auf seine lange Lanze gelehnt, träumerisch in die erwachende Natur. Er ahnte wohl kaum, welche Gefühle er erweckte, welch dämonisch glühende Augen auf ihm ruhten; denn Sonnenstrahl, die schöne wilde Sünderin, kannte ihn nur zu gut, den trotzigen Krieger, dessen Erscheinen genügend war, die halb besänftigten Gefühle ihrer Brust zu erneuten Flammen anzufachen, während vor wenig Monaten noch ihr unruhiges Herz mit einer Gluth an ihm gehangen hatte, die zu heiß, zu verzehrend gewesen, um nicht bald in Asche zu sinken; so war es gekommen, daß der Indianer – der Biber – lange Zeit die Gunstbezeugungen Sonnenstrahl's genossen; doch eine wirkliche Verbindung mit ihr hatte er hohnlachend zurückgewiesen, indem er ihr bei der letzten Zusammenkunft zuraunte:

»Die Sonne spendet ihre Strahlen Jedem, der sich ihr in den Weg stellt, sie vermag nicht, an einem zu hangen!«

Tief verletzt hatte sich das Indianermädchen zurückgezogen, bis sie den Anführer der Prairieräuber kennen gelernt. Der kühne Abenteurer schlug bald das liebebedürftige Herz in neue Fesseln und unbekümmert um den Spott ihres Stammes, folgte sie Don Manuel in dessen Lager; aber selbst in ihrem glühendsten Sinnesrausch vergaß sie nicht des Bibers verächtliche Verwerfung ihrer Liebe und jetzt war die Stunde der Rache gekommen; sie warf ihr Obergewand ab und ließ es über Pfeil und Bogen in das Gras sinken, dann trat sie auf den erstaunten Indianer zu. »Hugh!« flüsterte er, »Viele Tage sind vergangen, seit der Biber Dich nicht gesehen, und schöner als je trittst Du in seinen Weg!«

»Du vergaßest aber bald das Mädchen, das Dir so viel Liebe gab, nun ist auch ihr Herz einsam und sie findet keine Brust, an welche sie das Haupt legen kann.«

»Ach, was sprichst Du?« entgegnete der Apache, während seine gierigen Augen um das schöne, halbentkleidete Mädchen flogen; »denkst Du, ich habe der Stunden vergessen, die ich in Deinen Armen geruht? Komm! wir wollen den Schatten des Weidendickichtes suchen und die letzten Monde vergessen. Komm!« Und mit neuerwachter Begehrlichkeit zog er das scheinbar widerstrebende Weib dem angedeuteten Orte zu. –

Kaum eine Viertelstunde war vergangen, als ein leiser Wehruf erklang, hastig theilten sich die Büsche und mit verstörtem Antlitz flog Sonnenstrahl heraus und dem See zu, wo ihr Wigwam stand; in kaum einer halben Stunde erschien sie wieder und band drei Mustangs neben den Renner des Bibers, es war ihr ganzer Reichthum, den sie ihrer wahnsinnigen Leidenschaft opferte, dann eilte sie nach Darhee's Zelt, schritt durch die Wachen und stand im nächsten Moment vor Tojolah und Marie.

»Fort!« hauchte sie athemlos, auf einen Haufen Felle sinkend, »fort, ich ahne, daß nur Minuten Euch vergönnt sind; fort und schaut nicht rechts, nicht links!« Sie sprang ruhelos wieder empor, ordnete noch einiges an Marie's Putz, dann reichte sie ihr die Hand und sprach mit bebender Stimme:

»Geh! Sei glücklich und kehre Niemals wieder! Du weißt nicht, welche Opfer ich Dir gebracht, ich that es freudig, um Dich nicht mehr zu sehen. Eilt jetzt, die Zeit ist kostbar!«

Schweigend umarmte sie auch Tojolah, die Marie's Hand ergriff und ihr aufmunternd zusprach:

»Komm! die Freiheit, das Glück wartet auf uns!«

Einen Moment schlug Marie das große Auge betend zum Himmel auf, dann schritt sie entschlossen durch den Vorhang ins Freie, Tojolah folgte, nachdem sie unter ihren Gewändern der Weißen frühere Kleidung geborgen.

Wohl schlug das Herz heftig in der Brust der muthigen Mädchen, doch das Glück war mit ihnen, unerkannt, unangefochten erreichten sie den hohen Rohrbruch am See; hier streute Tojolah der Weißen Kleider am Wasser aus, ergriff deren Hand und flog nun, geschützt durch das mannshohe Schilf, in rascherem Lauf dahin.

Plötzlich prallten beide zur Seite, dicht vor ihren Augen lag die Leiche des ermordeten Biber, in der Gurgel stack ein kleiner Mexikanischer Dolch, – Tojolah erkannte ihn nur zu gut, er gehörte Sonnenstrahl, die ihn einst von Don Manuel erhalten. Rasch beugte sich die Indianerin nieder, ihre heftige Bewegung zu verbergen, entriß die kleine Waffe der klaffenden Wunde und reichte dann ihrer entsetzten Gefährtin die Hand zur schleunigen Flucht.

Bald aber knickte Marie zusammen und seufzte: »Ich kann nicht weiter, flieh Tojolah –«

»Nicht ohne dich! Raffe Deine Kräfte zusammen noch hundert Schritte und wir sind gerettet!«

Weiter ging der rasende Lauf, der Indianerin weiche Glieder schienen von Stahl, denn während Marie dicht vor den glücklich erreichten Pferden in die Knie sank, ordnete jene gewandt die Zäume der Thiere, schwang sich leicht auf des Bibers Renner und ihre kleine Rechte hielt kräftig die beiden ledigen Rosse; jetzt raffte sich auch Marie auf, bestieg das für sie bestimmte Pferd, und fort gings in sausendem Galopp. Marie war eine tüchtige Reiterin und doch blickte sie mit Verwunderung auf ihre Freundin, die stets zu erneuter Eile mahnend, kaum der Mühe zu achten schien, die ihr die beiden unbändigen Mustangs bereiteten, welche sie nach sich zog; so mochten sie schweigend zwei englische Meilen durchmessen haben, als Marie, die nach Damenart quer auf dem sattellosen Pferde saß, fühlte, wie es ihr immer schwerer wurde den Sitz zu behaupten, während Tojolah gleich allen Indianerinnen wie ein Mann ritt; nach einigem Zögern folgte auch Marie dem gegebenen Beispiel und fühlte sich nun wieder Herrin ihres Thieres; sie mußte sich gestehen, daß ihre jetzige leichte und doch so dauerhafte Kleidung am zweckmäßigsten sei, – da weckte sie Tojolah's Freudenruf aus ihren Betrachtungen. Sie hatten das Hügelland verlassen, auf weicher Grasfläche flogen die Pferde dahin und vor ihren Augen lag ein weiter, dichter Wald, den sie in wenig mehr als einer Viertelstunde erreichten; sie zogen am Rande desselben bis zu der nördlichen Ecke hin, hier leiteten sie die Pferde in das dichte Gebüsch und gelangten in ein paar Minuten an einen kleinen Weiher – das vorläufige Ziel ihres Rittes. Beide Mädchen sprangen herab, die Rosse wurden getränkt und dann mit Lasso's an schwanke Weidenzweige befestigt. Auf Marie's warme Dankesworte entgegnete Tojolah jedoch kopfschüttelnd, während sie jene in ihre Arme schloß:

»Noch wissen wir nicht, ob uns Glück oder Unglück bestimmt, bedenke, noch ist nicht George mit seinen Freunden bei uns, noch sind wir im Apachengebiet, noch trennen uns viele Meilen von Deinen Freunden; doch laß den Muth nicht sinken, ruhe Dich aus, ich will Alles zur Flucht vorbereiten, nur eins macht mir Sorge, wir sind mit den Männern fünf und haben nur vier Pferde!«

Marie erschrack über den von ihr noch nicht bemerkten Umstand, doch war sie so abgespannt, daß sie die ganze Schwere desselben nicht übersehen konnte; in halb träumerischem Zustand saß sie im Gras und die so rasch erfolgten Ereignisse zogen schattenhaft vor ihren müden Augen vorüber. Tojolah aber entwickelte die regste Thätigkeit, sie lief nach einer mächtigen hohen Eiche und holte aus diesem Versteck allerlei Gegenstände hervor. Bald waren auf die Rosse Büffelfelle aufgeschnallt und Packe mit gedörrtem Fleisch, sowie Wasserschläuche, die sie frisch im Weiher gefüllt, auf den Thieren befestigt; auch einige Pfeile und zwei Bogen nebst mehreren Messern brachte sie herzu, dann erst setzte sie sich neben Marie und nöthigte selbe, etwas Speise zu sich zu nehmen; plötzlich sprang Tojolah empor – Pfeil und Bogen in der Hand – eilte sie nach der Stelle, welche einen Ausblick nach der offenen Prairie gestattete. Marie folgte rasch, zog die Doppelpistole hervor und starrte gleich ihrer Freundin nach zwei Gestalten, die zwar noch in weiter Ferne, aber sichtlich ihrem Aufenthaltsort zu eilten; endlich war der Indianerin scharfes Auge im Stand, die Nahenden zu erkennen, ängstlich preßte sie die Hand vor das klopfende Herz, als sie nur die beiden Trapper, nicht aber ihren George gewahrte. Entschlossen flog sie den beiden Männern entgegen, noch aber war sie zu weit entfernt, um jene anzurufen, als George, gefolgt von der treuen Diana, wie ein Schatten daher gesaust kam, jetzt hatte sein Falkenauge die Geliebte erblickt, grüßend winkte er mit der Rechten und in wenigen Minuten hob er die jauchzende Tojolah auf das schäumende Roß, an die heftig wogende Brust; da erkannte das Mädchen ihres Vaters Streitroß und entsetzt rief sie aus:

»Ach George, wie kamst Du zu Darhee's Pferd?«

»Beruhige Dich, kein Leid ist ihm geschehen, doch fort, der Boden brennt mir unter den Füßen; fort, fort!«

»Doch nicht zu Fuß?« frug lächelnd Tojolah, überseelig durch den unerwarteten Zuwachs eines Pferdes.

»Nein, nicht Du und Marie, Ihr mögt das Pferd besteigen!« antwortete George.

Schweigend führte ihn Tojolah, gefolgt von den Trappern, in ihr Versteck; der Männer Erstaunen über die vier Pferde, über Marie's trefflich gelungene Verkleidung, kannte keine Grenzen, doch war wahrlich keine Zeit zu müßigen Betrachtungen, sie wußten ja Alle, daß in wenig Stunden zahlreiche Feinde sie verfolgen, welche – gewohnt, die sorgsamst verborgenen Fährten zu halten – ihren deutlichen Spuren im schnellsten Rosselauf nachzujagen vermochten.

Eine kurze Viertelstunde wurde den Menschen und Thieren zur Rast vergönnt, dann sprangen Alle auf die Pferde, als der schnelle Hufschlag vieler Pferde an ihr Ohr schlug; Jeder machte sich kampfbereit und die entschlossenen Gesichtszüge bewiesen, daß sie lieber sterben, als sich wieder gefangen nehmen lassen würden. Plötzlich sprang George vom Pferd, sein Wink hielt alle zurück, er aber verschwand lautlos zwischen den Sträuchen. Eine bange halbe Stunde verstrich – das beunruhigende Geräusch kam näher und näher, deutlich vernahm man das Schnauben einer großen Anzahl Pferde, das Murmeln vieler Stimmen, dann wurde es wieder stiller – und endlich kehrte George zurück.

»Fort!' war sein erstes Wort, er sprang in den Sattel und die Führung des Zuges übernehmend, erzählte er, daß die Räuber mit ihren Bundesgenossen, den Apachen, freilich mit schrecklich gelichteten Reihen vorübergezogen seien.

»Die Comantschen müssen gesiegt haben, die große Zahl der Verwundeten, ihre niedergeschlagenen Mienen, der gänzliche Mangel irgend welcher Beute, sind sichere Zeichen einer Niederlage. Die große Schlange war nicht in den Reihen, aber wohl der schurkische Anführer der Prairienräuber; doch sei's drum, sie kamen zu guter Stunde! Der Tritt ihrer Pferde wird die Spuren der unseren verwischen und ihr Erscheinen eine solch heillose Verwirrung bereiten, daß wir einen tüchtigen Vorsprung gewinnen, ehe man an unsere Verfolgung denkt; trotzdem wollen wir die Zeit benutzen und reiten; noch aber kennen wir die Kräfte unserer Pferde nicht, darum laßt uns sie nicht übertreiben, wir dürfen uns auch heute nicht weiter, als bis zum Ende des Waldes wagen, da leicht dem Haupttrupp Nachzügler folgen könnten und einmal den Wald verlassen, haben wir eine Prairie zu durchwandern, auf der wir Tage lang keinen Strauch, keinen Hügel als Deckung finden!«

Mit diesen Worten ließ er seinem Pferd die Zügel, und in leichtem Trabe zog die kleine Truppe den Waldsaum entlang; sie übernachteten zwischen den letzten Bäumen und ritten dann in starken Marschen nach Osten zu. Zwei Tage waren vergangen, der nächste sollte sie zwischen den letzten Apachendörfern nach dem Comantschengebiet geleiten. Das Nachtlager wurde an einem klaren Bach aufgeschlagen, dessen frisches Wasser alle jubelnd begrüßten; hier entledigte Marie sich der braunen Flüssigkeit, mit welcher Tojolah sie eingerieben und neugestärkt, Hoffnung im Herzen, wurde zeitig die Reise fortgesetzt.

Gegen Mittag zeigten sich den Wanderern zwei kleine Hügel, in deren Schutz sie rasten wollten und schon waren sie denselben auf wenige Schritte nahe gekommen, als plötzlich sechs Apachen, geführt von Jean dem Mulatten, hervorbrachen und sich ihnen entgegenstürzten. »Laßt das Indianerweib, laßt die weißen Hunde, nur das bleiche Mädchen muß ich haben und ich mache Euch reich!« brüllte der Mulatte.

Da krachten die Büchsen, die Pfeile schwirrten und mit hoch erhobenem Tomahawk stürzte sich George auf die Feinde, plötzlich aber flog ein Schatten über seine Augen, ein Lasso legte sich um seinen Hals und die mit riesiger Kraft zugezogene Schlinge riß den jungen Mann vom Pferde und raubte ihm die Besinnung. –

Der kühle Abendthau belebte endlich wieder George's Geist; langsam sich aufrichtend, blickte er in Tojolah's treue Augen, die Trapper, beide mehrfach verwundet, sahen theilnehmend zu ihm nieder, selbst Diana lag schmeichelnd zu seinen Füßen. Marie aber – war nirgend zu sehen.

Tojolah verstand seinen fragenden schmerzlichen Blick und mit trauriger Stimme begann sie:

»Dein Auge sucht vergebens das bleiche Mädchen, sie ist geraubt, während wir Alle – auch ich – mit den Apachen kämpften. Sieh', vier Leichen derselben ruhen dort im Gras – von uns ist Niemand gefallen, nur drei Pferde erschossen sie uns, doch gelang es den weißen Jägern zwei der Apachenpferde – deren Herren gefallen – einzufangen, immer aber fehlt uns noch ein Pferd.«

»Wie aber war es möglich, daß man Marie aus unserer Mitte entreißen konnte?« frug Georg dumpf.

»Ich stand hinter meinem gefallenen Pferd.« – berichtete Tojolah weiter – »den Bogen in der Hand, bereit nach jedem Ziel, das sich mir bot zu schießen; die beiden Bleichgesichter kämpften jeder mit zwei Apachen, der eine unterlag fast, als mein Pfeil ihm Luft machte; da sah ich Dich fallen. Dein Roß erschreckt, hätte Dich geschleift und erwürgt, ich erfaßte es am Zügel und hielt es mit dem ganzen Aufgebot meiner Kraft, doch ein Apache stürmte herbei. Dich und mich zu verderben, als ihn der Hund packte und entsetzt über den sich jetzt entspinnenden, grauenvollen Streit, wandte ich den Kopf, um grade zu sehen, wie der feige Mulatte – der sorgfältig sich gehütet in Schußnähe zu kommen – das weiße Mädchen auf sein Roß zerrte und mit ihr wie toll davon jagte; zweien der Apachen gelang es gleichfalls zu entfliehen, die anderen fielen!«

Schweigend reichte George dem treuen Mädchen, seinen wackeren Mitkämpfern die Hand, dann wandelte er lange Zeit ruhlos hin und her. Fast eine Stunde war in peinlicher Stille verstrichen, als George mit der gewohnten Energie, festen Schrittes zu den Gefährten trat.

»Nur wenig Meilen von hier« – begann er – »liegen nach rechts und links Indianerdörfer; Niemand kann wissen, ob nicht die Geflohenen von dort Verstärkung herbeiholen, deshalb müssen wir diesen Platz schleunigst verlassen. Ihr könnt noch in dieser Nacht das Comantschengebiet erreichen, ich – wandere den Weg zurück, den wir gekommen!«

Die Bestürzung, die des edelen Mannes heroischer Entschluß hervorrief, läßt sich mit Worten nicht beschreiben, und was auch die Trapper aufboten, ihm das Wahnsinnige seines Unternehmens vorzustellen, er wankte nicht; ja er wankte nicht, als Tojolah sich weinend an seine Brust warf und ihn anflehte, sie nicht zu verlassen, ihn wenigstens zu gestatten, seine Gefahren theilen zu dürfen, doch selbstverständlich war George auch hierin unerbittlich. Lange sprach er mit dem weinenden Mädchen in dessen Muttersprache und ergeben fügte sich endlich Tojolah in seinen unabänderlichen Willen.

Jetzt reichte George den beiden Trappern herzlich die Hände und sprach:'

»Glaubt nicht, daß ich Etwas unternehme, was ich nicht zu vollbringen vermag! Ich weiß, daß ich einen gefährlichen Weg wandere, doch Gott wird mich schützen; ich könnte keine ruhige Stunde mehr haben, keinem ehrlichen Menschen mehr ins Auge sehen, wenn ich nicht Versuchte gutzumachen, was ich verschuldet. Euch aber traue ich mein höchstes Gut an, Ihr werdet das Mädchen sicher zu den Comantschen geleiten, und selbe um die schleunigste Hilfe bitten, ich werde Mittel und Wege finden der scharfsinnigen Pantherkatze den Pfad zu bezeichnen, den sie wandeln soll; sagt ihr, mein Totem sei die gespaltene Feder des blauen Hähers und nun geht – geht mit Gott und – verlaßt das Mädchen nicht!«'

Während der eine der Trapper nicht im Stande war sein Schluchzen zu unterdrücken, entgegnete der Andere gleichfalls tief ergriffen:'

»Das Mädchen hat uns befreit, sie hat vor wenig Stunden ihr Leben für unsere Vertheidigung gewagt; so wahr die Sterne über uns blinken, wir werden das ihre mit dem unserm schützen! Wir werden Ihren Willen erfüllen und Tojolah bei den Comantschen abliefern und stellte sich uns die Hölle gegenüber; wir werden die Comantschen bitten, Ihnen zu Hilfe zu kommen und wir werden die ersten unter ihnen sein, das schwöre ich beim Grabe meiner Mutter!«

»Ich auch!« fiel feierlich der Andere ein, indem er sein Haupt entblößte.

Innig umarmten sich die drei Männer, dann wurde Alles zum Weitermarsch vorbereitet. George schlug das Pferd aus, er behauptete, vielleicht mit Recht, daß er allein sich besser verbergen könne, daß er dann von nichts abhängig sei; aus diesem Grund nahm er auch den Hund nicht mit, er wußte ja dann auch einen Beschützer mehr um seine Tojolah; er füllte nur Pulverhorn und Kugeltasche aus dem gemeinsamen Vorrath, nahm dem nächsten der Gefallenen Pfeil, Bogen und Lasso und reichte dann Jedem die Hand zum Abschied.

Schweigend saßen die Trapper und Tojolah nun auf; ein letztes Abschiedswort, und langsam zogen die Drei von dannen; da hielt Tojolah plötzlich ihr Pferd an, wandte es und stand bald wieder neben George und sich zu ihm niederbeugend flüsterte sie wehmüthig:

»Nimm dies, es wird Dir Glück bringen! Deine Mutter trug es bis zu ihrem Tode, von da an kam's nicht von meinem Herzen, nimm und denke, wo Du auch bist: – Deine Tojolah ist mit jeden »Gedanken bei Dir!«

Leicht streifte ihr warmer Mund seine Stirn, ein kleines goldenes Kreuz glitt in seine Hand und wie ein Phantom verschwand das liebliche Mädchen in dem dichter werdenden Nebel.

George aber drückte innig das doppelt theuere Andenken an seine Lippen, dann schulterte er seine Büchse und wanderte rüstigen Schrittes in die unabsehbare Wildniß, auf welche sich dunkele Nacht herabsenkte.

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