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Die Gefangenen der Apachen. Zweiter Band

Paul Margot: Die Gefangenen der Apachen. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Margot
titleDie Gefangenen der Apachen. Zweiter Band
publisherGrunow, Leipzig
year1868
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140410
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Zweites Kapitel

Die Gefangenen der Apachen. – Georges seltsame Krankheit. – Tojolah. – Der wunderbare Fund. – Am Grabe der Mutter.

Nach fünftägigem angestrengtem Marsch, der durch das vollständige Einbrechen der Regenzeit den Gefangenen – vor Allen der armen Marie doppelt beschwerlich wurde, erblickten die Ermatteten endlich von dem Höhenzug herab auf dem sie ritten, am Saume eines Waldes, bespült von den Fluthen eines kleinen schilfreichen Sees ein Indianerdorf, das ihre apachischen Begleiter freudig als das Ziel ihrer Wanderung begrüßten.

In gestreckter Carriere jagte ein Indianer voraus, um die Ankunft der im Schritt Nachfolgenden zu verkünden und als diese selbst zwei Stunden später ihren Einzug in das ziemlich, ansehnliche Dorf hielten, war dessen ganze Bevölkerung, trotz dem abscheulichen Regenwetter auf den Beinen, um das ziemlich seltene Schauspiel zu genießen, Gefangene, ja sogar weiße Gefangene mit den üblichen Schmähungen und Schimpfworten bewillkommnen zu können. Mancher bewundernde Blick fiel auf Marie, deren zartes Gefühl unangenehm durch die frechen Huldigungen berührt wurde, verstand sie auch nicht eine Silbe der apachischen Sprache. Selbst dem Mulatten wurden die Lobeserhebungen seiner indianischen Genossen so lästig, daß er Sorge trug, die seiner Obhut Anvertrauten wenigstens für diese Nacht im Berathungshaus unterzubringen und so den Blicken der neugierigen Menge zu entziehen.

Nothdürftig mit Speise und Trank gestärkt, warfen sich sämmtliche Gefangene in dem großen düsteren Raum auf den hart gestampften Fußboden, doch trotz ihrer Müdigkeit hielt die Sorge um ihre Zukunft den Schlaf von ihren Augen fern, nur George hatte seine Gleichmüthigkeit bewahrt. Zu lange Jahre hatte er unter den Indianern gelebt, um nicht zu wissen, daß ihnen jetzt auch nicht die geringste Gefahr drohe, es gelang ihm auch Marie zu trösten und sie zum Niederlegen zu bewegen. Den Kopf auf Diana gelehnt, welche von den Indianern kaum beachtet worden war, den Körper auf das harte Erdreich gebettet, entschlief das junge Mädchen bald und der Traum zauberte ein glückliches Lächeln auf das schöne, jetzt so bleiche Gesicht.

Gestärkt durch den so lang entbehrten Schlaf, erhob Marie sich beim ersten Morgengrauen und George ließ sich angelegen sein, ihr jetzt, da Preston und die Trapper noch im festen Schlafe lagen, seine Brieftasche, die glücklich gerettete Pistole und sein Messer zur Aufbewahrung zu übergeben; er wußte genau, daß die Apachen ihn und die anderen Männer bis auf die Haut durchsuchen, Marie aber unbelästigt lassen würden.

Fast der ganze Vormittag verstrich, ohne daß die Apachen sich ihrer Gefangenen zu entsinnen schienen und erst gegen Mittag wurde ihnen in einem ausgehöhlten Kürbis Wasser und ein mächtiges Stück halbrohes Hirschfleisch gereicht, es sah aber zu unappetitlich aus, als daß einer der Gefangenen davon hätte essen sollen, obgleich Alle der peinlichste Hunger quälte und in trüber Stimmung verstrich wieder der Nachmittag; die Lage wurde immer unangenehmer, da die beiden Trapper Preston als den Urheber des ganzen Unglücks, mit fortwährenden Schmähungen und Drohungen überhäuften; vergebens stellte George den Erregten vor, wie nothwendig es sei, jetzt, wo sie rings von Feinden umgeben, sich doppelt fest aneinander zu schließen, weil nur so eine leise Hoffnung auf Entrinnen möglich sei; ein Wort gab das andere, die Erbitterung wuchs und drohte in Thätlichkeiten auszuarten, als das Büffelfell, welches der Hütte als Thüre diente, in die Höhe gehoben wurde und zwei Apachen eintraten, deren einer in gebrochenem Englisch die Gefangenen aufforderte, ihm zu folgen.

Einzeln ließen die beiden Krieger erst Marie, dann die Männer ins Freie treten, die letzteren wurden sofort gepackt, bis auf die Haut entkleidet und ihre Kleidungsstücke einer genauen Untersuchung unterworfen. Als die Apachen sich alles angeeignet, was ihnen gefallen, jede Tasche durchstöbert, jeden Knopf abgerissen hatten, durften die Gefangenen die ihnen zugeworfenen Kleidungsstücke wieder anlegen. Der Erste, welcher so unerwartet von den Indianern ergriffen worden, war Preston; auf ihn hatten sich wenigstens acht Wilde geworfen und ehe er noch recht zur Besinnung kam, hatte er auch nicht einen Faden mehr auf dem Leibe; mit den Kleidern jedoch war ihm aber auch die Ledertasche, in welcher er sein Geld trug, von der Brust gerissen, ohne daß er wußte, wer der Räuber seiner schönen Dollars gewesen. In dumpfes Brüten verloren, saß der finstere Mann auf einem Steine, das Geschick verwünschend, das seine Pläne durchkreuzt; da schreckte ihn ein derber Schlag auf seine Schulter aus seiner Apathie und kräftige Fäuste stießen ihn in einen weiten von Apachen gebildeten Kreis.

Hier lagen bereits Preston's Gefährten auf Büffelhäuten und harrten mit leicht begreiflichem Interesse ihrer ferneren Bestimmung, doch nur George, da er der Sprache kundig, war im Stande der Berathung zu folgen, und wirklich bewunderungswürdig war sein gleichgültiges Gesicht, in dem keine Fiber zuckte, wenn die jüngeren Apachen die erfreulichsten Vorschläge über die Leiden machten, die sie so gern den Gefangenen hätten zu Theil werden lassen. Zum größten Leidwesen der grausamen Krieger erhob sich jedoch der zweite Häuptling, welcher, mit dem schönen Namen »Darhee«, das heißt »der Vernichter« beehrt, während der Abwesenheit »der großen Schlange« den Oberbefehl führte und erklärte, daß das Leben der Gefangenen heilig sei, bis die ausgesandten Brüder siegreich und beutebeladen zurückkehren würden. Es handelte sich nur darum, was bis dahin mit den Gefangenen werden sollte, eingesperrt konnte man selbe nicht lassen, da begreiflicher Weise ein Gefängniß nicht existirte und eine stete Bewachung für die Herren Krieger doch zu langweilig war.

Nach vielen Hin- und Herreden wurde endlich beschlossen die gefangenen Männer des Nachts zu fesseln, am Tage aber mit verschiedenen nützlichen Dingen zu beschäftigen, sie sollten aber nicht gemeinsam im Berathungshaus, sondern bei vier der angesehendsten Krieger, die etwas der englischen Sprache mächtig, schlafen. Marie sollte ebenfalls ein Unterkommen in dem geräumigen Wigwam Darhee's finden, welcher sich erhob, um sich den besten der Gefangenen als seinen Haussclaven auszuwählen.

Die Dunkelheit war unterdessen vollständig eingebrochen und mächtige Kienspähne, zu einem großen Haufen aufgeschichtet, warfen ihr blutrothes flackerndes Licht auf die wilde Versammlung, die Krieger bald in tiefen Schatten stellend, bald grell beleuchtend, ohne doch ein Erkennen der Gesichtszüge zu gestatten; so hatte auch George sich vergeblich bemüht Darhee's Gesicht genau ins Auge zu fassen, dessen Stimme sein Blut in raschere Wallung brachte und dunkele, halberloschene Bilder heraufbeschwor. Da trat der alte Apachenkrieger in den hellen Feuerschein und wie von der Tarantel gestochen sprang George empor, einen Moment starrte er mit weitaufgerissenen Augen auf die erschrockenen Indianer, und während er der scheu aufblickenden Marie zwischen den fest aufeinander gepreßten Lippen leise zuraunte:

»Marie! erschrecken Sie nicht. Es ist nur Trug!« begannen heftige Zuckungen George's kräftigen Körper zu erschüttern; plötzlich sprang er mit wildem Satz einige Schritte vor, drehte sich wirbelnd um sich selbst und stürzte mit lautem Wehruf zusammen, fortwährend unter convulsivischen Zuckungen erbebend und wimmernde Laute ausstoßend.

Marie war zwar gewarnt, aber sie konnte nicht glauben, daß diese wahrheitstreue Nachahmung epileptischer Zufälle wirklich nur Trug sei, auch die Trapper, Preston, selbst der Mulatte ließen sich täuschen, obgleich sie Anfangs mißtrauisch auf ihren früheren Gefährten blickten, an dem sie ja nie derartige Erscheinungen wahrgenommen hatten; die Apachen aber machten dem sich umherwälzenden jungen Mann ehrerbietig Platz, so oft er in ihre Nähe kam und als George endlich schweißtriefend, mit schäumendem Mund und geschlossenen Augen still lag, faßten ihn vier Krieger und trugen ihn nach Darhee's Wigwam, wohin zu folgen Marie ein Wink des alten Häuptlings befahl. Der alte Apache war sichtbar in der frohesten Stimmung, daß sein Zelt auserlesen war, einem von Manitou besonders Begünstigten Schutz zu geben, denn alle Irrsinnige, oder mit epileptischen Zufällen Behaftete sind nach den Ansichten der Indianer Auserwählte des großen Geistes und selbst der roheste Krieger wagt nicht ihnen ein Leid zu thun.

Kaum war George in Darhee's Zelt niedergelegt, als Letzterer Marie an dessen Lager führte und so freundlich, als es dem rauhen Wilden nur möglich, in gebrochenem Englisch zu ihr sprach:

»Das bleiche Mädchen wird sich ihres Bruders annehmen, versteht sie sich auf Behandlung dieser Leiden?«

»Nein!« flüsterte Marie verwirrt.

»So werde ich ihr meine Tochter senden!« fuhr der Alte fort und wandte sich nach einer anderen Abtheilung des Wigwams, gleich darauf hörte man ihn laut »Tojolah! Tojolah!« rufen und in wenigen Augenblicken kehrte er mit einem jungen Mädchen zurück, doch blieb er mit demselben regungslos an der Thür stehen, als er gewahrte, daß ein neuer, heftigerer Anfall den Gefangenen auf seinem Lager herumwarf.

Aengstlich beugte sich Marie über George's verzerrtes Gesicht, doch ein leises gebietendes » back!« des Indianers scheuchte sie zurück; der Apache trat erst näher, als George seine Glieder wieder streckte, dann rief er seine Tochter herbei und sprach leise:

»Der große Geist liebt Darhee. Er sendet Einen in des Indianers Wigwam, der besser versteht mit Manitou zu sprechen, als unsere Zauberer und Medicinmänner; er wird Tojolah's Herz bewegen, daß sie endlich die Squahw des mächtigen Sachems der Apachen wird und dem Drängen der großen Schlange Gehör schenkt. Meine Tochter aber wird dem weißen Mann heilsame und stärkende Kräuter bringen, um seinen schwachen Körper zu kräftigen, er hat große Medicin und darf nicht sterben!«

Langsam verließ Darhee den Raum, gefolgt von seiner Tochter, welche sich schweigend anschickte des Vaters Befehle zu befolgen; kaum war der Vorhang hinter den Beiden gefallen, als Marie plötzlich George's wunderbar klaren Augen, seines spöttisch verzogenen Mundes ansichtig wurde, auf den er rasch einen Finger legte, vorsichtig beugte sich Marie zu ihm nieder und flüsterte leise:

»O George, wie haben Sie mich erschreckt!«

»Das thut mir leid Miß!« erwiederte der junge Mann. »Doch glauben Sie mir, es war zu unserem Heil; aber bezähmen Sie Ihre Neugier bis morgen und lassen Sie uns jetzt schweigen, sonst verderben wir unvorsichtig, was ich mit so vieler Mühe, begünstigt durch den glücklichsten Zufall, erreicht. Still, man kommt!«

In der That trat in wenigen Augenblicken Darhee's Tochter ein, in der einen Hand trug sie einen langen brennenden Kienspahn, in der anderen einen Blechbecher mit einem dampfenden, starkriechenden Decoct, welchen sie dem wie leblos daliegenden George einflöste, nachdem sie die kleine Fackel in einem Eisenring des Tragbalkens des Wigwams befestigt.

Während die Indianerin nun eifrig beflissen war, den musterhaft stillhaltenden George zu frottiren, hatte Marie volle Gelegenheit deren liebliche Erscheinung zu betrachten und die graciösen Bewegungen des einfachen Naturkindes zu bewundern, die wahrlich den reizendsten Contrast zu dem weißen Mädchen bot. Schlank wie die Tanne ihres Landes, hatte Tojolah doch schon die Rundung der Glieder, welche die weißen Frauen erst im reiferen Alter erhalten und ihr freier, stolzer Blick, ihr üppiges schwarzes Haar hob die Schönheit ihres Kopfes umsomehr hervor, als ihr die vorstehenden Backenknochen, das Gepräge des echten Indianers, fehlten, auch ihre nur goldig angehauchte Haut auf Mischblut schließen ließ; ihre zierlich gestickte, leichte Kleidung, zeigte das Ebenmaß der schönen Indianerin im besten Licht und nichts deutete bei ihr auf die Herzlosigkeit und Grausamkeit, welche die rothen Weiber so häufig besitzen.

Endlich war Tojolah mit ihrer Einreibung fertig, sie verließ, leicht den zierlichen Kopf gegen Marie neigend, das Gemach und da George in tiefem Schlafe zu liegen schien, suchte auch Marie ihr Lager von Wildhäuten und ein sanfter Schlummer nahm ihr liebreich all die drückenden Gedanken von dem armen gequälten Herzen.

Neu gestärkt erhob sich das junge Mädchen und glaubte kaum ihren Augen trauen zu dürfen, als sie George mit seiner Pflegerin, die am gestrigen Tage so schweigsam gewesen, in ein höchst angelegentliches Gespräch vertieft fand; erst ihr Gruß scheuchte die beiden aus einander und während George mit dem vergnügtesten Gesicht der Welt Marie's Hand drückte, schlüpfte Tojolah aus dem Gemach.

»George!« begann das junge Mädchen schüchtern »ich werde fast irre an Ihnen, ich fühlte mich so sicher unter Ihrem Schutz, obgleich wir von Feinden umgeben und jetzt tändeln Sie mit einer Indianerin, während unser Schicksal trüber und trüber wird, und zu mir unbekannten Zwecken nehmen Sie Ihre Zuflucht zu Darstellung einer schrecklichen Krankheit, die Sie glücklicher Weise gar nicht besitzen. Ist das nicht sündhaft?«

»Miß Marie!« erwiederte bewegt der junge Mann! »Gedulden Sie sich noch wenige Minuten, hier haben die Wände wahrlich scharfe Ohren, vertrauen Sie mir nur fernerhin und erfüllen Sie mir jetzt eine Bitte! Darhee, der alte Schleicher wird Sie fragen, ob ich oft an den Zufällen leide, die mich in den Augen der Apachen so hoch gehoben, dann sagen Sie ihm, daß ich selbe gewöhnlich nur beim Vollmond habe und selten zu einer anderen Zeit damit geplagt sei!«

»Ich soll lügen George? wissentlich Lügen verbreiten?« frug Marie!

»Ja!« entgegnete fast rauh, mit harter Stimme der junge Mann, während ein flammender Blitz aus seinen sonst so sanften Augen schoß; »ja das sollen Sie; ich würde Ihnen sagen, es gilt das Verderben der Apachenhunde, doch Ihr reines Herz würde das nicht verstehen; Sie müssen aber genau meinen Anweisungen folgen, nicht zaudern, nicht beben, denn nur dann kann ich Sie wieder in Williams Arme führen!«

»George!« sprach weinend das junge Mädchen, »ich habe jede Hoffnung auf Erlösung aufgegeben, es bleibt mir Nichts übrig, als mich demüthig Gottes Rathschluß zu beugen und dem geträumten Glück zu entsagen!«

»Nein, nein, das sollen Sie nicht. Marie! Sie müssen sich Ihre geistigen und körperlichen Kräfte erhalten für den entscheidenden Augenblick! Es werden noch schwere Tage, noch furchtbare Momente kommen, aber ich weiß es, und setze mein Leben dafür freudig ein, daß Sie glücklich gerettet werden; doch seien sie stark, verbannen Sie kleinliche Scrubel und verwischen Sie sorgsam jede Spur Ihrer Thränen; ich werde noch heute Gelegenheit haben, Ihnen viel zu eröffnen, setzt aber können wir jeden Augenblick gestört werden!«

Kaum hatte der junge Mann ausgesprochen, als sich ihrem Aufenthaltsort Schritte näherten, rasch warf sich George auf sein Lager, und vermochte eben noch dem jungen Mädchen zuzuflüstern:

»Lügen Sie den Schurken tüchtig an und denken Sie an William!« als Darhee eintrat und auf Marie zuschritt. Wie George vorher gesagt, richtete jener verschiedene Fragen über dessen Krankheit an Marie und diese war stark genug die Antworten möglichst unbefangen zu geben. Der Indianer schien sichtlich zufriedengestellt und forderte Marie auf, den Schlafenden zu wecken und ihm mit demselben zu folgen. Als dies geschehen und man ins Freie getreten war, erblickten sie auch die übrigen Gefangenen, denen von ihren neuen Herren gestattet wurde sich des ganzen Tages über frei zu bewegen und sich nur hie und da leichter Arbeit zu unterwerfen. Aber die Vergünstigung würde der härtesten Behandlung weichen, sollte einer widerspenstig werden oder gar einen thörichten Fluchtversuch wagen. »Rings ist das Dorf von einer Postenkette umgeben,« drohte der Sprecher, »ein Durchbrechen derselben ist unmöglich und der qualvollste Tod trifft den, der es auch nur versucht!«

Während nun Preston und die Trapper mit dem Aushülsen von Maiskolben beschäftigt wurden, nahm Darhee George und Marie bei der Hand, führte sie aus dem Kreis der müßigen Zuschauer und sprach dann zu ihnen.

»Der bleiche Medicinmann und seine Schwester sind frei, sie können unbehindert sich im Bereich der Posten bewegen, heute Mittag aber muß Darhee mit dem weißen Manne reden.«

Mit diesen Worten verließ er seine Gefangenen; schweigend ergriff George Marie's Arm und wanderte langsam mit ihr einem Hügel zu, welchen einige prächtige Cottonbäume zierten; dichtes, üppiges Unterholz, durch das sich Magnolien mit ihren herrlichen Blüthen wanden, gab hinreichenden Schutz vor etwaigen Späheraugen; hier ließ George seine Begleiterin los und starrte unverwandt auf das reizende, belebte Bild zu seinen Füßen! Welche Gefühle durchstürmten seine Brust, als von hieraus er die Stätte wieder überblickte, auf der er seine Jugendzeit verlebt. Auf dieser Stelle hatte er so oft mit seiner Mutter gesessen und ihren Erzählungen vergangener Tage, ihren Lehren und Ermahnungen gelauscht, und so vertieft war er in die widerstreitendsten Empfindungen seines aufgeregten Gemüthes, daß er nicht gewahrte, als sich eine weiche Hand auf seine Schulter legte, und erst als Marie leise seinen Nahmen rief, wandte er ihr sein Thränen durchfurchtes Antlitz zu!

»Sie weinen?« rief bestürzt das junge Mädchen, »Sie George? der starke, unverzagte Mann? Wahrlich, Sie sind mir zum Räthsel geworden!«

»Ich will's Ihnen lösen;« sprach George, »ich will Ihnen Einblicke in mein wechselreiches Leben thun lassen, will verflossene Tage, verblichene Bilder heraufbeschwören!« –

»So weit Ihr Auge reicht«, fuhr er nach kurzer Pause fort, indem er hart an den Rand des Hügels trat »so weit ist mir jeder Zoll Boden bekannt, denn hier Marie in diesem Dorfe verlebte ich mit meiner Mutter fünfzehn lange Jahre meiner Jugend. Auf jenen grünen Wiesen spielte ich mit meinen rothen Kameraden, hier auf derselben Stelle, auf der Sie ruhen, saß oft meine Mutter in ernstem Gespräch mit mir, bald klagend und weinend über ihr trauriges Geschick, bald mich inbrünstig an sich pressend und dem Vater im Himmel dankend, daß sie nicht allein den dornenvollen Pfad wandeln müsse, und sie stand nicht allein, nein ein Engel, ein Kind schützte sie vor jeder Unbill.«

»Wie gesagt, fünfzehn Jahre vergingen in dem traurigsten Dasein, meine Mutter war die Squahw des Indianers, der ihren Gatten erschlagen, ich der Sclave des Mörders meines Vaters; da gewann die reinste Mutterliebe Oberhand über den verzeihlichsten Egoismus und mit der Selbstverläugnung, der nur eine Mutter fähig, beredete sie mich zur Flucht. Ich entkam, kaum achtzehn Jahr alt, und erst als ich frei auf jenen Bergen stand, wo ich Sie, Marie, zum ersten Mal sah, erst da fiel mir's wie Centnerlast auf's Herz, daß ich ja feig die Mutter ihrem Schicksal überlassen, und doch – zu ihr zurückkehren konnte ich nicht, ich wäre sofort gemartert worden, da bei meiner Verfolgung mehrere Apachen fielen. Lange rang ich mit mir, als in mir die Hoffnung aufstieg, daß ich dereinst meine Mutter befreien, daß ich als ihr Rächer wiederkehren könne; die verschiedensten Verhältnisse hielten mich auf, bis ich endlich mit William im Herbst des verflossenen Jahres aufbrach, um das scheinbar wahnsinnige Unternehmen zu beginnen!«

»Nun bin ich in dem Orte, in dem so oft mein Geist geweilt, der mir Tag und Nacht vor den Augen gelegen, doch die, um derentwillen ich den gefahrvollen Weg betrat, die Mutter finde ich nicht mehr!«

Tief beugte der junge Mann sein Antlitz in die Hände und auf jede Tröstung Marie's hatte er nur ein stetes Kopfschütteln. Vergebens stellte ihm das junge Mädchen vor, daß er ja nicht wissen könne, ob seine Mutter nicht zufällig in einem benachbarten Dorfe weile, oder gar in einem der vielen Zelte sich aufhalte, die zu ihren Füßen in mehreren langen Gassen standen.

»Nein, nein!« rief George aufspringend – »Ich weiß es, die Mutter ist todt! ist ihrem Gram erlegen, ohne daß der Sohn ihren letzten Segen erhalten, ihr die müden Augen schließen konnte. Dort Marie, in Darhee's Zelt, war einst meine Heimath, dort lebte und litt meine Mutter! Darhee – er war ihr Herr, war mein Gebieter, er erschlug einst den Vater und nun ist der Sohn gekommen, – um fürchterlich zu vergelten!«

Unwillkürlich wich Marie vor ihres Gefährten drohender Geberde, vor dessen entsetzlich wildem Blick zurück, und nur um ihn auf andere Gedanken zu bringen, frug sie schüchtern:

»Aber wer war jenes liebliche Wesen, von dem Sie vorhin erzählten, daß es der Schutzengel Ihrer Mutter gewesen?«

»Tojolah, die Tochter Darhee's und einer geraubten Mexicanerin«, entgegnete George, »dieselbe, die mich gestern mit ihrer Frottirung so gequält, mit der Sie mich heute früh sprechen sahen!«

»Ah mein Gott, wie wunderbar sind die Wege der Vorsehung!« rief Marie »und hat das schöne Indianermädchen Sie erkannt und den Gespielen ihrer Jugend freudig begrüßt?«

»Nein!« lächelte George »so wenig, als ihr Vater! doch ich erkannte den alten Sünder auf den ersten Blick und um meine Bewegung zu verbergen, heuchelte ich jene Krankheit, die Sie so erschreckt. Der Speichel im Munde mußte den Schaum ersetzen, durch Anhalten des Athems gelang es mir die Farbe zu wechseln und daß ich bei der unsinnigen Verdrehung meiner Glieder Schweiß auf meiner Stirn zeigen konnte, war kein Wunder! Aber ein Wunder war's, daß ich nicht in lautes Lachen ausbrach, als mir Tojolah, der süße Schelm, bald die Haut zerrieb, als sie mir heut Morgen zuflüsterte, daß ihr Vater mich, den er für einen mächtigen Zauberer hält, bestimmen wolle, ihr Herz zu beugen, damit sie die Squahw eines Apachenhäuptlings werde, als sie mich bat, dies Unglück von ihr abzuwenden, da ihr allnächtlich ein kleiner Vogel sänge: der, welchen sie liebe und der im fernen Lande sei, werde wieder kommen und sie befreien – da war es ein Wunder, daß ich dem Mädchen, dessen Bild wie ein heller Stern auf allen meinen Pfaden mir vorangeleuchtet, daß ich ihr nicht um den Hals fiel! Doch Marie, mein ganzes Leben ist eben eine Schule der Geduld, des Wartens gewesen; ich bezwang mich und Tojolah ahnt nimmer, wer ihr so nahe ist; aber die Sonne steht fast im Zenith, Sie können die verschiedensten Vorbereitungen zum Mittagsessen sehen, lassen Sie uns hinabsteigen; Darhee will mit mir reden, will meine Hilfe haben, um sein liebliches Kind an einen Apachenhund zu verschachern! Ha, ha! er wird sich über den Erfolg meiner Zaubereien wundern!«

Schweigend verließen die Beiden den Hügel und wanderten durch die langen Zeltgassen, in denen die Krieger, bedient von ihren Frauen, ihr Mahl einnahmen und hatten Darhee's Zelt erreicht, ohne daß irgend Jemand von ihnen Notiz zu nehmen schien. Hier wartete auch ihrer ein überreichliches Mahl, das sie kaum beendet, als der alte Indianer zu ihnen trat.

»Das weiße Mädchen«, sprach er, »mag mit Tojolah gehen, ich muß Vieles mit ihrem Bruder, dem Medicinmann sprechen!« Als Marie den Wigwam verlassen, kauerten sich die beiden Männer auf den Hacken nieder und schweigend that jeder einige Züge aus dem, von dem Apachen angezündeten Calumet. Endlich klopfte dieser die Asche aus dem kleinen rothen Kopf und barg bedächtig das Instrument in einem Futteral.

»Darhee ist gekommen,« begann dieser, »mit der Friedenspfeife in der Hand. Der bleiche Mann ist von meinen Brüdern im Kampfe gefangen worden – Darhee aber ist nicht sein Feind, er wird Dich reich machen, Dir schöne Pferde, bunte Felle und blanke Münzen geben, die er weit aus Mexico geholt, wenn Du ihm dienst; bist Du aber falsch, hast Du gelogen, daß Du ein mächtiger Zauberer und brütest Du Trug, – dann wehe Dir!«

»Mein Vater kann ruhig sein.« antwortete George, »es bedarf der Drohungen nicht, nicht der versprochenen Geschenke. Darhee hat mich geschützt und ich liebe ihn!«

»Hugh! Wie aber kamst Du zu dem Comantschen, dessen Flucht Dein Muth möglich machte?«

»Ich wanderte einsam durch die weite Prairie, als ich einen rothen Mann im Kampfe mit einem Jaguar sah; er wäre unterlegen, wenn meine Kugel nicht die Bestie niedergestreckt, ich wußte nicht, welchem Stamme er angehörte, es genügte mir, einen Menschen, gleich mir, in Gefahr zu wissen, ich rettete ihn und zog mit dem Befreiten dann des gleichen Weges!«

»Was aber führte Dich in die entlegenste Wildniß, die zu betreten nur selten ein Bleichgesicht wagt? Wo kamst Du her, wo wolltest Du hin?« frug Darhee weiter.

»Ich hatte mit weißen Jägern im Comantschengebiet gejagt, ein Prairiebrand zerstreute uns! Ich war verirrt, als ich jenen Comantschen traf, an dessen Lagerfeuer ich dann gelegen, dessen Fleisch ich genossen, ich war sein Freund und durfte ihn nicht verlassen, als viele Deiner Krieger ihn bedrohten!«

»Du warst aber im Lager, in den Dörfern der Comantschen?«

»Viele Wochen!«

»Und sahest Du viele Krieger, die sich zum Kampfe gegen die Apachen rüsteten, hörtest Du von den Plänen, die die übermüthigen Feinde hegten?«

»Nein! Ich bin ein Mann des Friedens und der Kriegslärm war mir zuwider. Ich sah wohl die Comantschen sich rüsten, doch Zwietracht herrscht unter ihnen und nur Wenige folgten dem Ruf des Kriegshäuptlings!«

»Gut!« rief Darhee funkelnden Auges »ich will Dir glauben, hüte Dich aber, daß Du nicht mit gespaltener Zunge sprichst, ich würde selbe ausreißen und den Hunden vorwerfen!«

Nach einer Pause fuhr der Indianer mit gänzlich beruhigter Stimme fort.

»Du sagtest. Du seiest Darhee's Freund! Willst Du es beweisen?«

»Ich will es!«

»Darhee's Tochter hat das Herz des ersten Apachenhäuptlings mit ihrem Bild erfüllt; dreimal hat die große Schlange bereits die grünen, blumengeschmückten Zweige an Tojolah's Zelt befestigt, sie aber hat sie von der Sonne verdorren lassen, und den ehrenvollen Antrag nicht angenommen. Tojolah aber ist schön, die »große Schlange« liebt sie, sie soll und muß die Squahw des mächtigen Häuptlings werden!«

»Und dazu soll ich Dir behilflich sein?«, frug George mit eigenthümlicher Betonung!

»Du sagst es!« erwiederte der Apache. »Und reicher Lohn soll Dir werden, wenn Dir gelingt, was keiner der Medicinmänner meines Stammes vollbrachte!«

»Und wie viel Zeit will Darhee mir gewähren?« frug George.

»Gestern Abend stieg der Mond als volle Scheibe über die Berge, wenn er sich zum zweiten Mal von heute an rundet, feiern wir das große Sonnenfest, dann muß Tojolah bereit sein ihren Herrn zu empfangen!«

»Also acht Wochen, ja acht Wochen werden genügen!« brummte George in den krausen Bart, kaum im Stande das Knirschen seiner Zähne, das Flammen seiner Augen zu verbergen. Als er sich beruhigt, fuhr er fort:

»Um meinen Geist auf Tojolah wirken zu lassen, muß ich täglich mit ihr verkehren, mehrere Stunden lang mit ihr ungehindert sprechen können. Kein Indianer darf dann in der Nähe weilen, nur meine weiße Schwester mag mich bedienen, ich werde von Morgen an jeden Tag auf dem Hügel weilen, der Euer Dorf überragt und Tojolah's warten!«

»Sie wird kommen!« sprach der Apache. »Und mein Bruder bedarf sonst nichts?«

»Nichts!«

»Uha! Dein Zauber muß gut sein. Die Medicinmänner meines Volkes verlangten allerlei Kostbarkeiten. –«

»Deren ich später vielleicht auch benöthigt bin,« antwortete einlenkend George, »jetzt aber muß ich allein sein und mit dem großen Geist mich besprechen!«

Höflich hob der Indianer die Wollendecke vor dem Ausgang und sprach fast demüthig zu dem stolz Hinausschreitenden:

»Während Deine Brüder des Nachts mit unzerreißbaren Fesseln belastet werden, soll Dein Körper unberührt bleiben!«

Ein leichtes Neigen des Kopfes war George's einzige Antwort, der mit langsamen Schritten und würdevoller Haltung nach dem Hügel schritt, wo Marie seiner wartete; kaum hatte er aber den letzten Wigwam hinter sich, als er wohl seinen gemäßigten Schritt beibehielt, aber während ein leichtes Lächeln über sein gebräuntes Gesicht flog, murmelte er leise:

»So, mein Bursche, hätte nimmer geglaubt, daß ich noch Lehrer würde. Wär's mir nicht so weh' ums Herz, ich könnte lachen über des alten, sonst so schlauen Schleichers grenzenlose Dummheit!«

In wenig Worten theilte George dem jungen Mädchen das Erlebte und seine Hoffnungen mit, doch war er zu zerstreut, als daß eine anhaltende Unterhaltung hätte in Gang kommen können und bald war er so in seine Gedanken versunken, daß er nicht merkte, wie ihn Marie verließ und erst die einbrechende Dunkelheit rüttelte den Träumer wach. Langsam stieg er vom Hügel herab, als vor ihm aus dem thaubeschwerten Gras etwas Weißes schimmerte, er hob es auf und war nicht wenig erstaunt, hier an diesem Orte ein sorgfältig gefaltetes starkes Document zu finden, mit großen Siegeln versehen wie er flüchtig bemerkte, ehe er seinen sonderbaren Fund sorgfältig in dem Jagdhemd barg.

George konnte sich nicht enträthseln, wer das Papier wohl verloren haben könne und wie es in diese Einöde gekommen sei, er bedauerte tief, verhindert zu sein, noch diesen Abend Einblick in seinen Fund zu thun und konnte kaum vor Ungeduld Schlaf finden.

Noch lag bleicher Dämmerschein auf der thaubedeckten Prairie, noch schlummerte jeder Bewohner des Indianerdorfes, als George leise, – um die sanft ruhende Marie nicht zu erwecken – sein Lager verließ. Mit tiefem Athemzuge trank er die frische, von tausend würzigen Blumendüften geschwängerte Morgenluft, als ihn ein leises Winseln aus seiner stillen Morgenandacht weckte; Diana, die treue Hündin drückte den breiten Kopf an einen Gitterzaun, in welchen Darhee, auf des jungen Mannes Bitte, das Thier gesperrt, das nun aus seiner Haft erlöst, in weiten Bogensätzen seinen eilig dem Hügel zustrebenden Herrn umsprang.

Da stand der junge Mann wieder auf dem ihm so heiligen Platze, die Hand fest auf das klopfende Herz gepreßt; sein klares Auge ruhte auf dem mattblauen Himmel und viele, viele Minuten verstrichen, bis er sich des gestrigen Fundes erinnerte. Eilig entfaltete er das Papier und las mit immer wachsendem Erstaunen – den gerichtlich und von dem Friedensrichter zu Memphis recognoscirten, von ihrem Vater ausgestellten Freibrief Maries, Tochter des Farmers Harry Preston und der Quadronensclavin Cloë. –

Sprachlos ließ er endlich das Document in seinen Schooß sinken, er konnte nimmer und nimmer fassen, daß seine liebenswürdige, edle Gefährtin ein Abkömmling der in Amerika so verhaßten Race sei, die so verachtet, daß er nicht einmal wußte, ob sein Freund William nicht durch Kenntniß seines Fundes zum wenigsten tief betrübt würde; er beschloß daher gegen Niemand, selbst nicht gegen Marie des Documentes zu erwähnen und selbes nur im Nothfall aus seiner Verborgenheit heraufzubeschwören. Sein scharfer Verstand combinirte leicht, daß nur sein Mitgefangener Preston, Maries Onkel, das Papier habe besitzen können, daß es ihm wahrscheinlich bei der so gründlichen Durchsuchung der Kleider geraubt und von den Apachen, die alles Geschriebene als böse Medicin fürchten, fortgeworfen worden sei.

Mit dieser Auslegung gab sich George vollständig zufrieden, er hatte ja auch heute für Anderer Interesse wenig Zeit, er sollte ja heute seiner Tojolah den ersten Unterricht im Lieben geben, wie er sich händereibend wiederholte und sehnsüchtig richtete er sein Auge nach dem Wigwam, wo er das Mädchen seiner Wahl wußte.

Unbemerkt verging aber Stunde auf Stunde, die Indianer waren bereits zu neuem Leben erwacht, Alles strömte auf die blumenübersäete Prairie, den einfachen Tagesverrichtungen obzuliegen; dort bestiegen mehrere Apachen die feurigen Jagdpferde, während andere die starken Heerden tränkten, dort zog eine jubelnde wilde Kinderschaar zum Wasser, hier begannen die Squahws ihre schwere undankbare Arbeit, die Felder zu bestellen und Häute für ihre faulen Herren zuzurichten.

Wie viele, viele Male hatte George schon dies Alles gesehen, wie viele Male sich bei all diesen Beschäftigungen betheiligt und doch, mit welchem Interesse betrachtete er heute wieder das lebensvolle Bild; jetzt flogen die Apachen im schnellsten Rosseslaufe davon zur fröhlichen Jagd und er dachte des Tages, wo auch er dahingezogen, Angst und Hoffen im Herzen – die Mutter verlassend, um sie nie wieder zu sehen. –

Da schlug Diana an und rasch das Haupt wendend, blickte er in Tojolahs liebes, jetzt so ängstlich zu ihm aufgeschlagenes Auge. Ein Wink scheuchte die Hündin zurück und sich gewaltsam bemeisternd, lud er mit wenig Worten die schöne Indianerin zum Niedersetzen auf die Grasbank ein, doch scheu prallte Tojolah zurück und bat im geläufigsten Englisch:

»Der große Medicinmann zwinge nicht das arme Indianermädchen, nach seinem Willen zu handeln. Wir Kinder der Wildniß glauben denen die Ruhe zu nehmen, auf deren Grabesstätten wir Ruhe suchen, und hier schläft ein Weib, die so viel auf Erden gelitten, die Tojolah liebte wie – wie nur noch Einen auf der Welt!« setzte sie erglühend mit leiser Stimme hinzu.

Kein Name war genannt und doch, wie gut wußte nun George, wer hier unter dem grünen Rasenhügel schlummere, und so schmerzhaft sich sein Herz zusammenzog, daß er bestätigt fand, was er sich ja selbst schon so oft gesagt, was ihm geheimnißvoll das Rauschen der Blätter zugeflüstert, was er geahnt, als er die Stätte seiner Kindheit wieder betreten, daß die Mutter ihm geschieden, – so tief der traurige Gedanke den sonst so kräftigen Mann niederbeugte, daß nie mehr das treueste Auge auf ihn ruhen, er nie mehr die liebevollen Segenswünsche der Gestorbenen hören würde, so dankbar war er doch dem Geschick, daß eine weiche Hand sie sinnig hieroben gebettet, als wolle sie, erhaben über den menschlichen Leidenschaften, ausschauen nach dem fernen, fernen Sohn, – daß ein warmes Herz noch derer gedachte, die er einsam und verlassen geglaubt.

All diese Gefühle des Dankes und der Liebe drängten sich in dem einen Worte »Tojolah!« zusammen, das George mit überströmendem Herzen und einer Betonung rief, welche der Indianerin jeden Blutstropfen aus den goldigbraunen Wangen trieb.

»Tojolah!« wiederholte George und fuhr dann in apachischer Sprache fort, bei derem ersten Laut das erregte Mädchen die Hände an die klopfenden Schläfe drückte, während ihr flammendes Auge den Sprecher zu durchbohren schien.

»Tojolah! Du vergaßest die nicht, die so treue Liebe Dir bewiesen und das Antlitz der Todten wird freundlich als funkelnder Stern über Deinen Wegen leuchten! Doch sag Mädchen, vergaßest Du den, den die hier unten Schlummernde so oft Deinem Schutze anempfahl? den Gespielen Deiner Jugend, den Du früher so oft mit Deiner kindlichen Liebe beglückt, den Dein Bild nicht verließ in vielen, vielen Jahren, den die Liebe zu Dir, Du wunderbares Mädchen, aus weiter, weiter Ferne hierhertrieb, der jetzt vor Dir steht und dich fragt: Tojolah! kennst Du Deinen George nicht mehr?«

»Ah!« flüsterte das schöne Mädchen, indem es seltsam in den dunkeln, tiefen Augen zu leuchten begann, »Du – Du bist George, mein George? O, wie glücklich würde die Mutter sein, wäre sie an meiner Stelle!«

»Und bist Du nicht erfreut Tojolah, mich wieder zu sehen?« frug George über den so kalten Empfang niedergeschlagen.

»Ich George? nicht glücklich? o meine Brust durchstürmen Gefühle, die ich nie gekannt! Ich habe mich gesehnt nach Dir, wie das sonnenverbrannte Gras der Prairie nach Regen, ich möchte jauchzen, daß meine Augen Dich sehen und doch George brechen die Thränen hervor, wenn ich den Mann nur finde, wo ich den geliebten Gespielen begrüßen möchte!«

»Aber wunderliches Kind!« rief George mit verzweifelter Lustigkeit; »kann ich dafür, daß aus dem wilden Knaben ein Mann geworden, und bin ich deshalb weniger werth in Deinem Auge?«

»George, Du thust Deiner Tojolah weh! Ich weiß nicht, was mein Herz jetzt so zusammenzieht, was mir den Athem raubt, aber,« fuhr das liebliche Wesen mit erglühenden Wangen und niedergeschlagenen Augen fort, »aber ich wollte mein Gespiele kehrte zurück von einem der Dörfer, die er früher besucht und ich könnte wie früher, ihm entgegeneilen und ihn freudig begrüßen, meinen Arm um seinen Nacken schlingen, und – –«

»Und Tojolah?«

Ein heftiger Thränenstrom war die einzige Antwort, und erst nach langer Zeit fuhr sie fort:

»Und jetzt, George, kann ich Dir nur die Hand bebend reichen, mir ist's, – als fürchte ich mich vor Dir!«

George ergriff die zögernd dargebotene Hand und zog das junge Mädchen an den Rand des Hügels, der dem Dorfe abgewandt und auf ein kleines Wäldchen zu ihren Füßen deutend, sprach er mit tiefem Gefühl:

»Dort unter dem Schatten jener Bäume haben wir oft gespielt, dort bauten wir unsere kleinen Hütten, dort warest Du oft meine kleine Squahw!«

Und seinen Arm um die bei diesen Worten erglühende Tojolah legend, fuhr er wärmer fort:

»Ich vergaß nie diese schönen Stunden! In deren Erinnerung wuchs meine Zuneigung mächtiger und mächtiger und aus den kindlichen Gefühlen entstand die glühende Liebe des Mannes, die mich rastlos trieb, bis ich Dir wieder Auge in Auge sehen, Dich fragen kann: Tojolah willst Du Dein Geschick mit dem meinen vereinen?«

»Ja George, das will ich!« sprach einfach das Mädchen, »Du mußt aus Deiner Gefangenschaft befreit werden und ich werde Mittel und Wege finden, Dir zur Flucht zu helfen; sie wird gelingen, Tojolah würde ja auch vor Gram sterben, könntest Du Dich nicht ihrem Stamme entziehn, den sie haßt, seitdem, die hier schläft, dem armen Indianerkinde gelehrt, was gut und was böse. Tojolah muß mit Dir fliehen!« fuhr sie nach einer kurzen Pause fort – »denn man würde sie hier tödten, wenn ihre Mithilfe bekannt würde, sie darf Dich nicht wieder verlassen, – so wollte es die Mutter! Aber, dann George, was wird dann?«

»Dann Tojolah?« jubelte George, »wenn es gelungen. Deinen Herren Vettern eine Nase zu drehen, dann eilen wir einem neuen, einem besseren Leben zu! Wir suchen uns im fernen Land, wo kein Feind uns mehr bedroht, ein Wäldchen, wie das zu unseren Füßen, wir bauen uns ein Hüttchen wie früher– –«.

»Und ich bin wieder Deine kleine Squahw!« lachte fröhlich das liebliche Kind. Ja das Kind – aber die plötzlich erwachte Jungfrau erschrak über die ihren Lippen entflohenen Worte und die Hände vor das mit dunkelem Carmin überzogene Antlitz drückend, suchte sie leise sich George's Armen zu entwinden.

Die lieblichste der Blüthen, die auf Erden sprossen, das volle weibliche Herz hatte sich von der Liebe berührt erschlossen, und das edele Schamgefühl scheuchte das Mädchen aus dem Arme dessen, den ihr Herz fast noch unbewußt liebte.

All' die Räthsel ihres Innern waren plötzlich gelöst! Jetzt wußte Tojolah, was ihre Pulse rascher schlagen machte, was ihre Seele mit wunderlichem Gemisch von Leid und Glück erfüllt, die Liebe war es, die ihren Einzug in das unentweihte Herz des Naturkindes hielt, des einfachen Mädchens, das von keinem Moralprediger geleitet, frei und rein wie die Blume der Prairie aufgewachsen und nur die Ermahnungen und dürftigen Lehren von George's Mutter als Richtschnur gehabt, welches, von den rohesten Leidenschaften umgeben, doch das Zartgefühl des Weibes in des Wortes edelster Bedeutung besaß.

Doch Tojolah war nicht nur Weib, sie war auch Indianerin und in ihren Adern tobte dazu ein gutes Theil des glühenden mexicanischen Blutes – und als George wieder seinen Arm um sie schlang und sehnsüchtig ihren Namen rief, da sank sie hingebend an dessen treue Brust, und unter dem geheimnißvollen Rauschen der Blätter fanden sich ihre Lippen zum ersten, auf ewig bindenden Kuß.

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