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Die Gefangenen der Apachen. Zweiter Band

Paul Margot: Die Gefangenen der Apachen. Zweiter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Margot
titleDie Gefangenen der Apachen. Zweiter Band
publisherGrunow, Leipzig
year1868
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140410
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Schluß

Vier Wochen waren seit dem Friedensfest verflossen, als an derselben Stelle, an welcher William seine Marie zum ersten Mal gesehen, ein kleiner Reitertrupp von den Pferden sprang und sich anschickte ein leichtes Lager aufzuschlagen. Es waren George, William und Marie, welche im Begriff standen, ihre Reise nach New-Orleans anzutreten, und die von der Pantherkatze, dem Falken und eben jenen Kriegern bis hierher geleitet worden, welche vor Jahresfrist ihnen am nämlichen Ort zum ersten Mal begegnet waren. Nur Arrita fehlte in dem Kreis; sie war daheim geblieben in ihrem Dorfe, um Tojolah Gesellschaft zu leisten, welche nach einem ergreifenden Abschied die Wohnung des Renegaten bezogen, um als dessen Zögling daselbst zu bleiben, bis George im kommenden Frühjahr wiederkommen würde.

Auch Brown, die beiden Trapper welche mit Tojolah geflohen, sowie der Neger, sollten im Comantschen Dorfe zurückbleiben. William hatte dem treuen Burschen die Freiheit geschenkt und so ungern Bob seinen Herrn auch verließ, war er doch sehr befriedigt, jetzt als freier Gentleman, wie er sich ausdrückte, nicht den Ort wiedersehen zu müssen, wo er in so niedriger Stellung gelebt.

Obgleich man sich vorgenommen, hier eine zweitägige Rast zu halten, lastete doch auf Allen der bevorstehende Abschied so drückend, daß man beschloß, sich schon am nächsten Tage zu trennen.

Die Stunde des Abschieds war da, mit sichtlicher Rührung reichten die Comantschen und Trapper den Reisenden noch einmal die Hände, und als diese ihre Pferde bestiegen, schwang sich auch der Sachem auf seinen weißen Hengst.

»Will mein Bruder uns allein noch begleiten?« frug George einigermaßen erstaunt, als er sah, daß die Mustangs der übrigen Jäger frei herumweideten, und nur Bob sich anschickte, noch eine Strecke mitzureiten.

Ein stummes Neigen des federgeschmückten Kopfes war die einzige Antwort der Pantherkatze, doch als ihre Freunde mit den Zurückbleibenden den letzten Händedruck getauscht, als sie ihre Thiere in Gang gesetzt, sprach sie ernst:

»Dieser Felsenpaß ist die Grenze des Comantschengebietes; der Sachem wünscht nicht, daß seine Söhne ohne Grund die Länder der Weißen betreten. Die Pantherkatze aber will ihre Brüder bis zu den Stellen begleiten, wo der schwarze Mann den Comantschen-Sachem von dem grauen Bär befreite, wo seine weißen Brüder Arrita und den Knaben retteten. Er will diese ihm heiligen Plätze wiedersehen, um sich auf's Neue zu erinnern, daß er Euer ewiger Schuldner.«

»Ebenso großen Dank schulden wir Euch!« entgegnete Marie bewegt. »Euerem Beistande allein verdanken wir ja unser Glück!«

Doch der Comantsche schüttelte von Neuem das Haupt:

»Freunden zu helfen ist nicht schwer!« sprach der Brave. »Doch meine Brüder waren mir, waren Arrita fremd, und setzten dennoch das Leben kühn für unsere Rettung ein. Der Häuptling bleibt ihr Schuldner!«

Mit welchen Gefühlen die Reise fortgesetzt wurde, ist leicht zu denken. Fast jeder Ruheplatz bot irgend eine Erinnerung, so fand George's fabelhafter Spürsinn die Stelle, wo sie das erste Mahl mit der Pantherkatze eingenommen und dieser wiederum führte Marie nach dem Felsblock, von welchem herab William den grausen Kampf mit dem Grislybär bestanden, und zeigte dem jungen Mädchen die Krallenspuren des Unthieres in dem weichen Kreidefels. Von hier aus fing der Weg an zu steigen, und in kurzer Zeit erreichte man das kleine Plateau, auf dem Bob seine erste Heldenthat vollbracht, auf dem man den letzten Abschied nehmen wollte.

Stumm schüttelte man sich die Hände; von den Weißen war keiner im Stande ein Wort hervorzubringen, Bob brach sogar in ein sehr unkriegerisches Flennen aus, und nur die Pantherkatze rief den Scheidenden mit dumpfer Stimme nach:

»Wenn der Mond achtmal erloschen und sich achtmal wieder gerundet, erwartet Euch der Comantsche auf dieser Stelle! Euer Gott und der große Geist der rothen Männer schütze Euch vor jedem Unglück!«

Und während Bob von dem Pferde glitt und sich in's Gras kauerte, hielt der Indianer unbeweglich auf seinem Hengste und blickte sinnend den sich Entfernenden nach; er wußte ja, daß die Biegung des Weges sie noch einmal in seinen Gesichtskreis brachte. Viele, viele Minuten waren verflossen, doch, wie ein Bild aus Stein hielt Mann und Roß noch auf derselben Stelle; da erblickte die Pantherkatze ihre Freunde schon unten im Thal, zum letzten Mal hob sie grüßend die Hand, dann wandte sie und trat mit Bob schweigend den Rückweg an.

Nur begleitet von ihren treuen Hunden setzten die drei Weißen ihren Weg so eilig als möglich fort, und waren sie auch fest entschlossen, sich an der äußersten Grenze der Civilisation niederzulassen, so schlug ihr Herz doch höher, als sie von fern Austin gewahrten, als sie in dem kleinen, lebendigen Flecken die ersten Weißen wieder erblickten; doch die rohe Neugierde der Einwohner trübte diese Freude merklich, und nur aus Rücksicht für Marie wurde ein Rasttag gemacht. Die Städte auf ihrem ferneren Wege vermeidend, übernachteten sie stets auf einzelnen Farmen oder im offenen Walde. So durchzogen sie Texas, durchzogen Louisiana; doch immer rauher wurde die Luft, und als sie endlich am Ufer des Mississippi hielten, fiel das Laub von den Bäumen.

Nachdem sie über den mächtigen Strom gesetzt, erreichten sie das Städtchen Vicksburg, dort bei dem Friedensrichter war das Vermächtnis; für Marie deponirt, und ohne Weiterungen wurden ihr etwas über fünftausend Dollars ausgezahlt.

Mit so lebhafter Neugierde die drei Reisenden auch betrachtet wurden, deren wunderbare Schicksale die immergeschäftige Fama längst von Mund zu Mund getragen, so gern man ihren Schilderungen auch lauschte, so sahen doch William und George mit tiefem Schmerz, mit stiller Wuth die Verachtung, welche man gegen Marie, die Niggerdirne, zur Schau trug, und als endlich William mit ihr vor dem Friedensrichter getraut, wurde ihre Stellung in Vicksburg geradezu unhaltbar.

Doch die beiden Neuverbundenen verlangten ja nach keinem Menschen, in stillem Glück verflossen ihnen die Tage um so ungetrübter, da George den Hauptschreiern mit eindringlichen und schlagenden Gründen begreiflich gemacht, daß er durchaus keinen Spaß verstehe.

Glücklicherweise setzte das stürmische, regnerische Wetter in eine gleichmäßige Kälte um, und frohen Herzens bestiegen die drei Reisenden wieder ihre Pferde. Nach einem kurzen Aufenthalt in der seitwärts von Vicksburg gelegenen Farm, auf welcher Marie ihre Jugendzeit verlebt, schlugen sie den geradesten Weg nach Jackson ein. Daß sie sich dem Ziel ihrer Reise allmälig näherten, das bewiesen die sich in immer kleineren Zwischenräumen aneinander drängenden Plantagen, und eiliger ließen sie ihre Pferde austraben, um noch vor Abend das Städtchen zu erreichen. Endlich begegnete man einem Neger, der die ziemlich trostlose Aussicht stellte, daß Jackson noch immerhin eine halbe Tagereise entfernt sei; doch fügte der Wollkopf hinzu, daß die Reisenden sicher bei seinem Massa Aufnahme und Nachtquartier finden würden.

»So? Und wer ist denn dieser ungewöhnlich menschenfreundliche Massa?« frug George gleichgültig, doch schrack er tüchtig im Sattel zusammen, als der Neger grinzend antwortete:

»Der Doctor Millers, und dort sein seine Plantage!«

Hei! wie flogen da die drei Reiter nach der bezeichneten Gegend; bald hob sich ein freundliches, niedriges Haus aus den Baumgruppen, vor welchem sich ein gutgepflegter Garten ausbreitete, und da das Gitterthor weit offen stand, galoppirten die Reiter fröhlich auf das Haus zu.

»Na, das ist aber doch zu arg!« ließ sich plötzlich von der Veranda aus, welche das Haus umgab, eine kräftige Stimme hören, »wer, zum Teufels sprengt denn da so spät noch in mein Eigenthum?« und im nächsten Augenblick kam der Doctor Millers sehr entrüstet dahergeschritten. William sprang vom Pferd und schloß den erstaunten Alten so plötzlich und so kräftig in seine Arme, daß dieser kaum zu Athem kommen konnte, doch als er William, als er George endlich erkannte, wußte er sich vor Freude kaum zu lassen, auch Marie begrüßte er mit rührender Herzlichkeit.

»Nun aber in's Haus!« jubelte der Doctor, nachdem Pferde und Gepäck einem herbeigerufenen Schwarzen übergeben und die beiden Bluthunde sorgfältig eingesperrt waren.

»Noch einmal herzlich willkommen!« rief der kleine Doctor, als seine Gäste endlich in einem freundlichen Parlour Platz genommen. »Daß es mir wohl geht, das seht Ihr, und Euere sicher fabelhaften Erlebnisse, die müßt Ihr etwas später erzählen, denn Kinder, ich bekomme noch Gäste!«

»Aber Doctor!« begann George, doch rasch fiel ihm Millers, affectirte Würde heuchelnd, in's Wort:

»Junger Mann, Ihr scheint aus lauter Abers zusammengesetzt zu sein, als Ihr vor fast zwei Jahren schiedet, war Euer letztes Wort auch ein Aber, Rümpft nur nicht die Nase,« fuhr er lachend fort, als deutlich das Rollen eines Wagens erscholl, »meine Gäste werden Euch schon behagen!«

Unbändig war des kleinen Mannes Freude, als im nächsten Augenblick sein Freund Bill mit Frau und Kind eintraten und von George und William jubelnd begrüßt wurden.

Ein fröhlicheres Mahl hat sicher noch keinen Freundschaftskreis vereinigt, als das, welches Millers seinen Gästen auftischte. Die guten Speisen, die edelen Weine und das feine Gedeck zeigten deutlich, daß es dem Doctor in der That wohl gehe; am meisten für diese seine Behauptung sprach aber wohl sein joviales, gesundes Aussehen.

Von unendlich vielen Querfragen, von Ausrufen der Theilnahme, der Bewunderung unterbrochen, gab endlich George in seiner drastischen Weise ein oberflächliches Bild der Erlebnisse, und als er geendet, konnte sich keiner der Zuhörer der Thränen enthalten.

Der Doctor faßte sich zuerst, und die Hand auf George's Schulter legend, sprach er mit seinem alten Humor, welcher seltsam mit den noch feucht schimmernden Augen contrastirte:

»Junger Mann! wunderbar sind Euere Schicksale, und die Hand Gottes hat sichtlich über Euch gewaltet. Euch, lieber George, gebührt der Preis, denn Ihr habt Großes vollbracht, doch auch einen schweren Vorwurf, ein Verbrechen habt Ihr auf Euere Schultern geladen. Sagt! hättet Ihr denn nicht den Vorrath von Wein den Händen der sonst ganz achtungswerthen Comantschen entreißen können? Mein Herz blutet bei dem Gedanken an die Vernichtung des edelen Getränkes; hättet Ihr es irgendwo verborgen, bei Gott! ich würde dann nicht so taub gegen Bill's Bestürmungen sein!«

»Gegen was denn für Bestürmungen?« frug George, Millers scharf fixirend, doch fast ängstlich sich nach Bill umschauend, entgegnete jener:

»Um Gottes Willen, laßt das heute ruhen! Ich versichere Euch, der da macht mir so schon alle Tage den Kopf mit seinen Dummheiten warm!«

»Aber –«

»Nun ja!« eiferte der Doctor weiter. »Wenn Ihr wieder mit Euern Abers anfangt, dann ist's schon was werth! Wenn Ihr denn einmal so entsetzlich neugierig seid, will ich's Euch sagen!

»Seit etwa einem halben Jahre wimmelt's hier in der Umgegend dermaßen an Raufbolden und Spitzbuben, ist Mord und Todschlag so an der Tagesordnung, daß mir der Aufenthalt hier gänzlich verleitet wurde. Kurz und gut, ich habe meine Besitzung verkauft, gut verkauft, und den Tag nach dem Weihnachtsfest soll die Uebergabe stattfinden; kaum hört dies der Schlingel, der Bill, als er auch seine Farm veräußert, und nun liegt mir der Mann tagtäglich in den Ohren, um mich zu bewegen: auszuwandern. Was habe ich mir nun schon für Mühe gegeben, ihm den Unsinn auszureden! Alles vergebens. Ich habe Euch als abschreckendes Beispiel aufgestellt, denn ich glaubte Euch längst scalpirt. Bill ist aber störrischer als ein Maulthier, und die sonst so vernünftige Betsy ist bei Gott nicht viel besser. Ihr gebt mir doch zu,« wandte er sich an George, »daß es große Thorheit von mir wäre, mit meinen fünfzig Jahren noch unter die Wilden zu gehen?«

»Gewiß!« nickte dieser, nachdem er einen raschen Blick mit William getauscht.

»Freut mich, daß Ihr auch einmal meiner Ansicht seid!« schmunzelte Millers. »Seht Bill, ich habe es Euch immer gesagt, kommen die wirklich einmal zurück, dann bleiben die sicher unter anständigen Leuten wohnen und denken nicht mehr an's Auswandern!«

Und durch George's immer eifrigeres Kopfnicken ermuthigt, fuhr er wärmer fort:

»Ja, ja Bill, mit getäuschten Hoffnungen kehren unsere Freunde zurück; wäre es aber anders, dann, ja dann ging ich vielleicht in meinen alten Tagen auch noch auf die Suche nach Räubernestern und fabelhaften Weinlagern!«

»Ihr wollt doch nicht sagen, Doctor!« frug William, »daß Ihr Euere Freundschaft so weit treiben würdet, uns zu begleiten, wenn wir auswanderten, und hier zu bleiben, wenn wir es thäten?«

»Freilich will ich das!« schrie der Doctor, mit der Hand in komischem Zorne auf den Tisch schlagend.

»Na Freundchen, dann habt Ihr Euch gründlich verfahren!« lachte George.

»Wie so? was wollt Ihr damit sagen?«

»Nichts anderes«, fuhr jener fort, »als daß wir auf's Neue nach der Wildniß ziehen, sowie die Bäume nur eine Spur des Frühlings zeigen! Daß uns Bill begleitet, freut uns ungeheuer, daß Ihr aber mitgeht, Doctor, das setzt Allem die Krone auf!«

»Was, ich?« frug dieser, von seinem Stuhl emporspringend. »Ihr Otternbrut! Mit hinterlistigen Reden habt Ihr mich umgarnt, habt mir glauben machen, Ihr wollet als ehrbare Christenmenschen leben und spottet nun meiner? Doch, noch habt Ihr mich nicht. Mistreß Warren, nehmen Sie sich meiner an, stehen Sie mir altem Manne bei!«

Doch Marie zuckte die Achseln und meinte lachend:

»Sie gaben freiwillig das Versprechen, uns zu begleiten, wenn wir in die Ferne zögen, und müssen Ihr Wort nun wohl halten!«

»O, o!« rief der Doctor mit komischer Verzweiflung in der Stube umherrennend, »so jung, so schön und schon so verdorben?« Und plötzlich vor Marie stehen bleibend, fuhr er würdevoll fort:

»Um die feichsende Gesellschaft dort kümmere ich mich nun gar nicht, damit Sie junges, charmantes Frauchen aber nicht untergehen, damit Sie einen Schutz haben in so schlechter Gesellschaft, werde ich Sie begleiten, aber« –

»Halloh jetzt kommt er auch noch mit einem Aber!« lachte George.

»Aber« fuhr Millers unbekümmert fort, »dann müssen Sie mir für meinen väterlichen Schutz einen Kuß geben!«

»Sollt ihn haben Doctor!« rief William fröhlich, »sollt ihn haben, aber – erst an der Grenze des Comantschengebietes!«

Jubelnd umringten alle Anwesenden »den Auswanderer wider Willen« »das Opfer einer schmählichen Cabale,« wie er sich nannte und der Alte hatte Mühe den Tumult zu bekämpfen.

»Na Kinder, nun gebt Frieden!« rief er endlich, »ich illustrire eben das Sprichwort: Alter schützt vor Thorheit nicht! das ist Alles. Nun aber zu Bette, es ist bei Gott schon tiefe Nacht.«

Mit dem Besprechen ihrer Zukunft verstrich den Gästen auf Millers Plantage rasch die Zeit, und der Doctor, einmal überwunden, war nun selbst Feuer und Flammen für die abenteuerlichen Plane.

»Bin ich auch schon ein alter Knabe,« wiederholte er öfter, »so reite ich doch gern und gut und meine treue Büchse schießt selten fehl; übrigens,« meinte er, Marie freundlich den vollen Nacken klopfend, »ist der Arzt manchmal eine sehr nützliche Person!«

So kam Weihnacht heran und den Tag nach dem Feste übergab Millers die Plantage an den neuen Besitzer und strich schmunzelnd dafür ein nettes Häuflein blanker Dollars ein.

In dem Unions-Hotel zu Jackson, in dem die Gesellschaft Wohnung genommen, ließ es sich der Doctor nun vor Allem gelegen sein, William Rechnung über das geliehene Capital abzulegen. Das rauhe Wetter gestattete freilich nur selten die Zimmer zu verlassen, doch Niemand litt an Langerweile. William und der Doctor studirten fleißig ökonomische Werke, Marie und Bill's Frau saßen vor einem Berg von Leinwand und George und Bill streiften entweder trotz des abscheulichen Wetters in dem Wald umher, ließen die Pferde tüchtig laufen oder beaufsichtigten den Bau zweier großen, complicirten Wagen, zu denen der Doctor und William die Zeichnungen gemacht. Die weiter benöthigten Wagen, das Geschirr, Waffen, Munition, Ackergeräth und all die Kleinigkeiten, welche der Mensch für unentbehrlich hält, konnte man gut in St. Austin kaufen und zahlte man dort auch höhere Preise, hatte man dafür auch nicht den langen, beschwerlichen Transport.

So nahte der Februar, George und Bill versicherten immer öfter, es würde draußen schon unmenschlich warm und in der That strich die Luft belebender über die noch schlummernde Natur.

William aber wollte nicht scheiden, ehe er nicht noch einmal seine Vaterstadt besucht. Mit Marie eilte er auf einem der großen Mississippiböte nach New-Orleans, doch schwer gekränkt kehrte er nach Jackson zurück! Der würdige Rechtsanwalt Screw hat ihn mit ungewöhnlicher Freundlichkeit aufgenommen und ihn zu einer Abendgesellschaft eingeladen; aber als William im Verlauf der Schilderungen seiner Abenteuer arglos erwähnte, daß seine Frau aus schwarzem Blut stamme, – brach der Rechtsanwalt das Gespräch kurz ab; kaum in sein Hotel zu Marie zurückgekehrt, erhielt William ein Billet, in welchem der Mann des Rechtes bedauerte: in Folge einer unvorhergesehenen Reise des Vergnügens beraubt zu sein, ihn in seinem Haus zu sehen.

Knirschend warf der junge Mann den Brief in das Caminfeuer und Marie hatte doppelt Mühe den Erregten zu besänftigen, da dieser den Rechtsanwalt wenige Stunden später in einer Loge des Opernhauses erblickte.

Den anderen Morgen besuchte William noch einmal die Gräber seiner Eltern, zeigte Marie den Palast, in dem er geboren, den er hatte verlieren müssen, um draußen im fernen Lande an ihrer Seite ein schöneres, ein reineres Glück zu finden.

Die Kränkung, die der junge Mann in seinem angebeteten Weib erlitten, zerriß das letzte Band, welches ihn an die Civilisation gefesselt und nach Jackson zurückgekehrt, trieb er nun auch zum Aufbruch.

Anfang März waren denn auch alle Vorbereitungen getroffen; die Wagen, deren einer zum Aufenthalt und zum Schlafen für Marie und Betsy bestimmt, während der andere lauter Schubfächer enthielt, die freilich noch theilweise ihrer Füllung harrten, – die Wagen wurden jeder mit zwei kräftigen Pferden bespannt. Bill mit seinem Knaben bestieg den Bock des einen, während die Führung des andern einem Neger anvertraut wurde, von welchem der Doctor sich so wenig zu trennen vermochte, als von der schwarzen Dirne, die lachend und ihre großen weißen Zähne zeigend neben dem Führer Platz nahm.

Der Doctor, William und George schwangen sich in die Sättel, und ein inniges »Mit Gott« war das Signal zum Aufbruch. Lustig von den Hunden umsprungen zog die kleine Karavane genau denselben Weg, den vor zwei Jahren George und William geritten. In verhältnißmäßig kurzer Zeit erreichten die Wanderer wiederum St. Austin und während William und Bill die hier gekauften drei großen, mit je vier mächtigen Stieren bespannten Wagen mit all den Sachen bepackten, die sie nach ihrem Verzeichniß in den Magazinen St. Austin's erworben, sprengte George und der Doctor lustig dem Colorado stromauf. Am siebenten Tag ihrer eiligen Wanderschaft näherten sie sich endlich dem Ort, auf welchem einst die Pantherkatze Abschied genommen und eben sprach der Doctor wieder seine Befürchtung aus, daß der Herr Indianer wohl auf sich warten lassen würde, da noch wenige Tage am Mai fehlten, als George plötzlich einen gellenden Schrei ausstieß und wie der Sturmwind den schmalen Felspfad emporjagte.

Erschrocken hielt Millers sein Pferd an, das nicht übel Lust zeigte seinem toll dahinrasenden Gefährten zu folgen, doch ein Blick aufwärts, ließ auch den Doctor sein Thier in Galopp setzen, denn oben auf der steilen Höh' hielt vom vollen Sonnenschein umflossen die Pantherkatze.

Des Comantschensachem's scharfes Ohr hatte die Hufschläge im Thal gehört, er hatte seine Gefährten auf dem Plateau verlassen und war eine Strecke vorausgeritten, um zu sehen, ob die sehnlichst Erwarteten naheten.

Tiefe Rührung zitterte über sein broncenes Gesicht, als er George in seine Arme schloß, doch als Millers heransprengte und er sich, in dem Glauben es sei William, rasch nach dem Doctor wandte, prallte er vor der ihm fremden Gestalt zurück.

»Wo ist Dein weißer Bruder, wo ist das Mädchen mit goldenem Haar!« rief hastig die Pantherkatze und ihre Stimme zitterte vor Erregung.

»Beruhige Dich, mein Freund!« antwortete George herzlich »sie kommen nach, meine Ungeduld trieb mich ihnen voraus; doch wo ist Tojolah?«

»Sie harrt Deiner auf dem Plateau, wie ich Dir versprach!«

»Comantsche« begann George, nachdem er eine Zeit lang beide Hände auf das unruhig klopfende Herz gepreßt, »ich bringe hier einen lieben Freund, der nicht mehr von meiner Seite weichen wird, nimm ihn freundlich auf, es ist ein braver Mann!«

»Deine Freunde sind auch die meinen!« entgegnete die Pantherkatze und sich zu dem Doctor wendend, bot sie diesem beide Hände und sprach herzlich: »der bleiche Mann ist willkommen, der Comantsche ist sein Bruder!«

Eilig wurden nun wieder die Pferde bestiegen und eine halbe Stunde später lag George in Tojolah's Armen. Als der erste Sturm der Begrüßung sich gelegt, sprach George seine Verwunderung aus, daß nur der Häuptling und Tojolah anwesend seien, doch fast im gleichen Augenblick betrat, einen erlegten Welschen auf der Schulter, Bob das Plateau. Die Freude des treuen Burschen kam nur seinem Erstaunen gleich, den Doctor an diesem Ort anzutreffen.

Die Pantherkatze erzählte, daß bereits seit einer Woche an dem oberen Ausgang der Schlucht ein größeres Lager stehe und daß dort viele Comantschen sich aufhielten, die begierig seien, ihre Freunde wiederzusehen.

»Dort sind auch die drei Trapper!« fuhr der Häuptling lächelnd fort, »die wir Alle lieb gewonnen, dort ist auch Arrita, welche noch zu schwach, größere Ritte zu unternehmen!«

»Zu schwach?« frug George. »War Arrita krank?»

»Nein, nein!« antwortete lachend die Pantherkatze »sie wiegt nur ein ganz kleines Indianerkind in ihrem Arm, das sie mir geschenkt, um mich noch glücklicher zu machen!«

Zu des Comantschen unangenehmen Ueberraschung theilte ihm George mit, daß er des andern Tages mit Tojolah wieder nach St. Austin aufbrechen werde, um sich mit ihr dort trauen zu lassen. Der Doctor aber war durchaus nicht zu bewegen, den langen Ritt noch einmal zu machen, er erklärte als Geisel bei dem Häuptling bleiben zu wollen und erwarb sich durch diesen Entschluß dessen vollste Zuneigung, auch der Neger blieb zurück. Mit wie anderen Gefühlen nahm heut George von seinen Freunden Abschied, als vor einigen Monaten auf derselben Stelle. Nur Worte des Frohsinns ertönten, als er mit Tojolah zu Pferde stieg, ein lustiges »Auf Wiedersehen« und die Biegung des Weges entzog die beiden Reiter den Blicken ihrer Freunde. –

Glücklich erreichte das junge Paar St. Austin, von William und Marie auf das Herzlichste begrüßt; am selben Tag noch fand die Trauung George's und Tojolah's statt und drei Tage später brach die Caravane unter der Theilnahme der ganzen Bevölkerung auf. Leicht war es unter dieser zuverlässige Wagenführer auf kurze Zeit zu gewinnen und während die colossalen Stiere ihre Last langsam den breiten, aber längeren Weg im Thal fortschleppten, welchen Weg der größeren Sicherheit halber auch Bill einschlug, sprengte George und Tojolah, William und Marie auf dem kürzeren Felspfad dahin.

Vierzehn Tage nach dem Aufbruch aus St. Austin langten die Wagen wohlbehalten an jener Stelle an, wo einst der Mormone die Prairie betreten und wo schon seit einigen Tagen der Doctor und die Pantherkatze mit den beiden jungen Paaren eingetroffen war.

Die Wagenführer machten gar große Augen, als sie das Lager von wenigstens hundert Comantschen erblickten, als sie sahen, mit welcher Liebe die Auswanderer aufgenommen wurden, und nach St. Austin reichbeschenkt zurückgekehrt, erzählten sie noch lange von dem überraschenden Bild, das sich ihnen geboten, von dem mächtigen Häuptling und seiner schönen Squahw, von den wilden Reitern und der ehrfurchtgebietenden Erscheinung des alten Renegaten. –

Acht Tage wurde in dem Lager gerastet, dann brachen die Pantherkatze und der Vater den Comantschen mit George, William, dem Doctor, Bill, den drei Trappern und den beiden Negern auf, um ihren Freunden die drei Stellen zu zeigen, die sie am geeignetsten für eine Ansiedelung hielten.

Da wo der Rio Grande del Norte aus New-Mexico kommend, als Grenzmarke zwischen der mexikanischen Republik und Texas seine klaren Fluthen nach dem Meere wälzt, wo hohe dichtbewaldete Hügelketten nach Nord und West sich ausstreckten, während nach Süd und Nord sich weite lachende Prairien ausdehnten, da beschlossen sich die Auswanderer niederzulassen.

Die Pantherkatze und der Renegat stimmten freudig diesem Vorsatz bei, denn von all den besichtigten Stellen lag dieser Platz ihrem Dorf am wenigsten fern.

Mehrere Tage widmeten die Männer der Umgebung eine genaue Untersuchung, doch klimatische wie landwirthschaftliche Verhältnisse erwiesen sich ihrem Unternehmen durchaus günstig. Der Platz war so unendlich schön, daß eben nur die Furcht vor Apachen und Comantschen, deren Gebiet sich hier berührte, das Fehlen jeder Ansiedelung erklärlich machte. Unsere Freunde aber schreckte nicht die Nähe der Indianer, sie hatten die rothen Männer lieben und schätzen gelernt. –

Wenige Wochen später bot der so friedlich stille Ort, ein Bild der lebendigsten Thätigkeit. Auf der Prairie dehnte sich das Lager der Comantschen, welche ihre Freunde hierher begleitet hatten. In dem Wald krachten die Büchsen der Jäger, schallten die kräftigen Axtschläge der rothen Männer und wie durch Zauber erstanden von einer starken Pallisadenwand umgeben vier große, geräumige Blockhäuser. Erst als diese standen, wurde das Indianerlager abgebrochen und nach wahrhaft herzlichen Abschied schieden die Indianer, auch der Häuptling und Arrita kehrten in ihr Dorf zurück. Der Renegat aber blieb noch viele Wochen in der neuen Niederlassung, die täglich mehr emporblühte. Auch Brown und die beiden Trapper nahmen George's Vorschlag an, sich bei ihnen niederzulassen.

Auf dem Rio Grande wurden aus dem Städtchen Puso del Norte einfache Möbel, Hausgeräth und Sämereien herbeigeschafft, während die Indianer edele Zuchtstuten lieferten und überhaupt Alles aufboten, das Leben der Ansiedler zu erleichtern, wie denn auch ein steter Verkehr mit diesen und dem Comantschendorf eintrat und die Freundschaft, welche aus den zusammen bestandenen Gefahren entsprungen, sich immer mehr und mehr befestigte.

Das freie, ungebundene und doch so thätige Leben auf der Ansiedlung hatte auf all deren Bewohner den wohlthätigsten Einfluß; die großen Arbeitskräfte gewannen dem jungfräulichen Boden bald weite Felderstrecken ab und Gottes Segen ruhte sichtlich auf der einsamen Hacienda, welche gar oft die Pantherkatze und Arrita, den Renegaten oder einen der Comantschen als Gäste beherbergte.

Ungetrübter Frieden lag wieder auf der weiten blumengeschmückten Prairie, das Kriegsbeil war vergraben, noch lange aber sprachen die rothen Jäger an ihren einsamen Lagerfeuern von den wunderbaren Schicksalen »der Gefangenen der Apachen!«

 

Ende

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