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Die Gefangenen der Apachen. Zweiter Band

Paul Margot: Die Gefangenen der Apachen. Zweiter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Margot
titleDie Gefangenen der Apachen. Zweiter Band
publisherGrunow, Leipzig
year1868
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140410
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Eilftes Kapitel

Williams Auszug. – Das Wiedersehen. – George und Tojolah. – Der Renegat. – Das Friedensfest.

Die Festlichkeiten, welche zu Ehren der heimgekehrten Sieger im Dorfe der Pantherkatze stattgefunden, waren beendet; das gleichförmige indianische Leben begann wieder an die Stelle der wilden Aufregung zu treten, die nun schon so lange die Ruhe aus dem friedlichen Dorfe verscheucht; nur die Prairie jenseits des Flusses trug noch ein Zeichen des kriegerischen Lebens, denn dort lagerten fünfzig wilde Comantschenreiter aus einem der Nachbardörfer, welche William für einen Zug gewonnen.

Als der junge Mann mit dem Sachem einzog in das festlich geschmückte Dorf, da hatte er sicher gehofft Marie und seinen treuen Freund George zu finden; die abermalige Täuschung aber hatte seinen Lebensmuth gebrochen und rüttelte bereits an seinem Gottvertrauen. Mit neidischem Blick staute er auf die armen Indianer, denen Jedem sich liebende Arme entgegenstreckten; der wilde Jubel, die geräuschvollen Feste der ob ihrer Heimkehr Ueberglücklichen fanden keinen Wiederhall in seinem sonst so leicht beweglichen, teilnahmsvollen Herzen. Stundenlang schweifte er allein in der Umgegend herum, selbst die Begleitung des treuen Negers wies er halsstarrig zurück. Nur die Abendmahlzeit nahm er regelmäßig in der Behausung der Pantherkatze, wo auch Tojolah ihren Aufenthalt genommen, doch das stille Glück des edelen Indianerpaares öffnete nur aufs Neue die Wunde in seiner Brust.

So gerne der alte Renegat sich Williams annahm, war er doch – als Vater der Comantschen – in den Tagen des Festes zu sehr mit seinen rothen Kindern beschäftigt, als daß er längere Zeit mit William hätte beisammen sein können, da dieser hartnäckig die Festlichkeiten mied. Endlich waren diese beendet, die Comantschen aus den Nachbardörfern schickten sich an, das gastliche Dorf ihrer Vettern zu verlassen, als William kurz vor der Abreise der wilden Reiter deren Lager aufsuchte.

Mit kurzen Worten forderte er von dem Führer der Schaar fünfzig Krieger gegen eine bestimmte Vergütung, da er gesonnen sei, das räthselhafte Ausbleiben der Comantschen unter des Falken Führung zu ergründen. Der Muth des jungen Mannes, so wie die Freundschaft, welche ihm der Sachem erwies, mochte die Indianer in gleichem Grade bestimmen, seinen Wünschen zu willfahren und während das Hauptcorps den Heimweg antrat, stellten sich fünfzig gut berittene, kräftige Burschen zu seiner Verfügung.

Innerlich frohlockend, daß er nun nicht in stumpfer Unthätigkeit den Lauf der kommenden Tage zu erwarten brauche, eilte William nach dem Wigwam der Pantherkatze; erst als er vor dem rothen Freund stand, überschlich ihn ein unbehagliches Gefühl, daß er vielleicht durch sein eigenmächtiges Handeln den Sachem verletzen könne.

»Uah! Mein Bruder ist doppelt willkommen,« sprach der Indianer mit seiner tiefen, sonoren Stimme, während ein verschmitztes Lächeln über seine bronzenen Züge schoß, »doppelt willkommen, da die Wolken des Trübsinn's von seiner Stirn gewichen und das Auge neu belebt blitzt!«

»Ja! Häuptling, –« antwortete William halb verlegen. »Ihr habt Recht! Meine alte Energie überwand endlich die Schlaffheit des Geistes, und so will ich denn auch nicht länger mehr müßig herumschlendern, sondern mein Schärflein beitragen, die arme Marie zu befreien!«

»Mein Bruder spreche deutlicher!«

»Ich werde morgen« – fuhr William entschlossener fort – »aufbrechen und suchen die Schaar des Falken aufzuspüren und dann mich ihm anschließen!«

»Es ist gut!« entgegnete gelassen der Häuptling, »ich werde meinen Bruder begleiten! Wann gedenkt er seine Wanderung zu beginnen?«

Des Comantschen großmüthiges, so einfach und schlicht gegebenes Anerbieten machte William vollends verwirrt; mit ziemlich verblüffter Miene starrte er ins Blaue, bis sich eine weiche Hand auf seine Schulter legte und Arrita's silberhelles Lachen ihm den Rest seiner Besonnenheit raubte.

»Mein weißer Bruder ist verliebt!« flüsterte fröhlich die schöne Indianerin »er sieht nicht – daß der Sachem mit ihm spielt!«

»In der That!« fiel die Pantherkatze ein. »Deine klaren Augen haben ihre Schärfe verloren. Du meinst Niemand hätte Deinen Schmerz erkannt, keiner Deiner Freunde hätte mit Dir gelitten. Und doch hat Dein Gram die reine Freude unseres Festes getrübt; manch teilnehmender Blick fiel auf Deine finsteren Züge, Du hast dies nicht gesehen, weil Dein Auge nur in der Ferne schweifte. Die Augen der Pantherkatze aber waren offen; der Sachem sah, daß seine Vorstellungen keinen Glauben bei Dir fanden; er sah, daß die Trostworte des Vaters der Comantschen nicht im Stande waren Dich aufzurichten und merkte nur zu gut, daß Dir die aufgezwungene Unthätigkeit lästig wurde. Mein weißer Bruder ist ein tapferer Krieger, jeder der Comantschen würde freudig seinem Rufe folgen, denn die rothen Männer lieben ihn. Mein Bruder ist auch klug, er weiß was er thut, er hat sich seine Begleiter selbst gewählt und will auf's Neue den Kriegspfad betreten! – Es ist gut – soll der Sachem Dich begleiten?«

»Nein, nein!« rief William hastig. »Es wäre Frevel. Dich mein wackerer Freund aus Deinem Glücke zu reißen. Doch sage mir, wie war es möglich, daß Du Kenntniß von meinem Unternehmen erhieltest?«

»Uah!« lachte der Indianer – »die Comantschen sind Brüder, sie haben keine Geheimnisse vor einander. Die Pantherkatze aber ist der Kriegshäuptling; zu jedem Unternehmen muß er seine Einwilligung geben, und ehe Du wußtest, ob Deine Begleiter Dir folgen würden – erfuhr ich Dein Vorhaben!«

»Und zürnst Du mir?« frug William herzlich. »Bist Du verletzt, daß ich eigenmächtig handelte?«

»Wir sind Brüder!« entgegnete der Comantsche. »Es ist unmöglich, daß sich ein Schatten zwischen unsere Herzen drängt und was Du thust, ist gut. Doch sprich; soll der Sachem Dich begleiten?«

Trotzdem der Häuptling sicher im Ernst das Anerbieten gemacht, schien er doch sehr zufrieden, daß William dasselbe durchaus ablehnte; und als dieser endlich Abschied nahm, gab er ihm noch das Geleite bis zu dem Lagerplatz des Reitertrupps. Nachdem der Sachem längere Zeit mit den Comantschen in seinem Idiom gesprochen, reichte er William die Hand.

»Leb wohl mein Bruder!« sprach er – »ich habe Deinen Wunsch erfüllt, weil ich weiß, wie hart die Unthätigkeit drückt; Dein Ausflug wird Dich zerstreuen, habe aber Augen und Ohren offen, daß Du nicht an denen vorbeiziehst, die Du aufsuchen willst. Dem Vater der Comantschen werde ich Deine Grüße bringen – leb wohl!«

Als der Häuptling sich entfernt, stiegen in dem jungen Mann neue Zweifel auf. Es war nur zu leicht möglich, daß er wirklich die Schaar des Falken, die befreite Marie, auf der weiten, pfadlosen Prairie verfehlen konnte. Doch Brown, welcher ihn begleiten wollte, versicherte, daß dies gar nicht möglich sei; er behauptete genau die Richtung des Räuberlagers zu kennen und rieth nur: einige der scharfsichtigen Comantschenreiter über die Prairie zerstreut, als Späher voraus zusenden. Diesem Plan stimmte William bei und so zeitig brach der Reitertrupp den nächsten Tag auf, daß noch Alles im Dorfe schlummerte.

Wie verabredet, schwärmten acht der Comantschen in weiten Zwischenräumen über die Prairie, und da man in der That die gradeste Richtung nach dem Aufenthaltsort der Räuber eingeschlagen, war es nicht gut möglich, die Schaar des Falken zu verfehlen, sollte diese wirklich auf dem Heimweg begriffen sein. Eilig galoppirten die muthigen Pferde dahin und Brown sowohl als der Neger bemerkten mit Vergnügen, daß William immer mehr auflebte, sich immer straffer auf seinem Rappen aufrichtete. Erst als die Sonne gar zu heiß herabbrannte wurde den schweißtriefenden Pferden eine anderthalbstündige Rast gegönnt, dann ging es wieder unaufhaltsam weiter. Die Schatten der Reiter wurden länger und länger, die Sonne ging zu Rüste und die Pferde zeigten deutliche Merkmale von Ermattung, die Comantschen aber schwangen die schweren Peitschen über die treuen Thiere und trieben sie zu erneuter Eile, weil sie behaupteten, eine gute englische Meile entfernt sei ein kleines Gebüsch, das ihnen Lagerholz und Wasser böte. Näher und näher kam man dem ersehnten Ruheplatz, doch die Comantschen hielten plötzlich ihre Mustangs an, da ihre scharfen Augen, in eben diesem Wäldchen den Schein eines Lagerfeuers entdeckt. Augenblicklich sprangen die Späher von den Sätteln und krochen im hohen Gras davon, um zu erkunden, wer den erwählten Lagerplatz bereits in Beschlag genommen. Eine lange halbe Stunde verstrich, ängstlich klopfte Williams Herz, als endlich einer der Späher in flüchtigem Lauf zurückkehrte. Schon von Weitem schrie und gestikulirte er, doch Niemand war im Stande den rothen Burschen zu verstehen; von geheimer Ahnung getrieben, setzte William sein Pferd in Gang, wenige Schritte desselben brachten ihn so weit, daß er wenigstens einige Worte verstehen konnte, ja nur einige Worte:

»Comantschen – der Falke – der weiße Jäger – das bleiche Mädchen mit dem goldnen Haar!«

Laut auf jauchzte William in namenlosem Entzücken, dann bohrte er dem treuen Hengst die Hacken in die Flanken, dahin brauste das edele Thier, als verstünde es die Ungeduld seines Herrn und ließ in wenig Secunden Williams Reiter, die ihre Pferde ebenfalls in Galopp gesetzt, weit hinter sich zurück.

Bald erkannte William die schattenhaften Umrisse der Gebüschgruppen, heller winkte das Feuer, das sie umschlossen, deutlicher traten die dunkelen Gestalten hervor, die ihn in wenig Secunden mit dem Schlachtschrei der Comantschen bewillkommneten und heftiger preßte er die Knie an das pfeilschnell dahinfliegende Roß.

Jetzt hatte William den Rand des Gehölzes erreicht, er sprang vom dampfenden Pferd, da schlug die süße, vor Bewegung zitternde Stimme der Geliebten an sein Ohr.

»Marie, Marie!« stieß William mühsam aus gepreßter Brust hervor, dann stürmte er der Gestalt entgegen, die mit offenen Armen auf ihn zu eilte. Er sah nicht die fremde, indianische Kleidung, er sah nur das liebe, von goldnen Locken umrahmte Gesicht und schloß im nächsten Augenblick die endlich Wiedergefundene freudezitternd in seine Arme, bedeckte den lieben, süßen Mund mit heißen Küssen.

»Marie! liebe, liebe Marie!« – »William, mein William!« das waren die einzigen Laute, die ihren Lippen entschlüpften; das Uebermaaß ihrer Seligkeit verdrängte jedes fernere Wort, doch ihre glücklichen Gesichtszüge, ihre von Freudenthränen verschleierten Augen erzählten von der Wonne, die ihre Brust erfüllte.

George hatte eine kaum weniger herzliche, aber bedeutend stürmischere Wiedersehnsscene zu bestehen, denn kaum hatten Trust und Diana in ihrer Freude sich die erdenklichste Mühe gegeben, ihrem alten Herrn wenigstens die Kleider vom Leibe zu reißen, als auch Brown und der Neger, nach ihrer Weise sicher sehr liebreich, den jungen Mann bewillkommneten.

»So das thut's nun!« sprach endlich George tiefaufathmend, die beiden treuen Burschen, ohne Ansehen der Hautfarbe noch einmal an seine Brust drückend. »Es ist hübsch von Euch, mich so warm zu begrüßen, aber, ganz müßt ihr mir die Luft nicht auspressen, denn«, fuhr er mit erhobener Stimme fort, »vielleicht findet noch Jemand Anderes Zeit, mir wenigstens 'n Mal 'guten Abend' zu sagen!«

Die absichtlich überlaut gesprochenen Worte schreckten William aus seinem stillen Liebestraum; augenblicklich ließ er Marie aus seinen Armen, eilte auf George zu und ihm beide Hände auf die Schulter legend, gab er sich die unmenschlichste Mühe das Dankgefühl seiner Brust in Worten auszudrücken, doch die Kehle war ihm wie zugeschnürt und schweigend zog er den treuesten Freund an sein Herz. Lange hielten die beiden Männer sich umschlungen, ehe William nur flüstern konnte:

»Ah, George! Ich bin unendlich glücklich, und dieses Glück dank ich nächst Gott, Dir!«

»Schön!« brummte George, sich mit sonderbarem Eifer die Augen reibend; »ich glaube gar, wir wollen Beide flennen. Was hast Du mir auch zu danken? Nichts! Ich that meine Pflicht als Freund, wie Du an meiner Stelle auch gethan hättest, doch vor allen Dingen, wo ist Tojolah?«

»Wohlbehalten im Comantschendorf!«

Ein tiefer Seufzer der Erleichterung schwellte die Brust des wackeren Jägers, dann fuhr er mit sehr erzwungener Fassung fort:

»Du hast mir nichts zu danken. Freund Willy! Aber dort, der Falke, dem kannst Du danken, der hat Deine Marie mit einer Verwegenheit befreit, die jeder Beschreibung spottet, den Comantschen allen danke, sie haben die Freundschaft zu Dir mit ihrem Blute besiegelt!«

Als William den rothen Kriegern seinen Dank gezollt und sich längst wieder neben seiner Marie an einem heimlichen Plätzchen niedergelassen, machte der Falke den Vorschlag, William solle seine Erlebnisse, und nachdem George die seinen erzählen.

Doch schüttelte letzterer energisch das Haupt und sagte, auf das kosende Paar deutend:

»Es wäre ein Verbrechen, wollten wir Die stören; ich versichere Euch, Willy hört auch gewiß die Erlebnisse des Mädchens lieber von deren Lippen erzählen, als von den meinen, wenn ich auch die Ueberzeugung hege, daß er am Ende so verdreht sein wird, daß wir Mühe haben werden, ihm den Verlauf unserer Abenteuer klar zu machen; und hegt Ihr Verlangen, die Schicksale Euerer Brüder kennen zu lernen, well, so wird Euch Brown gern diese Gefälligkeit erweisen und Euch sicher ein weit übersichtlicheres Bild geben, als dies William, bei seinem sehr getheilten Interesse, im Stande wäre!«

Während William und Marie ihr angelegentliches Flüstern fortsetzten, hatten sich die Comantschen des Falken um den Trapper gesammelt und lauschten gespannt dessen lebendiger Schilderung. Doch kleiner und kleiner wurde der Kreis der Zuhörer, bald wickelte sich auch der Erzähler in seine Wollendecke und nur noch der Falke und George saßen aufrecht am Lagerfeuer. Der Comantsche sah sinnend in die Gluth, er erwog sicherlich im Geist den Muth, die Ausdauer und die Erfolge der verschiedenen Unternehmungen, und daß er mit dem seinen wohl zufrieden sei, das bewies das flüchtige Lächeln, als sein Auge die seitwärts aufgestapelten Schätze überflog, die als Beute erobert waren, das bewies der sprechende Blick, den er nach jener Gegend warf, wo in inniger Umarmung Marie und William ruhten.

Auch George hatte unverwandt nach jenem Punkt gesehen, der augenscheinlich verschiedentliche Gedanken in ihm erweckte, denn er brummte Allerlei von – Alleinsein – Wiedersehn – und auch überraschen können – in den Bart; endlich aber schien er mit einem Entschlüsse fertig zu sein, entschlossen rückte er näher zu dem Falken und begann mit scheinbarer Gleichgültigkeit, aber sorgfältig vermeidend den dunkelen Augen des Angeredeten zu begegnen:

»Es wird einige Erregung geben, wenn wir morgen in Euer Dorf einziehen!«

»Ja, die Freude der Comantschen wird groß sein!«

»Hei, es wäre aber doch verteufelt,« sprach George nach einer Pause weiter, »wenn die Pantherkatze mit einem Theil der Krieger auf die Jagd gezogen wäre; die Freude des Wiedersehens wäre dann wieder gespalten, wir hätten heute Abend einen Eilboten absenden sollen, der unsere Ankunft verkündete!«

Ein erstauntes »Hugh« war des Falken einzige Antwort; George aber, nachdem er mit ungewöhnlichem Interesse die defecte Sohle seines Mokkassins betrachtet, fuhr wärmer fort:

»In der That, Falke! der Gedanke peinigt mich immer mehr; ich werde Euch was sagen, ich will den Boten abgeben! Die Nacht ist kühl und hell, zum Schlafen bin ich zu aufgeregt, ich werde reiten!«

Bei diesem etwas sonderbaren Vorschlag zuckte der Falke in die Höhe und blickte mit weit aufgerissenen Augen auf seinen weißen Freund; plötzlich aber schwand das Starre seiner Gesichtszüge und machte einem hellen, verschmitzten Lächeln Platz, dann sprach er kopfnickend:

»Es ist gut, mein weißer Bruder wird reiten, der Weg ist nicht zu verfehlen. Das Apachenpferd das er gefangen, ist schnell, und würde jeden der Mustangs mit geschlitzten Ohren Das Zeichen der Comantschenpferde. weit hinter sich zurücklassen, er nehme aber wenigstens seine Hunde mit; mit diesen wird die stille Prairie keine Gefahr für den tapferen Jäger haben!«

Mit wunderbarer Schnelle sprang George in die Höhe, reichte flüchtig dem Comantschen die Hand, dann eilte er zu seinem Pferd, im Nu lag der Sattel auf dessen glattem Rücken, die Büchse in der Hand schwang sich George auf und gefolgt von Diana und Trust ritt er vorsichtig, die Schläfer nicht zu wecken, in's Freie, dort aber setzte er seinen keinen flinken Hengst in Trab, der Trab wurde zum Galopp und bald flog er wie ein Schatten über das thauige Gras.

Das Pferd, welches George einst erbeutet, war wirklich ein vorzüglicher Renner, von unvergleichlicher Geschwindigkeit und Ausdauer, das bewies es auch bei diesem wilden Nachtritt. William hatte mit seiner Schaar, abgerechnet der Mittagsrast, vierzehn Stunden gebraucht, das Gehölz zu erreichen, in welchem er Marie wiederfand; George legte denselben Weg in zehn Stunden zurück, sodaß er etwa um die neunte Morgenstunde des Comantschendorfes ansichtig wurde, das er, ohne je diesen Weg gewandelt zu sein, mit seiner wunderbaren Orientirungsgabe gefunden; kaum eine halbe Stunde später sprang er auf dem Berathungsplatz von seinem erschöpften Thiere in dem Augenblick herab, als die Pantherkatze aus ihrem Wigwam trat.

»Uah!« schrie der Häuptling erstaunt, »mein Bruder! wo kommst Du her?« Und als George mit fröhlichem Ruf auf ihn zu eilte, öffnete er die Arme, um den Weißen an seine Brust zu drücken.

Doch der Sachem griff in die leere Luft, wie ein Pfeil schoß George unter den erhobenen Armen weg, und als die Pantherkatze sich darob erstaunt wandte, erblickte sie Tojolah in der stürmischen Umarmung ihres Freundes.

George's Freude äußerte sich allerdings auf ganz andere Weise, als die Williams; des Ersteren Wesen war nicht gedrückt und geschoben worden durch die oft so lästigen Formen der höheren Gesellschaft, ihm war es stets vergönnt gewesen, sich so zu geben, wie es ihm ums Herz war, und da seine Stimmung in diesem Augenblick gerade eine ungemein lustige, so umhalste er bald Tojolah, bald den Häuptling und Arrita, bald tanzte er mit deren Knaben in dem kleinen Gemach toll umher. Es verstrich eine geraume Zeit, ehe George wieder etwas zu sich selbst kam und den Fragen, mit denen man ihn bestürmte eine leidliche Antwort geben konnte; doch nach und nach legte sich der Sturm, Tojolah im Arm, erzählte er seine Erlebnisse, um darnach mit eben der Aufmerksamkeit, die man ihm gezollt, den farbenreichen Schilderungen des Sachem's und Tojolah's zu lauschen.

George's Rückkehr war natürlich im Dorfe bekannt geworden, und während man eifrig beschäftigt war, für den morgenden Tag, an dem die noch Fernen erwartet wurden, festliche Vorkehrungen zu treffen, hatte er genügend Gelegenheit, sich von der Liebe zu überzeugen, die man für ihn hegte; doch, je mehr der Tag sich neigte, desto mehr schien eine unerklärliche Unruhe in seiner Brust zu wachsen.

Mit sichtlichem Verdruß hatte George gehört, daß der Renegat in einem der Nachbardörfer zu Besuch sei, doch daß er auch gewiß noch heute heimkehren würde; je schräger nun die Sonnenstrahlen auf das freundliche Indianerdorf herabfielen, desto ungeduldiger blickte George nach der Gegend, von welcher der Greis kommen mußte. Endlich sah er auf der Prairie einen kleinen Reitertrupp auftauchen und bald erkannten seine scharfen Augen unter diesem den Erwarteten an dem langen weißen Bart. George geleitete nun Tojolah, welche den ganzen Tag noch nicht von seiner Seite gewichen war, nach dem Wigwam der Pantherkatze, nahm von ihr Abschied und schritt nun der Wohnung des Renegaten zu, welcher dieselbe bereits aufgesucht hatte.

Wenige Augenblicke später stand der junge Mann vor der ehrfurchtgebietenden Gestalt des Greises, der die ihm noch fremde Erscheinung mit forschendem Blicke maß; doch die Herzensgüte, der Seelenadel, welcher aus jedem Zuge George's sprach, sein offenes, gebräuntes Gesicht, seine selbstbewußte und dennoch bescheidene Haltung sagten dem alten Mann genug, dessen bewegtes Leben ihn zu einem tiefen Menschenkenner gemacht.

Mit gewinnendem Lächeln bot er seinem Besuch die Hand und George zu einem Sitz geleitend, sprach er:

»Wenn meine Ahnung mich nicht täuscht, so sind Sie der kühne Trapper, den die Comantschen das muthigste Herz und den treuesten Freund nennen; Sie sind George?«

Eine stumme Verneigung war dessen einzige Antwort.

»Dann mein junger Freund,« fuhr der Renegat fort »dann lassen Sie sich an diese alte Brust drücken. Ich bin zu glücklich, in meinen alten Tagen einen Menschen zu sehen, den ich lieb gewann, ehe meine Äugen ihn erblickt, den ich geachtet, nachdem ich nur Weniges, von ihm gehört. Wollen sie mir aber eine rechte Freude bereiten, so erzählen Sie mir kurz Ihre letzten Schicksale.«

Nachdem sich George von seiner Verlegenheit über den so warmen Empfang etwas erholt, willfahrtete er bereitwillig dem Wunsch des Renegaten. In schlichten Worten gab er dem aufmerksamen Lauschenden ein treues Bild seiner Abenteuer.

Der Vater der Comantschen hatte immer mehr Mühe gehabt sein Erstaunen zu bemeistern; mit aufrichtiger Bewunderung blickte er auf den jungen Mann, dessen Muth, Gewandtheit und Energie so gefährliche Wagnisse bestanden; doch auch dem edelen Herzen, der wackeren Gesinnung, die aus jedem Worte George's sprach, zollte der würdige Greis eine Hochachtung, welche er nicht zu unterdrücken vermochte, als Jener geendet.

»Mein junger Freund!« begann der Renegat. »Sie meinten vorhin, Sie hätten gar viele Jahre Ihres Leben dahinstreichen sehen, ohne daß ein einziger Freund an Ihrer Seite gestanden; das mag wahr sein, ebensowahr ist aber auch, daß Sie durch Ihre Aufopferung, durch die Vorzüge Ihres Herzens sich in der kurzen Zeit, seit Sie die Prairie wieder betreten, einen ganzen Stamm zum Freund gemacht haben. Können meine Comantschen sich auch an Bildung und Geist nicht mit den Weißen messen, so übertreffen sie diese doch sicher an Treue. Als der Falke in unser Dorf kam und die erste Kunde von Ihnen brachte, sprach man schon von Ihnen als einem großen Krieger, als die Pantherkatze von ihrem Siegeszug heimkehrte, mit ihm Tojolah und William, als da Ihre Verwegenheit, Ihre Treue bekannt wurde, war Ihr Name in Aller Mund; werden meine rothen Söhne aber gar den letzten Theil Ihrer Erlebnisse hören, so dürfen Sie dreist behaupten, daß jedes Glied des Stammes, von mir altem Manne ab, bis zum jüngsten Buben, Ihr Freund, Ihr treuer Freund!«

»Mein Vater, Sie beschämen mich!« stammelte George verwirrt, als ihn der Greis mit sichtlicher Rührung in seine Arme schloß. »Ich weiß ja nicht, was Rühmenswerthes an meinen Handlungen ist. Den Muth betrachte ich als eine herrliche Gabe Gottes, und was ich sonst that – ich versichere Sie, ich wäre nicht im Stande die leitenden Beweggründe zu nennen; ich folgte einem inneren Drange, über den ich mir niemals Rechenschaft gab!«

»Das eben ist es, das Sie hoch über die gewöhnlichen Abenteurer hebt!« rief flammend der Renegat, »nicht der Durst nach Ehre, Ruhm und Gewinn leitete Ihre Schritte, es war das Herz. Sie haben keine Schule besucht, nur die Mutter hat Ihnen gelehrt, was gut und schlecht und doch, zeigen Sie mir einen Sohn, der so gut, so brav wie Sie, zeigen Sie mir einen Freund, der gleich Ihnen so treu und aufopfernd.«

»Wie viele Tausende von Menschen nennen sich Christ, nennen sich religiös, wer aber wollte sich Ihnen an die Seite stellen? Nicht die Wissenschaft, nicht die langjährige Erfahrung war Ihre Lehrmeisterin, sondern Ihr braves Herz, das in dem großen Buche der Natur Gottes Gebot des Menschseins eingesogen. Gar viele, viele Jahre sind über meinem Haupt dahingezogen, gar vielen wackeren, braven Menschen bin ich begegnet unter den Massen von Schurken und Heuchlern; Keinem aber habe ich mit der Herzlichkeit und Liebe die Hand zur Freundschaft angeboten, wie Ihnen, vor Keinem habe ich mich mit der Achtung gebeugt, wie ich dies jetzt mit meinem schneebedeckten Haupte vor Ihnen thue!«

Eine lange, innige Umarmung folgte den exaltirten Worten des Renegaten und mehrere Minuten verstrichen, ehe George im Stande war, seine Bewegung niederzukämpfen.

»Mein Vater!« erwiederte er endlich, »Ihre Worte haben mir unendlich wohl gethan. Die mir gebotene Freundschaft nehme ich freudig, dankerfülltem Herzens an und Ihr Wohlwollen giebt mir den Muth, bei Ihnen Rath's zu erholen, um den Zwiespalt meiner Seele zu schlichten; mit diesem Wunsch betrat ich Ihr Wigwam, Sie würden mich glücklich machen, wollten Sie mir Ihre Aufmerksamkeit auf kurze Zeit schenken!«

»Gern, gern, mein junger Freund!« antwortete lebhaft der Renegat, »es würde mich freuen, könnte ich Ihnen mit meinen Erfahrungen nützlich sein!«

»Ehe ich dieses Dorf betrat,« begann George, »ehe ich Sie noch kannte, wunderte ich mich über die Stellung, die Sie hier einnehmen; nach und nach erfuhr ich freilich, daß Ihr mächtiger Geist die Indianer besiegt, daß Ihr edeles Streben für das Wohl der rothen Männer Ihnen einen Namen erworben, auf den Sie stolz sein müssen, und das rückhaltlose Vertrauen, welches Ihnen überall entgegen getragen wird, ließ auch in mir den Wunsch aufsteigen, mich Ihnen zu nähern.«

»Viele unnütze Worte und weitschweifige Redensarten verstehe ich nicht zu machen, Sie gestatten mir daher wohl, daß ich gerade auf mein Ziel losgehe!«

»Ich kenne es!« fiel ihm lächelnd der Renegat in's Wort, »es ist Tojolah!«

»Ja, es ist Tojolah!« nickte sinnend George. »Tojolah, die mich unendlich glücklich macht und doch – ich kann mich meines Glückes nicht mit voller Seele freuen!«

»Ah, mein junger Freund, das habe ich nicht erwartet! Und welche Zweifel quälen Sie?«

»Sie wissen mein Vater,« fuhr George nach kurzem Zögern fort, »daß meine arme Mutter Gefangene der Apachen war, daß Darhee, ihr despotischer Herr, einst meinen Vater erschlug und Tojolah ist Darhee's Tochter! Mir kommt nun jetzt oft der Gedanke, daß ich das Andenken meiner Eltern schände, wenn ich eine Verbindung mit dem Apachenmädchen eingehe!«

»Nein, nein, George!« rief lebhaft der Greis. »Diese Scrupel lassen Sie getrost fallen. In dem ewigen Zersetzungs- und Zerstörungskampf der Natur sind Ihre Eltern untergegangen, doch Gott sei Dank! die Tage der Blutrache sind vorüber; Darhee's Thun war seinen Gaben gemäß, was darüber war, hat er durch seinen Tod gesühnt, welcher ihn der menschlichen Vergeltung entzog und vor den himmlischen Richter stellte. Sie mögen es als ein Glück betrachten, daß Ihnen in einer Verbindung mit Tojolah die Gelegenheit wird, ein Geschlecht gründen zu helfen, das zwischen Bleichgesicht und Rothhaut stehend, der Vermittler der beiden Racen werden wird!«

»Es ist gut!« entgegnete George lächelnd. »Ich liebe Tojolah innig und was das Herz wünscht, dessen läßt sich der Verstand leicht überzeugen. Doch ich bin Christ, Tojolah nur Heidin und meine Kenntnisse der Religion sind zu gering, als daß ich das Mädchen selbst unterrichten könnte; ich möchte sie aber durchaus nicht nach einer Mission bringen, weil ich nicht weiß, was man dort lehrt. Was soll ich thun? soll ich mit Tojolah eine einfache indianische Ehe schließen? soll ich sie ihren Gewohnheiten, ihrem freien Leben entreißen und mit ihr civilisirte Gegenden aufsuchen?«

»Diese Fragen, lieber George,« antwortete der Renegat nach längerem Sinnen – »sind unendlich schwerer zu beantworten, als ihre erste, doppelt schwer für mich, der ich freiwillig den vagen Segnungen der Zivilisation entsagt, der ich nur eine Naturreligion gelten lasse, der ich die Kühnheit habe, einen, seiner Erziehung, seinen Gaben nach guten Heiden über einen schlechten Christen zu stellen. Wollen Sie vielleicht eine Parallele ziehen zwischen der Pantherkatze und einem der Räuber, die endlich ihre Meister gefunden? Der Comantsche ist durchaus Heide, die Räuber meist in dem strengen spanischen Ritus erzogene Christen; des Comantschensachems Hand hat sicher mehr Blut vergossen, als die Banditen und doch, ein Vergleich kann nur zu Gunsten des wahrhaft edelen Häuptlings ausfallen.«

»Von diesem Gesichtspunkte aus, bin ich der Ansicht, daß Sie ohne Gefahr für Ihre dereinstige Ruhe ein reines Herzensbündniß mit Tojolah schließen könnten, auch dürfen Sie das liebliche Indianerkind nicht ganz dem Leben entziehen, das es gewöhnt. Die frische, freie Luft, die über die Prairien streicht, das Rauschen des Urwaldes würde Tojolah nur schwer vermissen; sie würde den Blumen gleichen, die ihrer Heimath entrissen und nach fremder Gegend verpflanzt, ihren Character, ihre Blüthe, ihren Duft ändern. Auch Ihnen würde das ungebundene Leben eines Frontiermannes die geeignetste Laufbahn sein; dort sind Ihre Kenntnisse am Platze. Ihr offener Kopf, Ihr großes Herz wird dort gewürdigt werden; im Strudel großer Städte, in der wilden Jagd nach Geld und Ehren würden Sie aber achtlos verschwinden!«

»Junger Mann!« fuhr der Greis mit Begeisterung fort, »was ich alter Mann in langen schweren Jahren errungen, die Liebe, das Vertrauen und die Achtung der Comantschen, was ich errungen habe in hartem Kampf, was ich erstrebt mit jedem Athemzuge, das trägt Ihnen das offene Herz der Indianer freiwillig entgegen. Darum bleiben Sie in der Nähe des Comantschengebietes, bald werden sich meine müden Augen schließen und Sie, schütteln Sie nicht mit dem Kopf, prophetische Ahnungen erfüllen mein Herz, Sie George, – Sie werden nicht der Hort der rothen Männersein.«

»Damit aber in der hervorragenden Stellung, die Sie einst einnehmen werden, kein Makel an Ihrem Namen hafte, damit das Gift der Selbstquälerei nie den Frieden Ihrer Seele störe, lassen Sie dem Herzensbund mit Tojolah den Segen der Kirche nicht fehlen. Sie werden Ihre Ungeduld nun freilich noch viele Wochen bezähmen müssen; um für ewig an das liebe Indianerkind gefesselt zu sein, Sie dürfen aber mit einer Spanne Zeit nicht kargen!«

»Ich werde warten!« entgegnete George nach kurzer Pause mit fester Stimme. »William und Marie werden sicher ihre Heimath aufsuchen, sei's auch nur Geschäftliches zu erledigen, ich werde sie begleiten!«

»Und Tojolah?« frug der Greis gespannt.

»Die laß ich in Ihrer Obhut!« antwortete nach tiefem Athemzuge der junge Mann.

»Und Sie sollen das Vertrauen, das Sie, lieber George, in mich setzen, so wenig bereuen, als Ihre Enthaltsamkeit. Daß ich treu und unablässig über Tojolah's Wohl wachen werde, brauche ich Ihnen wohl nicht zu versichern, und sprossen neu die frischen Grasspitzen aus der sonnenverbrannten Oberfläche, dann kehren Sie wieder ein in unser friedliches Dorf, die nächste Ansiedlung giebt Ihnen Gelegenheit den Bund mit Tojolah auf legale Weise zu schließen und statt einer duldsamen Squahw, haben Sie ein freies, denkendes Weib!«

»Ich habe so Vielem und so häufig in meinem Leben entsagen müssen,« sprach George und kaum merklich spielte ein wehmüthiges Lächeln um seine Lippen, »daß ich nicht zögere, meinem ferneren Glück dies Opfer zu bringen.«

»Doch ist es schon tiefe Nacht, ich habe Sie, mein Vater, übermäßig lange Ihrer Ruhe beraubt. Nehmen Sie meinen Dank für Ihr Wohlwollen und schlafen Sie wohl!«

Sich verneigend, berührte er die Hand des Renegaten leicht mit seinem Mund und verließ das Gemach. Er fühlte fast unbewußt daß Jener Recht hatte und so schmerzlich sich auch sein Herz zusammenzog, er beugte sich dem eigenthümlichen Uebergewicht des Greises, entschlossen, dessen Rathschlage zu befolgen. Langsam schritt der junge Mann über den Berathungsplatz, tiefe Stille ruhte in dem Dorfe, auf der weiten Prairie; heilige Ruhe strahlten die Millionen funkelnder Sterne des klaren Nachthimmels herab, nur seine Brust durchwogten stürmische Gefühle; jetzt erreichte George das Wigwam der Pantherkatze und so vorsichtig trat er ein, daß nicht einer der Schläfer erwachte; mit unhörbaren Schritten schlich er nach dem Lager, auf welchem – vom Mond bestrahlt – Tojolah schlummerte.

Tief bewegt kauerte er neben der schönen Schläferin nieder und all die widerstreitenden Gefühle, die er bis jetzt so mannhaft bekämpft, machten sich in erleichternden Thränen Luft.

Purpurn hob sich die Sonne des neuen Tages aus dem Nebelmeer, das auf der thauschweren Prairie hing, doch von dem Gluthauch des mächtigen Gestirns in Nichts zerstob, nur die Tannen des am jenseitigen Ufer sich ausdehnenden Waldes waren noch in leichte Schleier gehüllt; tausende befiederter Sänger begrüßten den entzückendschönen Morgen, die herrliche Natur prangte in vollstem Glanz ihrer unentweihten Majestät, sich mit buntfarbigen Blüthen, mit gleich Demanten funkelnden Thauperlen schmückend, als hätte sie zu Ehren des Festtages ihr schönstes Feiertagskleid angelegt.

Festtag, ja Festtag war es in dem reizend gelegenen Comantschendorf; freilich war von dem Gepränge wehender Fahnen und laubumwundener Ehrenpforten Nichts zu erblicken, doch die fröhlichen Mienen der in ihren besten Kleidern einherschreitenden Indianer, das gänzliche Ruhen der einfachen Werktagsbeschäftigungen waren die Vorboten des Friedensfestes.

Der letzte Act des blutigen Dramas sollte heute ja sein Ende finden, die letzten der Comantschen von dem langen Kriegspfad heimkehren und die gewöhnliche Ruhe an die Stelle der Aufregungen und Kämpfe der letzten Wochen treten.

Durch George war bekannt geworden, wer von des Falken Schaar gefallen, und die Schmerzausbrüche derer Angehörigen warfen die einzigen Schatten in die frohe Stimmung der Comantschen, die in dichten Schaaren den sanft abfallenden Hügel bedeckten, welcher ihr Dorf auf seinem Haupte trug.

Höher und höher stieg die Sonne, die Menge ward ungeduldig, denn die sehnlichst Erwarteten konnten schon längst eingetroffen sein, doch jetzt erklang ein Schuß donnernd am Waldsaum und – »sie kommen, sie kommen« –riefen sich die Comantschen zu. Im nächsten Augenblick bog auch der Zug nach der Fuhrt ein, geleitet von der Pantherkatze. George, Tojolah und Arrita, während der greise Renegat und William Marie in ihrer Mitte führten. Die Ersteren, von ihrer Ungeduld getrieben, waren den theueren Freunden entgegengezogen und diesen bereits nach kaum halbstündigem Ritt begegnet.

Wahrhaft ergreifend war des Sachems Rührung, als er, Marie beide Hände bietend, das Glück schilderte, das sein Herz in dieser Stunde des Wiedersehns füllte; auch der Renegat begrüßte das junge Mädchen mit den herzlichsten Worten und wußte gleichzeitig ihrem wunden Herzen, sie hatte von William den Tod ihres Vaters erfahren – so gefühlvoll Trost einzusprechen, daß Marie endlich unter Thränen lächelte, und Tojolah's Umarmung, Arrita's Liebkosungen wärmer erwiederte. Nachdem auch der Falke und seine wackeren Krieger bewillkommnet, wurde auf flüchtigen Rossen die kurze Strecke bis zum Comantschendorf zurückgelegt, an der Ecke des Waldes aber gab der Sachem durch Abfeuern seiner Büchse das verabredete Signal. Diesem Schuß folgte ein ununterbrochenes Freudenfeuern der Bewohner des Dorfes, in das sich jauchzende Rufe mischten. Bald waren die Reiter von der frohbewegten Menge umringt, der oft gerühmte indianische Gleichmuth schien gründlich über den Haufen geworfen und all die vielen Menschen nur eine einzige glückliche Familie zu sein. Stunden vergingen, ehe nur etwas Ruhe wieder eintrat und erst die Mittagshitze trieb die Gruppen eifrig sprechender Indianer in ihre Wigwams; als aber die größte Gluth der Sonne sich gelegt, sammelten sich sämmtliche Bewohner, auch die als Gäste aufgenommenen Reiter Williams, auf dem geräumigen Berathungsplatz.

Während nun hier der Vater der Comantschen in begeisterter Rede derer gedachte, die in dem langen Streite ruhmvoll gefallen, während er die Namen derer pries, die sich besonders hervorgethan, schritt Marie an William's Arm nach dem Grabe ihres Vaters. Der Steinhügel, den die Comantschen aufgerichtet, war langst mit freundlichen Schlingpflanzen bewachsen; grüne Ranken liefen an dem Gitterwerk empor, das der treue Neger um des Farmers Ruhestätte geschaffen und eine schlanke Balsamtanne warf ihre ernsten Schatten über den friedlichen Ort.

Brach auch Marie's Schmerz verstärkt hervor, als sie am Grabe ihres Vaters das Knie beugte, so that ihr der unerwartet freundliche Anblick doch wohl und Ruhe und Trost fand ihr frommes Herz in stillem Gebet.

Gestärkt erhob sie sich und sich an Williams Brust lehnend, sprach sie sanft:

»William! Ich stehe nun allein; Vater und Onkel sind todt; ich weiß, daß ich zu jenem verachteten Geschlecht gehöre, daß schwarzes Blut in meinen Adern fließt; mein Hoffen, mein Glück beruht allein auf Dir!«

»Weine nicht meine Marie!« entgegnete bewegt der junge Mann. »All' mein Streben soll sein, Dich glücklich zu machen. Bange nicht, daß in Deiner früheren Heimath Dich scheele Gesichter treffen, auch mir erweckt die Umgegend von New-Orleans nur trübe Erinnerungen. Einmal noch wollen wir die Stätten unserer Kindheit aufsuchen, um dann auf ewig von ihnen Abschied zu nehmen. Dein nicht unbeträchtliches Vermögen mit meinem und George's kleinem Kapital wird uns leicht eine Ansiedelung gründen lassen, die allen unseren Anforderungen entspricht. Ich glaube auch in Deinem Geist gehandelt zu haben, daß ich heute George das Versprechen abnahm, seine fernere Existenz mit der unseren zu verbinden!«

»Gewiß, das hast Du!« antwortete Marie eifrig. »Wir wollen eine Familie bilden und Freundschaft. Liebe und, so Gott will, ungestörter Frieden soll uns die vergangenen Leiden verschmerzen lassen!«

»Recht so meine Marie! laß uns muthig in die Zukunft blicken. Wir haben so Viel getragen, daß auch für uns wieder der Sonnenschein des Glückes lachen wird. Nun aber komm, wir wollen nach unseren Freunden sehen!«

Arm in Arm erreichten sie den Berathungsplatz gerade in dem Augenblick, als der Vater der Comantschen die Beute an die Krieger austheilte, sie ließen sich an der Seite der Pantherkatze nieder und blickten nicht ohne stille Bewunderung auf das lebendige Bild. Nirgends war Verdruß oder Neid bei der Vertheilung der verschiedenartigen Beutestücke zu bemerken, auch die Reiter, welche William auf seinem kurzen Zug begleitet, wurden reich beschenkt in ihre Heimath entlassen. Offen, vor der ganzen Versammlung, hatte der Greis auch William, George, Brown und den Neger aufgefordert, den Ihnen zugedachten und wohlerworbenen Theil anzunehmen und sich nach Belieben von dem gemünzten Geld anzueignen. Doch nur Brown machte von dem letzten Anerbieten Gebrauch und das – sehr mäßig. Ein einziger Griff in die Geldstücke machte ja den armen Schelm so reich, wie er sich nie geträumt, Bob fand es gar possirlich, daß er, ein Sclave, gleiche Rechte wie sein Herr genießen solle. William aber wies entschieden jeden Antheil zurück und nur deshalb that George achselzuckend ein Gleiches, wenn ihm auch seines Freundes Handlungsweise nicht recht verständlich war.

Jeder der vier Männer aber nahm dankbar eine passende Kleidung an, da die ihren in Wirklichkeit nur noch aus Fetzen bestanden, und auch Marie war es vergönnt, die indianische Kleidung, welche sie nun schon so lange getragen, gegen civilisirte zu vertauschen.

Der Rest der Waffen, sowie das sämmtliche gemünzte Geld, was nicht mit zur Vertheilung gekommen, wanderte in eines der festesten Vorrathshäuser. Dort ruhte nun der Mammon in todter Ruhe, doch das Blut, die Flüche, die an ihm klebten, die gährten fort und halfen einst den Brand schüren, dem Tausende von Weißen und Indianern zum Opfer fallen sollten.

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