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Die Gefangenen der Apachen. Zweiter Band

Paul Margot: Die Gefangenen der Apachen. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Margot
titleDie Gefangenen der Apachen. Zweiter Band
publisherGrunow, Leipzig
year1868
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140410
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Neuntes Kapitel

Auf dem Schlachtfeld. – Darhee's Tod. – Das Grab des Häuptlings. – Der Scheiterhaufen. – Der Apachen Auszug. – Der Rückmarsch.

Glühend sandte die Sonne ihre Strahlen auf das weite Feld des Todes, auf dem in friedlicher Eintracht jetzt die lagen, die vor wenig Augenblicken sich in grimmigster Wuth nach dem Leben getrachtet.

Einzeln kehrten die Comantschen von ihrer blutigen Jagd zurück, – fremder Schmuck, fremde Waffen zierte Mann und Roß und bündelweis hingen unter ihren Lanzenspitzen die schrecklichsten aller Trophäen, die Scalps der gefallenen Feinde.

Auf der Pantherkatze Befehl hatte die Antilope mit ihren Kriegern das Apachendorf umzingelt und dessen Ein- und Ausgänge geschlossen. Heulend und wehklagend saßen nun die zahlreichen Frauen, Kinder und Greise auf den platten Dächern ihrer Hütten? Andere durchzogen die Zeltgassen, bald hier, bald da sich jammernd über eine geliebte Leiche werfend, bald aufjauchzend, wenn sie in einem der umherliegenden Verwundeten einen der Ihren erkannten; –ja glücklich priesen sich die, welche den Gatten, Vater oder Sohn mit Wunden bedeckt, verstümmelt wiederfanden. Die Hoffnung, die so oft trügerische Hoffnung, umgaukelte ihr Herz und zeigte ihnen ferne freundliche Bilder des wiederkehrenden Glückes, sie dachten nicht daran, daß draußen der wilde Feind noch weile, daß qualvoller Tod jedem männlichen Gefangenen, Sclaverei jedem Weibe drohe, nein glücklich priesen sie ihr Loos gegen das der zahlreichen Leidensgenossen, die ein einziger Morgen zu Wittwen, Waisen und kinderlosen Eltern gemacht. –

Auf der Prairie aber sammelten sich die zurückgekehrten Comantschenreiter in weitem Bogen um ihren Sachem, der noch einmal William in seine Arme schloß, ihm zuflüsternd: »Du aber sei guten Muthes, Du hast gehört, daß George mit dem Falken und sechzig Kriegern die Räuber verfolgt; verlaß Dich darauf: ziehen wir ein in unser Dorf, so finden Deine Augen die, die Dein Herz so lang schon sucht. Jetzt hat Dir der glückliche Gatte, der Vater gedankt, nun muß der Sachem zu seinen Krieger sprechen!« Und sich zu diesen wendend begann er mit weithin hallender Stimme:

»Meine Brüder und Söhne! blickt um Euch auf die weite Prairie, die bedeckt mit den Leichen derer, die Euer Heldenmuth besiegt. Trotz der Ungunst unserer Stellungen, trotz der Zersplitterung unserer Kräfte, sind die uns an Zahl weit überlegenen Apachen geschlagen und zerstreut, ihre Kraft auf lange Zeit gebrochen, ihre Weiber und Kinder, ihre Greise und Verwundeten unsere Sclaven, ihr Hab und Gut so wie die zahlreichen dort weidenden Pferde unsere Beute. Einen glänzenderen Sieg zu erfechten war nicht möglich, und die Kinder unserer Kinder werden diesen Zug noch preisen, wenn wir längst in den ewigen Jagdgründen weilen; sie werden den Muth eines jedem der Krieger rühmen, sie werden aber auch derer nicht vergessen, die vor Allen zur Entscheidung beitrugen und wenn sie an ihren Lagerfeuern liegen, werden sie die Treue unserer Vettern aus den Nachbardörfern, die Verschlagenheit und Aufopferung der Antilope und ihrer Krieger und den verwegenen Muth unserer bleichen Brüder rühmen.

»Eures Sachem's Wille aber ist, daß das Kriegsbeil auf immer mit den Apachen begraben, daß die Fehden eingestellt werden, der nun schon seit langen und vielen Jahren die besten Krieger der einstmaligen Bruderstämme zum Opfer fielen.

»Die Apachen sind für die häufigen Einfälle in unser Gebiet so gezüchtigt, so gedemüthigt, daß sie viele, viele Tage gebrauchen werden, ehe sie sich von diesem Schlag erholt, und haben sie dies, dann soll nicht wie bisher ihr Streben sein, Rache an uns zu üben, sondern sie sollen sich dankbar des Edelmuthes der Comantschen erinnern; darum begnügt Euch mit dem vergossenen Blute und schenkt den Apachischen Gefangenen das Leben, den Weibern und Kinder die Freiheit! Der Preis für Euere Heldenthaten sei das Bewußtsein, Euere Namen mit unvergänglichem Glanz bedeckt zu haben, sei die Beute an Waffen, Pferden und anderen Schätzen, die Trophäen, welche Euere Schilde und Lanzen zieren!«

Durch ihres Häuptlings Worte geschmeichelt und durch ihren glänzenden Sieg berauscht, waren die Comantschen es gern zufrieden, daß, so ganz gegen indianischen Gebrauch, von dem Martern der Gefangen abgesehen wurde, auch das Freilassen der Weiber schien ihnen gleichgültig.

Beherrschten die rothen Krieger nun ihre Gefühle nur dem Sachem zu Lieb, oder waren sie selbst des Mordes und des Jammers satt – wer wollte das ergründen? Genug die Pantherkatze erreichte ihre Absicht und bestieg befriedigt ihr Roß. An Williams Seite, gefolgt von seinen Reitern zog nun der Häuptling in das eroberte Dorf; auf dem großen Berathungsplatz hielt die Schaar, und die Krieger der Antilope trieben nun alle noch lebenden Apachen nach demselben Ort.

Jammernd standen die zahlreichen Weiber und Kinder, in dumpfem Schweigen die Greise und verwundeten Apachen, die sich bei Brown's rasendem Einfall nicht zu retten vermocht hatten – und auf all diesen Gesichtern lag die trostlose Gewißheit einer entsetzlichen Zukunft ausgeprägt; eine besonders lebhafte Gruppe befand sich in der Nähe des Berathungshauses, wo auf weiche Felle gebettet, umringt von einigen Kriegern, Darhee schwerverwundet lag; seine Hand ruhte in der eines jungen schlanken Apachen, der leicht hätte flüchten können, der es aber verschmähte, dem Feinde den Rücken zu wenden und seinen Oheim selbst im Unglück zu verlassen.

Zu dieser Gruppe drängte jetzt der Comantschensachem seinen Hengst und blickte ernsten Auges auf seinen grimmigsten Feind, mit dem er in manchem Kampfe die Lanze gekreuzt und den er sofort erkannte. Selbst in diesem Augenblick des verzeihlichsten Triumphes verläugnete der wahrhaft edele Indianer seine humane Gesinnung nicht; sein Herz zog sich schmerzlich zusammen, als er Tojolah's gedachte und sein leiser Befehl jagte einen der Comantschenreiter in tollstem Rosseslauf dahin, die Tochter an das Sterbelager des Vaters zu rufen.

Darhee's matter werdende Augen schienen aber die Blicke der Pantherkatze mißzuverstehen, denn, mühsam sich mit Hilfe seines Neffens aufrichtend, sprach er bitter:

»Kommt der siegreiche Comantsche sich an den Qualen seines Feindes zu ergötzen?«

»Darhee irrt!« entgegnete die Pantherkatze ernst. »Der Comantsche ist ein Tapferer; er bekämpft und straft die, welche das Kriegsbeil immer wieder ausgraben und wie Räuber in sein Gebiet einfallen, er ist aber kein Raubthier und läßt diejenigen unangefochten, welche nicht im Stande, sich seiner wuchtigen Streiche zu wehren!« Und sich höher aufrichtend, fuhr er zu den versammelten Apachen gewandt in deren Dialecte fort:

»Apachen! Euere Krieger sind viele Male schon plündernd und mordend über die Comantschen hergefallen, unsere jungen Männer haben sie gemartert und erschlagen, unsere Hütten und Felder verwüstet, unsere Frauen und Kinder in die Sclaverei geschleppt. Noch an diesem Morgen standen sie um einige meiner Söhne und weideten sich an deren Qualen und diesen Mittag, um die jetzige Stunde wollten sie wieder einen ihrer Raubzüge antreten. Die Comantschen aber, müde der steten Neckereien und kleinen Kämpfe, sind wie der Wirbelwind hereingebrochen! Blickt um Euch! Leiche auf Leiche deckt draußen die Prairie, nur wenige Eurer Krieger sind entkommen. Euere Tapferen sind gefallen oder, wie Euer Häuptling Darhee verwundet und in meiner Macht. Ja in meiner Macht liegt es, Euere Squahws und Kinder nun auch als Sclaven fortzuführen, Euer Dorf in Brand zu stecken und in dessen Flammen die gefangenen Männer zu begraben! Die Comantschen aber wollen nicht daran denken, wie Ihr stets gegen sie gehandelt, sie wollen sich nur erinnern, daß wir Vettern sind, daß wir einst einem Stamme angehörten. Sie wollen auf immer das Kriegsbeil mit Euch vergraben und den Verwundeten das Leben, den Squahw's und Kindern die Freiheit schenken!«

Der Pantherkatze sonore Stimme hatte den weiten Platz übertönt, sie hatte jedes Ohr erreicht und unter ihren Vorwürfen waren die Umzingelten erbebt, da sie nicht anders glaubten, es würden die Comantschen nun schreckliche Repressalien nehmen. Um so unerwarteter schlugen des Häuptlings friedliche Worte an ihr Ohr, je weniger sie selbst früher mit ihren Gefangenen Erbarmen gehabt; und waren sie auch nicht im Stande, die rein politische Milde ihres Besiegers zu begreifen, die selige Gewißheit an Freiheit und Leben ungefährdet zu bleiben, verdrängte all ihr Erstaunen über die plötzliche glückliche Wendung ihres Geschickes und dankbaren Blickes und jubelnden Herzens umdrängten sie den edelen Sieger. –

Darhee war mit immer wachsendem Interesse den Worten der Pantherkatze gefolgt, seine Gefühle zu erkennen, brauchte man nur in seine dunkel glühenden Augen zu blicken, die unverwandt an dem Comantschensachem hingen. Dem alten Apachen, der nach seiner Art sein Volk auch innig liebte, ihm hatte die feste Zuversicht, daß sein Stamm gänzlich, bis auf die wenigen Versprengten, aufgerieben werden würde, fast die Brust zersprengen wollen, und immer und immer wieder hatte er sich den aufgelegten Verband herabgerissen und sich den baldigen Tod gewünscht, um nur nicht Zeuge der Vernichtung der Seinen zu sein. Doch als sein Ohr die Worte des Feindes vernahm, da schmolz die Rinde von seinem harten Herzen, eine Thräne – gewiß ein seltener Schmuck in solchem Auge – eine Thräne glitt über seine dunkele Wange herab und tief aufseufzend erlag er den widerstreitenden Gefühlen, die sein Inneres durchströmten und sank ohnmächtig zusammen.

Frei und ungehindert durften die Apachen nun sich der Pflege ihrer Verwundeten hingeben; auch die Comantschen hatten ihren Verletzten leichte Verbände aufgelegt und William war ebenfalls überall thätig; ohne Ansehen der Nationen ließ er Jedem seine Hilfe zu Theil werden, die, so äußerst gering seine chirurgische Kenntniß auch war, ihm doch manchen Segenswunsch, manch warmen Blick eintrug.

Jetzt kniete der junge Mann an Darhee's Seite, dessen Wunden genau prüfend, doch kopfschüttelnd äußerte er zu dem neben ihm stehenden Comantschensachem;

»Hier ist jede Hilfe vergebens! Wenn die Sonne sinkt, stirbt er!«

»Der bleiche Mann hat Recht!« flüsterte der Verwundete, welcher Williams Worte verstanden! »Darhee wird sterben und freut sich auf den Tod; er hat als wackerer Krieger seine Pflicht gethan und wenn er in die ewigen Jagdgründe kommt, wird ihn Manitau nicht unfreundlich anblicken!«

»Sprecht nicht mehr, Häuptling!« fiel ihm die Pantherkatze ins Wort, »schont Euere Kräfte, in wenig Augenblicken wird Tojolah hier sein, um Abschied von Euch zu nehmen!«

»Tojolah?« rief Darhee erbebend, »wie wäre das möglich? Sie hat das Wigwam ihres Vaters verlassen und ist mit einem weißen Jäger geflohen« –

»Und kehrt jetzt zu ihrem Vater zurück, um ihn zu pflegen!« sprach plötzlich eine sanfte Stimme und hastig drängte sich Tojolah durch den Kreis, der den Apachenhäuptling umgab.

»Uah! der große Geist segene Dich, daß Du meine letzte Stunde verschönst!« flüsterte der Alte, während seine zitternden Arme das weinende Mädchen umschlossen, dann wandte er sich an den sichtlich bewegten Comantschensachem und sprach nicht ohne Bitterkeit:

»Wenn der überwundene Feind das Recht hat, etwas zu fordern, so bitte ich mich mit meinem Kinde auf kurze Zeit allein zu lassen und unterdeß die wenigen Krieger meines Stammes herbeizurufen, die noch in Darhee's sonst so reichbevölkertem Dorfe weilten – der Häuptling will von ihnen Abschied nehmen!«

Sich leicht verneigend verließ die Pantherkatze mit William den Sterbenden, um dessen Wunsch zu erfüllen und als nach etwa einer halben Stunde Tojolah zwar mit verweinten Augen, aber gefaßt aus der Berathungshütte trat, in welche man ihren Vater gebettet, fand sie alle Glieder des Stammes versammelt, die nur irgend im Stande gewesen, sich bis hierher zu schleppen.

»Der Häuptling möchte gern im Freien sterben!« sprach leis das junge Mädchen und augenblicklich eilten auf der Pantherkatze Wink mehrere Comantschen in die Hütte und trugen den Alten heraus.

In sitzender Stellung, auf Tojolah und seinen Neffen – Shonka Hund. – gestützt, der nach seinem Tode das Oberhaupt des so furchtbar gelichteten Stammes wurde, ließ Darhee seine Augen über die Seinen schweifen, dann begann er mit langsamer, aber deutlicher Stimme:

»Wenn Darhee in früheren Tagen zu seinem Volke sprach, so lauschten hunderte von Kriegern seinen Worten! Wo sind die, die einst mit ihm gejagt, gekämpft und am Berathungsfeuer gesessen? Gefallen im Kampf mit anderen Indianerstämmen bedecken sie die Prairien; der unselige Zwist, den die Bleichgesichter schüren, wird in wenigen Jahren die rothen Männer mehr und mehr vernichten und sie von den heiligen Stätten verdrängen, wo ihre Väter in den Gräbern schlummern.«

»Der Tod legt bald seine kalte Hand auf Darhee's Herz und heißt es stille stehen, ich aber freue mich, denn meine Gebeine werden im Dorfe meiner Eltern ruhen.«

»Apachen! Ihr aber, packt Euere Habe zusammen, die Euch die Großmuth Euerer Vettern läßt, verbrennt Euere Hütten und streut die Asche in alle Winde! Hört auf die Stimme Eueres sterbenden Häuptlings, verlaßt dieses Dorf und baut Euch weiter oben am Biberbache an, denn unmöglich könnt Ihr hier, wo Euere Söhne und Brüder fielen, wohnen bleiben, ohne derer unfreundlich zu gedenken, die Euere Wigwams zu Trauerhäusern machten. Apachen, hört Darhee's Stimme nur noch dies eine Mal! Vergeßt den Groll, den Haß, welchen Ihr mit den Comantschen gegen einander gehegt; seid Brüder wie in früheren Jahren, seid einig, seid einig!«

»Vor Darhee's Auge schwindet die Binde; er sieht in die Zukunft; er sieht wie die Bleichgesichter die Indianer verdrängen, sie betrügen und bestehlen. In der Pantherkatze Stamm wird vielleicht der erstehen, der den Weißen einst Halt gebieten wird; auf ihm und seinem noch jungen Sohn wird einst allein die Hoffnung der rothen Männer ruhen, darum noch einmal, vergrabt das Kriegsbeil auf ewig und bietet als Brüder Euch die Hände!«

Erschöpft hielt der alte Häuptling mehrere Minuten inne, seine mit prophetischer Begeisterung gesprochenen Worte hatten auf Freund und Feind einen tiefen Eindruck gemacht, und rings herrschte die lautloseste Stille, als Darhee fast wie im Selbstgespräch wieder begann:

»Die bleiche Frau, die dort oben auf dem Hügel schläft, wo ihr die Büchsen den Comantschen heut ein solch furchtbares Grablied gesungen, die bleiche Frau, welche ich so heiß geliebt, hatte Recht, als sie in ihrer Sterbestunde ausrief: das größte Glück muß es sein, nicht verlassen und unbeweint zu sterben! Ja,« fuhr er mit allmählig schwächer werdender Stimme und fieberisch leuchtenden Augen fort. – »ja: Darhee ist auch glücklich, denn er sieht, daß die Seinen ihn lieben! Tojolah weine nicht, Du wirst schönere Tage sehen – Shonka klage nicht. Deine Hand voll jugendlicher Kraft, wird besser als mein entnervter Arm unser Volk führen! – Comantsche Euere Hand! Ihr seid ein edler Krieger, tapfer und weise; der große Geist möge Euch den rothen Männern noch lange erhalten!« Kraftlos sank der alte Häuptling zurück, das gläsern blickende Auge, die bleicher werdende Lippe verrieth, daß der Augenblick sich nahe, welcher die Seele von dem Körper trennt, doch noch einmal richtete sich Darhee mit jener Kraft auf, die oft Sterbenden überkömmt, wenn sie fühlen, daß sie für immer scheiden müssen und wenn das brechende Herz noch einen Wunsch hegt, und seine bebenden Lippen flüsterten in abgebrochenen Sätzen:

»Begrabt Darhee's Körper auf dem Hügel neben der bleichen Frau! Apachen, Comantschen, lebt wohl! Bleibt Brüder! Meidet das Feuerwasser, das die Bleichgesichter Euch senden, um Euere klaren Augen zu trüben. Euere scharfen Sinne zu schwächen, bleibt einig!« Mit tiefem Seufzer zurücksinkend hauchten seine Lippen noch einmal den Namen seiner Tochter, dann brach das einst so wilde Herz.

Ihr Haupt verhüllend, kniete Tojolah neben der Leiche nieder, ihre Hand hielt noch die erkaltete des Vaters und feierlich erscholl der monotone Grabgesang der Apachen. Die Comantschen aber zogen hinaus auf die Prairie; ihre Streitäxte schlugen das ganze kleine Wäldchen nieder, das an den Hügel stieß, auf welchem George's Mutter schlief, und mittelst der Pferde und ihrer Lasso's wurden die Stämme auf dem weiten Platz geschleift, der einst den Apachen als Berathungsplatz gedient. Die Nacht brach an, aber ohne auch nur eine Minute einzuhalten arbeiteten die Krieger fort und als der neue Tag sich zeigte, stand in der Mitte des Dorfes ein riesiger, Alles überragender Scheiterhaufen, unter ihm ruhte vereint im Tode, Freund und Feind; und als die Sonne höher stieg, da zogen die Apachen auf den Hügel, wo mehrere ihrer Krieger über Nacht das Grab für ihren Häuptling hergerichtet. Was von dem Stamm noch fähig war zu gehen, begleitete die zwei alten Indianer, die Darhee's Streitroß führten, auf diesem selbst aber saß mit all dem indianischen Schmuck eines Häuptlings, bewaffnet wie zum Gefecht, der todte Häuptling. Der ernste Zug hatte bald den Gipfel erreicht, in dessen Mitte eine weite Höhle gegraben war; in diese wurde das Schlachtroß mit Darhee's Leiche im Sattel geleitet und geschäftige Hände warfen den Sand in die Grube. Wohl stampfte das Thier ängstlich mit den Füßen, doch höher und höher schichtete sich der Sand um seine Glieder, bald war es nicht mehr im Stande die Füße zu heben, bald reichte ihm der Sand bis an den Leib und jetzt, wo es nicht mehr umstürzen konnte, jetzt erlöste ein gut gezielter Schlag von Shonka's Tomahawk das arme Thier von seiner Qual. Über Mann und Roß aber wölbte sich in kurzer Zeit der einfache Grabhügel und still verließen die Apachen den Ort, wo ihr Häuptling nun mit der vereinigt wieder ruhte, an der er so viel verbrochen und die er doch so heiß geliebt, und deren Sohn zu lieb die eigene Tochter ihn verlassen.

Die Apachen aber standen unten im Thal in schweigsamen Gruppen, ihr trüber Blick flog bald nach dem Hügel, auf welchen sie ihren Häuptling gebettet, bald nach dem mächtigen Scheiterhaufen, der die Ueberreste ihrer gefallenen Brüdern barg; bald schweifte ihr Auge nach dem Lager ihrer Sieger, bald ruhte es schwermüthig auf den Hütten, die ihnen so lange Obdach in guten und bösen Stunden gegeben und die sie nun für immer meiden sollten.

Da trat die Pantherkatze zu ihnen und sprach:

»Apachen, wie mir Shonka, Euer neuerwählter Häuptling gesagt, wollt Ihr jetzt Euere Wanderung beginnen; Ihr sollt aber nur freundlich an die Comatschen denken, die nun Euere Brüder; darum geht in Euere Wigwam's, packt all Euere Habe, Euere Waffen zusammen, geht auf die Prairie und nehmt Euere Pferde; meine Krieger wollen Nichts was einem von Euch gehört, sie werden nur das als rechtmäßige Beute in ihr Dorf bringen, was deren Eigenthum, die von ihren Waffen fielen.

»Geht in Frieden dann Eueres Weges, erinnert Euch in guten und bösen Tagen, daß der Comantsche Euer Freund, der sich freuen wird, wenn Ihr glücklich seid, der helfen wird, wenn Ihr Mangel leidet, oder wenn ein Feind Euch bedroht. – Und Du. Shonka,« wandte er sich an den jungen Apachenhäuptling, »nimm die Streitaxt zurück, die einer meiner Söhne Darhee entrissen und die seit langen Jahren der oberste Sachem Deines Volkes geschwungen, wenn er seine Krieger zum Streite führte!«

Mit diesen Worten reichte die Pantherkatze den kleinen, stählernen Tomahawk dem sichtlich hocherfreuten Apachen, welcher des Comantschen Hand ergriff und mit bewegter Stimme antwortete:

»Deiner Großmuth verdanken wir nicht allein unser Leben, Du sorgst auch, daß wir nicht wie Bettler in die Wildniß ziehen; Shonka wird Dir das nie vergessen, er und sein Stamm wird stets den Comantschen nur freundlich gesinnt sein. Und nun leb' wohl Comantsche, wenn unser neues Dorf entstanden, wird Dich Shonka in dem Deinen besuchen und die Friedenspfeife mit Dir rauchen. Jetzt ist unser Schmerz noch zu neu und groß, wir wollen eilen, den Anblick des Scheiterhaufen zu vergessen, welcher die Besten meines Stammes deckt!«

Einen Augenblick umarmten sich die beiden Häuptlinge und küßten sich nach dem Gebrauche der Prairie auf Mund und Augen, dann schritt Shonka zu den Seinen und gab mit fester Stimme die Befehle zum baldigen Aufbruch.

Der Indianer leicht bewegliches Gemüth vergaß über der unerwarteten Großmuth des Comantschen den Schmerz, sich von ihrer bisherigen Heimath für immer zu trennen; frohen Muthes wurden ihre Schätze, ihre Waffen und andere Habseligkeiten auf die herbeigeführten Pferde gepackt, die Squahws mit den Kindern, die Krieger schwangen sich auf und ehe eine Stunde verstrich, war der immerhin noch bedeutende Zug reisefertig. Mit ernsten Mienen hatten sich die Comantschen ihren früheren Feinden gegenüber aufgestellt, als Shonka die Reihen der Seinen verließ und sein Pferd dicht an den mächtigen Scheiterhaufen drängte; in seiner Hand flammte der heilige Te-ki-eeht, Der Feuerbrand, den die Indianer mit sich führen, wenn sie ihren Wohnsitz verlassen. Im Heimathdorf entzündet, darf er nicht verlöschen bis die Stelle erreicht ist, an der sie sich wieder niederlassen wollen. zu dessen steter Erneuerung ein Bündel zugeschnittener Kienspähne vor ihm auf dem Sattel lag. An diesem Feuerbrand entzündete Shonka einen zweiten und während er ihn um sein Haupt schwang, rief er mit weithin hallender Stimme:

»Der große Geist lasse in dem Feuer, das so viele Comantschen und Apachenkrieger verzehrt auch den Haß untergehen welcher die beiden Stämme bis setzt getrennt!«

Des jungen Häuptlings Hand schleuderte den Kienspahn in den mächtigen Scheiterhaufen, der in wenigen Minuten in hellen Flammen stand. Hochauf schlug die glühende Lohe und in das Knistern des gefräßig um sich greifenden Feuers, in das Prasseln der brennenden Scheite mischte sich noch einmal Shonka's Stimme:

»Möge Comantsche und Apache im Leben so fest zusammenhalten wie unsere Krieger im Tode!«

Dann wandte er sein Pferd; mit der Hand grüßend, trabte er an den Reihen der Comantschen vorüber, stellte sich an die Spitze seines Stammes und führte diesen gen Norden, einer neuen Heimath entgegen; oft hielt einer der Apachen sein Pferd an und blickte zurück nach dem mächtigen Feuer, das schon längst auch die Comantschen aus seiner Nähe vertrieben, schon längst die Hütten ergriffen hatte.

Fast drei Stunden wütheten die Flammen, ehe sie erloschen, die Apachen waren längst aller Blicke entschwunden und nun rüsteten sich die Comantschen ebenfalls zum Aufbruch; die weite zerstampfte und blutgetränkte Fläche, so wie der entsetzliche Geruch, den das Verbrennen so vieler Leichen erzeugt, trieb sie von dannen; und noch stand die Sonne am Himmel, als sie ihre Rosse bestiegen, die erbeuteten und theilweise beladenen Pferde in ihre Mitte nahmen und den Ort verließen, auf dem noch das Feuergrab so vieler wackerer Krieger dampfte.

An der Spitze ritten die Pantherkatze, Tojolah und William; Letzterer jedoch befand sich in einer trostlosen Apathie, er hatte so sicher gehofft, die Geliebte endlich befreit zu sehen, daß diese abermalige Täuschung seine Geisteskraft völlig lähmte; mechanisch hatte er seine Hilfe den Verwundeten gewidmet, mechanisch hatte er sein Pferd bestiegen und sein umflortes Auge hing unverwandt an dem Sattelknopf; da legte Tojolah ihre Hand auf des jungen Mannes Arm und begann mit sanfter, dem Herzen wohlthuender Stimme:

»Was klagt mein weißer Bruder? Hat er alle Hoffnung verloren und, wie mir die Mutter seines Freundes so oft versichert, wacht doch der übermächtige Gott der Weißen und schützt die, welche gut sind? Wenn der große, bleiche Jäger sich unglücklich fühlt, was soll dann das arme Indianermädchen beginnen, die heut ihren Vater begraben, von ihrem Stamme für immer geschieden und gleiche Herzensqual leidet, wie Du, mein weißer Bruder?«

»Du hast Recht, Mädchen!« rief William, sich ermannend, »Du beschämst mich mit Deiner Standhaftigkeit, doch glaube mir, auch Du würdest zerknirscht Dich unter der Marter beugen, die mir entsetzliche Bilder bereiten, Bilder, sag ich Dir, von denen Dein reines Herz nichts ahnt und die mich weder des Nachts noch des Tages verlassen!«

»Mein Bruder banne diese Bilder!« mischte sich die Pantherkatze in's Gespräch, »es sind nur Truggestalten! Du hast alles Recht, zu glauben, daß auch die Tage Deines Kummers vorüber und wirst sehen, wenn wir einziehen in unser Dorf, werden Deine Augen die erblicken, bei der Dein Geist Tag und Nacht weilt und Deine Arme werden die umschließen, die nicht wieder von Dir gerissen werden wird!«

»Das walte Gott!« hauchte William, einen inbrünstig flehenden Blick zum Himmel sendend, an dem bereits einige Sterne grüßend herabblinkten.

In dem Walde, wo die Antilope die Pferde seiner Krieger zurückgelassen, wurde das Nachtlager aufgeschlagen und der bis jetzt gefangen gehaltene Apache freigegeben und mit einem letzten Gruß seinem Stamme nachgesandt.

Trotz der Anstrengung der verflossenen Tage kam wenig Schlaf in die Augen der Comantschen; ihr glänzender Sieg, ihre reiche Beute und die Zuversicht, endlich mit ihren bis jetzt so schlimmen Nachbarn in Frieden zu leben, erfüllte ihre Brust mit Freude. Kaum graute der Tag, so brachen die Ungeduldigen wieder auf, doch in zwei Theilen zogen sie der Heimath zu. Das Hauptcorps, dessen Bewegungen und Schnelle durch die Verwundeten und vielen Beutepferde gehemmt wurden, sollte bestimmt vorgeschriebene Tagesmärsche einhalten; die Pantherkatze aber eilte mit William, Tojolah und einigen zwanzig der am besten berittenen Comantschen voraus; die Freundschaft zu William und George, den er sicher erwartete in seinem Dorfe anzutreffen, und das eigene ungeduldig pochende Herz trieb den Sachem seinen Kriegern voraus.

Doch auch diese brachen kurz nach ihrem Häuptling auf und als der letzte der Comantschenreiter an der Waldesecke verschwand, da setzte sich auch die Gestalt in Bewegung, die droben auf dem Bergrücken wie ein Bild aus Stein die ganze Nacht gesessen, – es war der freigegebene Apache. Mit den widerstreitendsten Gefühlen hatte er von seiner luftigen Höhe bald auf das Lager derer geblickt, die zu hassen man ihn von Jugend auf gelehrt und die er nur achten konnte, bald hatte er in's Thal gestarrt, wo ein rauchender Schutthaufen die Stelle verrieth, auf der das heimathliche Dorf gestanden.

Der Comantschen Aufbruch riß den Einsamen aus seinen Grübeleien, und als der Wald auch den letzten Reiter seinem scharfen Auge entzog, da stieg er schweigend in's Thal und folgte der Schaar Shonka's, die sich später am Biberbach niederließ und unter dem Namen »der Stamm des großen Hundes« eine solch blutige Berühmtheit in dem großen Drama erlangte, das der letzte Aufstand der vereinigten Indianer, ihr letztes Auflehnen gegen das Vordringen der Weißen aufrollte und in dem auch die Pantherkatze, vor Allen aber deren jetzt noch so junger Sohn eine hervorragende Rolle einnahmen, welcher Letzterer unter seinem späteren Namen Mah-sish Kriegsadler. der Schrecken der Ansiedlungen an der Frontispice Indianergrenze und der weißen Trapper werden sollte.

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