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Die Gänse von Bützow

Wilhelm Raabe: Die Gänse von Bützow - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 9. Band, 2. Teil
authorWilhelm Raabe
year1976
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20120-6
titleDie Gänse von Bützow
pages61-143
created20010602
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel

Was der Magister Albus in der Nacht vom siebenundzwanzigsten auf den achtundzwanzigsten Dezember des Jahres siebenzehnhundertvierundneunzig ferner erlebte.

Ein wirres Rennen und Laufen in den Gassen, von Zeit zu Zeit bald näher, bald ferner langhallendes Geheul, von Zeit zu Zeit melancholisch dumpfes Getute des Nachtwächters erhorchte das aufgeregte Ohr und gab sich keineswegs damit zufrieden. An Schlaf war nicht zu denken; die aufgespannte Natur schlug ein Tremolo nach dem andern im Körper an, und wie hätte ich vor einigen Stunden noch daran denken können, daß es der Magister Albus – mein sanfter, mein leiser, mein lieber Kollaborator Albus – sein würde, welcher mich in solche krampfhafter in solche spasmos hin und wider hüpfende Verfassung setzen werde.

Wie ich nach Hause gelangte, weiß ich nicht; das aber weiß ich, daß meine Haushälterin einen hellen Schrei der Konsternation ausstieß, als sie mich vermittelst ihrer Küchenlampe beleuchtete und mir den Mantel abnahm. Ich soll den Mund ziemlich weit geöffnet gehalten haben.

»Beruhige Sie sich und lasse Sie das vermaledeite Gequiek unterwegs, Johanne!« sprach ich nach Luft schnappend. »Es ist nichts – es ist nur – der – Magister – o beim Zeus und allen Unsterblichen, welch eine Suada! Welch ein Maulwerk! Bei allen Trompeten und Posaunen der Sphärenmusik, beim Jüngsten Gericht und des weiland Herzogs von Zweibrücken Katzenmenagerie, wer hätte das in dem Kerl gesucht? O Johanna, koche Sie mir eine Tasse Fliedertee, – das war mehr als ein holländischer Deichbruch!... Nein, nicht meine Pantoffeln, ich danke und wünsche in den Stiefeln zu bleiben; – spreche Sie lauter, Hannchen; ich habe das Schnarrwerk der Weltgeschichte vernommen, und meine Ohren klingen bedenklich nach; wenn Sie Musketenfeuer hören sollte, so benachrichtige Sie mich auf der Stelle, – Freiheit! Freiheit! Gänsefreiheit! Vivat der Magi – ster – Al – bus! Jetzt gehe Sie, Hanne, und schließe und versiegle Sie die Haustür. Man ist nicht sicher, daß einem solchen oratorischen Mirakulum nicht noch ein anderes folge.«

Jener sprach's; da gehorchte die Pflegerin Eurykleia; vorher aber stellte sie sich nochmal vor mich hin, sah mich an, schüttelte das Haupt und rief dreimal:

»O Herre, Herre, Herre!«

Dann drehete sie sich und entschwand, den Fliedertee zu bereiten; ich aber saß im Lehnstuhl, ließ beide Arme herabhängen und sprach dreimal und in dreifach verschiedener Betonung den Namen des redegewaltigen Kollegen, einmal tragisch, einmal elegisch und einmal komisch:

»O Albus! Albus! Albus!« –

Nach einigen Momenten dumpfig brütender Erschlaffung jagt's mich auf und trieb mich ans Fenster. Nicht nach der Art der empfindsamen Seelen konnte ich mich heute der Mondenkontemplation widmen; die sublunarischen Vorgänge litten es nicht, und die keusche Göttin verschwand auch baldigst schmollend hinter dem dunklen Vorhang des Gewölkes.

Jetzt stehet er auf dem Tisch in der Bürgerstube und distribuieret seine Beredsamkeit auch da! imaginierte ich unwillkürlich. Jetzt löset ihn der Doktor Wübbke ab, und der Pöbel rasaunet vor Lust! Wenn nur den Herrn Bürgermeister nicht der Schlag rühret! O Magister, Magister! Wie ein schwarzer, fliegender Drache, ein angstbeflügelter, wohlbeleibter geistlicher Komete schießet Ehrn Jobst Klafautius über den Markt nach der Pastorei und konzipieret im eiligen Lauf seine Denunziation für ein hochverehrungswürdiges geistliches Ministerium zu Schwerin. Jetzt packen sie Grävedünkeln an der Halsbinde oder am Zopfe und zerklopfen ihm sein eigenes spanisches Rohr auf dem Buckel. Da läuft der Kämmereiberechner: Gänsefreiheit! Gänsefreiheit! Und dort watschelt der Bürgermeister, und Schnarre, der Nachtwächter, fällt heroisch den Spieß gegen den nachdringenden Wübbke und den wutentbrannten sansculottischen Haufen!

Immer erschrecklicher, immer gräßlicher malte mir die überreizte Phantasie die Vorgänge in der Ferne aus; – ich horchte – ich horchte; aber ich vernahm nur das wenige und unbestimmte Getön, von dem ich zu Anfang dieses Kapitels sprach. Ich wollte aber, ich hätte mehr gehört; es würde für das Nervensystem besser gewesen sein. Erst um Mitternacht erhorchte ich ein größeres Getöse wie von einer ernsthafteren Schlacht und Schlägerei; aber darauf ward's ganz still in Bützow, und man vernahm nur den Nachtwind und den Nachtwächter.

Um ein Uhr beschloß ich, ins Bett zu kriechen, und saß bereits schlaftrunken auf dem Rande desselben, um meine nächtliche Toilette zu beginnen, als ein Geräusch unter dem Fenster mich wiederum emporriß. Wie ein Seufzer erklang's, wie ein Gestöhn, wie das letzte Winseln der Tochter des Pfarrers zu Taubenhain. In demselben Augenblick vernahm ich ein leises Pochen und Kratzen an der Haustüre; – ein ängstliches Gepoch, welches fürchtete, sich irgendeinem andern als dem Hausherrn bemerklich zu machen, welches Scheu hatte vor der Nachbarschaft und dem wachsamen, belleifrigen Phylax, dem Wächter des Hofes. Ich zog die Nachtmütze fester an, öffnete vorsichtig das Fenster, sah hinaus, erblickte nichts als Finsternis und rief mit der Stimme des sichern, aber doch fürsichtigen teutschen Bürgers:

»Wer ist da? Wer unkt dort unten? Man nenne sich und gebe Kunde, was man will zu solcher Zeit und Stunde!«

Horch, abermals ein Ächzen, ein Geseufz und Wimmern wie aus dem Grabe Werthers und dann

Erklang es von der Straße
Gar greulich durch die Nase:

»Herr Kollege! Herr Kollege! Um Gottes willen öffne Er! Ich bin's, ich, der Magister Albus! Das Fatum und die Desperation sind mir auf den Fersen! Vae misero mihi! Ich bin's, Herr Kollege, der Magister Albus! Pro dii immortales, ich kann nicht mehr; bei allem, was Ihm heilig ist, Kollege, mache Er kein Aufsehn und mache Er die Türe auf!«

Noch niemalen in meinem Leben war ich so schnell die Treppe hinunter gekommen; noch niemalen in meinem Leben hatte es mir solche Schwierigkeit verursachet, das Schlüsselloch zu finden. Meine Hände zitterten, und draußen wimmerte der Magister immer herzzerbrechender. Endlich, endlich öffnete sich das rostige Schloß, der Wind blies mir das Licht aus, und schwer stürzte mir der Kollaborator auf den Leib mit dem Ruf:

»Ich bin verloren! Ich bin hin!«

Ich schüttelte ihn ab, schloß schnell die Türe wieder, schob die Riegel vor und rief:

»Er weiß den Weg, – vorwärts – nur Ruhe, Magister – Sammlung! Die Treppe hinauf! Besinnung, Besinnung, Kollege! Vorsichtig auf der Treppe, – meines Schutzes ist Er sicher – das Haus ist wohl verproviantieret – wir können schon eine Blockade aushalten. Er hat mir heute abend ein großes Pläsier bereitet, Kollege Albus – da sind wir, vivat die Gänsefreiheit!«

Während ich in meinem Museo die Lampe wieder anzuzünden bemüht war, hatte sich der Magister in einen Sessel geworfen, noch immer ächzend und die Stirn mit der Hand schlagend. Als ich ihn mit der brennenden Lampe beleuchtete, erschrak ich wirklich und wahrhaftig, erschrak ich nicht weniger, als meine Magd vorhin über mich selber zusammengefahren war; nie

»war Hermann so schön«
So hat's ihm nie vom Auge geflammt!«

Der Magister sah bedenklich aus und schien in der Tat viel durchgemacht und erlebt zu haben seit dem Augenblicke, in welchem er triumphierend in der Honoratiorenstube im Erbherzog vom Stuhle sprang, um auf der Hausflur in die Arme des Doktor Wübbke zu sinken. Sein Jabot war zerrissen und blutbesudelt, seine Nase von einem kraftvoll geführten Schlag arg geschwollen, dito sein rechtes Auge. Ein Schoß seines schwarzen Schulmeisterröckleins war in den Händen seiner Feinde geblieben, seine Kniebänder waren geplatzt, und seine Strümpfe hingen hernieder wie die des dänischen Prinzen Hamlet in der wunderschönen, aber grauligen Tragödie von William Shakespeare. Man sah und roch es ihm an, daß er aus einer gewaltigen Bataille kam und daß er tapfer für seine Sache gekämpft habe; man konnte nur zwischen Mitleid und Bewunderung schwankend observieren, und nur mit Schauder konnte man an die Möglichkeit denken, gezwungen zu werden, in gleicher Weise wie er pro aris et focis, die Mamsell Hornborstel oder die Gänse von Bützow kämpfen zu müssen. Hatte der Magister Albus vorhin als Held geredet, so war er jetzt zum Ritter geschlagen worden; von Zeit zu Zeit griff er schmerzlich atmend in die Seite, nach dem Kreuze oder nach der Schulter; er schien arge Püffe in Empfang genommen zu haben, und wenn er so viele austeilte, wie er eingenommen hatte, so gab es in dieser Nacht mehr als einen blauen Fleck am Leibe mehr als eines Bewohners der friedlichen Stadt Bützow an der Warnow.

Während ich das Feuer im Ofen zu neuer Glut entfachte, dem zerschlagenen Helden ein Glas Punsch brauete, nachdem ich ihm vergeblich eine Tasse vom Fliedertee angeboten hatte, lag jener im Lehnstuhl, hielt das Gesicht mit den Händen bedeckt und sah erst auf, als ich ihm das dampfende Glas unter die verwundete Nase hielt und sprach:

»Nun trinke und erzähle Er! Seine Nase hat arg gelitten, und auch Sein Auge hat tüchtig herhalten müssen, aber das muß sich ein Heros und Triumphator schon gefallen lassen; es gehet mit in den Kauf und war auch in Rom und Hellas so gebräuchlich. Die Mamsell Hornborstel wird Ihm sicher den rechten Balsam auf seine Wunden legen.«

Tränen entströmeten bei diesen Worten des Mitleids sowohl dem gesunden wie dem kranken Sehorgan des Kollegen, und mehrere derselben fielen in den erquickenden Trank, so ich ihm bot. Er genoß – atmete tief – schüttelte sich – genoß wieder und seufzte tief.

»O Kollega, o Herr Kollega, es ist nicht die Nase, es ist nicht das Auge, es ist weder das Kreuz noch das linke Schulterblatt, obgleich das alles auch nicht ist, wie es sein sollte; Herr Kollega, das Herz ist es! Es ist das Herz! O die Ungeheuere, die Ungeheuere, die Falsche, die Heimtückische, die Verräterische! O Sacharissa!«

Ich war im Begriff, in Anbetracht, daß der Weise stets Herr der Stunde bleibt, auch mir ein Glas Punsch zu brauen; jetzt aber entsanken mir der Löffel und die Zuckerdose.

»Sacharissa?« rief ich, »die Mamsell Hornborstel? Was in aller Welt hat die mit Seiner Kürbisnase zu tun, Albus? Er hat wacker für sie geredet und gefochten, und Sein Lohn kann nicht ausbleiben.«

»Herr! o wenn Er wüßte, wie sehr ich meinen Lohn bereits dahin habe!« schrie der Magister wild aufspringend; »Herr, ich will Ihm alles nach der Syntax verzählen, es soll kein Buchstabe, kein Wort, kein Satz, kein Komma und kein Punktum darzwischen mankieren; aber lasse Er mich nur noch einige Augenblicke lang verschnaufen; die Milz sticht noch ganz verflucht, und ich möchte Ihn wohl einmal so rennen sehen, Herr Kollege, wie ich eben gerannt bin. Ah, Zeus vermähle Ihn mit der schönsten Grazie und setze Ihn unter die Sternbilder zur Belohnung für dieses Glas Punsch!«

»Ich werde Ihm die Mischung noch einmal präparieren; sie hält den Mann in allen leiblichen und geistlichen Nöten und Gebresten zusammen. Sitze Er nur ruhig und halte Er sein Poterion her. Lasse Er sich Zeit zum Reden; wir haben ja den Tag vor uns; übrigens bin ich sehr verlangend nach Seinen Abenteuern.«

»Jawohl, wir haben den Tag vor uns, und kuriose Abenteuer habe ich auch erlebt! O es ist fürchterlich! O ich wollte, ich läge bei meinem Diogenes Laërtius ruhig in der Schublade. Da wäre mir wohl. O die falsche Sirene, die heuchlerische Trulla, die libidinose Janua, die heillose Mamurra, die natternzüngige Rufa, die – die –«

Der Atem ging ihm aus, und er trank, den Sturm der Gefühle zu besänftigen; ich aber, des nächtlichen Lagers fürs erste noch entsagend, hielt es fürs beste, eine frische Pfeife zu stopfen und also mit mehr Gemütsruhe die Wiederkehr von Intellectus und Ratio bei meinem Kollegen abzuwarten.

Gegen drei Uhr morgens hatte er Öl genug auf die aufgeregten Wogen seiner Seele gegossen, war endlich kapabel, seiner Passionsgeschichte sich zu entäußern, und tat's, wie im folgenden zu lesen steht; meine eigene Seele aber ruhete trotz der grimmig kalten kimmerischen Winternacht im heitersten Haine Arkadiens und

»Dryaden sah ich und mit spitzen
Ohren bockfüßige Faunen lauschen!« –

»Herr Kollega Eyring«, sang der Magister Albus das finstere Lied des Grames und des Zornes, »Herr Kollega, es ist eine uralte Wahrheit, daß die Götter, wenn sie dem sterblichen Erdebewohner ihren Olymp öffnen, wenn sie ihm einen Blick in ihre nektartrunkene Glückseligkeit gestatten, Heimtücke und Hinterlist im Schilde führen und willens sind, ihn so tief als möglich in den Kot hinabzudrücken. Titanen und Halbgötter haben solches erfahren, und einem armseligen, blöden Schulmeister wird die Experienz auch nicht ersparet. Man sehe mich an, hier sitze ich als klägliches Testimonium; ich, der gestern morgen nach Ramler noch von Hoffnung trunken des Ozeans Gebieter war. Julia hatte mich zu ihrem Rächer auserwählt; Sacharissa hatte das Wort gesprochen, welches mich auf den Königsthron der schönsten Hoffnung erhub, Janthe hatte sich mir zur Gefährtin auf dem Lebenswege angeboten. Was war mir meine Schulstelle, auf der ich langsam den Tod des Ugolino starb? Ich konnte von meinen Renten leben, ich konnte ein Rittergut pachten oder kaufen, ich konnte mich baronisieren lassen. Lanasse hatte mir für die Demütigung des hohnblickenden Aristarchen, des dickwanstigen Timarchen ihre Hand gereicht, und zu ihren Füßen hatte ich den furchtbaren Schwur geleistet, sie und ihren kapitolinischen Vogel zu rächen, den Bürgermeister in den Staub zu treten, ein zweiter Fiesko dieses Genua dem Doria zu entreißen und heute im Purpur meines Sieges die Sonne aufgehen zu sehen. In diesem Sinne brachte ich den Tag über im Fieber hin, in diesem Sinne trat ich am Abend auf unter dem Volk von Abdera, und, Kollega, Er kann mir das Zeugnis geben, daß kein römischer Konsul, kein athenischer Archont, kein karthagischer Suffet jemals durch eine Rede der Gegenpartei dem Schlagfluß näher gerückt worden ist als der Doktor Hane durch meine demosthenische Eloquenz. Er hätte das nicht in mir vermutet, Kollege, und ich habe mich selber über mich verwundert. Optime, ich hatte gesprochen und triumphieret; doch ich stand noch am Anfang meines großen Unterfangens. Zehntausend Bajonette würden mich auf meinem Wege nicht aufgehalten haben; Beifall jubelte das entbrannte Volk; der Funke war von meiner Hand in das Pulverfaß geworfen! – ›Freiheit, Freiheit, Gänsefreiheit! nieder mit dem Bürgermeister! reißt Bröckern die Nase ab!‹ schrie's um mich her, und Julias Bild schwebte im rosigen Lichte über dem Getümmel. ›Auf, Bürger von Bützow, auf zur Zwingburg der Tyrannei, auf zum Pfandstall, auf zum Gänsepfandstall!‹ schrie ich, und der Haufe brüllte mir nach. So kam ich von Hunderten umwogt auf dem Marktplatz an, und der Doktor Wübbke befand sich immer an meiner Seite, und von allen Geschöpfen der wimmelnden Erde ist mir keines von jeher so widerlich, so antipathisch gewesen als dieses. Noch immer klebt mir der übelduftende Dunst seiner Umarmung an; alle Wohlgerüche Arabiens werden ihn fürs erste nicht aus meiner Nase spülen. ›Ça ira, ça ira! Wir sind oben drauf, wir sind oben drauf!‹ schrie die zappelnde Kreatur; ›Herr Magister, Er ist ein großer Mann; – vivat und vorwärts; – allons enfants de la patrie – marsch vorwärts, ihr Bürger von Bützow! auf, zur Bastille! auf, zur Bastille! Herr Magister, ich bin Ihm sehr dankbar, recht sehr dankbar, und ich werde es Ihm später beweisen. Ça ira, ça ira! Voran, voran!‹ – Im kurzen Trabe, begleitet vom Geheul und Gebrüll der Population, durchmaßen wir die Gassen auf dem Wege nach Grävedünkels Behausung. ›Jetzt habe ich sie! Jetzt wird sie Wort halten müssen!‹ jubilierte Wübbke. ›Keine Ausflüchte, keine Exkusationen, keine Exzeptionen, keine Dilatio mehr! Vivat Julia! Io triumpho! O Hymenaee Hymen, Hymen o Hymenaee!« – Herr Kollega Eyring, die Haare sträubten sich mir empor; das Blut gerann in meinen Adern. ›Was schreit Er da, Herr Doktor? Welchen Namen nimmt Er da in den Mund, Herr Doktor Wübbke? Von welcher Julia redet Er?‹ – ›Von der Mamsell Julia Hornborstel, von meiner Sponsa!‹ jauchzte das spindelbeinige Monstrum; ›wenn wir's heute abend dem Bürgermeister abgewinnen, so ist in vierzehn Tagen die Hochzeit, und Er als ein wackerer Führer des Volkes, Magister, soll auch Sponsae ductor, Brautführer sein; ich gebe Ihm mein heiliges Wort darauf; – o Julchen! Julchen!‹ – Herr Kollega Eyring, ich hielt im vollen Laufe grade unter den Fenstern der Mamsell Hornborstel ein und faßte den Blasphemisten am Kragen. O die Mörderin! die Giftmischerin! die Lamia! die Falsaria! Wir zogen und rissen uns vor ihrer Haustüre hin und her; kopfüber, kopfunter, er oben, ich unten; ich oben, er unten; und unser Lumpenkomitat folgte natürlich unserm Exempel; – das ging über- und durcheinander wie nach der Einnahme von Troja, aber schlimmer. Die letzten Zähne habe ich dem Kerl eingeschlagen, das ist mein einziger Trost; aber die Wahrheit hat er ausnahmsweise gesprochen; die falsche Bestie, die mit dem Nachtlicht und der Nachtmütze am Fenster erschien und um Hülfe schrie, hatte uns beide ausgespielet wie zwo Schellenbuben und goß jetzt gar noch ihren Waschnapf auf unsere Köpfe! Als ich genug hatte und weder mehr sah noch hörte, als meine Anhänger vor dem lästrygonischen Gefolge des Rabulisten das Hasenpanier aufwarfen, riß auch ich hinkend und mit blutender Nase aus, und hier bin ich, und die Häscher, die Schergen, die Büttel und die Furien heulen vor der Schwelle des Hauses; – sie werden eindringen, – morgen bin ich in der Hand der Häscher, Schergen und Büttel, wie ich jetzt schon in der Hand der Furien bin, – morgen bin ich in Ketten und Banden auf dem Wege nach Schwerin, und daß man mir den Prozeß mache, dafür werden Magistrat und Geistlichkeit von Bützow sorgen. O nur eine Viertelstunde mit der Mamsell Hornborstel und einer tüchtigen Haselrute allein, und ich wollte mein miserabeles Fatum noch mit Geduld ertragen!«

Hier brach der Magister in sich zusammen und schlug von neuem stöhnend die Hände vor das Gesicht; ich aber stand vor ihm und sprach mit dem Chor des Aristophanes:

»O, wie jammerst du mich, unglücklicher Mann,
So entsetzlich geprellt und im Herzen gebeugt!
Ach, ach, ich vergehe vor Mitleid!«

Ein Entschluß mußte aber doch gefaßt werden, denn wir lebten in einer bösen, argwöhnischen Zeit, und es ließ sich mit den Herren zu Schwerin nicht spaßen.

Nach einigen nachdenklichen Gängen durch die Stube fragte ich den Unseligen, Verfolgten:

»Hat Er einige gegründete Hoffnung, Magister, daß niemand Ihn auf seinem Wege hieher und beim Eintritt in mein Haus observiert habe?«

»Ich kam, wie Schenkel und Winde mich führten!« sprach jener trotz seines Jammers noch immer mit Ramler. »Ich ließ das Getümmel der Schlacht und die grausen Verfolger in weiter Ferne; ich glaube, daß niemand mich erblickt habe. O Herr Kollega, ich umklammere nach alter philologischer Sitte Seinen Herd und umfasse Seine Kniee, verlasse und verstoße Er mich nicht!«

»Sei Er ganz ruhig, Albus. Er ist sicherer bei mir als der Feldmarschall Themistokles beim Könige der Molosser Admetus. Aber Sein Judicium wird Ihm selber sagen, daß es das beste sein wird, wenn Er wenigstens für einige Zeit aus der menschlichen Gesellschaft sich eklipsiere. Er wird's mir nicht verübeln, wenn ich Ihn heute Nacht noch ins Hinterstübchen einsperre. An der notdürftigen Bequemlichkeit soll's Ihm nicht ermangeln, ein Bett ist daselbst stets aufgeschlagen, und ich gebe Ihm Ciceronis Tusculanische Unterredungen, sowie des Boëthii Buch von den philosophischen Trostgründen im Unglück mit, da mag Er sich trösten, bis die Luft wieder rein ist. Lasse Er sich's aber nicht beikommen, Seine Visage ohne meine besondere Permission herfürzustrecken; – ich will's Ihm schon verkündigen, wann's Zeit darzu sein wird. Nun gehe Er, ich will Ihm Wasser zu verschaffen suchen, wasche Er sich den Staub, das Blut und den Schweiß der Bataille ab und schlafe Er wohl. Selbst meine Weibsbilder dürfen nichts von Seinem Vorhandensein in meinen vier Wänden wissen; merke Er sich das! Und nun schlafe Er wohl, und Pallas Athene gebe Ihm den Schutz, welchen Ihm Aphrodite und Sein eigener gesunder Menschenverstand versagt haben.«

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