Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Die Gänse von Bützow

Wilhelm Raabe: Die Gänse von Bützow - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 9. Band, 2. Teil
authorWilhelm Raabe
year1976
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20120-6
titleDie Gänse von Bützow
pages61-143
created20010602
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

Auctor verzehret mit dem Magister Albus seinen Martinsbraten. Madame Roland in Bützow.

Wenn es aller Erdgeborenen Last und Vergnügen ist, von Minute zu Minute, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag langsam weiter zu kriechen bis zu jeder glücklichen oder unglücklichen Katastrophe, bis zu jenem Augenblick, wo Kriechen und Hüpfen, Tanzen und Hinken, jedes annehmliche oder unangenehme Mouvement zu Ende ist: so kann es doch nicht der Beruf dessen, der den Mantel Klios gefaßt hält, sein, in gleicher Weise sich weiter zu bewegen. Sprungweise reißt der Hippogryph den Historiographen wie den Poeten mit sich fort: dürres, quellen-, baum- und fruchtloses Land haßt das geflügelte Reittier, und der geschmackvolle Leser, die empfindsame Leserin sind ihm dankbar dafür; sie haben schon zu viel zu überschlagen, was mit ihrer augenblicklichen körperlichen oder geistigen Empfängnisfähigkeit nicht harmonieren will. Glücklich jener Schriftsteller, der allein für jenes süße Stündchen der Verdauung nach eingenommenem Mittagsmahl schreibt! Ihm allein blühen die angenehmsten Rosen der Popularität; ihm allein fallen jene hesperischen Früchte, welche der Drache des teutschen Buchhandels bewacht, von selber in den Schoß! Ihn erklärt das Volk für einen witzigen Kopf, und – hätte er Selbstgefühl, so würde dieses ihm nicht den niedrigsten Sitz auf dem Parnaß unter den Schöngeistern des menschlichen Geschlechtes einräumen! –

Ich, J. W. Eyring, besitze leider Selbstgefühl, ohne für das Verdauungsviertelstündlein zu schreiben; was die Weltgeschichte auf ihren ewigen Tafeln eingräbt, schreibe ich ab: den ganzen Monat November hindurch und den größten Teil des Dezembers bereitete sich das Städtchen Bützow mit echt teutscher Gründlichkeit auf die große, erschreckende Krisis, welche in seinem Schoße zum Ausbruch kommen sollte, vor.

Siehe, es umschritten die Erinnyen die stille Wohnung, das Haus der scharmanten und plaisanten Jungfrau und Mamsell Hornborstel. Sie klopften auch und traten auch ein, sie wurden von Scherpelzens Regina in das Visitenzimmer geführt, saßen stramm und steif nieder auf dem Kanapee, tauchten Rostocker Gebäck in die angenehme bräunliche Flut aus dem Land Arabien und trugen grüne oder blaue, gelbe oder bunte, gestickte oder ungestickte Pompadours oder sonstige Strickbeutel am Arm. Mit höllischer Ausdauer und Geschicklichkeit machten sie Filet, scheußliches Netzwerk zum Fang der Verbrecher von Bützow und dem Universo; sie schüttelten ihre Schlangenhaare, die sie entweder matronenhaft mit drohend nickender Haube oder mädchenhaft mit künstlichen Blumen und bunten Bändern dem Auge lieblich zu machen strebten. Sie kamen, und sie gingen. Einzeln, zu zweien oder truppweise durchwandelten sie die Gassen der Stadt, und – Grävedünkel ging ihnen aus dem Wege!

Wohlweislich ging ihnen Grävedünkel aus dem Wege; es war Feindschaft zwischen den dunkelsten Gefühlen des gekränkten weiblichen Busens und ihm, dem Wächter und Torhüter am Pfandstall. Er, der erbarmungslose Liktor des regierenden Konsuls, hatte begonnen, das neue Gesetz zu verwirklichen; – unnachsichtlich packte er zu – Kopf, Flügel, Hals, Schwanz – einerlei – da half kein Gigack, kein Gezappel und Gezeter, kein Drohen und Geschimpf, kein Kindergeheul; – fort mit den Verbrecherinnen, den Übeltäterinnen, hinab in den Tartarus! hinunter in den Abgrund! Es lebe das Recht, und die Welt gehe unter! An den Galgen mit den brummenden Jakobinern und dem Doktor Wübbke! Gack, gack, gack, gigack, – es gackelte bedenklich in dem Karzer an der Grävedünkelschen Amtswohnung; der Kämmereiberechner Bröcker magerte allmählich zu einem Schatten ab, und – die Erinnyen durchschritten mit ihren Pompadours die Gassen von Bützow!

Zum behaglichen Martinsfeste hatte ich mir meinen eigenen Martinsbraten aus dem Pfandstall vermittelst einer bedeutenden Summe klingender Landesmünze auszulösen, was natürlicherweise meinen Eifer, diese Historia würdig und gewissenhaft fortzusetzen, sehr erhöhte, mir jedoch gottlob den Appetit nicht verdarb.

Zu diesem Martinsbraten lud ich den werten Freund und Kollegen, den Magister Albus, ein, und er kam, ohne sich im kleinsten nötigen zu lassen. –

Der heilige Martin wurde ums Jahr 316 nach Chr. zu Stain in Niederungarn geboren; sein Vater war ein arger Heide und ein tribunus militum, der mit der Reitpeitsche wohl umzugehen wußte. Aus beiden Gründen entlief der Sohn dem Alten und wurde Bischof zu Tours, nachdem er vor dem Tor von Amiens den berühmten Schnitt in den Mantel getan hatte. Seit ihm einst bei einem Gastmahle der Kaiser Maximinus den Becher zuerst reichen ließ, ist er Schutzpatron der Trinker bei aller löblichen Christenheit; das ihm zugeschobene Werk: Professio fidei de trinitate ist ihm untergeschoben, denn er war ein jovialischer Herr und Heiliger, welcher sich so wenig als möglich sowohl mit profanen wie mit geistlichen Schreibereien abgab; an seinem Jubeltage aber, dem eilften November, erhielten und erhalten die Herren Pastöre vor und nach der Reformation ihre Zehntgänse, und das Volk briet und brät die ihm übriggebliebenen.

»Der heilige Martin soll leben, Herr Kollega!« sprach ich mit der dem guten Mahle angemessenen Würde, und –

»Das soll er, Herr Kollega!« sprach der Magister Albus.

Wir hatten den größten Teil des wohlbeleibten und wohlbereiteten Vogels im Magen, durch das Fenster sah der November:

»Rote Blätter fallen,
Graue Nebel wallen,
Kühler weht der Wind«;

im Ofen aber prasselte das Deputatholz; wir tranken Rheinwein, da die englische Blockade uns die roten Franzosen – und in dieser Beziehung, leider! – von unsern Seehäfen absperrte. Wir sahen das Wetter und uns durch die Gläser an; die Stunde der allersüßesten Vertraulichkeit und Mitteilung war gekommen, –

»Und wie steht Er anjetzo mit der Mamsell Hornborstel, Herr Kollega?« fragte ich.

Der Kollaborator setzte das Glas auf den Tisch, ohne es mit den Lippen berührt zu haben, und sagte ruhig:

»Nicht wahr, ich bin ein recht dürrer Magister, Herr Kollega?«

»Nun, nun«, sagte ich begütigend und blickte auf die kärglichen Reste der Gans, »ich habe dürrere gekannt.«

»Ich nicht!« entgegnete jener mit einer wahrhaften Grabesstimme und setzte hinzu: »Die Perücke trage ich auch nicht allein der Gravität und Amtsehrbarkeit wegen.«

»Es ist im Sommer wie im Winter eine recht angenehme und bequeme Tracht; die alten Egyptier trugen sie bereits, und zwar um des Klima willen.«

»Sie konnten höchstwahrscheinlich aber auch ihre Perückenmacher besser bezahlen«, seufzte der Magister. »Doch wir kamen von der Sache ab; kehren wir zu ihr, das heißt zur Mamsell Hornborstel zurück. Hochgeschätzter Herr Kollega, unser Kollega, der Konrektor Winckelmann, hat zu Seehausen in der Altmark nicht mehr Hunger ausgestanden, ehe er nach Rom ging und katholisch wurde, als ich, sowohl auf Universitäten als im Amte. Herr Kollega, die Mamsell Hornborstel ist mein Rom und um sie werde ich gleichfalls meinen Glauben mit Freuden vertauschen. Der auf so schmähliche Weise verewigte Konrektor Winckelmann war achtunddreißig Jahre alt, als er den Rubikon überschritt; ich bin ein Jahr älter. Ein Interesse für Ästhetik und klassische Schönheit habe ich nicht und gehe deshalb nicht nach Rom. Ich bin ein wenig trocken, und da es nicht meine Schuld, sondern meine Natur ist, so habe ich nicht Grund, mich dessen zu schämen. Wenn die Mamsell Hornborstel nicht klassische Schönheit besitzt, so besitzt sie doch jedenfalls Klassizität und würde mir für mein körperliches Wohlergehen von ebenso großem Nutzen sein als der Kardinal Albani dem armen Winckelmann. Ja, die Mamsell Hornborstel ist mein Italien, und ich gedenke hinzugelangen wie der Kollege Winckelmann.«

Ich, J. W. Eyring, der ich die Menschen ein wenig zu kennen glaube, ohne ein Anhänger Lavaters zu sein, ich faßte gerührt und bewegt die Hand meines jüngeren Amtsbruders.

Es war nicht der rheinische Wein, sondern die allgemeine Menschenliebe, welche aus mir sprach, als ich sagte:

»O, Herr Kollega, Herr Kollega, gedenke Er auch an Triest und den niederträchtigen Mörder Arcangeli, gedenke Er an den Schlingel, den Taugenichts Casanova, und was einem sonst noch auf der Reise und am Reiseziel zustoßen kann. O Albus, Albus, die Ehe, matrimonium, coniugium, connubium ist ein viel heimtückischeres, wenn auch manchmal ebenso anlockendes Land als jene schöne Halbinsel. Da gibt es außer Ungeziefer und Mördergruben aller Art auch feuerspeiende Berge aller Art; einige werfen Feuer aus, andere wieder nur Rauch und abermals andere Schlamm, was aber ebenfalls sehr widerwärtig und verdrießlich ist. Und – Magister – hat Er auch wohl an die Geschichte des Landes gedacht? Welche Eroberer und welche Sklaven! Hunnen und Vandalen, Longobarden und Franken, Araber, Franzosen, Hispanier, Teutsche, einzeln und durcheinander! Das hat oft arge Devastationen gegeben, und Kaiser und Päpste, einheimische und fremde Condottieri, Frundsberg und Bourbon, Ludovico Moro, Cäsar Borgia! Erinnere Er sich, das war ein toll Durcheinander. O Magister, hat Er auch wohl an seine preußische Majestät, die Gräfin Lichtenau und den geheimen Kämmerierer Rietz, hat Er an unsern hochverehrungswürdigen dirigierenden Herrn Bürgermeister gedacht? Unsere guten Bützower und Bützowerinnen haben diesen Ruf ebenso arg und schlimm zertrampelt als die Barbaren den italischen Boden; – ich warne Ihn, Kollega, ich warne Ihn!«

»Herr Kollega«, sprach der Kollaborator mit Fassung, »ich lasse die Geschichte der Vorzeit auf sich beruhen, – da ist viel Sage und Mythus. An den geheimen Kämmerierer Rietz glaube ich nicht!«

»Und der Herr Bürgermeister?«

Der Magister zuckte die Achseln und hielt mir das leere Glas hin.

»Herr Kollega«, sprach er, »es ist meiner bescheidentlichen Meinung nach nicht ausgemacht, wer bei jenem Histörchen mit dem längsten Gesichte und dem schlechtesten Gewissen abgezogen ist. Ich halte und schätze die Mamsell Hornborstel für eine höchst respektable und ingenieuse Person, welche ihrer Würde niemalen etwas vergeben haben kann und welche noch heute sich nicht das mindeste bieten läßt.«

»Auch letzteres erfüllet mich mit Bangen und Sorgen für Sein Wohlergehen, Herr Kollega Albus. Sie lässet sich nichts bieten; aber sie verstehet es, den andern Leuten sehr viel zuzumuten.«

Der Magister hielt wiederum sein leeres Glas her, rückte mir dabei so nahe als möglich, sah über die Schulter nach der Tür und flüsterte sodann in mein Ohr:

»Herr Kollega, es kann keine Meinungsverschiedenheit zwischen ihr und mir bestehen; wir sind beide – Anhänger der – Konstitution vom Jahre siebenzehnhundertundneunzig; – wir sind politisch einig!«

»Herr Kollega«, flüsterte ich überrascht zurück, »da gratuliere ich Ihm von ganzem Herzen; aber –«

»Aber der Herr Kollega meinen, weil man im Erbherzog im letzten Winkel sitze und von all den Großmäulern und Dickköpfen überschrien werde und vernünftigerweise seinen Mund halte, so bringe man nur seine Zeit damit hin, die unnützen Buben das γιγγραινω, ich gackele, du gackelst, er gackelt, abwandeln zu lassen und zu Hause den Diogenes Laërtius zu emendieren? Fehlgeschossen, weit fehlgeschossen! Man hat seit des Aristoteles Zeiten das Recht, ein politisches Tier zu sein; es ist ein Menschenrecht, das man sich nicht nehmen läßt. Man läßt einem hohen Ober-Schul-Kollegio zu Schwerin allen seinen Willen; aber die Zeitungsblätter liest man auch, wenn auch erst aus dritter Hand, und seinen gesunden Menschenverstand konservieret man nach besten Wissen und Kräften. Nein, nein, dumm machen lassen wir uns nicht mehr, und der vierte August des Jahres siebenzehnhundertneunundachtzig war ein großer Tag; der Genius der Menschheit weiß es, und die Mamsell Hornborstel – Sacharissa weiß es auch!«

Jetzt war mir mit einem Male vieles Dunkele aufgeklärt. Wahrlich, es war eine nicht wenig glorreiche Idee, den Kollaborator zum Martinsbraten einzuladen und ihn mit dem herzen- und zungenlösenden lyäischen Trank vom Rheinstrom zu tränken. Hier war Bützow von einer neuen Seite: die Parteien traten scharf voneinander, die Gironde schied sich vom Sumpfe, Madame Roland und Vergniaud, d. h. Mamsell Hornborstel und der Magister vom dirigierenden Bürgermeister Dr. Hane. Aber was hatte die Gironde mit der Montagne, die Mamsell Hornborstel mit dem Doktor Marat-Wübbke zu tun?

»Solche temporären Verbindungen zwischen diametral entgegengesetzten Ansichten und Lebensläufen sind gestattet, wenn es sich um die Erkämpfung oder Festhaltung der höchsten Menschengüter handelt!« sprach der Magister und ging in der Überzeugung von der Wahrheit seiner Expektoration auf. »Es gibt kein anderes Mittel, den Incivismus in hiesiger Stadt in Trümmer zu schlagen. Verlieren wir die Gänsefreiheit, so verlieren wir damit alles, was uns noch fähig machte, an der großen Republik der Zukunft als edle und aufgeklärte Bürger und Bürgerinnen teilzunehmen. Wir haben noch gestern nachmittag die Sache beim Kaffee durchgesprochen, und ich habe Sacharissa versichert, daß auch Madame Roland mit dem hochseligen Bürger Robespierre mehr als einmal zu einem guten Einverständnis zu kommen gesucht habe.«

»O Albus, Albus, was ist er für ein Patron!« rief ich mit äußerster Verwunderung. »Ei, ei, ei, da sitzt er mir gegenüber als ein Lamm, so kein Wasser trüben kann, und ist doch der Wolf, welcher das Schütt aufzieht. Wer hätte das in Ihm gesucht, und bitt ich Ihn, was soll hochlöbliches Ober-Schul-Kollegium zu Schwerin zu solchen Dingen sagen? Das ist ja der reine Klub der Feuillants, Magister! Und der hat im Hause der Mamsell seinen Sitz? Und den hat Er mitgegründet? Und den besucht Er tagtäglich nach der Nachmittagsschule? Was wird hohes Ober-Konsistorium und Ministerium dazu sagen, wenn der Lauf der Zeit solche Ungeheuerlichkeiten zutage fördert?«

»Sacharissa und ich fürchten weder den Lauf der Zeit noch herzogliches Schulkollegium noch sonst ein Kollegium. Wir sind zwei antique Klassiker; wir sehen hinweg über die Kerker der Tyrannei und blicken nach dem ätherischen Gestirn der Freiheit, wir setzen uns auf den prophetischen Dreifuß zu Delphi und prophezeien, wir lauschen mit dem Ohr an der Wand der Zukunft; große Tage nahen sich mit großen Schritten dem morschen Reiche der Teutschen. Wir warten auf den Flug der Winfeld-Adler in den Lüften, und –«

»Die Luft erfüllt sich mit hehrem Flügelschlag, und sie kommen, sie nahen mit kapitolinischem Triumphgeschrei und lassen sich nieder auf dem Forum von Bützow; sie kommen langhälsig weiß und grau und gefleckt, die Gänse von Bützow, und Grävedünkel, ein gefessselter Titane, sitzt selber in seinem Pfandstall und singt die Hymne vom Fest des höchsten Wesens her:

Dieu bon, dieu bon, donne à la terre
La paix, la liberté!«

»Es wird erhaben, es wird erhebend, es wird rührend sein, certum est; – übrigens aber, bester Kollega, denke ich, wir rauchen anitzt mit dem ehrlichen Pfarrer von Grünau eine Pfeife balsamischen Tobacks zu unserm Kaffee. Wir haben eine gute Mahlzeit getan, den Erretterinnen der römischen Burg sei Dank!«

»O Sacharissa!« erseufzete mein politisch-amoroser Tischgenoß.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.