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Die Gänse von Bützow

Wilhelm Raabe: Die Gänse von Bützow - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 9. Band, 2. Teil
authorWilhelm Raabe
year1976
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20120-6
titleDie Gänse von Bützow
pages61-143
created20010602
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel

Handelt kurz und bündig von der Mamsell Hornborstel, welche dasselbe tut.

Mamsell Hornborstel, die von dem Magister Albus Lanasse, Sacharissa, Janthe, vom Kirchenbuche Julia Theresa Adolfine, von ihren Freundinnen und Freunden Julchen oder Jule und von ihren Feindinnen und Feinden eine heimtückische, geizige alte Katze genannt wurde, war eine Jungfrau und die einzige Erbin des weiland Syndici Hornborstel, eines begüterten Mannes, auf dessen Grabsteine viel schöne und löbliche Eigenschaften und Tugenden in güldener Schrift aufgezeichnet zu lesen sind. Sie war über fünfunddreißig Jahre alt, erfreute sich eines kräftigen, sehnigten, wenn auch nicht runden Körpers, schwarzer, recht heller Augensterne, die Hohn, Tod und Verderben schon in manches Gegners Angesicht gesprüht hatten. Die verschiedenartigsten Gerüchte liefen über den letzten Grund ihres ehelosen, jungfräulichen Wandels in der Stadt um. Einige behaupteten, sie habe sich bei einer Durchreise Seiner Majestät des Königs Friedrich Wilhelm des Zweiten und Dicken von Preußen durch Bützow in diesen erlauchten Monarchen verliebt, habe aber nicht vermocht, ihr kleines Lämpchen der glänzenden Sonne der Gräfin Lichtenau und dem Einfluß des Geheimen Kämmerierers Rietz und der Madame Rietz gegenüber zur Geltung zu bringen, und habe deshalb im heiligen Schmerz ihr Kränzlein so hoch aus dem Griffe der übrigen Menschheit gehängt. Wieder einige wollten behaupten, sie sei von natura so sauer und griesgrämig, daß niemand es gewagt habe, nach diesem eben bemeldeten Kränzelein die Hand auszustrecken; die dieses aber sagten, waren zu den Verleumdern zu zählen und teilweise zu den Füchsen, welchen auch die Trauben zuweilen sauer scheinen. Ein dritter Teil der Wissenden, und ich muß hinzusetzen, nicht der geringste, hielt dafür, daß Jule Hornborstel das vestalische Feuer des Dr. Hane, gegenwärtig regierenden Bürgermeisters zu Bützow, wegen schüre und daß dieser, mein sehr würdiger und werter Freund, vor Jahren ein ziemlich zärtliches Verhältnis mit der Mamsell allzu großer Charakterähnlichkeit halben plötzlich und schnöde abgebrochen habe.

Dem sei nun, wie ihm wolle, Klio, die Muse der Geschichte, deutet auf das Haus der Mamsell Hornborstel, und der Historiograph der bützowschen Schreckenszeit hat dem feierlichen Winke der ernsten Göttin ohnverzüglich Folge zu leisten.

Nicht die Tochter eines patriarchalischen Königs der Vorzeit, sondern des Sattlers Scherpelz war Regina, die Wasser schöpfende Magd, welche die Nachricht von dem Edikt der Konsuln und des Senates der Mamsell Julia heimbrachte. In niedersassischer Zunge, vermischt mit Interjektionen aller Art, erstattete sie ihren Bericht und schloß mit der Frage:

»Un dat sall wi ösch gefallen laaten?«

»Niemalen!« sagte die Mamsell Hornborstel und stand groß da, wie die siebente Szene des zweiten Aktes in Herrn Schillers Tragödie Louise Millerin oder Kabale und Liebe; ich aber schreibe diese und die folgenden Szenen nach, wie sie mir der Magister Albus schilderte, welchem sie die Mamsell Hornborstel selber beschrieb.

»Den andern werden es ihre Weiber sagen, aber dem – dem Herrn Bürgermeister werde ich meine Meinung verkündigen. Rufe mir den Doktor Wübbke, Regine!« sprach Sacharissa.

Die Tochter Scherpelzens besah ihre Herrin mehrere Augenblicke lang mit Staunen und Wundern; sodann schien sie die Meinung derselben zu begreifen und stürzte fort durch die Gassen von Bützow, den Advokaten herzuschaffen. Nach einer halben Stunde trippelte und hinkte er bereits durch die Gassen von Bützow neben der schnell hineilenden virgo und virago her zum Hause der Mamsell Hornborstel.

Er hinkte und trug ein schwarzes Pflaster am Schädel; noch immer trug seine Perücke die Spuren des Griffes der patrizischen Hand, sein schwarzes Röcklein die Spuren der Hausflur im Erbherzog. Grimm und Haß durchtobten seinen Busen. Geschlafen hatte er nicht, Gift war seine Nahrung gewesen, und Gift war er bereit von sich zu geben.

So trat er vor die Mamsell; was sie aber mit ihm verhandelte, das hat damals kein lebendiges Wesen außer ihnen in Erfahrung gebracht; selbst Albus wußte nichts darüber zu sagen, und Regina, die schön gegürtete Jungfrau, die versuchte, an der Türe zu horchen, wurde von ihrer Herrin in flagranti ertappt und mit einer klatschenden Ohrfeige heulend die Treppe hinunter und in die Küche gesendet. Nur aus dem auf diese Unterredung folgenden Auftreten des wilden, umstürzlerischen Volksverführers Wübbke konnte der Geschichtsschreiber seine Schlüsse ziehen, zog aber einen falschen.

Es grollte unter der Erde, es roch nach Schwefel; mit zusammengekniffenen Lippen und ihrem Strickstrumpf setzte sich die Mamsell Hornborstel ans Fenster, und der Advokat Dr. Wübbke verließ mit dämonischem Grinsen ihr Haus. Zwo große, beleidigte Seelen hatten ihren Haß zusammengeworfen, und der Advokat Dr. Wübbke trug das Haupt hoch, lächelte schmelzend und erschien in der nächsten Zeit in einem neuen Anzug und wohlversehen mit den Mitteln, welche allein den Krieg zu Wasser und zu Lande führen können: unde habeat, quaerit nemo, sufficit habere.

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