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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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9

An wen sich wenden? Mit wem sprechen?

Zwingend fühlte er die Notwendigkeit, beruhigt zu werden, gestreichelt zu werden, von einem Menschen, der gütiger war als seine Mutter, fester im Glauben an ihn als all die andern, von jemandem, der ihm Freude machen wollte, ihm selbst zuliebe.

Wer konnte das sein? Einen Augenblick lang tat es ihm leid, daß er gerade an diesem Tage Dina Ossonskaja begegnet war und sie von sich gestoßen hatte; das war eine Ironie, eine Tücke des Schicksals. Aber war Dina die einzige? Er dachte an Helene Blütner, die jetzt zu Hause war, seine Diktate abschrieb und sich nach ihm sehnte. Sehnte sie sich nach ihm? Weshalb? Weshalb nicht?

Als er unten an der Schwelle des Hauses in der Sonnenfelsgasse stand, war es ihm, als wäre dieses Mädchen sein Schicksal, und die Wendung seines Lebens nähme seine Richtung von ihr.

Er zitterte vor dem Gedanken, anzuläuten, zu warten, die Ruhe, die Schritte, das Klappern des Geschirrs aus den Wohnungen der anderen Parteien zu hören, und Helene Blütners Tür geschlossen zu finden. Er ging auf der Straße hin und her, wartete, gab sich eine Gnadenfrist. Es war fast neun Uhr. Dann überwand er seine Angst, lief die Treppe hinauf und klingelte.

Helene Blütner selbst öffnete; sie trug ein weißes Leinenkleid mit sehr viel Stickerei. Das rotblonde, seidene Haar strebte wie eine weiche, im Winde wehende Flamme empor. Mit beiden Händen ordnete sie es. Ihre Augen, blaue, tiefe, leuchtende und doch so sanfte Frauenaugen, freuten sich.

»Kommen Sie nur, Herr Gyldendal, es ist schön, daß Sie uns besuchen ... Edith übt gerade ... Du Edith, zünde das Licht im Speisezimmer an, bitte. Doktor Gyldendal ist hier.«

Die Töne endloser Etüden verstummten. Erik trat näher. »Verzeihen Sie, daß ich so spät störe«, sagte er.

»Ach, davon ist keine Rede; ich habe Sie ja schon so oft eingeladen, und Sie sind nie gekommen. Kennen Sie Edith? Ich werde Sie ihr vorstellen.«

Sie gingen durch das große, dämmerige Vorzimmer in das Speisezimmer. Edith, groß, dunkel, wie von Leidenschaft überschattet, langte mit dem rechten Arm zu dem Gaslüster empor, um ihn zu entzünden.

Es war etwas Strahlendes in diesem emporgestreckten Arm, der einen kleinen Messingleuchter hielt, in diesem gestreckten, wundervollen Körper, dessen Konturen sich in prachtvollem Schwung gegen die dunkle Tapete abhoben.

Erik starrte sie an. Er beneidete Helene, daß sie neben einem so schönen, hinreißenden Menschen leben konnte. Er erinnerte sich der Treppe, einer engen, schmutzigen Treppe, die zu Blütners Wohnung emporführte, bedeckt von Abfällen, ständig vom Staub der Schuhe all der Menschen beschmutzt, und dachte: »Wie schrecklich, daß ein so herrlich schöner Mensch wie Edith Tag für Tag diese Treppe heraufsteigen muß!«

Erik wurde vorgestellt, und das Gespräch kam auf Musik; er bat sie, ihm etwas vorzuspielen. Sie sagte mit fremdem Blick »nein«. Er bat nochmals, dringender – sie sah ihn an, weich, vertraut, wie wenn es heißen wollte: dir allein wollte ich vorspielen, aber nur dir allein.

Schließlich meinte sie, Erik sei sehr verwöhnt und ihre Geige sei unter aller Kritik.

In diesem Augenblick kam ihm die schreckliche Szene des Abends ins Gedächtnis, der Tobsuchtsanfall, die grausamen, brutalen Worte der Mutter, der Weinkrampf und dann die drei letzten schlaflosen Nächte – sie tauchten gleich drei verfolgenden Erinnyen vor ihm auf und verdeckten mit ihren dunklen Flügeln seine ganze Zukunft.

Wohin? Seine Mutter hatte ihn aus der Wohnung fortgejagt, er war mit jeder Faser von seinen Eltern abhängig. Sie waren im Recht, sie alle, Doktor Egon Sänger, seine Eltern. Was konnte er ohne sie tun, ohne Geld, ohne das bißchen Sorge, das sie für ihn übrig hatten?

Ein Gefühl großer Verzweiflung stieg in ihm auf und schlug zusammen über ihm.

Da sah er Helenes Augen auf sich gerichtet, ihre großen, tiefen, leuchtenden, ruhigen Frauenaugen – da fühlte er: deine Heimat ist bei ihr. Deine Ruhe, Ruhe?

Endlich Ruhe, endlich nicht mehr gehetzt von seiner Arbeit, von seinem Ehrgeiz, gehetzt wie ein Galeerensträfling, der unter der Peitsche steht und mit allen, tausendfach angespannten Kräften seine Ruder in die toten Wasser gräbt und sie an sich zieht und sie wieder eingräbt in die widerstrebende Flut.

Ja, sie ruderten schnell, die Galeerensträflinge, sie hatten nichts anderes als ihre Verzweiflung und ihr hölzernes Ruder, da konnten sie weiter kommen und alle andern, Friedlicheren, Schwächeren, Gütigeren überholen.

Es waren die stärksten unter allen Schiffen, die Galeeren, und die schnellsten.

Es schlug zehn Uhr von der Michaelerkirche. Erik Gyldendal wußte jetzt, was er wollte.

»Kommen Sie mit mir, Helene«, sagte er; sie senkte den Kopf und schwieg.

Edith stand auf mit der Bewegung einer zürnenden Göttin, voll von Grazie und Kraft. »Was sagen Sie, Herr Gyldendal? Helene? Jetzt?«

»Ja«, sprach er und sah sie fest an.

»Ich habe über mich selbst zu entscheiden, das weißt du, Edith!«

»Aber sei doch vernünftig, es ist zehn Uhr vorbei. Der Portier sieht dich. Du weißt, die Leute erzählen alles weiter. Und gerade jetzt! Denke doch!«

»Sie sollen nur.«

»Tu's doch um meinetwillen nicht, mir zuliebe!«

»Nein!«

»Du kannst doch den Herrn Doktor morgen früh sehen, wenn es dir Vergnügen macht.«

»Ich bitte dich, gib mir nur den Schlüssel zur Wohnung, um alles andere kümmere ich mich selbst.«

»Nein, den bekommst du nicht. Das bin ich dem Andenken unserer Mutter schuldig und dem Namen, den wir beide haben. An deiner Stelle würde ich...«

»Phrasen«, sagte Helene ruhig, »alles Phrasen. Du willst den Schlüssel nicht hergeben. Habeat sibi!«

Sie lächelte Erik Gyldendal zu; beide verstanden das lateinische Wort, aber Edith schien es für die Übersetzung von »dumme Gans« zu halten, denn sie wandte sich ohne ein Wort ab und schlug die Tür zu.

»Bitte, Herr Gyldendal«, sagte Helene. Sie nahm ihren Mantel um, setzte vor dem Vorzimmerspiegel den Hut auf und ging auf der engen Treppe voran, indem sie mit einem Streichhölzchen leuchtete.

Der Portier war verschlafen, sagte »Gute Nacht, gnädiges Fräulein!« wie wenn er damit andeuten wollte, Erik existiere nicht für ihn. Doch ist es immer schwierig, sich in die Psychologie eines Wiener Hausmeisters zu vertiefen.

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