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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid987ec81b
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8

Mit einem Blick hatte Erik Gyldendal die Situation übersehen. Er ging auf Egon Sänger los, der klein, kahlköpfig, verkrochen in seinen schwarzen Cutaway, sich duckte.

Wie einen jungen Hund packte ihn Gyldendal. Er sagte das einzige Wort: »Hinaus!«

»Hier habe ich zu befehlen«, sagte Frau Gyldendal.

»Dann gestatte, daß ich mich entferne«, sagte der Sohn.

Der Arzt: »Ich will nicht länger stören.«

»Du wirst bleiben, bis ich mir dir gesprochen habe. Erik, was geht da vor? Mir verheimlichst du deinen Zustand? Hast du kein Vertrauen zu deiner Mutter?«

»Seit wann hast du dich um meinen Zustand gekümmert? Ich verstehe nicht, daß du auf diesen Gedanken kommst.«

»Wie kannst du dich unterstehen, gegen deine Mutter einen solchen Ton anzuschlagen? Das ist infam ...«

Bankier Christian Gyldendal trat ein, schwarz gekleidet, mit gepflegter Eleganz in allen Bewegungen; ein Aristokrat der Börse.

Egon Sänger fand es geraten, zu verschwinden. »Das ist meine Sache«, sagte Erik kurz.

»Deine Sache?« lachte Frau Gyldendal in Wut. »Was bist du eigentlich? Worauf bildest du dir etwas ein? Als meine Brüder so alt waren wie du, haben sie Geld verdient. Du hast dir nicht einmal das Geld für einen Teller Suppe verdient!«

»Natürlich! Wirf es mir nur vor!« sagte Erik zitternd vor Aufregung.

»Sag', Christian, hab' ich recht?«

Der Bankier schritt, die Hände krampfhaft auf dem Rücken gefaltet, hin und her, bald nahm er irgendein Buch auf, bald sah er in die Bogen voller Zahlen.

»Wenn dein Vater nicht die Güte hätte, dir Geld zu geben, was wärest du mit deiner Weisheit? Nichts, nichts, nichts. Er hat dir dein Studium bezahlt, all die blödsinnigen Spielereien, die du oben in Döbling treibst. Alles, alles ... Statt nun in Dankbarkeit zu ihm zu gehen und ihm die Hand zu küssen, bist du frech gegen uns.«

Erik, dessen Nerven durch die schlaflosen Nächte, durch die Szene mit Dina Ossonskaja schwer erschüttert waren, bekam einen Anfall wie ein Tobsüchtiger. Er warf sich auf den Schlafdiwan, wühlte den Kopf in die Kissen und stieß wütend mit allen Gliedern um sich. Dabei stiegen ihm Tränen in die Augen, und er begann zu schluchzen; die Tränen rannen ihm die Wangen hinab. Dabei waren seine Gedanken ganz klar: »Was ist das«, fragte er sich, »werde ich wahnsinnig werden?« Er zerknüllte sein Taschentuch in der geballten Faust, er zerfetzte es mit seinen Nägeln. Dann stand er auf, und während von seinem starren, blassen Gesicht noch Träne um Träne herablief, wollte er fortgehen. Aber die Mutter hielt ihn am Arme fest.

»Du, Erik, das geht nicht! Du mußt mit diesen Dingen, Veronal und Morphium, aufhören. Das ist unanständig. Wir werden dir ein halbes Jahr in einem Sanatorium bezahlen. Wir werden dich in guter Pflege unterbringen!«

Sie meinte es gut. Erik war verzehrt von Scham. Das ganze, so schwer gehütete Geheimnis seiner Existenz war jetzt gewaltsam vor aller Augen ausgebreitet, zum Gelächter seiner Familie. Sein Weinkrampf erschien ihm unwürdig, mitleiderregend und feig. Beide Hände breitete er über das Gesicht und drängte zur Tür.

»Und was für einen ekelhaften Ausschlag du an der Hand hast! Was hast du wieder angefangen?« Sie wollte die Hand von seinem Gesicht herunterreißen; aber Erik gab nicht nach. Die Mutter geriet in namenlose Wut.

»Ah, du hast wieder einem Dienstmädel den Kopf verdreht, wie damals der Bronislawa.«

Leichenblaß, mit weit aufgerissenen Augen, starrte Erik Gyldendal seine Mutter an. Seine armen, geschändeten Hände fielen von seinem Gesicht herab.

Dieses Schweigen regte die Mutter noch mehr auf. Es war so, wie damals im Wald Erik durch Dinas Schweigen schrecklich aufgebracht worden war; sie waren ein gewalttätiges Geschlecht, Mutter und Sohn, und wußten zu treffen, wenn sie es wollten. »Das ist ein Lausbub«, sagte Frau Gyldendal zu ihrem Mann, »das ist ein Lausbub trotz seiner sechsundzwanzig Jahre.« Sie wandte sich ab.

Da verließ Erik seine Selbstbeherrschung. Die Wut schüttelte ihn. Jeder seiner Nerven war vor Aufregung zusammengekrampft – jetzt ging er seiner Mutter nach, packte sie vorn am Kleid. Er hob seine starke Hand zum Schlag und hätte sie ins Gesicht geschlagen, wenn nicht sein Vater, wie ein antiker Gott in der Tragödie, selbst ergriffen von dem Schauerlichen des Augenblicks, dazwischengetreten wäre. Schweigen.

Er nahm Erik bei der Hand und sagte ganz leise: »Komm mit mir!« Das war das letzte Wort. Er führte den Willenlosen durch den Salon auf die Stiege, die Treppe hinab, vor die Tür.

Da ließ er seines Sohnes Hand los und kehrte um.

Erik stand da, beinahe bewußtlos vor Aufregung, die Wangen noch naß von Tränen, den schönen schmalen Kopf in der freien, kühlen Luft.

Das Stubenmädchen kam die Treppe hinab und brachte den Hut.

»Bitte, Marie, holen Sie mir ein Taschentuch«, – er hatte das seinige zerrissen – »Sie wissen ja, links oben im Schrank.«

Nach zwei Minuten kam sie wieder und brachte es.

»Der gnädige Herr soll so freundlich sein und die Schlüssel heraufschicken«, sagte sie.

Erik gab die Schlüssel zu seinen Schränken. Das Stubenmädchen wartete.

»Was wollen Sie noch?« fragte er leise.

»Auch den Hausschlüssel, bitte«, sagte das Mädchen.

Erik gab den großen Hausschlüssel her. »Ich war dreizehn Jahre alt, als ich ihn zum erstenmal bekam«, dachte er. »Damals hab' ich mich darüber sehr gefreut; ich bildete mir ein, ein erwachsener Mensch zu sein.« Er zog den Hut und ging durch den Vorgarten auf die abendstille Straße.

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