Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/weiss/galeere/galeere.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110116
projectid987ec81b
Schließen

Navigation:

7

An dem gleichen Nachmittag, an dem Dina Ossonskaja in der Prater-Hauptallee Erik Gyldendal angesprochen hatte, war sein Freund, Doktor Egon Sänger, bei Frau Gyldendal zu Gast.

Egon Sänger war als bettelarmer Student nach Wien gekommen. Später erzählte er oft, daß er nur ein einziges Paar Schuhe hatte, deren Oberleder gerissen war. Deshalb strich er seine weißen Socken an den entsprechenden Stellen mit Tinte an, im Laufe des Tages verschob sich der Schuh, und man sah die weißglänzenden Löcher.

Erik Gyldendal, dem Egon eine Zeitlang sympathisch war, machte ihn mit seiner Mutter bekannt, die ihm Geld gab und Nachhilfestunden verschaffte. Egon erlangte sein medizinisches Doktorat an demselben Tage wie Erik sein philosophisches. Jetzt hatte Egon aber schon die Mittel, sich Lackschuhe und weiße Glacéhandschuhe zu kaufen.

Da die Versuche, die Gyldendal ausführte, zum Teil in das Gebiet der Medizin einschlugen und er gerade damals mit Doktor Sänger ab und zu zusammentraf, warf er ihm Ideen hin, Anregungen, auch Versuchsprotokolle, so wie man einem Hund Knochen hinwirft, manchmal mit einem hübschen Bissen Fleisch daran, manchmal bloß ein nacktes Bein, aus dem sich die Bestie das fette Mark herausbeißen muß.

Egon Sänger, ein Mann von unerschütterlicher Gesundheit und bedeutender Energie, bewies, daß er gute Zähne hatte. Zu Dankbarkeit fühlte er sich nicht verpflichtet. Erik hatte an ihm einen Feind, wie man ihn an allen mittelmäßigen Leuten hat, denen man Gefälligkeiten erweist und die sie nicht erwidern können oder wollen.

Egon Sänger und Lea Gyldendal saßen im Salon bei herabgelassenen Vorhängen und sprachen von Erik.

»Wie geht es ihm?« fragte Doktor Sänger. »Er sieht etwas angegriffen aus, aber Sie wissen, er hat sich auch nie schonen können.«

»Sie sollten ihm doch zureden.«

»Glauben Sie, daß das etwas nützt? Er bildet sich ein, daß seine Arbeiten ihm davonlaufen, wenn er auf einen Monat oder zwei in ein Sanatorium geht. Ich verstehe doch auch etwas, ich arbeite ...«

»Sie denken, daß er eine Zeitlang ausruhen muß, daß es wirklich notwendig ist?«

»Gewiß, gnädige Frau, aber er kann es ja kaum erwarten, Extraordinarius und korrespondierendes Mitglied der Akademie zu werden.«

»Das sind lauter Dummheiten«, sagte Frau Gyldendal. »Aber ich dachte, er sei wirklich gesund. Nervös ist er doch nicht?«

»Sehen Sie, gnädige Frau, Sie haben ganz recht, die gewöhnliche Nervenschwäche oder Neurasthenie hat der Herr Dozent nicht. Die wirklichen Neurastheniker sind Leute, bei denen irgendein Rad kaputt ist. Uhren, die immer wieder stillstehen, die man jede halbe Stunde aufziehen muß, reizbare, energielose, ängstliche Naturen. Solch ein Waschlappen ist er nicht. Er hat für das kaputtgewordene Rad sozusagen alle andern in doppelte Energie versetzt, er hat sein Defizit ausgeglichen. Es ist, wie wenn ein Herzfehler kompensiert wird.«

»Darum handelt es sich nicht, Herr Egon«, sagte Frau Gyldendal, »sondern bloß darum, ob mein Sohn seine Laufbahn unterbrechen soll.«

»Ja, das ist eben die Sache; das wollte ich eben mit der kompensierten Neurasthenie erklären. Solange er es aushält, ist es gut; und wenn er es aushält. Wenn er aber zusammenklappt – aus irgendeinem Grunde –, wenn er über etwas stolpert, sozusagen, dann wüßte ich – als Arzt – nicht, was man ihm raten könnte. Dann ist er wohl fertig. Seine Reserven hat er alle schon in der Fabrik, sozusagen; wenn einmal...«

»Sie sind sehr geistreich, Herr Doktor, aber sprechen Sie einmal nicht als Arzt, sondern einfach als Freund unserer Familie; wir haben Sie doch immer zu den Unseren gezählt.«

Egon Sänger lächelte geschmeichelt.

»Ja, gnädige Frau, wenn Sie meine ganz aufrichtige Meinung wissen wollen, ich denke, es wäre gut, wenn er eine Zeitlang, vielleicht ein halbes Jahr, ganz mit der Arbeit aussetzte; ich werde Ihnen gleich sagen, warum. Elend hat er ja immer ausgesehen, trotz seiner prachtvollen Statur, ja, leider, aber unlängst, als ich ihn bei Hofrat Eschenbrand traf, war ich ganz entsetzt. Und ich glaube auch zu wissen, warum. Er lebt nicht normal – er ißt nicht, er arbeitet nicht, er schläft nicht wie ein normaler Mensch. Und das Normale ist doch die Gesundheit, sozusagen. Ich frage ihn – du Erik, was hast du? – Nichts. Übrigens, was tut man gegen einen Abszeß? – und da zeigt er mir seine Hand, die einen komischen Ausschlag hat, und den Unterarm. Auf dem sitzt ein Furunkel. Über den Ausschlag will ich mich nicht äußern, gnädige Frau, ich bin nicht Spezialist, Sie verstehen mich – aber der Furunkel, das war ein typischer Morphiumfurunkel. Die Stelle ist typisch, sozusagen. Eine Handbreit über dem Gelenk.«

»Weiter, weiter«, drängte Frau Gyldendal.

»Was soll ich Ihnen sagen – er hat es zugeben müssen; nur behauptet er, er hätte Injektionen von Koffein gemacht. Aber ein Mensch, der nicht schläft, Koffein! Das ist lächerlich, nicht, gnädige Frau? Koffein, das nur noch mehr aufregt!«

»Ich finde das absolut nicht lächerlich«, sagte Frau Gyldendal. »Sie denken, daß er Morphinist ist?«

»Ich bin davon überzeugt«, sagte Egon Sänger.

»Kommen Sie, Egon!« Sie stand auf.

Sie traten in Eriks Arbeitszimmer. Das war ein großer Raum mit roten Tapeten, der auf den Garten der Villa hinausging. In einer Ecke ein Schlafdiwan; überall Bücher, die Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften von Wien, Berlin, der Société des Sciences in Paris. Manuskripte, Entwürfe, lange Tabellen von Zahlen, ungeheure Bogen, links oben ein Datum und darunter das Ergebnis der Versuche. Bloß eine Photographie: die der Duse als Francesca da Rimini.

Um all die Papiere kümmerte sich Frau Gyldendal nicht; sie warf die Manuskripte und Tabellen zu Boden, schloß dann mit ihren eigenen Schlüsseln die Schubladen des Schreibtisches auf. Überall waren mathematische, physikalische und philosophische Entwürfe. Egon Sänger stand neben ihr; sein Gewissen war nicht ganz rein; plötzlich aber leuchtete sein Gesicht auf. Triumphierend sagte er: »Hab' ich nicht recht gehabt?«

Frau Gyldendal hatte die Medikamente ihres Sohnes gefunden. »Es sind ungeheuerliche Dosen«, sagte Egon, »wir geben Sulfonal bis zu einem halben Gramm. Das hier sind fünf Gramm. Das ist Morphium. 0,10 auf 10,0. Eine Lösung, wie sie eigentlich nur Tierärzte verwenden.« Er versuchte zu lachen; aber er sah, daß Frau Gyldendal zitterte. Sie hatte die Spritze gefunden, die sich in elendem Zustand befand. Die Kanüle war verrostet, in dem Innern war noch etwas klare Flüssigkeit.

»Sehen Sie, gnädige Frau«, sagte Egon.

Da hörten sie draußen Schritte, und bevor sich Frau Gyldendal von der Erde erheben konnte, wo sie vor den untersten Schubladen kniete, trat Erik Gyldendal ein.

Dinas Erscheinung hatte ihn so aufgeregt, daß ihn die Tänzerinnen und Tänzer bei Prochaska nicht interessiert hatten. Er war früher heimgekommen als sonst. Auf der Stiege hatte er seinen Vater getroffen. Sie hatten sich die Hände geschüttelt. Der Bankier war in sein Zimmer gegangen, um sich fürs Souper umzukleiden; er kam immer im Smoking.

Christian Gyldendal entstammte einer alten schwedischen Landherren- und Militärsfamilie. Er war arm nach Wien gekommen, hatte sich in dem Bankhaus Jonas Ehrenfeld eine Stellung erworben und die Kusine des Bankiers geheiratet.

Es war eine Liebesehe, Erik war der einzige Sohn.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.