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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 35
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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35

Erik träumte. Er lag ruhig da, die rechte Hand in dem großen Verband, der von der Injektion mit einigen Blutstropfen befleckt war, die linke Hand schützend darüber gelegt. Der Kopf fiel auf der Seite schlaff herab, wie bei einem müden, kleinen Jungen, der während einer langen Eisenbahnfahrt eingeschlafen ist.

Erik träumte. Die kleine Slowakin mit ihren langen schwarzen Zöpfen war bei ihm; in einem Sanatorium, nach der Operation. Eine schöne rote Lampe leuchtete ruhig, ohne Flackern: Alles Böse war vorüber, und er hatte keine Schmerzen. Nur fürchtete er, daß er das Atmen vergessen könnte; eine Minute würde er vergessen zu atmen – man könnte ja an anderes denken, an Wolken, an Funken, an ein Dahingleiten über alles irdisch Bewegte – bloß an den Fingerspitzen gehalten. Jetzt war es aber kein Flug, sondern ein Zimmer; ein Dienstbotenzimmer, und nicht Bronislawa Novacek lag in dem Dienstbotenbett, sondern er selbst, und dann war er auch viel, viel jünger.

Unter seinem Kopfpolster lagen zwei Orangen, und er wußte von jemandem, der damit hausieren ging und sie ihm mitbrachte von weiten Wegen; von weiten Wegen draußen in der Welt.

Das Licht war immer noch zu stark, zu grell. Da breitete er die Hände vor das Gesicht und dachte: Irgendwo habe ich das schon gesehen. Und er wollte einschlafen und sich nicht mehr die Mühe geben, unaufhörlich zu atmen und die Stille zu stören.

Da kam sie herein, im Hemd, mit bloßen Knien, die dunkle Flecken trugen, und trat zu ihm, weckte ihn, so daß er wieder atmete; atmete, mühsam atmete wie jeder andere Mensch ... Er hatte noch Strümpfe und Schuhe an.

Und die Slowakin zog ihm die Schuhe aus und streifte die Strümpfe herunter; einen nach dem andern. Sie hatte rauhe Hände, und doch war die Berührung angenehm und still. Gutes, braves Morphium, dachte er und streichelte es, streichelte etwas Warmes, Weiches, Beruhigendes ...

Da läutete es; schrill, bös. Die Mutter läutete. Frau Gyldendal läutete dem Stubenmädchen Bronislawa Novacek – und das Mädchen legte die Finger an den Mund, als wollte sie sagen: Verraten Sie mich nicht, gnädiger Herr!

Nein, er verriet sie nicht. Er schlief ein und dachte: Wie kann ein Mensch schlafen, wenn er immer, immer wieder atmen muß?

Da weckte ihn ein wilder, markerschütternder Schrei. Er wachte auf. Aus einer unergründlichen Tiefe stieg sein schon versunkenes Bewußtsein staunend an die Oberfläche. Stieg durch tausendfach verschiedene, unerhört schnell wechselnde Bilder und Gedanken, stieg empor zum Bewußtsein, blieb oben einen Augenblick stehen und schlug die Augen auf. Da sah er seine Mutter, von Schluchzen geschüttelt, aber ganz, ganz stumm, ohne einen Laut. Christian, der Vater, steht neben ihr, im schwarzen Smoking, eine weiße Blume im Knopfloch; und Christian beugt sich auf ihren Kopf hinab, sein Mund sucht ungeschickt ihre Lippen. In einem endlosen Kuß drückt er seine Gattin an sich. Staunend möchte Erik die Augenbrauen hochziehen.

Vater und Mutter küssen sich?

Mutter und Vater küssen sich?

Aber die Augen fallen ihm langsam zu, fallen ihm langsam zu.

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