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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 34
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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34

Herr Christian Gyldendal stand auf, strich einige Brosamen von dem tadellosen Smoking, löschte das Licht aus und ging zu der Gartentür.

Erst ging er langsam, dann immer schneller. Er hatte Angst, daß er seine Frau nicht mehr sehen könnte, denn es war doch schon sehr dunkel geworden, aber er sah sie gerade noch in die nächste Seitengasse einbiegen; er sah sie, den Kopf gebeugt und starr, die Schritte lang, ohne Grazie, ohne die Ruhe, die ihr sonst eigen war; sie ging zu ihrem Sohne, nein, seine Spur verfolgte sie, getrieben von Verzweiflung, von der Furcht, zu spät zu kommen. Ihr Gatte wußte das alles; er wußte, wie unglücklich Lea Gyldendal durch Erik geworden war, er wußte auch, daß wieder etwas Unbarmherziges, Schreckliches von neuem in ihr Leben gegriffen hatte.

Immer, bei jedem Wort, bei jeder gleichgültigen Bemerkung hatte er vorhin darauf gewartet, daß sie ihm von dieser neuen Katastrophe etwas sagen würde. Aber es geschah nichts. Sie sprachen davon, daß man bei Mozartsonaten die Finger gut eindrillen kann.

Er durfte nie von seinem Sohn reden, so wie er in den ersten Monaten ihrer Ehe nie von der Oper, nie von Musik überhaupt sprechen durfte. Das war Leas Eigentum, ihr heiligstes, innerstes, unantastbares; ihre Kunst, die sie aufgegeben hatte ... und ihr Sohn.

Es blieb noch genug für die Ehe. Die gute Hausfrau, die untadelige Dame der Gesellschaft, die kluge, vornehme Gefährtin. Und dann so viele Hoffnungen. Immer die Hoffnung, auch die wirkliche große Liebe würde wieder zurückkehren, frei, unaufgefordert.

Die Hoffnung, seine Gattin würde nicht so viel, so unendlich viel von ihm, Christian Gyldendal, annehmen, ohne zu geben; ohne den leisesten Versuch, zu geben.

Aber was er von ihr, der Gattin, erwartete, das erwartete sie, die Mutter, von ihrem Kinde.

Die unerfüllten Hoffnungen ketteten diese drei Menschen mit Galeerenketten aneinander, und so zogen sie einer den andern dahin.

Jetzt wußte Christian Gyldendal, daß der Weg von der Haizingergasse zur Osterleitengasse ein Weg der Entscheidung war; daß etwas Neues, Schreckliches in dem Dasein des Sohnes war; daß sich jetzt die Ketten anspannen mußten, die vom Sohne zur Mutter und von der Mutter zu ihm gingen, dem Gatten.

Die Straßen waren still. Unter dunklen Bäumen saßen Liebespärchen.

Hart an der Mauer, mit den langen, gehetzten Schritten eines wilden Tieres, ging Lea Gyldendal zu ihrem Sohn.

Christian folgte ihr, ungesehen, von der immer gleichen keuschen Vornehmheit erfüllt, derselben Güte, mit der er Lea verdorben hatte; er wollte sie jetzt nicht in ihren Gedanken stören, wollte sich nicht zwischen Mutter und Kind stellen in der Stunde der Entscheidung. Aber er fühlte sein Herz klopfen, als er in die Gegend kam, in der Erik wohnte.

Zwei späte Spaziergänger, die ein wenig taumelnd ihren Heimweg vom Wirtshaus antraten, sahen ihn, den eleganten, weißhaarigen Herrn, einer Dame nachgehen, die offenbar Eile hatte, nach Hause zu kommen.

»Schaut's den alten Steiger an!« sagte der kleinere von den beiden.

Da erwachte in Christian Gyldendal die Wut. Diese frechen, unverschämten Menschen zu stellen, ihnen alles Böse, Wilde und Gemeine ins Gesicht zu werfen, sein Unglück an dem besoffenen Lumpen auszulassen, der ihn einen Steiger, einen Schürzenjäger nannte!

Ihn schlagen mit der wilden Faust, mitten ins Gesicht, auf den Mund, der nach Wein roch.

Aber Lea Gyldendal ging schnell weiter, und Christian mußte folgen. Auch die beiden Nachtgesellen kamen ein Stück nach. »Gengans, bleiben's doch da!« rief der ältere. Beide lachten.

Weiter, immer weiter ... Lea Gyldendal stand vor der Tür ihres Sohnes.

Sie läutete und lehnte sich in den Winkel zwischen Tor und Mauer, erschöpft, müde auf den Tod.

Sie gab dem Hausmeister einen Gulden und sprach ein paar Worte mit ihm.

Christian Gyldendal lief schnell bis zum Haustor, um noch in das Haus zu kommen, bevor es geschlossen wurde.

Die zwei lustigen Gesellen auf der Straße waren nun überzeugt, daß er ein Schürzenjäger war, der einer Frau nachstieg und ihr bis aufs Zimmer folgen wollte. Sie kamen ihm nach und wollten ihn gutmütig-roh zurückhalten; rieten ihm, lieber doch ein Viertel fein gespritzt zu trinken, als dem Weibsstück da nachzulaufen.

Aber Christian stieß sie zurück, öffnete das Haustor, der Hausmeister leuchtete seiner Gattin eben die Treppe hinauf. – Unten wartete er zitternd, bis in die Tiefen seines Wesens aufgewühlt.

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