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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 33
Quellenangabe
pfad/weiss/galeere/galeere.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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33

Doktor Erik Gyldendal mußte dreimal an seinem Hause läuten, bevor ihm der alte Hausmeister, in Filzpantoffeln und einem vorn durch lange Quasten schlecht geschlossenen Schlafrock, öffnete.

»War jemand hier?« fragte Erik.

»I was nix davon«, brummte der Hausmeister, während er seine Hand zum Empfang des Sperrgeldes ausstreckte.

Wozu denn? dachte Erik. Weshalb sollte meine Mutter heute kommen? Braun hat mir zwar gesagt, daß er meine Familie vor der Operation benachrichtigen will, aber er weiß nicht, daß sie schon morgen sein soll.

In dem Augenblick erst war ihm der Entschluß gekommen, sich schon am nächsten Tag zur Operation bei Braun einzufinden. Er hätte die Hoffnung auf Genesung geopfert, wenn ihm Edith die paar Monate geschenkt hätte, um die er sie angebettelt hatte.

Was war ihm jetzt Edith? Sie war ihm so lange alles gewesen, als noch der unendliche, wundervolle Strom des Lebens durch den leeren Raum seiner Seele geflossen war, in unbändiger Stärke; da hatten die Strahlen tausendfach geleuchtet, gezischt und waren durch die Tiefen der andern gegangen. Jetzt war das Leben nicht mehr in ihm, sondern über ihm, weit, weit... die Gesundheit, die Kraft seines Körpers, die Möglichkeiten seiner Zukunft zogen über ihm hin wie die gigantischen Wolken in der Luft, gleich Schiffen mit ungeheuren Segeln. Er war müde.

Eine dicke Fliege schwirrte an der Decke umher und stieß mit dem plumpen Kopf an die Fensterscheiben.

Er packte den Karton des Apothekers aus; es waren zehn Veronalpulver und eine fünfprozentige Morphiumlösung. Das Veronal bestand aus lauter winzigen, blitzenden Kristallen; wie bitter sie waren; ekelhaft bitter. Erik erinnerte sich des Champagners im Westbahnrestaurant. Ich werde ohne Schlafmittel schlafen. Aber er schlief nicht.

Die Fliege surrte unermüdlich. Er ging ans Fenster. Ein Liebespaar ging vorbei. Der junge Mann rauchte eine Virginia, das Mädel ließ sich von ihm schleppen; sie kamen vom Heurigen.

Erik legte sich zu Bett. Er überlegt: Die Lösung enthält fünf Prozent Morphium, id est in hundert Kubikzentimetern sind fünf Gramm. In einem Kubikzentimeter sind fünf Zentigramm. Das gibt einen guten Schlaf. Es ist ja nur ein einziges Mal. Das erste Mal. Ich habe mich immer vor Morphium gefürchtet. Ein Physiker darf keine so starken Schlafmittel nehmen, er darf nicht träumen, und ich habe ja auch nicht geträumt. Aber von heute an bin ich nicht mehr Physiker, ich bin nichts als eine gequälte Kreatur, so wie Dina Ossonskaja die drei weißen Meerschweinchen nannte, die an den Röntgenstrahlen zugrunde gingen. Wieso eigentlich?

Er streifte den Ärmel hinauf und stach die Kanüle unter die Haut. Es tat weh, und er zuckte.

Es gibt doch Leute, welche eine Injektion ganz schmerzlos machen können, dachte er. Das muß ich von der Rotekreuzschwester verlangen, daß sie es kann. Man kann alles für Geld und gute Worte haben. Selbst Schlaf. Ich, Doktor Erik Gyldendal, kaufe mir heute eine schöne, traumlose Schlafesnacht für fünf Zentigramm Morphium; eine wunderbare, vollkommene Nacht ...

Ich muß an irgend etwas Halbvergessenes denken, da schlafe ich am leichtesten ein.

Als ich noch ein Bub war, habe ich in Mondsee mit einem kleinen Mädel gespielt; sie hieß Alice. Und wir sind viel im Sand herumgelaufen. Lange, lange Wochen immer im Sand. – Das Ufer ist ja flach.

Und ich hatte Sand im Schuh. Da habe ich das Mädel gebeten, sie soll mir den Sand aus dem Schuh nehmen; sie hat mir den Schuh ausgezogen und meinen Fuß in ihrer Hand gehalten. Wie alt war sie damals? Dreizehn Jahre vielleicht – und ich elf. Wie schrecklich sie mich gekitzelt hat! Und dann haben wir beide gelacht. Warum eigentlich? So lange gelacht, bis wir uns geküßt haben. Das habe ich eigentlich vergessen, und jetzt weiß ich es wieder. Mein erster Kuß.

Die Fliege summt immer noch.

Und der letzte Kuß, den hat mir Helene gegeben oder nur geben wollen – eigentlich sollte ich jetzt schon schlafen und spät morgens erst erwachen und gleich zu Braun gehen – sie ist mir böse, Helene. Gerade in dem Augenblick, in dem ich sie brauche, hat sie gefunden, daß sie mich haßt.

»Was uns zusammenhält, das ist keine Liebe. Nein; das war es schon in der letzten Zeit nicht mehr. Ich bin dir bös. Ich hasse dich, so wie ein schwacher Mensch hassen kann. Dieser Haß gegen dich ist stärker als die Liebe zu dem andern ...« Das alles sagte die Stimme sonderbar tief. Und plötzlich erkannte Erik, daß in diesen Worten nicht Haß lag, sondern nur Liebe, unendlich viel keuscher, verschlossener, glühender, als in den ersten seligen Tagen ihrer Neigung. Er erkannte das ganz klar, ganz nüchtern.

Aber weshalb hatte er das nicht gleich verstanden? Mußte Dina Ossonskaja recht behalten, die sagte, er verstehe keinen anderen Menschen, er sei ganz ohne Mitfreude, ohne Mitleid, ohne Mitgefühl, leer, leer, eine ungeheuerliche, vollkommene Leere unter einem gläsernen Mantel?

Und mußte er jetzt, in dieser teuer erkauften Schlafensstunde von diesem zudringlichen, nüchternen Gedanken gequält werden? Mußte er, mußte?

Mit bitterem, gleichzeitig aber hilflosem Lächeln, so wie einer, der zu einem Wucherer geht, um eine Sache von dreitausend Gulden Wert für fünf Gulden herzugeben, weil er diese fünf Gulden unbedingt braucht, weil er etwas Bares in der Hand haben muß, um jeden Preis, mit diesem bitteren Lächeln griff er zur Morphiumspritze, suchte die Einstichöffnung von der ersten Injektion auf und spritzte sich abermals einen Kubikzentimeter ein.

Er hörte die Fliege sausen, endlos, in ungeheurem, immer neuverschlungenem Bogen, surrte sie durch das Zimmer. Erik erwartete hungernd, zitternd, gepackt und geschüttelt von Ungeduld und Wut den Augenblick, in dem er dieses Surren nicht mehr hören würde, wo alles verstummen würde vor der Majestät des Schlafes ... aufgelöst, weltentrückt durch Schlaf ...

Da sah er sich und Dina Ossonskaja in dem kleinen Hörsaal, der auf den Maximilianplatz hinausging. Sie waren allein, das Zimmer war verdunkelt. Er suchte seine Kontakte zusammen, verband die Leitung mit der Röntgenröhre, schaltete einen Widerstand ein und stellte den Stift des Unterbrechers fest.

»Sehen Sie, Fräulein Ossonskaja, der Strom wird durch den Unterbrecher in zahllose Einzelentladungen geteilt, er arbeitet also wie eine große Elektrisiermaschine, er gibt soundso viel Funken in der Sekunde. Bei der Anode tritt der Strom ein, bei der Kathode aus.«

»Ich weiß«, sagte Dina Ossonskaja.

»Von der Kathode gehen nun Strahlen aus; die sieht man nicht; wenn sie aber auf ein Hindernis aufprallen, dann blitzen sie auf. Was nennt man Gyldendals Phänomen? Dieses Hindernis heißt Antikathode; es besteht aus einem Platinspiegel und ist das Grundexperiment. Das Grundexperiment von Professor Doktor Röntgen in Würzburg, demonstriert von Doktor Erik Gyldendal, Professor in Wien. Sie werden sogleich die Strahlen sehen. Bitte, kommen Sie nicht zu nahe!«

»Was geht das mich an?« schreit Dina Ossonskaja. »Ich kann doch nicht unglücklicher werden, als ich bin.«

»Aber«, sagt er, »davon sprechen wir später. Jetzt muß ich meine Experimente machen.«

Er steckt den Kontakt zusammen. Aber es bleibt still ... nichts rührt sich ...

Er untersucht die Leitung, den Rheostat, den Unterbrecher, alles ist in Ordnung.

Dina hilft ihm dabei. Ihre Hände helfen ihm, aber ihr Mund lächelt höhnisch.

»Reize mich nicht!« sagt er, »du weißt nicht ...«

»Drohe nur!« sagt sie mit verzweifelter Ironie.

Er sieht nochmals alles nach. Die Zeiger an den Meßapparaten spielen, sie schwingen aufgeregt hin und her. Aber die Röhre des Herrn Röntgen geht nicht. Es kommt kein Licht. Alle Welt wartet auf das Licht, ist erstaunt, daß ihm, Erik Gyldendal, ein solches Malheur widerfahren kann, und lacht. Alle Welt lacht.

»Es muß Luft in die Röhre gekommen sein«, sagt er leise. »Sieh doch nach!« meint Dina mit verstelltem Ernst. Sie amüsiert sich königlich.

Er prüft alles mit der ganzen Kraft seines Geistes, mit aller Spitzfindigkeit sucht er den Versuchsfehler. Aber es gelingt nicht. Das Zimmer bleibt finster. Die Leute im Zimmer lachen belustigt. Einer quiekt. Darauf allgemeines Gelächter. Man zieht die Vorhänge auseinander. Es wird hell im Saal. Da sieht man Dina Ossonskaja mit einem schönen, dunkelbärtigen, höchst eleganten Herrn; die beiden sind sehr verliebt; da hört Erik seine Röntgenröhre surren; er läuft zu seinem Apparat. Er läßt die Vorhänge herunter, er will jetzt den Leuten das Phänomen zeigen, sein Phänomen, großartig über alles Bekannte hinaus.

Da erwacht er. Es surrt immer noch.

Eine große dicke Fliege surrt und stößt den Kopf an die Scheiben.

Eine Uhr schlägt. Es ist halb elf, er hat eine halbe Stunde Schlaf für die maximale, für die höchste Dosis Morphium gekauft. Es ist nicht genug. Mit plumpen, ungeschickten Händen greift er nach der Spritze und stößt sie zum drittenmal unter die Haut. Ein paar Tropfen dunkelroten Blutes sickern heraus.

Ich habe nichts gespürt, denkt er. Ist das schon eine Wirkung? Schlafen will ich, schlafen, schlafen, schlafen ...

Was ist das für Blut? Die Kanüle liegt in einem Blutgefäß. Das ist gefährlich. Was liegt daran? Man muß Courage haben ... und langsam drückt er den Stempel der Morphiumspritze an sich.

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