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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 32
Quellenangabe
pfad/weiss/galeere/galeere.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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32

»Bitte, gnädige Frau!« sagt das Stubenmädchen und öffnet Lea Gyldendal die Tür zur Wohnung ihres Sohnes.

Die Zimmer sind leer. Zwei Koffer sind gepackt; schlecht gepackt. Aus dem einen ragt der weiße Zipfel eines Laboratoriummantels hervor. Dann ist noch eine Kiste da, die mit Nägeln verschlagen ist.

Frau Gyldendal setzt sich auf einen Stuhl und erwartet ihren Sohn. Sie ist ruhig, so ruhig, daß sie sich darüber wundert. Aber wenn draußen Schritte zu hören sind, wird sie blaß und steht auf. Es kommt niemand herein.

Weshalb hat Erik die Koffer gepackt? Will er fort? Wo ist er jetzt, zu wem ist er gegangen?

Sie rennt hin und her; sie rüttelt an dem schlecht verschlossenen Koffer, der ihren Hausfraueninstinkt verletzt. Es kommen Schritte, jemand klopft. Das Dienstmädchen tritt ein und will das Bett machen.

Hier hat er ein Bett gehabt, ein wirkliches Bett, in unsrer Wohnung nur einen Schlafdiwan. Vielleicht hat er deshalb früher so schlecht geschlafen. Dieser Umstand erscheint ihr jetzt als schweres Unrecht, das kaum mehr gutzumachen ist. Es ist ganz dunkel geworden.

Er kommt nicht mehr zurück! denkt sie in wilder, empörter Verzweiflung. Er hat mich nicht mehr lieb. Ich hab' mit ihm gebrochen, ich habe es darauf ankommen lassen – so, als wäre er ein fremder, böser Mensch.

Nein, er ist gut. Er wartet vielleicht auf mich. Er spricht jetzt vielleicht mit Papa. Die beiden sind im Garten – oder im kleinen Salon. Sie sieht das jetzt so deutlich vor sich, sie glaubt so fest daran, daß sie fortgeht und dem Kutscher die Adresse ihrer Villa gibt.

Der Wagen fährt leicht und schwingend, frische Luft kommt durch die offenen Fenster der Kutsche.

Aber es wartet daheim keines Menschen Seele auf sie.

Der Bankier wäre dagewesen und habe Lola Fränkel nach Hause begleitet, sagt man ihr.

Nein, Erik hat sich zur Operation entschlossen, er bespricht die Sache mit Professor Braun. Sie ist jetzt ebenso fest überzeugt, ihn bei Braun zu finden, wie sie geglaubt hat, er würde zu ihr gekommen sein.

Sie läutet bei Professor Braun an. Ein altes Fräulein öffnet. Ob Professor Braun zu sprechen wäre, fragt Lea Gyldendal. Nein, aber mit wem sie die Ehre hätte, fragt das Fräulein.

»Mein Name ist Lea Gyldendal.«

Ja, dann sei sie eingeladen, einzutreten, der Professor würde bald kommen. Sie gehen in ein einfaches Zimmer, an dessen Wänden aber ein paar große Ölgemälde hängen.

»Eine Patientin hat das selbst gemalt und meinem Bruder geschenkt«, sagt das alte Fräulein voll Stolz.

Der Herr Professor ist also der Bruder dieser Dame? denkt Lea Gyldendal. Und ich habe sie für ein Dienstmädchen gehalten. »Kennen Sie alle Patienten, gnädige Frau?« fragt sie lächelnd.

»Ja«, sagt Fräulein Braun, »mein Bruder macht sich ja bei seinen Privatpatienten immer Notizen, und am Abend diktiert er sie mir; wir sitzen dann lange Stunden beisammen. Übrigens sagen Sie zu mir, bitte, nicht ›gnädige Frau‹ – einfach Fräulein, Fräulein Braun. Ich kenne übrigens auch Ihren Herrn Sohn«, fährt sie fort. »Ludwig und Gustav haben oft von ihm gesprochen.«

»Ja?« sagt Frau Gyldendal.

»Gustav hält sehr viel von ihm; er ist zwar ein bißchen grob, der Gustl Braun – aber sehen Sie, Frau von Gyldendal, ich will mich ja nicht beklagen – und doch möchte ich sagen, der Gustav ist mir der Liebere von den beiden. Er ist nicht so sekkant; er schimpft wohl einmal, aber dann ist's wieder gut. Aber der Louis, der diktiert einem zwei Stunden irgendeine Arbeit in die Feder, und dann hab' ich einen halben Tag zu tun, bevor ich sie ins reine schreibe ...«

Sie lächelt fein. »Alle seine Abhandlungen hab' eigentlich ich geschrieben, und da darf kein Fehler drin sein. Der Gustl diktiert mir auch; aber dann erklärt er mir das alles, es ist doch sehr amüsant, wenn es auch unsereins nicht immer versteht.«

»Das kostet Sie wohl viel Zeit, Fräulein?«

» Viel Zeit? Keinen Augenblick habe ich für mich. Den Patienten die Rechnung ausschreiben, die ganze Korrespondenz, alle die geschäftlichen Angelegenheiten mit den Büchern – sehen Sie, das hat mir mein Bruder übergeben. Ein einziges Mal hat es Gustav mit einem Sekretär probiert; das ist schon lange her ... Übrigens sollte Ludwig schon da sein. Er kommt immer um acht; nur wenn er ein Konsilium hat, oder die Gesellschaft der Ärzte – Sie wissen, seit drei Jahren ist er Vizepräsident – dann kommt er immer später.«

»Ich kann ja warten; ich wollte nur noch Auskunft über meinen Sohn haben.«

»Ja, ich weiß, er hat mir gestern abend etwas über ihn diktiert. Ich hab' ein gutes Gedächtnis, ich merk' es mir. – Aber der Sekretär – damals war ich ein bisserl bleichsüchtig, wie alle jungen Mädchen sind ... Das sieht man mir heut nicht mehr an, daß ich auch einmal ein junges Wiener Mädel war? Und lustig ... Gott, wie lustig ...! Aber das legt sich mit der Zeit.

Der Sekretär war ein lieber junger Mensch, und manchmal hab' ich ihm bei seiner Arbeit, beim Abschreiben geholfen, obwohl mir der Bruder Ruhe verordnet hat – da haben wir uns halt kennengelernt. Gott, damals war ich jung und dumm – heut bin ich eben alt und dumm. Hab' ich nicht recht?

Der Louis und der Gustav waren zu der Zeit schon Dozenten, und Louis hat auch Privatpraxis gehabt. Eines Abends sind wir beide ausgegangen, der Franzi und ich ... auf den Kahlenberg. Denken Sie nicht, daß wir zum Heurigen marschiert sind ... Heut gehen die Hofratstöchter auch dorthin und noch ein Stückchen weiter. Aber zu unsrer Zeit hat's so was nicht gegeben ... Das war schön! Zum Schluß sind wir hinunter ins Kahlenbergdörfel und mit einem Schinakel zurück nach Wien. Also – sehen Sie, die Brüder haben nichts gesagt. Was hätten's denn auch sagen sollen? Der Gustav hat den Sekretär entlassen, weil er ihm zu schlampert war (war er), und ich hab' wieder für ihn gearbeitet. Der Franzi, der Sekretär, hat eine andre, bessere Stelle gefunden, er hat davon leben können und hat mir geschrieben, daß auch zwei auskommen könnten ... Wollen Sie eine Tasse Tee, gnädige Frau?«

»Nein, danke, erzählen Sie nur weiter!«

»Weiter ist nichts zu erzählen. Aber auch gar nichts. Ich hab' ihm nicht geantwortet. Die zwei Brüder haben mich gebraucht, ich hab' was für sie tun können, und wenn auch nur ihre Abhandlungen abschreiben und ihre Rechnungen wegschicken und einkassieren. Mir ist es gut gegangen; ich war immer die Hofratstochter und dann die Hofratsschwester, und der Gustav, der ist ja schon lang Präsident der Akademie der Wissenschaften und kommt sicher ins Herrenhaus. Dort werd' ich den alten Idioten meinen Senf dazugeben, sagt er immer. Die Leute haben jetzt schon Angst vor ihm. Sehen Sie, ich habe keine Angst vor ihm; wir streiten uns, wir kampeln uns, wie man in Wien sagt, und ich werf' ihm allerhand Liebenswürdigkeiten ins Gesicht. Alte und neue Geschichten; aber ›keine Geschichten aus dem Wiener Wald‹. Und warum nicht? Warum soll nicht auch ich einmal 's Goscherl aufreißen? Meine Brüder haben mehr von mir gehabt, als ich von ihnen. Glauben Sie mir! Sie sind was geworden, und ich hab' nicht einmal meinen Franzi gekriegt. – Aber dann, nach so einer gründlichen Kampelei, da nehmen wir uns einen Gummiradler und fahren alle drei auf den Kahlenberg. Die Schinakel vom Kahlenbergdörfel gibt's nicht mehr, aber dafür sind wir jetzt in dem Alter, wo auch die Hofratstöchter – Gott sei Lob und Dank! – zum Heurigen gehen dürfen. –

Wollen Sie wirklich nicht länger warten, gnädige Frau? Jetzt hab' ich Ihnen lauter Dummheiten erzählt, und Sie haben sich fest gelangweilt. Was? Hand aufs Herz!«

»Nein, Fräulein Braun, ich bin Ihnen sehr dankbar ...«

»Guten Abend, gnädige Frau, soll Ihnen der Louis heute noch telephonieren? Ich richt's ihm aus.«

»Nein, es ist nicht notwendig; ich kann ihn ja morgen treffen. Kommen Sie einmal zu mir, Fräulein Braun, wenn Sie Zeit haben. Adieu!«

Der Wagen stand unten. Der Kutscher hatte seinen Zylinderhut mit der gelben Lederkokarde in der Hand und schäkerte mit einem Dienstmädchen, das einen Krug Bier trug. Frau Lea Gyldendal stieg ein.

Der Kutscher zog den Pferden die rotbraune, großkarierte Decke vom Rücken.

Es schien Frau Lea Gyldendal endlos zu dauern. Nur fahren, nur fort, fort, fort!

Aber der Wagen stand noch immer.

Ein Schusterjunge ging vorbei und pfiff: Margarete, Mädchen ohnegleichen, Margarete, laß dich doch erweichen! Margarete ... Endlich kam der Wagen in Gang. Frau Gyldendal weinte; es waren wenige Tränen, mühsam hervorgewürgt.

Weshalb weine ich? fragte sie sich. Weil die alte Jungfer dort oben mich trösten wollte mit ihren dummen Geschichten? Oder weil der Johann so endlos lang braucht, bevor er mit etwas fertig wird, und sei es nur, den Pferden die Decke abzunehmen? Wenn der Wagen einmal im Fahren ist, dann geht es schon schneller. In fünfzehn Minuten sind wir in Döbling.

Sie sah auf die Uhr.

Ich habe also fünfzehn Minuten Zeit; da muß ich mich entscheiden. Nur fünfzehn Minuten. Christian wird erschrecken. Man muß einen Ausweg finden. Entweder läßt sich Erik operieren, oder er stirbt. Eigentlich hat Zeitlinger wenig Hoffnung gegeben. Sie können nichts; sie haben schreckliche Angst, die Ärzte, man könnte von ihnen verlangen, daß sie eine Krankheit kurieren sollen wie die von Eriks Hand. Da versprechen sie lieber gar nichts. – Was soll ich da Christian sagen?

Was kann ich ihm sagen, bevor ich mit meinem Sohn gesprochen habe? Denn er ist mein Sohn, seine Krankheit ist meine Krankheit, deshalb hat Braun mich rufen lassen und nicht Christian ... Weshalb weine ich wieder? Es sind noch fünf Minuten.

Sie rief dem Kutscher zu: »Fahren Sie in die Gentzgasse Nr. 16.«

Ich werde aussteigen und mir die Sache noch überlegen. Da dauert es noch zehn Minuten länger. Christian wird nicht meine rotgeweinten Augen sehen.

Ich habe Mitleid mit allen, mit Erik und seiner Mätresse, mit Christian, aber wer hat Mitleid mit mir? Wer, wer, wer in aller Welt?

Ich wollte, ich wäre zu Hause.

»Sie, Johann, fahren Sie doch direkt nach Hause.«

Warten, ewig warten. – Erst in den Arkaden auf Braun und dann bei Erik und jetzt wieder bei dem alten Fräulein. Sie hat's gut gemeint. Weil sie mir keinen Kaffee vorgesetzt hat, hat sie mir ihre alten Liebesgeschichten vorgesetzt.

Was nützt es mir, daß ein andrer auch unglücklich ist, daß auch ihm das Leben Unrecht tut? Wer unglücklich ist, der ist allein. Ich und Erik, beide sind wir unglücklich. Jetzt werden wir uns verstehen.

Ich will Christian erst dann die Sache klarmachen, wenn ich mit meinem Kind gesprochen habe.

Sie bohrte ihre Fingernägel in die Handfläche. Dieser körperliche Schmerz betäubte den seelischen.

Es ist mir wie in dem roten Plüschsessel beim Zahnarzt. Da bohr' ich mir auch die Nägel in die Hand. Deshalb lobt man mich. Was man doch für Künste kennen muß!

Die alte Dame ging lächelnd die Treppe hinauf. Christian Gyldendal war im Garten.

Sie kam zu ihm herab und setzte sich in einen tiefen Gartensessel. Ein kleines Windlicht in einem grünen Blechschirm schimmerte sanft. – Die Rosenstöcke auf der weiten Wiese blühten immer noch.

»Hast du schon die Marschall-Niel-Rosen bewundert?« fragte der Bankier, der auf seinen Garten sehr stolz war. »Wo warst du heute abend? Lola Fränkel hat mir erzählt, daß dich jemand telephonisch angerufen hat.«

»Ja«, sagt sie, »Fräulein Braun, die Schwester des Hofrats. Wir sind unlängst bekannt geworden.«

Das Souper wurde auf dem kleinen Gartentisch aufgetragen. Lea Gyldendal zwang sich zum Essen.

Ich muß fort, so bald als möglich muß ich zu Erik. Ich kann doch nicht sagen, du, dein Sohn ist krank auf den Tod. Sein Sohn? Mein ist er, mir gehört er, mir allein, alle meine Hoffnungen und Wünsche war er. Niobe kann eine auch dann sein, wenn sie nur ein Kind hat, ein einziges. Ich hab' nichts außer ihm. Ist das wirklich schlecht? Das kann doch nicht schlecht sein, daß ich an keinen andern dachte, keinem andern gut war, für keinen einen Finger rührte als für ihn. Weshalb muß gerade ich so unglücklich durch ihn werden? Mit der Familie haben sich viele Söhne zerschlagen, später versöhnt man sich wieder. Ich weiß, den Ehrenfelds ist der älteste Sohn eine Woche vor der Promotion plötzlich gestorben. Aber beides? Alles mögliche Unglück mir allein?

Von einer Nachbarvilla kam Klavierspiel; Mozart, Sonate C-Dur.

»Mozart muß sehr subtil gespielt werden«, sagte Christian Gyldendal. »Aber es spielen ihn nur Anfänger.«

»Man lernt daran«, meinte Lea Gyldendal gleichgültig. »Die Finger lernen daran.« Was geht das mich an? Was soll ich sagen? Unter welchem Vorwand soll ich weggehen? Er wartet auf mich, das fürchte ich, Erik wartet auf mich, wie ich auf ihn.

»Von Fränkels habe ich gehört, daß Egon Sänger doch die Helene Blütner heiratet. Sie haben sich verlobt«, sagte Christian. »Das ist schön von ihm«, sagte Lea, »daß er so wenig Vorurteile hat; ich hätte es nicht von ihm erwartet.«

»Ach Gott, er hat sie lieb«, sagte Christian leise. »Was tut man da nicht alles!«

Eine Pause. Der Diener räumt ab. Das Klavierspiel verstummt.

»Übrigens macht Sänger Karriere. Er hat im Ludwigspital Versuche mit Röntgenstrahlen und mit Radiumsalz angestellt und soll ausgezeichnete Heilungsresultate erzielt haben bei allen möglichen Krankheiten; es ist wirklich hervorragend!«

»Ja, der Egon Sänger ist eben der Mann der Überraschungen; alles hält ihn für einen kleinen, beschränkten Kerl, und auf einmal stellt es sich heraus, daß er alle die andern in den Sack steckt«, sagte Lea Gyldendal.

»... Ist dir nicht kalt, Christian? Ich denke, es regnet noch heute abend. Entschuldige mich nur einen Augenblick, ich hole mir einen Schal.«

Und sie stand auf, sah ihren Gatten noch einmal an. Er saß da mit seinen weißen Haaren, seinem dunklen Smoking, eine Blume im Knopfloch.

Nein, dachte sie, zwischen einem Glücklichen und einem Unglücklichen ist eine Kluft, über die keiner hinweg kann. Ich kann ihm nichts sagen. Nur leise, daß er nichts merkt. Ganz sachte öffnete sie das Gartentor und ging den Weg zu der Wohnung ihres Sohnes.

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