Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 28
Quellenangabe
pfad/weiss/galeere/galeere.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110116
projectid987ec81b
Schließen

Navigation:

28

Ihr Gesicht war grau, ihre Augen unnatürlich groß und dunkel; aber ihr Blick war ruhig.

Sie trug wieder das schwarze Taftkleid wie vor drei Monaten, als sie ihn im Prater angerufen hatte. Die Haare waren in Unordnung. Mit einer unendlich schamhaften Bewegung legte sie ihren Hut mit den kleinen dunklen Rosen ab, raffte vor dem Spiegel ihr volles Haar zusammen und ordnete es.

»Wenn du mir etwas zu sagen hast, Dina, so setz' dich wenigstens! Entschuldige, daß ich noch nicht aufgestanden bin!« sagte er.

Sie ging zur Tür und sperrte ab.

Dann setzte sie sich an sein Bett und begann zu sprechen, den Kopf vorgebeugt, den Blick an eine Rosette der Tapete geheftet. Ihre Hände streichelten mit einer sanften, regelmäßigen Bewegung seine Bettdecke, die aus blauer Seide war.

»Erik«, sagte sie, »du darfst mir nicht böse sein, weil ich so früh komme – aber du – irgendeiner muß auch davon wissen. Noch irgendein Mensch außer mir. Und begreifen wirst du mich leichter als ein andrer. – Nein, das Geld bringe ich dir noch nicht zurück, meine Stiefmutter hat das Telegramm aufgefangen, aber darauf kommt es doch nicht an, du brauchst ja das Geld nicht.

Papa liegt im Sterben – er hat vor zwei Wochen wieder einen Schlaganfall gehabt, übrigens pflegt ihn Sonjitschka, ja – man pflegt ihn gut.

Und jetzt erzähl' du, wie geht es dir, bist du glücklich mit ihr?

Nein, ich muß dir noch etwas sagen, etwas sehr Wichtiges, ein Glück. Denk' nur! Er hat sich heute Nacht aus dem Fenster gestürzt.«

»Dein Freund? Der Janoupulos?«

»Ja. Hast du übrigens meine goldene Zigarettendose gefunden? Hab' ich sie bei dir vergessen, oder im Wagen? – Ja, er hat sich vom zweiten Stockwerk herabgestürzt und ist tot. Vor drei Wochen hat er mir wegen dieser dummen Dose eine Szene gemacht – nein, unterbrich mich nicht – – was liegt denn an der dummen Zigarettendose? Du hast es ja gut gemeint, aber es war nicht genug; nicht genug Geld. Nach fünf Tagen ist er aus Karlsbad zurückgekommen. ›Warst du mir auch treu?‹ hat er gefragt; er hat geglaubt, ich würde auf die Knie fallen und ihn um Verzeihung bitten. Aber ich bin ja brav gewesen, tausendmal danke ich dir für das Geld, Erik. Das hat er mir nicht verziehen. Er hat sich gedacht: Mir hat sie sich an den Hals geworfen, warum? Warum soll sie sich nicht auch andern an den Hals werfen? Warum nicht?

Er stellt mich seinen Freunden vor; das sind lustige, gottlos leichtsinnige Leute, diese Kavallerieoffiziere – kennst du welche? Nein, ich weiß, du verkehrst nicht mit Offizieren. Sie sind große Kinder. Alle; alle ... Er aber, er wollte – ich hab' es ja erzählt ... Ich hätte es auch getan, denn so viel sind sie ja wert wie er, und lieb hatte ich ja doch keinen, keinen einzigen ... weißt du warum, Herzli?

›Herzli‹, das klingt doch hübsch, so wie Duschenka auf russisch; der eine, der Graf, hat mir das immer ins Ohr geflüstert.

Aber ich hab' es nicht getan. Er hat mich vermieten wollen, auf Stunden oder Tage, nur an vornehme Leute, die alle hübsch und jung waren – nicht ...?

Aber das wollte ich nicht sagen. Nein. Ganz brutal gesagt, so wie es in den Zeitungen steht: Schon nach kurzer Zeit wurde das Verhältnis zwischen Fräulein Dina Ossonskaja und Herrn Janoupulos intim und blieb nicht ohne Folgen. Das wußten natürlich beide, Fräulein Ossonskaja und Herr Janoupulos. Denn sie war so dumm, ihm das zu sagen.

Da ist nichts mehr zu verlieren, meint er. Weshalb machst du solche Faxen? Pourquoi faites-vous tant d'histoires? Und jetzt hat er mich Tag für Tag gedrängt und gedrängt, die ganzen Nächte mußte ich mit den Leuten zusammen sein, Champagner trinken und Zigeunermusik anhören – anfangs mußte ich mit ihnen gehen und später, da wollte ich es selbst. – Ich wollte es.

Mit allen beisammen sein, nur nicht mit ihm. Das ging so Tag für Tag und Nacht für Nacht – und morgens im Wagen, da setzen sich die jungen Leute zueinander, wie sich's trifft, die Ossonskaja mit dem Leutnant von Odenahl – oder am nächsten Tag mit dem Rittmeister Oborsky – und am dritten Tag ... Dann kommt man mittags nach Hause und schläft – und denkt an nichts; nein, nein – wartet nur auf den Augenblick, wo zufällig ein Wachmann das Büchel von einem verlangt, la légitimation, le brevet de la grue, comprenez-vous, Monsieur?

Man möchte sich einen Revolver kaufen, aber Geld hat man ja doch nicht; man bekommt Champagner, Austern und Blumen, Ananas – aber nie Geld. Geld bekommt schon einer, wenn auch nur geliehen – und Janoupulos hat viel Geld in der Zeit verspielt. Da war er nobel. ›Je ne joue que pour perdre‹, sagte er.

Wir haben zwei Zimmer gehabt – schön eingerichtet – für distinguierte Fremde – du wirst schon in der Zeitung lesen, in welcher Straße.

Da sagte ich mir: Einer muß zugrunde gehen. Ich oder er. Glaube mir, Herzli, ich hatte nichts mehr zu verlieren; du hast mich mit Fußtritten davongejagt – – tiefer herunterkommen konnte ich nicht. Es war nicht meinetwegen, daß ich mich nicht in den Lichthof hinunterwarf. – Aber ich sage dir: einer gegen eine; nein, wir waren zwei: mein Kind und ich – und er, der Fresser, der sich nie genug sattfressen konnte – der mir tausendmal vorgeworfen hat, ich hätte ihm seine Zigarettendose verloren, seine wunderbare, unersetzliche Zigarettendose, die kaum zweihundert Kronen wert war, während er hundertundsechzigtausend durchgebracht hat ...«

Sie sah ihn groß, kindlich, rührend an.

»Warum müssen es immer die Frauen bezahlen? Immer verlangt ihr etwas von uns. Nein, das ist zu dumm; ich war ja dazu entschlossen – schon lange – vielleicht, bevor ich zu dir um das Geld gekommen bin. Ich war ja verzweifelt – verzweifelt war ich, angefangen von meiner ersten Nacht mit ihm bis jetzt; nein, von dem Tag an, wo du mir im Sillertal Steine nachgeworfen hast. ›Was willst du, willst du meine Mätresse sein oder willst du meine Verachtung?‹ Erinnerst du dich? Ich habe gesagt: ›Verachtung‹. Jetzt habe ich sie mir verdient; nicht wahr ...? Ich habe aber nicht gewußt, wie ich ihm ein Ende machen soll, denn es mußte ganz fein angefangen werden – schrecklich schlau – da ging ich – glaubst du es, kannst du dir das denken, ich war immer noch seine Mätresse, nachdem ich in den Betten von allen seinen Freunden gelegen hatte – gestern abend – als er eingeschlafen war, da stand ich auf und machte leise, o wie leise, den Gashahn auf. Er hatte viel getrunken. Da hatte ich wieder einmal einen glücklich gemacht. Du weißt schon – was ich meine. Nun hatte er ja wieder Geld. Ich gehe an die Tür – und höre, das zischt, das Gas, das zischt immerzu – und ich sperre ab – und stehe draußen – die Wohnung ist so schön separiert – du weißt warum – ich höre durch die geschlossene Tür das Gas zischen; der Schlüssel ist in meiner Hand, er aber, in seinem Zimmer, er stöhnt und richtet sich auf– jetzt, denke ich, jetzt!! Da läutet unten jemand, der Portier kommt und öffnet das Haustor ... Was soll ich tun, kann doch nicht in meinem Pyjama draußen vor der Tür stehen ... wenn mich der Mann sieht ... wie fürchterlich war das! Ich habe aber Courage gehabt. Ich sperr' die Tür wieder auf und schnell hinein: Das Zimmer war voll Gas; er war schon aufgestanden, aber vom Wein und vom Gas war er doch schon berauscht, schon vorher vielleicht. Da tappt er herum und sucht die Zündhölzchen. Draußen steigt der Mann die Treppe hinauf. Heiliger Gott! – Wenn Maxim jetzt die Zündhölzchen findet, dann geht das ganze Haus in die Luft! Und das Gas zischt immerzu. Ich hab' gewußt, noch zwei Minuten, und wir gehen beide drauf. Ich greife nach den Zündhölzchen und sag' zu ihm – er hat mich noch verstanden – bitte, laß mich anzünden, Herzli. Er gibt mir die Schachtel – ich gehe zum Fenster, reiß es weit auf und werf sie hinunter. Das Gas schleudert mich nieder. Aber ich bin doch bis zur Tür gekrochen und hinaus. – Er trampelt im Zimmer herum, reißt an der Klinke und stöhnt – und dann auf einmal, auf einmal wird es still, so schön still, ach, so herrlich still, so fürchterlich still ... Ich reiß die Tür weit auf – das Zimmer ist leer. Er hat sich keinen Ausweg gewußt als durch das Fenster. Ich dreh' den Gashahn wieder zu – stoß Tür und Fenster auf und lehn' mich aus dem Fenster hinaus und kann nicht atmen vor Aufregung. Ob er nicht stöhnt? Ob man ihn nicht schreien hört? Ob ... Nein, nein, nein ...

Um sechs Uhr bin ich auf der Gasse. Das Zimmer geht auf einen Lichthof; alle diese Wohnungen in der Rauhensteingasse haben Lichthöfe, jetzt wird man ihn finden, wenn die Dienstmädchen die Teppiche klopfen.

Jetzt ... hast du Geld? Gib mir, was du hast. Du bekommst es sicher wieder. Ich sag' kein böses Wort zu dir ... nein, Erik, ich hab' dich heute noch lieb, ebenso lieb wie vor einem Jahr ... Mein Kind soll nach dir heißen, nicht Ossonski, sondern Erik Gyldendal. Vielleicht schreibe ich dir. Und du, sei glücklich! Sei nicht traurig über mich; ich selbst bin schuld daran! Nicht wahr, du bist nicht schuld? Du ... du ... nicht.«

Er gab ihr das Geld, für das Ediths Geige gekauft werden sollte.

»Tausend Dank, Herzli«, sagte sie, von Schluchzen hin und her geworfen, beugte sich über ihn und küßte seinen Mund. »Leb' wohl, vergiß mich nicht!«

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.