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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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27

Die Geschwüre an der Hand Erik Gyldendals heilten nicht. Sein Arzt, ein freundlicher alter Herr, tröstete und vertröstete immer; bisweilen klopfte er Gyldendal zwinkernd auf die Schulter und fragte: »Hand aufs Herz, lieber Doktor, haben Sie niemals – Dummheiten gemacht?«

Es war derselbe Verdacht einer venerischen Ansteckung, den auch Doktor Sänger früher einmal hatte durchblicken lassen.

Deshalb bekam Gyldendal Quecksilbersalbe und eine salzige Medizin, die wohl Jodkali enthielt, obwohl er seine Unschuld immer und immer wieder versicherte. Bei einem jungen Menschen konnte man aber, nach Ansicht des Arztes, bei solchen Geschwüren nur an »so etwas« denken; und er behandelte in gutem Glauben und in der festen Überzeugung, daß man der Sache durch Quecksilber beikommen würde.

Da aber die Geschwüre mit jedem Tage größer wurden und ihn an der Arbeit hinderten, suchte er Professor Braun auf, den Bruder des Physikers. Er kam erst gegen Schluß der Sprechstunde. Der Arzt, ein weißbärtiger, ungemein liebenswürdiger Herr – er war ebenso sanft wie sein Bruder sarkastisch –, besah die wunde Haut, befühlte mit leise tastenden Fingern die Wunde, seufzte – überlegte; dann bat er Erik, am nächsten Tage wiederzukommen; inzwischen wolle er die Borken der Geschwüre auf bestimmte Bazillen untersuchen; morgen werde er ihm dann genaue Vorschläge machen. Nach dem Namen des praktischen Arztes, der die Behandlung bis dahin geführt hatte, fragte er nicht. Er lud dann Erik ein, Platz zu nehmen und von seinen neuen Arbeiten zu erzählen, von denen er durch seinen Bruder etwas wußte. Während Erik sprach, lächelte der Professor schlau und gleichzeitig gütig – so wie jemand, der für den andern eine freudige Überraschung bereit hält.

An diesem Abend trafen sich dann Edith und Erik und gingen in den Prater.

Edith bettelte so lange, bis Erik sie zu »Prochaska« mitnahm.

Sie hatte noch nie solch eine Tanzbude gesehen und bewunderte aufrichtig die Tanzkunst der Köchinnen und Dirnen, die weit besser tanzten als die feinen Leute auf der Metternich-Redoute.

Mitten im Gewühl bemerkte Erik die kleine Slowakin, Bronislawa Novacek, die weltvergessen, langsam und nach einem wie im Traum befolgten Rhythmus tanzte, an die Brust eines braungebrannten Dragoners gelehnt. Kaum aber hatte Erik hingesehen, als sie aus diesem schlafähnlichen Zustand erwachte, seinen Blick erwiderte – ihn allein sah sie an, nicht das schöne Mädchen an seiner Seite –, und er fühlte eine immer noch bestehende Verbindung zwischen dieser braunen Slowakin mit den festgeflochtenen schwarzen Haaren, den wilden, weißen Zähnen und sich selbst – – irgendein unausgesprochenes Wort, einen nicht gegebenen Kuß, ein nicht erfülltes Versprechen.

Er wollte nun schnell mit Edith fort – aber Edith freute es gerade jetzt, dazubleiben. Ihre Augen glänzten, und sie fragte scherzend Erik, ob er nicht auch eine Fünfkreuzertour mit ihr tanzen wolle. Er fand diese Frage taktlos – nahm ihren Arm, und sie gingen durch den Wurstelprater nach den Praterauen. – Es war eine Stimmung in ihren Worten, in ihren Bewegungen, in ihren Blicken, die sagte: Heute ist es das letzte Mal.

Überall unter den hohen Bäumen, auf den engen Wegen gingen zärtlich umschlungene Liebespaare – man hörte in der Ferne halbersticktes Lachen, Seufzer, Klirren von Kavalleriesäbeln, ein Kind, das irgendwo schrie – all das wirkte so auf Edith, die sonst sehr kühl war, daß sie Erik halbe Zärtlichkeiten erlaubte – und wenn ihre Brust bei der Berührung seiner linken Hand erschauerte, fragte sie leise, wie erstickt: »Bist du jetzt glücklich, Erik?«

Wenn er mehr wollte, wehrte sie ab, war wieder das junge Mädchen aus gutem Hause, das Künstlerin werden will.

»Es gibt Grenzen«, sagte sie. »Nicht wahr, du verstehst das?«

Was er nie verstanden, daß man einer Idee oder einem Menschen halb gehören könne, das, was er niemandem verzeihen konnte, Edith verzieh er es.

»Nicht auf den Mund!« sagte sie, als er sie küssen wollte. »Heute nicht! Bitte!«

Er küßte sie auf ihr Haar.

Schweigend gingen sie zurück. Die Nachtschmetterlinge flogen plump zwischen den tief herabhängenden Zweigen, Nachtbäume dufteten – es roch im Prater nach Staub, nach Sommer, nach Tabakrauch ... Erik dachte daran, daß Edith eine Enttäuschung war. Sie war nicht die athenische Nike, das Symbol von wehender Glut, nicht die Künstlerin, die an den höchsten Dingen der Erde ihre Hände wärmt, sondern einfach ein kleines, mittelmäßiges Mädel, nicht gut, nicht schlecht; schön, aber ohne zu wissen, wohin diese Schönheit hinauswollte. Aber er liebte sie immer noch: gerade das kleine, mittelmäßige Bürgermädel, das neben ihm ging und nicht auf den Mund geküßt sein wollte.

Er hatte nach Helenes Abreise, die ihm fast gleichgültig war, an seinen Vater geschrieben und das Geld sofort erhalten, um das er geschrieben hatte. Gestern hatte er »seine Schulden« an Helene gezahlt, morgen wollte er Edith ein Geschenk machen, das erste – eine kostbare Geige, von der sie ihm vorgeschwärmt hatte. Er hatte sie ihr heute versprochen.

Morgen sollte die Entscheidung über die Heilung seiner Geschwüre an der Hand erfolgen – und übermorgen konnte dann etwas Neues, Ruhiges, langsam im Glücke Ansteigendes beginnen. Er wußte noch nicht, worin es bestehen sollte, aber ihm war, als müßte Edith – gerade weil sie ihm trotz ihrer Mittelmäßigkeit so teuer war – ihm noch unendlich viel Glück bringen. Ihm war, als seien alle Wege in ihrer Seele noch unbegangen, alle Möglichkeiten in ihrem gemeinsamen Leben geheimnisvoll, voll verschlungener Seligkeiten.

Die Wissenschaft, die ihm so viel gegeben hatte für seine Mühe, würde alles andre in ihm ausfüllen, was Edith leer lassen würde. Nie glaubte er fester an seinen Stern als an diesem Abend der halben Zärtlichkeiten unter den feuchten Bäumen im Prater.

Die Nacht war unruhig; er erwachte immer wieder aus dem Schlaf, sah Professor Braun vor sich, wie er mit einem weißen Tuch seine Wunde abtupfte und wie diese Wunde sich schloß. Als er aufwachte, wunderte er sich darüber, daß er früher nie die ungeheure Wichtigkeit seiner Heilung überdacht hatte, so wie man alles im Traume Gedachte beim Erwachen maßlos überschätzt. Dann fiel er wieder wohlig in Schlaf zurück und erwachte dann erst spät am Morgen. Ihm war, als hätte jemand an die Tür geklopft, er wußte es nicht genau. Er rief: »Herein!« und die Ossonskaja stand im Zimmer und lächelte.

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