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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 25
Quellenangabe
pfad/weiss/galeere/galeere.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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25

Helene wartete. Erik war mit Edith schon um sechs Uhr fortgegangen; Edith hatte aber vergessen, Helene den Schlüssel zur Wohnung zurückzulassen.

Helene ging langsam vor dem Haustor hin und her. Die Ladenmädchen kamen aus den Galanteriewarengeschäften und marschierten eilig, indem sie die Röcke warfen. Junge, elegante Herren sahen ihnen nach. Der Provisor aus der Apotheke trat an die Tür und strich sich über die Stirn. Es war heiß. Helene dachte an den Abend, an dem sie für Erik bei dem Apotheker crême céleste gekauft hatte. Die Hand war wund wie vorher. Die Leopoldsteiner Reise hatte dies alles in Vergessenheit gebracht. Und so oft später Helene mit der Bitte in ihn drang, er möge wegen der Geschwüre an der Hand einen Arzt aufsuchen, so oft hatte es Szenen gegeben. Aber Edith brauchte nur einmal diesen Wunsch auszusprechen, Erik solle die Geschwüre behandeln lassen – sogleich hatte er ihren Wunsch erfüllt und war zu dem erstbesten Arzt gelaufen, der ihm nun irgendeine Salbe zum Einreiben verschrieben und ihn zu sich bestellt hatte, »wenn es sich zeigen sollte, daß die Sache nicht recht zurückginge«. Nein, sie ging nicht zurück, sondern wurde immer größer, fast so groß wie ein Fünfkronenstück. Aber Erik machte sich selbst Verbände und trug bei seinen Arbeiten weite Handschuhe. Helene mußte ihn bewundern, so ruhig meisterte er trotz dieser ungefügen Handschuhe die Technik seiner Versuche. Es war schön anzusehen, wie er inmitten seiner Apparate stand, die blitzten, knatterten, metallisch erzitterten, gehorsam auf seinen Wink gefügig, gleichsam mit einem demütigen Blick auf ihn, den Herrn. Es war auch schön, wenn Erik neben Edith ging; es war schön, wie gütig, wie kindlich, wie dankbar er war, Edith gegenüber – für jede Kleinigkeit.

Es war etwas sanft Blühendes, etwas Frühlinghaftes darin, wie sie einander ansahen und wie sie einander die Hände reichten.

Sie hatten sich wohl nie ausgesprochen, nie das Wort Liebe über die Lippen gebracht, nie Opfer voneinander genommen.

Helene sah ihnen zu, gequält von ihrer nie verlöschenden Leidenschaft für ihn; aber Liebe war es nicht mehr.

Sie gönnte Edith nicht eine Berührung, nicht einen Kuß, nicht ein zartes, beglückendes Wort; aber sie mußte sehen, daß die beiden dies alles nicht brauchten, daß sie sich zweimal in der Woche auf ein paar Stunden trafen und auch dann nur von gleichgültigen Dingen sprachen und doch im tiefsten Grund ihres Wesens von ihrer Liebe ergriffen und bewegt waren.

Immer wieder dachte Helene: Erik hat dich schmählich verraten. Alle andern Frauen hätte ich ihm verziehen, nur die Schwester, die eigene Schwester nicht!

Dann wieder: Gab es einen Verrat, wenn die Liebe frei war? Vor den Augen der Welt hatte Erik keine Pflichten gegen Helene. Sie sagte sich: Wenn ich in meiner Leidenschaft der Gesellschaft ins Gesicht geschlagen habe und trotzdem mein Ehrgefühl nicht verlor, weshalb soll denn die Leidenschaft, die große Liebe, nicht auch seine Neigung zu Edith heiligen?

Sie wagte keinen Vorwurf. Wie ein Hund trug sie ihm ihre Liebe nach, sie blieb seine Geliebte und wurde es mit jedem Tag mehr.

Wenn er glühend war, wußte sie, daß das Feuer Edith galt; aber sie wärmte doch ihre Hände daran. Es gab keine Liebkosung, so grausam, so unnatürlich, der sie sich nicht hingegeben hätte, und nie hatten sich Erik und Helene so gut verstanden wie jetzt. Eines blieb noch – ein einziges!

Helene sah zu den Fenstern hinauf; sie waren dunkel. So unendlich gern hätte sie nun Ruhe gehabt, sich zu Bett gelegt, gelesen, gearbeitet, statt zu warten, Minute auf Minute, Stunde auf Stunde, so wie ein Dienstmädchen abends auf seine Herrschaft wartet, die einen Ausflug gemacht hat und nicht zur rechten Zeit zurückgekehrt ist. Und sie ging wieder hin und her in der kleinen Gasse. Ein Wachmann sah sie blinzelnd an.

Was denkt der sich? Hält er mich für ein Freimädel? Was soll ich tun? Ich muß auf Erik warten; auf Edith, auf den Wohnungsschlüssel; auf das Abendessen.

Ihre Gedanken wurden stumpf und schliefen ein – aber ihr Körper erwachte. Ihre Nerven, tausendfach gereizt, wollten Ruhe, wollten jenes überwältigende, mächtige Beruhigungsmittel, das Liebe heißt, Vergessen heißt.

Sie erschrak, als sie dieses verräterische Vibrieren merkte. Sie nahm sich zusammen und ging in ein nahegelegenes Kaffeehaus, wo Kutscher und Dienstmänner saßen; es war da still und gemütlich und die Kellner höflich. Sie ließ sich Zeitungen geben; aber aus jeder Zeile, aus jedem Wort las sie abenteuerlich erotische Andeutungen heraus.

Ich bin so müde, dachte sie, das ist alles.

Aber sie konnte es nicht länger hier aushalten; irgendeine dumpfe Macht, ein Wirbel in ihrem Körper, aufsteigend und fortzitternd bis in die Augen, die aufleuchteten, in den Mund, der heiß und sinnlich wurde, in ihr Haar, das sie drückte wie eine schwere Hand oder ein allzu weiches Polster – alles drängte sie fort. Sie zahlte und ging.

Der Kellner öffnete die Tür.

Draußen war es dunkel und kühl.

Sie fühlte sich erleichtert; das Herz war ruhiger, und die Brust atmete tief.

Sie hatte einen Wunsch, nur einen einzigen, demütigen Wunsch, wie ein Hund, der seinen Herrn verloren hat. Die Fenster oben sollten erleuchtet sein, sie sollte Edith und Erik sehen – nie mehr wollte sie dann von den beiden etwas verlangen, sie wollte verzichten auf die leise Hoffnung, die sie immer noch hatte – daß Erik ihr allein gehören, daß er zurückkehren müsse zu ihr – alles wollte sie hingeben für die erleuchteten Fenster in ihrer Wohnung.

Aber sie waren schwarz, sie blinkten matt in der Finsternis. Sie sind beide oben, in der Dunkelheit küssen sie sich, dachte sie und lief die Treppen hinauf.

Sie riß an der Glocke, donnerte mit den Fäusten gegen die Tür.

Stille. Stille. Im zweiten Stock gab es Streit zwischen den Kindern. Türen wurden zugeschlagen, ein Dienstmädchen lief trällernd die Treppe hinab, einen Krug in der Hand, um Bier zu holen.

Den Kopf gesenkt, unsägliche Schwäche in den Knien und doch von einer sonderbaren Gelenkigkeit, kam Helene die Treppe herab.

Sie hatte keine Kraft mehr. Deshalb spielten ihre Gelenke so graziös; ihr war es, als ob sie tanze; sie war berauscht von ihrer Müdigkeit; sie zog sie ein – wie man Champagner an einem Strohhalm saugt. Man schließt die Augen, weiß nicht, ist noch viel in dem Glase, ist nichts mehr drin.

Sie wollte sich küssen lassen. Sie wollte in Männerarmen liegen. Sie war niemand mehr böse, denn es existierte niemand mehr für sie, außer ihrem Körper, der Liebe begehrte, der offen war wie ein Kelch, wie das Becken einer Fontäne.

Mit halbgeschlossenen Augen ging sie gegen die Kärntner Straße: Da war eine dicke Dame, mit einem großen, weißen, wallenden Federhut. Eine kleine Graziöse, in einem enganliegenden Taftkleid, die hatte einen wippenden Schritt. Eine, die aussah wie ein dreizehnjähriges Schulmädchen, mit einem netten Strohhut auf dem unschuldig frisierten Köpfchen und einer Matrosenbluse um die zarte Brust, einen schwarzen Lackgürtel um die bubenhafte Taille. Nur die Schultasche fehlte.

Helene unter ihnen; es war der gleiche langsame Schritt, berechnet darauf, sich einholen zu lassen. Die grell leuchtenden Auslagen blendeten. Aber sie blieb stehen, sie wollte geblendet sein. Schritte hörte sie hinter sich, wußte genau, daß diese Schritte jetzt verstummen würden, daß der Mann stehenbleiben würde, um sie anzusprechen, jetzt, oder bei der nächsten Ecke. Nein, nicht jetzt, bei der nächsten Ecke erst. Die Ecke der Kärntner Straße und Walfischgasse. Der Mann blieb stehen und grüßte.

Sie sah ihn an. Er war viel größer als Erik; ein Ausländer, ein eleganter, fast aristokratischer Mensch.

»Nun?« fragte er. »Wohin Fräulein?« Er hatte eine fremde Aussprache wie ein Serbe oder Neugrieche.

»Ja«, sagte sie leise.

»Sie haben bereits genachtmahlt? Comprenez vous français?« fragte er.

Sie lächelte.

»Also gehen wir zum ›Grünen Anker‹, l'Ancre vert.«

Das wollte sie nicht; sie wollte sich küssen lassen, aber nicht sich füttern lassen.

Sie schüttelte den Kopf.

»Nun, aber?« fragte er. »Zu mich? Chez vous?«

Sie senkte den Kopf. Er erschien ihr natürlich und doch märchenhaft.

Sie gingen Arm in Arm durch die winkelige Rauhensteingasse gegen den Ring. Die kleinen Kaufleute standen vor der Tür.

Die Nacht war so schwül. Man tuschelte; ein kleiner Junge rief ihr ein böses, schmutziges Schimpfwort zu. Der fremde elegante Mann glaubte, er müsse sie trösten, beugte sich zu ihr, öffnete den Mund, um irgendein freundliches, zärtliches Wort zu sagen, wozu bis jetzt nicht die Gelegenheit war. Jetzt war die Gelegenheit da, und er beugte sich herab und öffnete den Mund. Die Nacht war schwül, und Helene atmete tief.

Da fühlte sie wie einen infamen Faustschlag den üblen, zersetzten Geruch, der aus dem Munde dieses fremden Menschen drang, ein Geruch, wie er aus manchen Winkeln großer Hafen ausströmt, wo faule Fische, ertränkte Katzen und überreife Früchte im Wasser schwimmen.

In ihr war nichts als Entsetzen darüber, ein unmotiviertes, instinktartiges, unbewußtes Entsetzen gegen diesen Gestank, gegen das Fürchterliche dieses Menschen. Es war eine lächerliche und tragische Zufälligkeit. Sie war wach. Vor einer halben Sekunde noch hatte sie daran gedacht, ihm ins Gesicht zu schlagen, jetzt als Verstandesmensch dachte sie: Was kann der Kerl dafür, daß er hohle Zähne hat und aus dem Munde stinkt? Sie kehrte ruhig um und ließ ihn stehen. Er war erstaunt, aber ein Abenteuer mit einer jungen, hübschen Dirne, die nicht erst soupieren wollte, bevor sie mit ihm ging, war ihm schon vom Anfang so unwahrscheinlich vorgekommen, daß er sich nach ein paar Flüchen tröstete.

Helene ging nach Hause zurück, völlig kühl. Die Fenster in der Sonnenfelsgasse waren immer noch dunkel. Aber aufrecht und selbstbewußt, wie ein Soldat, patrouillierte sie vor ihrer Wohnung hin und her, so lange bis Erik und Edith kamen. Helene war jetzt frei von Eifersucht. In ihr war die befehlende Idee, daß dem Zustand ein Ende gemacht werden müsse. Wie, wußte sie nicht.

Da kamen Erik und Edith. Es war dreiviertel zehn. Die Haustür war noch nicht geschlossen. Ja, Edith wußte, was sich schickte. Sie war nicht einmal eingehängt in seinen Arm; aber sie strahlte vor Glück.

Und er, er sah so triumphierend und kindlich aus, wie ihn Helene nie gesehen hatte.

Trotzdem trat sie zwischen sie. »Edith, du hast vergessen, mir den Schlüssel zur Wohnung zu geben. Jetzt geh hinauf! Erik, bitte auf ein Wort!«

Edith, ganz blaß vor Überraschung und Erschrecken, ging hinauf, ohne Erik adieu zu sagen, und Helene begleitete Erik.

Er war wütend darüber, daß man ihm nicht erlaubt hatte, sich von Edith zu verabschieden. Um Helene zu trösten für die Stunden des Wartens, nahm er ihren Arm und drückte ihn.

Sie erwiderte diesen Druck nicht. Was bildet der sich ein? dachte sie. Glaubt er, daß gestern heute ist? Das alles ist nun einmal zu Ende; für immer.

Er war böse darüber, daß Helene kalt war. Er fürchtete Vorwürfe und wollte deshalb selbst mit Vorwürfen beginnen.

»Wenn das eine andere täte – wenn eine andere hinginge, um mir aufzulauern, so würdest du das – zudringlich nennen. Ja, Helene, zudringlich ...«

Sie dachte: Wozu das Gerede? Ein Ende. Ein Ende. Tiefer kann ich nicht sinken. Das kann nicht eine Sekunde weitergehen.

Die Erinnerung an den Mann mit den häßlichen Zähnen war zu stark. Der Blitz in einem Gewitter. Diese scheußliche Erinnerung war das Ende ihres Liebesromans mit Erik Gyldendal.

»Ja, du hast recht«, sagte sie; »adieu.«

Sie ging zurück, stieg die Treppe hinauf, mit einer lustigen Empfindung, die aber etwas Unheimliches hatte – sagte Edith, daß sie morgen abreise, und legte sich zu Bett. Was sie nicht gehofft hatte, nach den vielen gequälten, durch Eifersucht schlaflosen Nächten, sie schlief sofort ein – mühelos – tief.

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