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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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24

Es ist vier Uhr nachmittags. – Ein klarer, stilldurchsonnter Tag. – Christian Gyldendal und seine Frau sitzen in einer kleinen Laube, ganz am Ende ihres Gartens im Wiener Cottage, einander gegenüber. Lea Gyldendal hat eine Handarbeit im Schoß und arbeitet; da sieht sie nichts vor sich als ihre vielen weißen, grünen und roten Seidenfäden, die in einem kleinen Körbchen liegen.

Christian Gyldendal sieht still zu, mit dem alten, sanften, leise fragenden Lächeln auf den feinen Lippen. Er wartet, bis eine Pause in die Arbeit von Leas Händen kommt, die jetzt so unruhig in dem Gewirr der schimmernden Seidenknäuel wühlen. Aber Lea Gyldendal sieht diesen fragenden Blick nicht.

»Du hast ihn nicht wieder gesehen?« fragt Christian endlich in die Stille hinein.

Lea schrickt empor und sieht ihren Gatten an.

»Du hast ihn seither nicht wieder gesehen?« wiederholt Christian.

»Nein«, sagt Lea.

»Es – es wäre doch besser, ich ginge zu ihm«, sagt er. »Heute oder morgen – aber diese Woche noch.«

»Tu's nicht! Ich bitte dich, Christian, tu's nicht!« sagt Lea.

»Wir können doch nicht ganz auf ihn verzichten!« sagt Christian nach einer Weile mit einem bitteren Lächeln. »Sollen wir hier leben und er dort? Sollen wir uns auf der Straße sehen und uns nicht grüßen?«

»Tu, was du willst«, sagt Lea hart.

Christian blickt durch die Tür der Laube hinaus auf eine weite, mild übersonnte Wiese, auf der einige spät blühende Rosenstöcke stehen.

»Ja«, sagt Lea, die seinem Blick gefolgt ist, »du solltest doch dem Gärtner sagen, daß der Rasen in diesem Jahr sehr schlecht aussieht. Ganz dünn. Es ist förmlich, als ob Löcher drin wären.«

»Die Spatzen fressen den Grassamen fort«, meint Christian.

»Was geht das uns an?« sagt Lea. »Ist das nicht seine Sache?« –

Die Nadeln klirren. Es sind weiße Elfenbeinnadeln mit stählerner Spitze. – Christian Gyldendal steht auf, will gehen und kommt zurück. Lea Gyldendal sieht erstaunt zu ihm auf. Er tritt ganz nahe an sie heran, ihre beiden Hände nimmt er in seine.

»Du, Lea«, sagt er, »wäre es nicht doch besser, wenn wir ihm schreiben? Du und ich, jeder eine Zeile? Eine Zeile nur? Ein Wort? Er könnte zu uns kommen – und wenn es täglich auch nur für eine Stunde wäre – – vielleicht läßt sich alles noch ins Geleise bringen. Er könnte wenigstens abends mit uns speisen – ihr beide würdet euch ganz gewiß wieder aneinander gewöhnen.«

»Glaubst du?«

»Ja, alles kommt wieder ins richtige Geleise. Ich will selbst mit ihm sprechen. Er wartet auf uns, wie wir auf ihn. Ich weiß, er erwartet dich, oder einen Brief von dir. Es ist ja so unendlich leicht, wieder Frieden zu schließen. Alles wird durch Güte gut. Und unser Sohn – sag' Lea – unser einziger – sollte nicht gut werden durch deine Güte?«

»Du irrst dich, Christian. Er wartet auf keinen Brief von uns. Kinder warten nicht auf Briefe von ihren Eltern. Mütter ›gewöhnen‹ sich nicht an Söhne. Wenn er nicht aus eigenem Antrieb kommt – nein, dann war er nie hier zu Hause – hier, bei uns. Und nun –«

»Und nun?«

»Nein, wir zwei sind für ihn gar nicht mehr auf der Welt. Das ist alles. Und wenn du auch ihn wirklich mitbringst, und wenn er hier, an diesem Tisch, neben uns sitzt – glaub' mir, Christian – es ist doch nicht anders, als wenn wir zwei hier sitzen. Du und ich. Wir zwei ganz allein.«

»Das kann ich nicht verstehen«, sagt Christian.

»Ich kann es sehr gut verstehen. Das ist keine Sache von gestern und morgen, und von dieser Woche. Ich habe Fehler begangen – und ...«

»Ja«, unterbricht er sie schnell. »Du warst zu streng.«

»Nein, ich war zu schwach.«

»Darüber werden wir nie einig!« sagt er und steht auf. Aber sie hält ihn mit einem Blick zurück. Die beiden alten Leute sehen einander an und schweigen. Dann sagt sie plötzlich, als hätte sie die ganze Zeit nur daran gedacht:

»Graf Schrottenbach ist heute vormittag gestorben.«

»Der Mann der Vignano?« fragt er.

»Ja. Ich muß ihr kondolieren. Wir waren früher sehr gut miteinander. In ›Don Juan‹ haben wir beide gesungen. – Jetzt habe ich sie schon durch Jahre nicht gesehen. Ich habe schon graue Haare; die Vignano singt noch die ›Donna Elvira‹.«

»Sie ist in den letzten Jahren nur noch selten aufgetreten«, sagt er.

»Ja, sie war mit ihm viel auf Reisen. Und das Organ war von jeher sehr zart.«

»Sie wird sich jetzt wohl ganz von der Bühne zurückziehen« sagt er. »Ich denke nicht«, sagt Lea. »Sie hing früher mit jeder Fiber an ihren Rollen. Nein, – solange sie lebt, solange sie noch ihre Stimme hat, wird sie keine Rolle zurückgeben. Und wenn sie von ihrer Villa in San Remo eigens herüberkommen müßte, um die ›Donna Elvira‹ zu singen – ihr ist es die Müh' wert.«

»Und – Lea, wenn du jetzt daran denkst, was du vom Leben hättest haben können, wenn du bei der Bühne geblieben wärst... sag' – bereust du es?«

»Sprich nicht davon«, sagt Lea. »Du weißt, ich will es nicht. Erinnere mich nicht daran.«

»Nein, Lea, ich wollte dir nicht weh tun.«

»Du – mir?« fragt sie, mit einem ganz weichen Lächeln. »Hörst du es nicht heraus, die ganze Zeit – aus jedem Wort? Ich, ich bin es, die sich im Unrecht fühlt.«

»Ihm gegenüber?«

»Ihm und ganz besonders dir. Deshalb hab' ich auch solche Angst vor einer Abrechnung.«

»Nein, Lea, das wird keine Abrechnung wie im letzten Akt auf dem Theater. Du warst ein Glück für mich. Und Glück, das ist ein großes Wort.«

»Nein, Christian, es wird doch so. Das Unglück, sieh, das ist schon längst geschehen, bevor noch die Leute im Theater sitzen. Dann erst kommt die Geschichte an den Tag. Aber das Unglück von dazumal hat man längst vergessen.«

»Meinst du, daß es ein Unglück war, daß du deiner Laufbahn adieu gesagt hast, um meinetwillen?«

»Nein, Christian, du verstehst mich nicht. Immer noch nicht.«

»Also war es das, daß Erik sich schlecht gegen uns benommen hat? Du hast früher einmal gesagt, eine Frau kann nur durch ihr Kind glücklich oder unglücklich werden.«

»Nein, Christian, es liegt nicht an ihm, die Schuld liegt an mir. – Daß er unser Einziger war, das war das Unglück.«

»Hast du es nicht selbst so gewollt?«

»Darin besteht mein Unrecht«, sagte Lea. »Ich wollte nicht einen Haufen Kinder. Ich wollte einen Menschen, den ich liebhaben konnte.«

»Einen einzigen?«

»Christian, heute sind wir zwei alte Leute. Ich hab' dich liebgehabt; war dir gut. Von Herzen. Nur mit dem Herzen.

Nein, unterbrich mich nicht! Es fällt mir schrecklich schwer – dir das zu sagen. Ich glaube, es konnte gar nicht anders werden, als es ist. Deshalb will ich ihn jetzt nicht mehr zu mir herüberziehen, will ihn nicht durch noch mehr Güte und Zärtlichkeit verderben.«

– »Nein, Lea!«

»Ich irre mich nicht, Christian. Man kann einen Menschen durch ewiges Peitschen verderben; gewiß. Aber auch durch ewiges Zuckerbrot. – Du hast mich durch deine Güte verdorben, und ich habe mein Kind durch Güte verdorben. Mußte das nicht sein? Hast du mir nicht jeden Wunsch erfüllt, ohne daß ich je eine Dankesschuld an dich hatte? Ja, ich weiß, du selbst wolltest es so.

Aber sieh, genau so waren wir beide gegen ihn. Wir haben ihm jeden Wunsch erfüllt. Was Menschenwille kann, das haben wir für ihn getan. Und wir hatten ja anfangs Glück mit der Methode. Es sah aus, als hätten wir beide, nein – wir drei – du, er und ich, als hätten wir viel glücklicher werden können, als ein reicher Bankier, seine Frau und ihr Sohn, der Dozent – als solche Menschen im allgemeinen werden. Aber es wäre doch ein Unrecht gewesen, das viele Glück. Jetzt, wo ich und du allein sind, jetzt fühle ich, es konnte gar nicht anders kommen. Jetzt ist es recht. Ich habe alles von dir genommen, ohne je zu danken, Christian, nicht einmal das bißchen Musik habe ich dir gegönnt, nicht einmal das bißchen Glück, das jede Frau jedem Mann geben kann.

Und Erik hat alles von uns angenommen, ohne zu danken, und hat uns nicht dies bißchen Vergnügen gegönnt, das jede Gärtnersfrau von ihrem Sohn hat – daß sie bei seiner Doktorpromotion dabei sein kann. So hab' ich dich betrogen. So hat er uns betrogen – und jetzt sind wir alt.«

»Du, Lea«, sagte Christian Gyldendal, »das kann nicht der letzte Akt sein. Es ist viel zu früh. Es gibt noch immer eine Jugend für dich und für mich. – Du hast recht. Es hat keinen Sinn, zu warten, bis der verlorene Sohn zurückkommt – nur eines hat Sinn –!«

»Was, Christian?«

»Komm du mit mir!«

»Wohin, Christian?«

»Wohin? Heute abend in die Oper; denk' doch, wir waren zum letztenmal am Abend vor unserer Hochzeit dort und seitdem nie wieder. Und dann reisen wir beide nach Paris. Wien wird für uns nie etwas anderes sein als die Straße, die Erik geht, und das Haus, in dem er wohnt. Komm mit mir fort! Lea, Liebling, muß es denn sein, wie es ist?«

»Nach Paris? Mit dir, Christian?«

»Wohin du willst. Nur fort von dem Haus hier, das seither so schrecklich leer ist. Du wirst sehen, alles wird anders – und tausendmal besser, wenn wir erst weit fort sind. Wir leben ja hier wie Fremde. Zum erstenmal seit langer Zeit haben wir heute miteinander gesprochen. Du wirst sehen, die Welt ist viel, viel weiter als das eine Haus, wo er auf die Welt gekommen ist, und die Wiese, auf der er als Kind gespielt hat, und das Haus dort in der Osterleitengasse, in dem er jetzt lebt.«

»Und heute abend in die Oper?«

»Nicht wahr, Lea, du willst? Komm, gib mir den Arm – – sag', können wir einander nicht mehr sein als bloß gute Freunde? Nein, sprich nicht, heute abend reisen wir beide fort.«

»Und kommen nie zurück?«

»Fühlst du nicht selbst, daß es tausendmal besser wäre?«

»Für dich?«

»Nein, für uns beide. –

Hast du nicht den Mut dazu? Sag' kein ›Ja‹ und kein ›Nein‹! Nimm doch meinen Arm! – Es ist Zeit, uns für die Oper umzuziehen, wenn wir zum ersten Akt zurechtkommen wollen. Und nachher sagst du es mir. ›Ja‹ oder ›Nein‹. Dann fahren wir entweder zur Westbahn – oder wir gehen beide heim. In das Haus, wo kein Mensch auf uns wartet als die Köchin und das Stubenmädchen, die schlafen gehen wollen.«

»Wird Paris anders sein?«

»Lea, wenn du willst. – Sieh, Menschen unserer Art können immer noch einen Tag Jugend haben, eine Stunde Jugend – können mit siebenundvierzig Jahren ihre Hochzeitsreise machen wie mit siebenundzwanzig Jahren.«

»Hochzeitsreise?«

»Sag', hättest du den Mut dazu? Wir könnten ja doch noch Kinder haben, Menschen, die wir aufwachsen sehen, an die wir unser alterndes Herz hängen können. Sag', Lea – – Lea, kommst du mit mir?«

»Abends sag' ich es dir, Christian, wenn wir nach der Oper heimfahren.«

Abends vor der Oper. Der Theaterportier in seiner prachtvollen silbergestickten Uniform ruft die Wagen aus.

Christian, in schwarzem, seidengefüttertem Paletot, einen Stock mit goldenem Griff in der Hand, öffnet vor seiner Gattin das Portal. Lea, in hermelinbesetztem Theatermantel, tritt langsam in die Dunkelheit heraus.

»Sollen wir einen Wagen nehmen, Lea?«

»Nein, ich denke, wir gehen erst ein kleines Stück Weg zu Fuß.«

»Nun, wie hat es dir gefallen?«

»Wir müssen doch der Vignano einen Kranz schicken. Ich habe mich heute immer wieder ihrer erinnert. Mir war es, als stünde sie unten – und ich wußte doch, daß sie jetzt am Sarg ihres Mannes kniet – und ...«

»Und?«

»Davon sprechen wir später, Christian. Jetzt...«

»Lea!«

»Sieh, Christian, das ist das Schreckliche. Es ist nicht wahr, was ich vorhin gesagt habe. Keinen Augenblick habe ich an die Schrottenbach gedacht, immer dachte ich an dich, an mich. Das war so schrecklich quälend, daß ich froh war, als die Oper zu Ende ging. – Ich fühle, es ist die letzte Minute. Ich muß mich heute entscheiden oder nie. Heute kann ich noch fort mit dir, morgen nicht mehr. Ich bin mehr als sechsundvierzig Jahre alt.«

»Aber ...«

»Nein, versteh mich recht. Selbst wenn ich ein Kind bekäme, dann würde ich doch in meinem ganzen Leben nie mehr Ruhe haben. Ich würde nicht mehr an Erik denken können; nicht mehr ruhig an ihn denken können, mich nicht mehr über ihn kränken können, bloß aus Zeitmangel – bloß weil ...«

»Erik?«

»Ja. Ich würde höchste Eile haben, dies andere Kind aufzuziehen. Und es müßte doch sein. Lächerliche Eile. Es wäre so, als wollte ich heute, als alte Frau, auf die Bühne und die Zerline spielen.«

»Und die Vignano kann es?«

»Dafür ist sie die Vignano!« »Also – Lea, wohin jetzt? Zur Westbahn – oder heim?«

»Verlang' es nicht, ich kann nicht. Ich kann nicht mit dir kommen.«

»– – Ja, Lea ... Denk' nur, das wollte ich dir sagen – als wir in der Oper waren – da hatte ich die ganze Zeit hindurch das Gefühl, als wäre er heute abend wieder zu uns gekommen – und warte jetzt oben in der Villa auf uns; hätte sich in seinem alten Zimmer Licht angezündet und warte bei einem Buch auf uns.« –

»Nein, Christian, kein Mensch wartet auf uns. Er ändert sich nicht. Wir ändern uns nicht. Du hättest ja jetzt zu mir sagen können: Du mußt. Du mußt nach Paris fahren. Du hättest mich zwingen können, ohne mich zu fragen. Aber du bist zu gut. Und ich, ich bin zu gut gegen ihn. Ich habe nicht den Mut zu etwas Neuem. Ich kann nicht fort von dem Haus, in dem er gewohnt hat, und von der Laube, wo er gespielt hat, als Kind, mit den Seidenknäueln aus meinem Nähkorb, solang er noch ganz klein war. Aber du – ich danke dir –«

»Wir werden doch nicht sentimental auf unsere alten Tage?«

»Nein, Christian, wir werden nicht sentimental auf unsere alten Tage. – Und mit dem Gärtner – sprichst du morgen früh, damit der Rasen im nächsten Jahr besser wird.«

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