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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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23

Helene kommt zu Erik. Sie klopft, aber niemand antwortet. Sie will die Tür öffnen; sie ist versperrt. Helene ist niedergeschmettert. Sie hat das Gefühl, als hätte sie sich nie so auf ihn gefreut, ihm nie so unendlich viel zu sagen gehabt wie heute; sie fürchtet, sie würde nie mehr so schön und so begehrenswert sein wie heute.

Langsam geht sie die Treppe hinab. Die Hausmeisterin kommt aus ihrer Zelle heraus, mustert sie und geht wieder zurück. Die Tür wird brutal zugeschlagen. Es riecht nach kaltem Pfeifenrauch.

Alle Hausmeister rauchen Pfeifen; warum? denkt Helene. Sie will an alles andre denken, nur nicht an Erik. Sie will ihre Zeit mit allem möglichen ausfüllen, nur nicht mit dem Gedanken an ihn. Aber sie kann es nicht. Sie liebt ihn nicht mehr, sie bemitleidet ihn und sie ist unglücklich. Aber sie hängen aneinander mit allem Schlechten, das in ihnen ist.

Gestern abend kam Edith zu ihr und wollte sich an den Bettrand setzen; während Edith zu Helene sprach, fiel das Hemd herab. Mit einem sonderbaren Blick betrachtete Helene die Nacktheit ihrer Schwester, den Ansatz ihrer Brust, die im Schatten lag, den Nacken, der ihr leuchtend zugewendet war.

Was liebt Erik an ihr? dachte sie. Was ist an ihr besser als an mir?

Sie selbst war schöner geworden, aber in ihrem Gesicht war ein Zug von Müdigkeit und Vergessenwollen. Der verschwand nie. Sie wußte nicht, ob das die Spuren seiner grausamen Liebkosungen waren oder die einer beginnenden Schwangerschaft.

Langsam kehrte sie den Weg zu seiner Wohnung zurück. Das waren nicht die einzigen Sorgen. Neben diesem großen Spiel, bei dem es auf Tod und Leben ging, gab es noch eine kleine Rechnung, und die bestand darin, daß Erik von ihrem Gelde so viel verbraucht hatte, daß sie selbst nicht mehr von den Zinsen leben konnte. Sie konnte nicht mehr allein, nicht mehr selbständig leben, sondern mußte mit Edith zusammenhalten; sie war von Ediths Geld vollständig abhängig.

Edith wußte das. Helene hatte einen Ekel vor ihrer Schwester. Sie konnte es verstehen, daß Erik in sie verliebt war, aber ihr erschien es wie Blutschande, wenn Edith halbnackt an ihrem Bette saß und ihr Trost zusprechen wollte.

Helene sank; langsam aber unaufhaltsam. Sie sank deshalb, weil sie der Trank aus dem vergifteten Brunnen ihrer Liebe glücklich machte. Alles vergaß sie in seinen Armen und sehnte sich schon jetzt wieder nach ihm. Ihr Leben war so arm gewesen, bevor Erik kam, und jetzt war es noch tausendmal ärmer ohne ihn. Sie sank, weil sie eifersüchtig war, so eifersüchtig, daß sie heimlich Ediths Briefmappe öffnete und darin nach Briefen von Erik suchte. Sie fand sie nicht. Als aber Edith am andern Tag ein Notenheft aufschlug und ein großer Brief daraus fiel und Edith rot wurde – da wußte Helene, daß Erik sie mit Edith betrog. Aber sie hatte nicht den Mut, diesen Brief von der Schwester zu fordern; sie war feig geworden. Erik betrog sie mit Edith. Vielleicht nur mit Worten, mit einem Blick, mit irgendeiner schüchternen Liebkosung, die gerade deshalb so schwer wog, weil sie schüchtern und nichtssagend war und doch beiden, Erik und Edith, genügte.

Sie trat in das Haus wieder ein.

Die Portiersfrau schoß wie ein Drache aus ihrer Zelle und fing an, auf die »verflixte Wirtschaft« zu schimpfen; daß auch anständige Parteien im Hause wohnten, daß sie sich nicht das Maul stopfen ließe durch Trinkgelder, daß sie zur Polizei schicken würde, und das Fräulein und die andern – das seien alle Straßenmädchen ...

Blaß und wie gepeitscht kam Helene in Eriks Zimmer.

»Du mußt die Wohnung kündigen«, sagte sie, »dieses Weib hat mich beschimpft.«

»Ach Gott, sagte er kühl, »nimm das doch nicht so ernst! Sie hat halt ein böses Maul. Aber sie meint es nicht so.«

»Wie du willst«, sagte Helene.

Sie sah auf dem Tische die kleine goldene Tabatiere, die Dina zurückgelassen hatte.

»Von wem hast du die?« fragte sie.

»Ach, Dina Ossonskaja hat sie hier gelassen.«

»Ja«, sagte sie, erstarrt vor Wut, »dann versteh ich alles. Die Portiersfrau hat recht. Es ist nicht genug, daß du mich mit Edith betrügst ... und ich habe dich doch selbst zu uns eingeladen!«

»Bitte, weiter!«

»Nein, du hast noch eine Mätresse nötig! Noch eine!«

»Weshalb schreist du so?« fragte er.

»Bitte, ich erlaube dir ja alles. Du kannst heute die Ossonskaja küssen und morgen meine Schwester ... Nur mich laß in Ruhe. Vorher aber ...

»Du willst dein Geld? Du bekommst es! So viel haben die Gyldendals noch, um ...«

Sie war erstarrt.

»Ist das dein letztes Wort?«

Er sah sie vor sich, glühend in ihrem Zorn, begehrenswert. »Bitte mich um Verzeihung! Du hast mir und Dina unrecht getan. Und Edith.«

»Ja«, sagte sie, unter der Gewalt seines Blickes, »ich bitte dich um Verzeihung; bitte, sei nur nicht mehr böse.«

»Und jetzt komm!«

»Nein, nicht jetzt. Es ist Tag und ...«

»Ich will es; ich will es, hörst du?«

»Und ich will nicht.«

Er riß sie zu sich heran, an ihrem weißen Leinenkleid, das von oben bis unten mit einfacher Stickerei bedeckt war.

»Du zerreißt mein Kleid!«

Er zerrte daran, bis es zerriß.

Sie dachte nicht mehr; sie fühlte nur die Nähe seines Körpers und die Glut seiner Lippen. Ihr Herz klopfte. Die Adern am Halse sprangen.

»Du«, sagte er flüsternd, »wer ist eigentlich schöner, Edith oder du?«

Leichenblaß, die Finger in die Handfläche gekrümmt, ganz starr vor Schmerz sagte sie:

»Nein. Laß mich! Ich will nicht; ich will dich nicht – nein, nein, küss' mich nicht, das darfst du ja nicht ... Du hast Edith lieb. Nein, jetzt hast du sie nicht lieb; laß mich fort, es ist das letztemal. Nur einmal küss' mich noch – nicht so, nein, ganz leise – nein, ganz leise, zum letztenmal.«

Sie fühlte so unendliche Wollust und so unendlichen Schmerz, daß sie das Bewußtsein verlor. Sie sank nieder auf die Knie, die Wäsche, nur halb gelöst, fiel in Unordnung auf den Boden, auf dem Dinas Zigarettenreste lagen.

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