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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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22

Sie dachten immer, es sei das letztemal. Und gegen ihren Willen fielen sie sich von neuem in die Arme. Erik tröstete Helene, und Helene tröstete ihn. Seine schwärmerische Liebe zu Edith lastete über ihnen, schwer, wie eine Gewitterwolke, die sich nicht entladen will; man weiß noch nicht, wird Landregen daraus oder Donner und Blitz.

Diese fremde Liebe lag in jedem seiner Küsse, in jeder ihrer Umarmungen und gab ihrem Zusammenleben etwas Unirdisches, das süß und traurig war.

Eine neue Idee beschäftigte ihn; er arbeitete so intensiv, daß er in seine Vorlesung die neuen Probleme und Versuchsanordnungen mitbrachte, obgleich er voraussetzen mußte, daß die Studenten sie nicht verstünden. Sie schrieben doch nur stumpfsinnig und gehorsam alles mit, was man sagte. Erik erinnerte sich Dinas, die auch einmal hiergewesen war.

Seit dem Abend »Im Schutzengel«, seitdem er seine Liebe zu Edith verraten hatte, fühlte er sich der Russin näher. Er hatte die Achtung vor Helene verloren; die Achtung vor sich selbst war nicht mehr groß genug. Und seine neuen Arbeiten und Ideen hatten kein andres Ziel, als ihm selbst zu imponieren.

Eines Nachmittags erwartete er Helene. Es war schwül; sinnliche Vorstellungen und Bilder mischten sich in seine mathematischen und physikalischen Gedanken.

Da klopfte es an der Tür, leise, schüchtern.

»Ja!« sagte er. Niemand kam; es klopfte nochmals.

»Herein!« schrie er und öffnete selbst; die Tür war versperrt gewesen.

Dina Ossonskaja stand vor der Schwelle und lächelte.

»Bitte«, sagte er.

»Ich dachte, du würdest dich freuen, wenn ich wieder einmal käme«, sagte sie. »Übrigens habe ich eine Bitte an dich. Aber das ist nebensächlich. Wie geht's dir?« Sie reichte ihm die Hand. »Gestattest du, daß ich mir eine Zigarette anzünde?« Sie zog eine kleine, goldene Tabatiere heraus. »Du rauchst nicht, ich weiß.«

»Die hübsche Tabatiere!« sagte er, »hast du sie von ihm?«

»Was fällt dir ein? Es ist gerade umgekehrt. Aber er würde sie sofort verspielen, und da hab' ich sie lieber zu mir genommen.«

Es war Zynismus in der Bemerkung. Erik fühlte Mitleid mit ihr; nein, es war nicht Mitleid, es war nur Hilfsbereitschaft.

»Eigentlich hättest du ihn doch heiraten können«, sagte er, »und nicht ...«

»Du meinst, seine Mätresse sein? Gewiß. Aber es wäre doch nur ein Konkubinat geworden, keine Ehe.«

»Kannst du dich nicht von diesem Menschen losmachen?« Sie sah ihn fragend, mit großen, erstaunten Augen an.

»Wozu? Wem zuliebe?«

Er schwieg. Sie rauchte ihre Zigarette bis zur Hälfte, warf sie fort und zündete eine neue an.

Ihr Kleid war aus erdbeerfarbiger Seide und hatte viele Volants. Sie war leicht parfümiert. Lilas royal. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen, so daß man die Beine in grauseidenen Strümpfen bis zum Knie sah.

Dina bemerkte das und richtete ihr Kleid.

Warum schämt sie sich vor mir? dachte er. Sie liebt den Griechen, denn sonst würde sie nicht mit ihm zusammenleben.

»Nun, was macht dein Freund? Wie hieß er doch nur?«

»Janoupulos. Er hat in den sechs Wochen sechzigtausend durchgebracht.«

»Dein Geld oder seines?«

»Hab' ich dir nicht erzählt, daß er meiner Hausfrau die Miete seit Monaten schuldig war? Er hatte nicht fünf Heller.«

»Du bist generös, das muß dir der Neid lassen!« meinte Erik.

»Ach, bitte! Es amüsiert mich.«

»Und jetzt?«

»Er ist abgereist. Deswegen komme ich ja her.«

»Auf immer?«

»Nein, auf fünf Tage; angeblich nach Karlsbad, wo ein reicher Onkel von ihm zur Kur sein soll.«

»Soll?«

Sie stand auf, trat hinter seinen Stuhl, wie wenn sie sich vor seinen Blicken fürchtete.

»Ich will dir die Wahrheit sagen. Es sind nicht sechzigtausend. Es ist mehr. Er hat mein Depot bei der Kreditanstalt durchgebracht. Alles. Papa wünscht, das ich nach London zu ihm komme; und meine Mama, das heißt meine Stiefmama, die wünscht es nicht. Übrigens ist das ganz vernünftig. Ich habe um Geld geschrieben, aber sie öffnet die Briefe und verbrennt sie, so daß Papa keinen einzigen bekommt. Übrigens geht es ihm nicht gut. Mon ami est parti, sans me laisser le sou; pourquoi?« Sie ging im Zimmer hin und her.

»Jeder Mensch hat sein Kapital. Janoupulos aber, der lebt von den Zinsen der andern. Das ist er sich schuldig. Das heißt, er will mich zwingen, mit mir selbst Geschäfte zu machen.«

»Was fällt dir ein! Er will von dir ...?«

»Das kommt dir so fürchterlich vor? Das ist doch gar nichts gegen das, was du von mir verlangt hast. Ja oder nein – entscheide dich, Dina: eins, zwei, drei. Sieh, er ist nicht nur ein sehr schöner, sondern auch ein sehr kluger Mensch. Er läßt mir Zeit. Er reist ab, in aller Zärtlichkeit, und läßt mir keinen Kreuzer da. Sans me laisser le sou. Aber seine Freunde kommen, sie bieten mir alles an, ein Souper bei Sacher, Schmuck, auch Geld, aber das alles, natürlich, nicht umsonst. C'est juste. Und er weiß ganz genau, wie lange ich hungern kann und anständig bleiben. Anständig?! An Janina kann ich nicht schreiben, denn erstens würde sie mich anspucken und zweitens hat sie selbst nichts. Ist dir das klar?«

»Gewiß«, sagte er aufgeregt; »aber die Polizei ...«

»Um Himmels willen! Nur kein Skandal! Sieh, Erik, heute verstehen wir uns gut; und weshalb? Weil du gesunken bist und ich auch. Ich habe nochmals an die Stiefmutter telegraphiert; vielleicht rührt sich etwas in ihrem Stubenmädelherzen für mich. – Aber wenn nicht – dann wartet ein Dragoner-Oberleutnant auf mich.«

»Und du würdest ...?«

»Ich muß. Verstehst du denn das nicht? Ich muß! Du großer Menschenkenner und noch größerer Physiker, du kennst ja die Gleichung von der schiefen Ebene: v = gt 2 / 2 ergänzen!!. Nicht wahr, ich bin eine brave Schülerin? Du lehrst die Formeln, und deine Schülerin Dina Ossonskaja wendet sie an.«

»Das ist schrecklich«, sagte er, »ich werde dir helfen.«

»Deshalb bin ich gekommen.«

»Nur deshalb?«

»Deshalb? Glaubst du, eine Frau stürzt sich ohne Grund aus dem Eisenbahnwagen, wenn sie nicht Hilfe haben muß, unbedingt haben muß – von dem ...«

»Du glaubst, daß ich schuld daran bin?« fragte er.

»Schuld? Du hast vielleicht keine böse Absicht gehabt. Schließlich bin ich ja rein aus deinen Händen hervorgegangen; so würde wenigstens deine Mama sagen; bürgerlich rein, körperlich rein – aber ... Und dann. Du hast mich zweimal weggejagt wie einen Hund. Warum? Weil du mich für mehr emanzipiert gehalten hast als ich war. Bin ich dir jetzt emanzipiert genug?«

»Ich begreife dich nicht«, sagte er bedrückt. »Ich werde dir das Geld geben. Aber ich muß zur Bank. Ich hab' nicht so viel hier.«

»Schön, komm nur, mein Wagen wartet noch.«

»Dein Wagen?«

»Glaubst du, solche Wege, wie den zu dir, macht man zu Fuß?«

Der Kutscher sah die beiden und grüßte:

»In die Operngasse zum Baron ...?« fragte der Kutscher.

»Nein, in den Bankverein!« sagte Erik.

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