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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/weiss/galeere/galeere.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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21

Erik Gyldendal hat nie so gut ausgesehen wie jetzt. Seit der Reise nach Hieflau sind fast vier Wochen verstrichen. Vier prachtvolle Wochen Arbeit! Er hat sich von seiner Geliebten eine Vollmacht ausstellen lassen, mit ihrem Geld hat er sich ein vollständiges Privatlaboratorium eingerichtet, er hat sich ein Milligramm Radiumbromid gekauft, das ein kleines Vermögen kostet, er hat neue Röntgenröhren, die exakter arbeiten als die früheren; aber sie haben keine Individualität, keine Vergangenheit. Desto besser!

Erik Gyldendal schläft gut. Seit der ersten Liebesnacht ist der Fluch der Schlaflosigkeit von ihm genommen, wie durch ein Wunder. Er legt sich abends zu Bett, frühmorgens steht er auf, wie jeder andere gesunde Mensch. Er ist gesund; er ist glücklich. Nur daß seine Hände immer aufgesprungen sind; es sind sogar zwei kleine Geschwüre da, nicht größer als eine Linse, sie schmerzen aber nicht. Helene hat ihn gebeten, zu einem Arzt zu gehen; er tut es nicht. Ihm sind Ärzte widerwärtig; sie soll ihn nicht damit quälen; er will sich nichts raten, nichts befehlen lassen; und dann sind es ja auch nur zwei kleine Geschwüre an der rechten Hand. Er ist vollkommen glücklich; glücklich, weil er eine Hoffnung hat. Er ist jemandem wirklich gut, er liebt einen Menschen aus der Ferne, schwärmerisch, demütig wie ein Gymnasiast. Er schreibt Briefe an Edith, wo er sie schildert, wie sie in einem dunklen Zimmer Violine spielt, die dunkle Geige an ihre weiße Brust gepreßt; es ist Abend, in einer kleinen Villa. Sie sprechen von der weiten Welt, in der sie ihre Erfolge hat, Tausende von Menschen gibt es da, die ihr lauschen, die sie verehren, die ihr zujubeln. Tausende. Er ist der letzte unter ihnen, Erik Gyldendal. Er hat ihr nichts zu geben als sein Herz. Nein, noch etwas: seine Erotik. Helene hat ihm gehört, sie gehört ihm noch. Aber er hat sie nicht mehr berührt, seitdem sie in Wien sind.

Erik und Helene gehen abends spazieren. Er fängt an, von irgend etwas zu berichten.

»Geheimrat Ostwald will meine Arbeit in den ›Klassikern der exakten Naturwissenschaften‹ publizieren.«

Sie: »Das ist eine große Ehrung für dich.«

Er: »Ja. Ich habe mich auch sehr darüber gefreut. – Und du, was hast du heute getan?«

Sie: »Ich übersetze jetzt Virgil. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich Virgil zum schriftlichen Abiturientenexamen bekomme.«

Sie sprechen über all diese Dinge; über alle möglichen Dinge und Menschen, nur nicht über Edith; nie über Edith.

Sie sehen im Vorübergehen in die erleuchteten Fenster der Heurigenschenken hinein: Eheleute, die lange Jahre schon verheiratet sind, werden da übermütig und verliebt, fangen an, miteinander zu tanzen – ein alter Herr dreht ein kleines blondes Mädel herum, das erst im nächsten Jahre in die Tanzschule gehen soll. Man jubiliert, weil der Wein gut ist, weil man noch jung ist, immer noch, und weil die Sommernacht so weich ist und voll von spätem Blütenduft.

Erik und Helene stehen draußen und sprechen von Physik oder vom Abiturium.

Helene hat einen harten, gequälten Ausdruck im Gesicht, der sie alt macht.

Er bildet sich deshalb ein, sie wolle ihm Vorwürfe machen. Deshalb beginnt er selbst mit Vorwürfen. Wenn sie sich einmal um zwei Minuten verspätet, sagt er: »Es ist das letzte Mal. Wenn du nicht pünktlicher bist, dann kannst du sehen, wo du mich findest!« Sie entschuldigt sich. Die Elektrische ist so lange nicht gekommen. Er schweigt eine Weile, geht neben ihr her, sieht ihr ins blasse Gesicht, dann bleibt er stehen.

»Ja, ich sehe es, du liebst mich nicht mehr. Sag's doch selbst! Du siehst es doch ein, daß es nicht mehr zwischen uns ist wie früher.«

Sie schweigt. Wie soll sie ihm beweisen, daß er unrecht hat? »Du wirfst mir vor«, sagt er, »daß ich Geld von dir nehme, nicht wahr? Du kannst es mit deinen Idealen nicht vereinigen, daß ich meine wissenschaftlichen Versuche mit deinem Geld bezahle?«

Sie wird böse über diese Zumutung; aber sie schweigt.

»Ja«, sagt er, »wenn einmal das Wort Geld fällt, dann hört die Gemütlichkeit auf.«

»Wenn du das glaubst«, sagt sie erstickt, »dann will ich dir lieber adieu sagen.«

»Ja, ganz recht, gib mir den Laufpaß!« Er fühlt jetzt, gerade jetzt, wo er Helene mit klarem Bewußtsein quält, daß er ihre Schwester über alles liebt. Ihm tut diese Stunde leid, die er Edith widmen könnte. Er könnte ihrer Geige zuhören, könnte ihr wundervolles Haar streicheln, Hand in Hand mit ihr in der Dunkelheit sitzen, vor einem Kamin. Dann würde sie das Licht anzünden, mit jener Bewegung einer antiken Göttin, mit der leidenschaftlichen Geste der athenischen Nike, die er noch nicht vergessen hat, die er nie vergessen wird.

Alles in ihm sehnt sich nach Edith. Er fühlt sich reicher um diese Sehnsucht, die er nie früher gekannt hat.

Und weil Helene ihm im Wege steht mit ihrer dummen Güte, weil sie sich durch nichts abschrecken läßt, weil sie immer noch an ihm hängt, deshalb haßt er sie. Es ist eine Hölle rings um die zwei Menschen, ein unbekanntes, weites Reich von Schrecklichkeiten. So glücklich sie einander machen könnten, so unglücklich machen sie einander.

Jetzt drängt alles zu einer Entscheidung, zu einer dramatischen Szene, zu einem Entweder-Oder. Aber dieses Entweder-Oder gönnt er ihr nicht. Er beginnt wieder vom Examen zu sprechen, während sie ihn bis zu seiner Wohnung begleitet und sich schwer in seinen Arm hängt.

So wie er vor fünf Wochen Angst gehabt hat vor der einsamen schlaflosen Nacht, so hat jetzt Helene Blütner Angst davor. Aber er kümmert sich nicht darum und rät ihr, Eisen und Veronal zu nehmen. Als ob ein Unglücklicher krank wäre!

Sie sehnt sich nach einem Kuß, nein, nur nach einer leisen Zärtlichkeit. Aber Erik ist der andern ewig treu, unbarmherzig treu der Frau, mit der er zehn Worte gesprochen hat und in die er sich verliebt hat, als sie den Gaslüster anzündete.

Helene glaubt immer noch nicht daran, daß sie unglücklich ist; sie lebt von ihrem Willen zum Glück, und manchmal bringt sie es zu einer gespenstigen Heiterkeit. Aber das ist noch der schönste, behaglichste Winkel ihrer Hölle, ein Tag wie der. – –

Ein anderer Abend. Es sind immer nur Abende, die er für sie übrig hat; sie kennt sein Zimmer nicht, er hat sie nie mehr eingeladen, zu ihm zu kommen; er hat sie nicht aufgefordert, ihn bei seinen Experimenten zu unterstützen. Sie hat sein Laboratorium, in dem der größte Teil ihres Vermögens steckt, nicht betreten. Sie bittet auch nicht darum. Es sind einfache, klare Verhältnisse. Er hat seine eigene Welt. Er strahlt wie seine Röntgenstrahlen ein Licht aus, zwei Arten von Strahlen: α)-Strahlen, β)-Strahlen, α) seine Wissenschaft, β) seine Leidenschaft für Edith. Diese Welt gehört ihm allein. Die Abfälle seiner Zeit gibt er als Entgelt für Helenes Aufopferung hin; widerwillig, mit dem Bewußtsein, daß auch das viel zuviel ist – seine Abende, nachdem er sich müde gearbeitet hat, mit Gedanken, Experimenten und Zahlen; und bevor er zu träumen angefangen hat von Edith, von ihren weißen Armen, von der leicht geröteten Stelle an ihrer Brust, die gerötet ist, weil sie ihre Geige dort aufstützt. – –

Seine Mutter war Sängerin gewesen. Sie hatte den Bankier Gyldendal geheiratet und der Bühne entsagt. Frau Gyldendal. Mutter, Hausfrau, Gattin. Ihr Gatte hatte ihr vorher versprechen müssen, daß er nie in die Oper gehen würde und daß in ihrem Hause nie von Musik gesprochen werden sollte.

Er war sehr musikalisch und liebte die Musik. Mehr aber liebte er seine Gattin. In seinem Hause hörte man nichts von Musik, und Lea Gyldendal hatte keine trüben Erinnerungen. Ihr Sohn durfte nicht Cello spielen lernen, Musik blieb das verlorene, ewig ersehnte, nie erreichte Paradies seiner Kindheit. Jetzt war es ihm eröffnet: in Edith liebte er die Musik und in ihr alles unbekannte Glück.

Ein Abend: Helene und er waren wieder in dem Gasthaus »Zum Schutzengel«. Dicht neben der Baracke, in der Grillparzer und Beethoven im gleichen Jahre (1804) gewohnt haben. Das ist ein sonderbares Gasthaus. Wenn man von der kühlen, stillen Straße hereinkommt, sieht man einen kleinen Hof, in dem ein Brunnen rauscht; auf dem steht als Brunnenfigur eine ungeschickt gemachte, aber rührend einfache Statue eines Engels. Dann kommt eine Stiege, eng wie eine Hühnerleiter und eine Terrasse. Linden, die eben erblüht sind. Grüne Windlichter auf den weißen Tischen. Nachtfalter. Ein paar Leute, zerstreut im Halbdunkel. Von irgendwo Musik: »Rosen aus dem Süden« von Johann Strauß. Dann eine zweite kleine Stiege, eine zweite Terrasse, über der ersten, so hoch, daß man auf die Kronen der Bäume herabsieht, die auf der ersten wurzeln. Hier spielt die Musik.

Eine Stiege. Eine dritte Terrasse. Ganz still. Hoch über aller Welt. Ein weicher Wind weht. Weit unten – Wien. Die Donau mit den zwei Reihen Lichtern, der Stefansturm, die Kuppeln der Hofmuseen und dann, zauberhaft bewegt, am Rande des Horizonts, das Riesenrad im Prater. Und über allem die Stimmung: nur hier kann man leben, nur hier glücklich sein.

Helene war voller Wünsche – der Abend konnte wieder Glück bringen; man stand immer an der Pforte des Wunders, man mußte nur über die Schwelle treten. Sie nahm Eriks Hand verstohlen unter dem Tischtuch und drückte sie, und ließ die Hand nicht los.

Es war die erste Berührung ihrer Körper, seitdem sie in Wien waren.

Er fühlte langsam, wachsend wie eine Flut überwältigend die Sehnsucht, er fühlte ihre Sehnsucht – und die eigene. Er stand auf, warf Geld auf den Tisch, und sie gingen fort; sie sprangen die drei Treppen herab. Der Kellner mit dem bestellten Wein begegnete ihnen, sah erschreckt zu ihnen auf, wagte aber nicht, sie aufzuhalten.

Der Brunnen mit dem Schutzengel rauschte.

Vor dem Eingang blieb Erik stehen; er bereute. Sie verstand ihn. So eng waren sie aneinandergekettet, daß sie seine Gedanken unausgesprochen erriet. Der Instinkt erriet alles, während ihr Verstand die Augen schloß – immer noch.

»Weshalb kommst du nie zu uns?« – Eine Stimme diktierte ihr die Worte. »Komm doch einmal! Edith wird sich freuen!«

Er gab ihr nach – sie nahmen einen Wagen. Er gab seine Adresse an.

»Edith hat schon oft nach dir gefragt«, sagte sie. Sie wußte, daß es ihre letzte Karte war, die sie ausspielte. Er antwortete nicht.

Ich werde sie sehen! jubelte es in ihm. Leidenschaftlich schlug er seine Arme um Helenes nackten Hals, der so kühl war. Er berauschte sich an dem Duft ihrer Haare. Er kämpfte noch mit sich selbst. Ich verrate mich, dachte er; wem gehört diese Glut? –

Glut? Sie soll Asche werden, sie soll zu Ende glühen. Diese Nacht soll die heißeste sein und die letzte. An Asche macht keiner sich die Hände schmutzig, nur an Kohlen. Die letzte, die wildeste!

Der Wagen hielt.

»Komm!« sagte er. »Leise, daß die Portiersfrau dich nicht hört!«

Sie stockte. Ich bin seine Geliebte nicht mehr, ich bin bloß seine Mätresse. Aber es war zu spät. Sie hätte ihm alles geopfert, um noch einmal in seinen Armen zu liegen, alles, was sie noch besaß.

Stilles dunkles Zimmer, die Vorhänge herabgelassen. Sie stehen schweigend, dann verkrallen sie sich, Hände, feuchte, zitternde Hände in Hände, heiße, trockene Lippen an Lippen. Ein Augenblick und eine Ewigkeit.

Dann – dann – sie lassen sich los wie wilde Tiere, die ihre Kraft sammeln, um sich noch einmal aufeinander zu stürzen. Sie verstehen sich; sie tut alles, was er will. Schmerzliche Seligkeit, Wonnen, die zerfleischen. Stille. Sie ist traurig, nur traurig; warum hasse ich ihn nicht? Warum kein Ekel? Warum? – Ein letzter, lasterhafter, süßer Kuß. Sie schleppt sich die Treppe herab. Der Wagen wartet unten. Sie schläft sofort ein. In der Sonnenfelsgasse weckt sie der Kutscher, indem er mit dem Stiel der Peitsche ans Fenster klopft. Sie hat Schmerzen, und sie ist traurig. Es ist beinahe wie das erstemal.

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