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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/weiss/galeere/galeere.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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20

Erik steigt die Treppe seiner Döblinger Villa empor. Er freut sich auf das Wiedersehen mit seinem Laboratorium, mit den Apparaten, Büchern und Dingen, denen sein Leben bisher gehört hat.

Er will die Tür des Hauptsaales öffnen, in dem der große Rühmkorffsche Induktor und die sechs Röntgenröhren stehen.

Eine Stimme ruft von innen: »Wer ist da? Nicht herein!« so wie jemand ruft, den man bei der Toilette oder in verbotener Gesellschaft stört. Es ist die Stimme seiner Mutter.

Erik tritt ein. Seine Mutter hat einen seiner weißen Mäntel angezogen und ist damit beschäftigt, den Staub von den Apparaten und den Regalen abzuwischen.

Erik hat Angst um seine Röhren, die fast so empfindlich sind wie Treibhauspflanzen. Aber sie sind alle da, alle unverletzt.

Das Gesicht seiner Mutter ist gealtert.

In dem weißen Mantel, der ihr viel zu lang ist, sieht sie gespenstisch und gleichzeitig komisch aus.

Sie ist überrascht; ein kleines Elektrometer, das sie gerade mit einem Hirschlederlappen gereinigt hat, droht ihr aus der Hand zu fallen; aber sie kann es noch auf den Tisch stellen.

Ihr Gesicht glänzt vor Freude, sie läuft zu ihrem Sohn hin, breitet weit die Arme aus; sie leuchtet von Zärtlichkeit, wie – ja, so wie Dina, zu der Zeit, als sie und Erik sich bei der Kirche »Maria am Gestade« trafen.

Aber Erik ist verstimmt; er sieht eine fast Fremde vor sich; ihm ist jede körperliche Berührung, jede Liebkosung von der Hand eines Fremden unangenehm. Es ist etwas wie Ekel, das sich kalt und starr zwischen ihn und seine Mutter drängt. Er hat sein eigenes Schamgefühl; seine Wissenschaft, seine Apparate gehören ihm, und kein anderer soll sich darum kümmern. Er hat es seiner Mutter nicht verziehen, daß sie das schmähliche und traurige Geheimnis seiner Schlaflosigkeit ans Licht gezerrt hat. Jetzt fühlt er, daß zwischen ihm und der alten Frau in seinem weißen Laboratoriumskittel keine Verbindung mehr besteht.

Was soll er ihr sagen? Soll er ihr nochmals ins Gesicht werfen, daß sie gerade gut genug ist, ihm Essen, Kleider und ein Bett zu geben und das Geld für seine Versuche mit Röntgenstrahlen? Es ist wahr. Und im nächsten Moment wird er ihr diese Wahrheit mit Gewalt beibringen. Bei dem leisesten Vorwurf, bei der geringsten Taktlosigkeit. Er glaubt, daß alle Wahrheiten Lebensberechtigung haben, selbst wenn sie einen andern zerfleischen. Alle diese Gedanken drückt er dadurch aus, daß er einen Schritt zurücktritt.

Die alte Frau zuckt die Achseln, und stillschweigend geht sie an die Arbeit zurück. Aber sie ist ungeschickt geworden. Sie zittert vor Aufregung. Sie stolpert über den Mantel, der ihr zu lang ist, das Elektroskop fällt zur Erde und zerbricht.

Erik springt vor wie ein wildes Tier.

Die alte Frau setzt sich nieder; sie ist müde geworden. Sie hat sich auf das Wiedersehen mit ihrem Sohn gefreut. Es ist ein Spiel, wenn ein Mensch alle seine Hoffnungen auf einen andern setzt, selbst wenn es der einzige Sohn ist. Der einzige. Lea Gyldendal hat nie einen andern Menschen geliebt als ihren Sohn. Es ist ein Hasardspiel. Lea Gyldendal ist im Verlieren. Dies sieht sie deutlich; sie hat Erik zwingen wollen, zu ihr zurückzukehren; deshalb hat er die Schlüssel zurückgeben müssen. Es ist ihr nicht gelungen. Sie weiß, weshalb es nicht gelingen konnte. Sie weiß, wer ihren Sohn aus seiner Verzweiflung aufgerichtet hat. Denn er ist aufgerichtet. Sie haßt diesen fremden Menschen, der stärker war als sie.

»Wo warst du?« fragt sie hart.

»Fort.«

»Wo?«

»In Hieflau.«

Er ist zu dem Regal getreten, wo seine Röhren, diese großen, glänzenden Glaskugeln hängen; sie sind schön blank geputzt; er kennt ihre Geschichte. Die älteste ist innen grau, sehr hart durch den Gebrauch; es war seine erste. Er hat sie von London mitgebracht; seine Versuche hat er damals in den Berichten der Akademie veröffentlicht. Es war das erstemal, daß sein Name in diesen Bänden stand. Er fährt streichelnd über das Glas und die Drähte und antwortet zerstreut.

»In Hieflau?« fragt seine Mutter; »mit wem?«

Es liegt Erik durchaus nichts daran, Helenes Namen zu nennen; ohnedies weiß ihn alle Welt; aber er will nicht. Ihm ist die Nähe seiner Mutter widerwärtig, ohne daß er genau wüßte, warum.

Er ist nicht schlecht, nicht gemein, nicht einmal brutal; aber er ist ein Mensch ohne Gemeingefühle, ohne Mitfreude, ohne Mitleid. Dina hat es sofort gewußt. Seine Mutter weiß es noch heute nicht. Sie hält ihn für einen kranken Menschen, für einen Sonderling, der sie liebt, wie jeder Sohn seine Mutter lieben muß. Dieses Mißverständnis gibt der Szene, die jetzt folgt, etwas Tragisches, das gleichzeitig bizarr und komisch ist und das etwas von der unterstrichenen, markierten Komik des Zirkus hat.

»Das geht doch nur mich an«, sagt er höflich.

»Warum willst du mir ihren Namen nicht sagen, den Namen dieses armen Hascherls, dem du den Kopf verdreht hast ...«

»Mama!« sagt er leise drohend.

»... und das du entehrt hast, Erik.«

Ich verliere, fühlt sie; das wollte ich doch nicht sagen.

»Nimm es, wie du willst; wir kümmern uns nicht darum, was fremde Leute von uns denken«, sagt er kalt.

Das »wir« empört sie. Sie hat noch ein paar Karten, die spielt sie eine nach der andern aus.

»Wir, Papa und ich, haben uns entschlossen, die Villa den Fränkels zu überlassen. Lilli Fränkel hat sich in Alt-Aussee verlobt. Sie hat euch beide dort in Hieflau getroffen – euch.«

Er schweigt und geht hin und her.

»Da ist natürlich keine Rede davon, daß du deine Faxen noch länger hier oben treibst. Deine Faxen, mit all dem unsinnigen Zeug.« Sie weist auf die Röhren.

Er ist ruhig.

»Du wirst vielleicht sagen, daß ich eine dumme, alte Frau bin, die nichts davon versteht!«

»Ich sage gar nichts, Mama«, meint er ironisch.

»Aber was soll das nützen? Du bist ein erwachsener Mensch und bist immer noch nicht imstande, dir ein Stück Brot zu verdienen; und das ist es nicht allein. Was hat deine Wissenschaft aus dir gemacht? Du bist krank geworden, ein Morphinist.« Sie sprach das Wort aus, wie wenn es etwas abscheulich Schmutziges und Gemeines wäre. »Und was ärger ist, du bist ein verworfener Mensch.«

»Ja, Mama«, sagt er, »ein verworfener Mensch. Leider!«

Sie sieht ihn traurig an, mit dem Blicke eines Hundes, der sich vor Schlägen fürchtet.

Er sieht es nicht; er bemerkt nicht, welch ein Gegensatz zwischen ihren bösen Reden und der mütterlichen Gebärde besteht, mit der sie seine Röhren und Apparate in Ordnung gebracht hat. Er versteht das nicht. Sonst würde er zu ihr gehen. Ein liebes, ein einziges liebes Wort von ihm, und alles wäre gut! Aber ihm fällt dieses Wort nicht ein.

Sie aber liebt ihn, sie hängt an ihm; auch sie gehört zu denen, die an ihn gekettet sind, wie die Sträflinge einer Galeere aneinander. Sie weiß, daß ihr niemand in der Welt etwas ist, außer ihrem Sohn, und daß sie an ihm zugrunde gehen muß, wenn er nicht nachgibt. Sie schüttet ihm ihr Herz aus – und wie alle Menschen, die einen andern lieben und an ihm leiden, begeht sie den schrecklichen Fehler, ihren Sohn bei sich selbst anzuklagen, ihn zum Zeugen und Helfer anzurufen, gegen sich selbst.

»Du bist ein verworfener Mensch«, sagt sie, »einer, der die Hand gegen seine Mutter aufgehoben hat.«

Die Erinnerung an die Szene, an den Weinkrampf, an die Beschämung in Gegenwart des Doktor Sänger empört ihn. Ein Wort von infernalischem Hohn fällt ihm ein. »Ich hab' dir doch nichts getan, Mama!« sagt er leise.

Sie stutzt, dann versteht sie die Beleidigung, die darin liegt.

Sie will ihn nicht schlagen; sie hat ihn nicht geschlagen, als er noch ein kleiner Junge war. Aber sie will ihn in dem treffen, das ihm am meisten am Herzen liegt. Sie steht auf, geht zu dem Regal, auf dem die Röntgenröhren hängen, große, glänzende Kugeln mit Platinelektroden, mit komplizierten, genau ausbalancierten Vorrichtungen, Wasserkühlern und feinen Drähten, die bei jeder Berührung zittern. Sie nimmt die älteste, die innen lichtgrau ist, ganz behutsam in beide Hände, wie ein Wickelkind; sie legt sie nieder auf den dicken Teppich.

Erik steht an der Tür; mit großen, starren, von Angst geweiteten Augen.

Die Mutter stampft mit dem Fuß auf die Kugelröhre, aber sie ist zu schwach, zu aufgeregt, der Fuß gleitet ab.

Erik ist zumute, als würde ein Freund von ihm niedergeschossen und die erste Kugel wäre vorbeigegangen. Alles in ihm ist in Aufruhr, möchte helfen – retten – schützen. Aber er bleibt starr.

Ein lautes Krachen. Er hat weggesehen.

Jetzt sieht er hin; die Röhre ist zersplittert. Ein Glasstück hat Frau Lea Gyldendal am Kinn getroffen; sie blutet.

Sie nimmt die zweite Röhre ebenso behutsam in beide Hände, wie ein Wickelkind; sie ist blaß und sieht Erik nicht an.

Sie glaubt an Gott. In ihrer Seele beschwört sie Gott, daß all das Schreckliche Erik zu ihr führen möge. Aber sie fühlt, daß sie verliert, unrettbar verliert.

Die zweite Röhre packt sie in ein schwarzes Tuch. Es ist, wie wenn man junge Hunde in einen Sack stopft, bevor man sie ins Wasser wirft.

Sie zerstampft den Sack. Die Hunde kreischen nicht.

Sie stopft die dritte Röhre in den Sack, die vierte, die fünfte. Stille. Stille.

Erik nimmt seinen Hut.

»Danke, Mama«, sagt er, »danke.«

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