Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/weiss/galeere/galeere.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110116
projectid987ec81b
Schließen

Navigation:

18

Hieflau: ein trüber, schwüler Nachmittag, Dina Ossonskaja ist mit dem Halbeinuhrzug der Westbahn von Wien nach Hieflau gefahren. Im Kupee steht sie immer wieder auf, ringt die Hände, und dabei lächelt sie. Die Mitreisenden halten sie für verrückt. Ein kleines, hübsches, blondes Wiener Mädel macht sie aufmerksam, daß ihr die Schuhbänder aufgegangen sind. Dina lächelt ihr freundlich zu, vergißt aber natürlich darauf, sie zu knüpfen. Als sie in Hieflau aus dem Kupee steigt, stolpert sie über besagte Schuhbänder. Die Passagiere lachen, auch das kleine blonde Mädchen. Der Portier des einzigen Hotels steht am Perron und rühmt es mit Stentorstimme. Eine alte Frau drängt Dina einen großen Buschen Edelweiß und Alpenrosen auf. Dina nimmt an, zahlt aber nicht. Die Frau schimpft, läuft ihr nach; Dina gibt ihr fünf Kronen; die Frau küßt ihr die Hand und sagt: »Gnädigste Baronin!« Die Leute im Kupee lachen. Der Zug fährt langsam fort; er pfeift, es kommt gleich ein Tunnel. Stille.

Dina geht über die staubige Landstraße. Der Strauß ist sehr groß und schwer, das Rot der Alpenrosen ist plump, das Weiß des Edelweiß vergilbt – und das alles duftet nicht. – Sie wirft ihn fort. Nach hundert Schritten überlegt sie sich die Sache, kehrt um, sucht ihn, stolpert abermals über ihre Schuhbänder. Der Portier des Hotels kommt vorbei und grinst sie an. Dina findet die Alpenrosen wieder. Das Hotel. Die grünen Rouleaus wie schräge, kleine Dächer vor den bewohnten Zimmern. Erik lehnt am Fenster, sieht Dina und erschrickt. Helene schläft; das Buch ist ihr aus der Hand gefallen. Helene ist jetzt am Tage so müde. Die Nächte sind so süß, so wild, so kurz. Erik weiß, daß Dina jetzt kommen wird, er weiß, daß er Helene aufwecken sollte, daß sie Hand in Hand allen gegenüber dastehen sollten, daß sie sich und ihr Glück gegen jeden Fremden verteidigen sollten.

Erik denkt an Edith; denn sie hat er erwartet. Jeden Morgen erwartet er einen Brief von ihr an Helene, jeden Nachmittag erwartet er sie selbst; er denkt, sie würde mit dem Halbeinuhrzug von Wien zu ihrer Schwester fahren. Edith aber schweigt; sie kommt nicht.

Dina und Erik gehen über die staubige Landstraße; Peter ist gewohnt, jeden Nachmittag die Hühner zu hetzen, das ist lustig; aber es macht Lärm. Erik hat ihn vor einer Weile angeschrien. Helene soll nicht aus dem Schlaf geweckt werden; Erik will in Ruhe an Edith denken. Peter soll die Hühner später hetzen.

»Die gnädige Frau schläft«, sagt Peter zu Dina. Dina gibt ihm ein Fünfkronenstück. Er grinst über sein sommersprossiges Gesicht und läuft die Treppe voran zu Gyldendals Zimmer. »Wie sonderbar ist der Junge angezogen«, denkt sie. »Lederhosen und grüne, gestrickte Strümpfe! Ob das alle Leute hier tragen?« Sie ist namenlos aufgeregt, sie denkt nicht; es denkt in ihr; Dummheiten, Lächerlichkeiten. Plötzlich ist sie in Gyldendals Zimmer. –

»Wunderbar kühl ist es«, denkt sie.

Da steht Gyldendal vor ihr. Er führt sie hinaus; ganz leise, auf den Zehenspitzen. Helene seufzt im Schlaf. Noch halb im Traum greift sie nach dem Buch auf der Erde, läßt es wieder fallen und schläft wieder ein.

Dina und Erik gehen über die staubige Landstraße; gleichviel wohin; sie erkennt den Weg nicht. Es ist derselbe Weg, den sie vor fünf Minuten gegangen ist, der Weg zum Bahnhof.

Mit einer schüchternen Bewegung nimmt sie Eriks Arm. Er schüttelt sie nicht ab. Sie staunt; sie sieht ihn an und sieht ihn lächeln. Lächeln? Warum? Sie gibt ihm den Buschen Alpenrosen; sie weiß, daß er sich nicht darüber freut; nie hat er sich über etwas gefreut, das von ihr kam. Aber er nimmt an und flüstert: »Danke.«

Die Leute mähen die Wiesen. Es duftet wundervoll. Eine schwere Wolke kommt über die Steinerne Wand. Oben in dem grauen Felsen ist ein kleines Loch, wie mit einer Kugel durchgeschossen. »Man könnte hindurchsehen«, denkt es in ihr – »weit – weit hin.«

Sie ist glücklich, ruhig. Erik ist bei ihr.

Sie will sprechen, das Ungeheure der letzten Tage erzählen und kann nicht.

Sie treten in das Restaurant des Bahnhofes. Der Kellner liest die »Grazer Post«, an das Billard gelehnt.

»Was willst du, Dina?« – Eine Pause. Es jubelt in ihr, er spricht. Er sagt zu ihr »du«. Sie sind nebeneinander! Abenteuerliche Hoffnungen wachen auf; so wie kleine Kinder im Erwachen mit den Gliederchen strampeln.

»Was willst du, Dina, Kaffee oder Tee?«

»Ich? Nichts, Erik, ich wollte dich sehen. Das ist alles.«

Er senkt den Kopf und sieht sie an. Sie ist verändert, seit den paar Tagen; sie hat im Prater anders ausgesehen. Es ist etwas Wildes, Ungezügeltes in ihr. Er hat ein wenig Angst.

»Zwei Schalen Kaffee«, sagt er dem Kellner.

»Söhr wohl, meine Herrschaften, zwei Melange«, sagt der Kellner, der auf reine Aussprache hält.

»Wie kommst du nur her?« fragt Erik beiläufig. »Hast du meine Adresse erfahren?«

Sie lacht. Er fürchtet, sie würde eine Szene machen, Helene ohrfeigen oder ihn selbst mit einer Pistole erschießen. Aber er weiß nicht, warum er Dina jetzt solche Dinge zumutet.

»Also«, fängt er an, zum drittenmal, »was hast du die Woche über getan? Warst du in der Universität?«

»Ich bin zugrunde gegangen.«

»Dina!«

»Das wundert dich, Erik? Erinnerst du dich noch des Nachmittags im Prater? Was hätte ich tun sollen? Es ist schnell gegangen, sechs Tage – sechs Nächte!«

»Nicht so laut, der Kellner beobachtet uns.«

Sie, schreiend: »Der Kellner? Sie, Kellner! Da haben Sie!«

Wirft ihm ein Fünfkronenstück zu. »Warten Sie draußen auf mich, da!« Sie weist auf den Ausgang des Restaurants gegen die Landstraße. Der Kellner grinst.

»Söhr wohl, meine Herrschaften!« Denkt: Hochzeitsreisende! Amerikaner! – Verschwindet.

»Was fällt dir ein, Dina?«

»Ich bitte dich – eine Bagatelle! Drei Fünfkronenstücke! Da erlaubst du dir andre Extravaganzen. Drei Menschen, was liegt dir an denen, ob die krepieren!«

Er, empört über das Wort »krepieren«, fragt: »Drei? Ich weiß nur von einer.«

»Nun, die zweite habe ich auch gesehen; eine ganz kleine Weile ist es her.«

»Wie kannst du so etwas sagen?« Dabei wird er bleich; er denkt an Edith. Wieso weiß Dina davon? Davon? Sie sagt: »Die wirst du sicher zugrunde richten, das sage ich dir. Ich bin die einzige Frau, die dich liebt ... und die ...« »Wie hängt das zusammen ...?« Er denkt, sie ist abnorm; »hysterisch«. Aber sie weiß etwas – und ich wußte es doch selbst nicht!

»Das habe ich dir schon vor einer Woche gesagt, Erik. Ich verzeihe dir. Ich verzeihe dir, daß du die Helene Blütner ruiniert hast. Komm mit mir, ich telegraphiere nach London an Papa.«

»Ich will nicht, ich kann nicht, ich darf nicht. Erinnerst du dich dessen, Dinka? Ich darf nicht, ich will nicht, ich kann nicht.«

Sie, namenlos aufgeregt durch den Hohn des liebkosenden Namens Dinka und durch die Erinnerung an die fürchterliche Szene im Sillertal, steht auf, das Gesicht bleich, mit den Augen der Meduse. Er denkt: Jetzt schießt sie mich nieder, dazu ist sie hergekommen. Ich sterbe gern; ja, ich sterbe gern. Bin ich nicht glücklich? Warum? Macht mich Helene nicht glücklich? Liebe ich sie nicht? Liebe ich sie nicht? Nein.

Sie flüstert, weich: »Hab' keine Angst vor mir, Erik.«

Er denkt daran, daß ihm Helene gleichgültig ist: »Nein.«

»Ich bin vorigen Mittwoch von dir weggegangen. Ich hätte mich ins Wasser stürzen sollen. Ich habe es nicht getan, weil eine Nacht vorher – die Nacht von Dienstag auf Mittwoch ... Ich hatte dich vergessen – nach der Szene am 26. November hatte ich dich vergessen. Die Tatsachen wußte ich noch, aber die Empfindungen, die Gefühle waren fort; ich war frei davon. Das war schön. Ich habe mit Janina über alles gesprochen, wir sind in die Theater gegangen, wir haben Gesellschaften besucht. Dann ist sie abgereist. Anfang Mai. – Ich war allein; nein, ich war nicht allein, ich war wieder mit dir zusammen, ich träumte von dir, mein Liebling, und Tage und Tage dachte ich an dich. Er denkt wohl auch noch an mich, sagte ich mir, wenn du ihn ansprichst oder ihm schreibst, wird alles wieder gut. Ich begriff sogar, daß ich damals unrecht hatte. Ich will es dir sagen: Die Frau in mir hast du geliebt, und die Frau wachte erst auf – wie lange kann es her sein? So kurz und so unendlich lang!

Aber ich hatte nie den Mut, dir zu schreiben. Früher, am 26. November, hatte ich noch gedacht: gehöre ich einmal dir, dann gehöre ich allen Männern, die mich wollen. Im Mai wußte ich: dir werde ich stets gehören.

Was du mir antun kannst – ich werde dich immer lieben, immer dich, immer dich allein.«

Ihr Gesicht ist so eigenartig, denkt Erik.

»Wir sind einer an den andern geheftet, wie an eine Galeere sind wir aneinandergeschmiedet. Du an dich, Erik, an dich allein, an dich ganz allein. Ich hab' es dir gleich das erstemal gesagt: du bist wie deine Röntgenröhre. Leer, ganz leer, bloß der Strom geht durch dich hindurch. So wirkst du auf andere Menschen, kannst sie glücklich machen oder zerstören. Aber an dich selbst reicht nichts heran. Du kennst Mitleid nicht und Mitfreude nicht. Was soll man an dir lieben? Was ist gut an dir? Was ist schön an dir? Und doch kann ich nicht los, ich liebe dich. Aber fürchterlich wird es sein, Erik, wenn einmal der Strom nicht mehr durch kann; dann mußt du daran glauben. Du! Ich bin dir gut, mit meiner ganzen Seele, mit meinem ganzen Herzen. An diesen Ketten kann man reißen, verstehst du? Es tut weh, aber sie bleiben bestehen. Das alles ... Nein, nur von der Nacht von Dienstag auf Mittwoch will ich dir erzählen. Warum schäme ich mich nicht vor dir? Warum hab' ich mich nie vor dir geschämt? In der Pension hatte ich, seit Janina fort ist, ein kleines Zimmer. Wozu brauche ich ein großes, teures, schönes Zimmer? Sag'!«

»Und hier wirfst du das Geld unnötig fort«, sagte er.

»Gut, erzieh' mich nur«, sagte sie mit einem starren Lächeln, wie eine Maske. »Das neue Zimmer war eng und klein, und die Tage wurden so schwül. Neben mir wohnte jemand, der immer spätabends nach Hause kam. Da zieht er den Gaslüster herab und macht Lärm. Von dir träumte ich jede Nacht. Und einmal, da weckte er mich, ich wußte ja, wie er aussieht, er ist noch größer als du und wunderschön; er hat so herrliche, schwarze Haare und tiefe Augen. Nein, das ist es nicht; er hat etwas vom Hafen in Odessa an sich; das verstehst du nicht. Du hast nie einen solchen Hafen gesehen. Ich wußte, daß er schön war und daß er mir immer nachsah, wenn ich vor ihm die Treppe hinaufging.«

Sie saß vor Erik und streckte ihren rechten Fuß vor, der kleine Lackschuhe anhatte, mit weiß-schwarzen Bändern, die schlecht gebunden waren. Darüber war ein ganz dünner Seidenstrumpf, der fast glänzte; so dünn war er. Aber Erik wandte sich ab.

»Und da fiel mir mitten in der Nacht ein, an die Wand zu klopfen; es ist verrückt, aber was liegt daran? Die Leute neben uns klopften oft, wenn Janina und ich über alles und nichts sprachen und um halb drei Uhr morgens nochmals Tee kochen wollten. Und er klopfte wieder; ich einmal, er einmal, ich fünfmal, er fünfmal. Und keiner wollte nachgeben und ruhig werden. Lach' doch, Erik, das ist ja komisch, nicht wahr?« Eine Pause.

»Und dann will ich dir noch etwas verraten. Die Frau in mir war erwacht; die ganze Zeit her – war sie erwacht und sehnte sich nach dir, Erik! Und da stand ich ganz leise auf und schloß das Türschloß auf; und ich biß mit meinen Zähnen in die Türklinke; ich dachte an nichts; das Herz in mir schrie; es schrie nach dir, so wie dein Herz damals nach mir geschrien hatte. Das verstand ich, und ich fühlte, daß wir Menschen der gleichen Leidenschaft waren, an der gleichen Kette angekettet. Und ich wollte nichts von dem Griechen; nichts mehr. Ich lachte, bis ich einschlief. Aber die Tür blieb versperrt, ganz fest. Dann – jetzt erzähl' du weiter!« sagte sie. Sie blickte hinaus auf die zwei leuchtenden Stränge, die ins Unendliche zogen, die Eisenbahnschienen der Station Hieflau, die bis ins Unendliche des bewohnten Kontinents reichten.

»Du weißt es nicht mehr. Der nächste Tag: Prater, Hauptallee. Fräulein Dina Ossonskaja sagt zu Doktor Erik Gyldendal: Ich tu' alles, höre, ich tu' alles, was du willst, komm zu mir ... Aber Erik hat schlecht geschlafen« – sie streicht mütterlich über sein schon gelichtetes Haar und über seine Wangen –, »Erik ist böse und will Ruhe ... Ich war um halb neun zu Hause. Warum wird es so spät dunkel? Warum? Ich wartete, bis er käme; ich glaubte, er würde kommen. Da schlief ich ein.

Ich träumte von dir, jedesmal eine andere Szene; du strittest mit deiner Mutter, und sie schenkte dir zur Belohnung die goldene Geldbörse; es ist absurd ... Da pocht es an der Wand; ich springe auf und klopfe wieder; ich warte, ich halte den Atem an; nichts. Stille. Ich schlafe ein; du, immer du. Immer mein Erik; wir sind in deinem Hörsaal; die Uhr schlägt; aber es ist die Uhr an der Kirche ›Maria am Gestade‹; denkst du es noch?« Sie faßt seine Hand; er überläßt sie ihr.

»Es klopft an der Wand. Ich ziehe mein Nachthemd aus, nackt gehe ich zur Tür, meine Brust an der Türklinke; wie kühl sie war! Still, still; niemand. Ich denk' nach, wer hat an die Wand geklopft, mitten im Traum? Die Frau in mir war es; dieselbe Frau, die du erweckt hast, mit deinen harten Lippen und starken Händen, die du geliebt hast und die du verraten hast. –

Der Grieche kam nicht, ich weiß sicher, daß er nicht geklopft hat. Ganz bestimmt weiß ich es. Einmal hat es mich noch geweckt, dann bin ich in sein Zimmer gegangen; es war leer, das Bett unberührt; er war noch gar nicht nach Hause gekommen.«

»Und?« fragte Erik.

»Das Bett war so kühl. Das große Zimmer – überall waren halbverbrannte Zigaretten. Die Luft war ganz anders als in meinem Zimmer. Und dunkel war es, wie daheim, wie in meinem Kinderzimmer – wenn Mama nachts die Kerzenleuchter fortgetragen hatte. –

Ja.« Sie stand auf, ließ die Arme herabfallen und sah ihm frei ins Gesicht; ebenso frei, couragiert und generös, wie damals vor der grauen Kirche ›Maria am Gestade‹, als sie ihm ihre Liebe erklärt hatte.

»Ja, in diesem Bett bin ich seine Geliebte geworden.« Er war blaß. Er wußte, daß Dina unschuldig war, nicht allein körperlich rein, sondern auch geistig, herb und unbewußt.

Sie nahm seine Hand, und mit einer freien königlich-zärtlichen Gebärde legte sie seinen Kopf an ihre Brust. »Komm du mit mir! Dein bin ich gewesen, glaubst du es mir? Du kannst ja tun, was du willst, Gutes und Schlechtes; das Schlechte rächt sich nicht im Leben; denn sonst wäre es kein Leben, sondern ein Puppenspiel – aber wenn zwei aneinandergekettet sind und keins von den zweien geht allein unter, du an deiner Arbeit oder ich an dem dummen Zufall (sie lächelte), an der Langsamkeit – daß ich dich erreichte mit einer Zugverspätung von einem halben Jahr –, das ist gleich, wenn zwei Leute so zueinander stehen, müssen sie sich treu bleiben und einer dem andern helfen. Erik, kannst du es? Komm mit mir!«

Er schüttelte den Kopf.

»Du wirst sie betrügen«, sagte sie leise.

Es war nicht mehr die wilde, hysterische Dina, die sich mit den Fäusten verteidigte, es war ein bittender, gebrochener Mensch, der Mitleid erregte.

»Du hast sie schon betrogen«, sagte sie. »Ich weiß das; du weißt es ja auch, sonst würdest du ja nicht allein mit mir gekommen sein. Geh, bitte, hol' mir die Fahrkarte! Ich will nach Wien zurück. Janoupulos erwartet mich. Er weiß nichts von dir; er hält sich für meine erste Liebe, weil, weil ... Hat er recht? ... Nein, – geh, besorge die Karte, eine nach Wien, oder zwei nach Paris. Um halb sieben kreuzen sich die beiden Züge hier, der Wiener und der Pariser. Geh, geh – und laß den Kellner wieder herein; es könnte doch auch ein Gast hierherkommen ...«

Ich kann vielleicht später noch nach Paris fahren, dachte er, aber nein – ich kann es um Helenes willen nicht tun.

Ich liebe Edith, jubelte es in ihm. Das Glück, das ich von ihr will, soll mich für das Unglück entschädigen, das ich Dina angetan habe.

Er gab Dina ihre Karte. Ohne sie anzusehen, steckte sie die Karte in den Ausschnitt des Handschuhs.

Sie ging anscheinend ruhig auf dem Perron hin und her. Kleine elektrische Glöckchen klingelten.

Auch ich muß nach Wien zurück, dachte er.

Ein Signal schlug, wie eine Glocke, drei Schläge, dann wieder drei, und nochmals drei.

Er dachte an die unglückliche Frau neben ihm, die ebenso dreimal an die Wand gepocht hatte ... Alles sah er vor sich mit erschreckender Deutlichkeit ...

Die zwei Züge brausten heran; fast zu gleicher Zeit.

Dina stieg in ihren Wagen. Er wollte ihr die Hand küssen; sie entzog sie ihm. Ihr Auge war ruhig, starr und groß. Der Schaffner pfiff. Langsam setzte sich der Zug nach Wien in Bewegung.

Da riß Dina die Abteiltür auf, wollte heraus, schleifte eine Sekunde lang auf dem Boden, der Zug ging immer schneller, ein paar Leute schrien auf, Hände aus Dinas Kupee zogen sie mit viel Mühe herauf. – Es war komisch, tragisch und seltsam ergreifend.

Am nächsten Morgen reisten Erik und Helene nach Wien zurück.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.