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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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16

»Ferenand getru und Ferenand ungetru.«

Helene las vor (Grimms Märchen Nr. 216): »Et was mal en Mann un 'ne Fru west, de hadden, so lange se rick wören, kene Kinner; us se awerst arm woren, da kregen se en kleinen Jungen.«

»Nein«, sagte Erik, »das fängt so langweilig an. Lies lieber das nächste Märchen!«

»Warte nur«, meinte Helene, »es wird wunderschön. Es kommt ein Schimmel und eine Heide darin vor, und das hübscheste ist, wie Ferenand getru zu den Riesen sagt: ›Still, still, meine lieben Riesechen.‹ Denk' nur, Erik, Riesechen!«

»Wenn es mir aber doch nicht gefällt!« sagte Erik.

»Was hast du denn?« fragte sie. »Wenn du willst, fahre ich hinüber nach dem Ufer, dort muß es kühl sein.«

»Ja«, sagte er. Sie wandte das Boot um; sie ruderte, Erik steuerte und las inzwischen selbst das Märchen von »Ferenand getru und Ferenand ungetru«.

»Du, Erik, gib doch acht«, rief sie, »wenn du schlecht steuerst, kommen wir bis Mittag nicht hinüber!« Aber er hörte nicht.

Ganz in der Nähe von Eisenerz liegt ein kleiner See, hoch oben in den Bergen. Erik und Helene waren frühmorgens durch das Tal der Leopoldsteiner Ache hinaufgegangen. Helenes Gesicht leuchtete schon den ganzen Morgen zärtlich und schelmisch, sie hatte eine Überraschung vor. Erik wurde bald müde, aber sie gönnte ihm keine Rast auf dem langsam ansteigenden Weg, der durch Wiesen, steinige Halden in morgenstille Wälder ging. Plötzlich strahlte und schimmerte es smaragdgrün durch die Bäume, wie ein dünnes, junges Buchenblatt schimmert, wenn die Sonne durchscheint. Da lag das Wasser mit einem Male vor ihnen, eingeschlossen von steilen, silbergrauen Felsen, von denen die Feuchtigkeit herunterrann; bloß ein kleines Stück des Ufers war flach, und dort war hohes Schilf.

»Auch Seerosen müssen dort sein.« Sie wies mit dem Finger hin.

Gerade ihnen gegenüber stürzte von der steilen Wand des Leopoldsteiners ein winziger Strahl, ein kleiner Bach in das Wasser. Man sah den Strudel, den er erregte, und von dort aus zogen weite Kreise, weiche, ganz zarte Wellen fort über den dunklen See. Ein zackiges Stück Himmel stand tiefblau und unendlich hoch über dem Kessel. Und still war es da, so unsagbar still, daß man das Plätschern der kleinen Ache hörte, die am jenseitigen Ufer sich herabstürzte.

Erst schien dieser See ganz unbewohnt; dann aber, in einer Bucht, die Veranda auf Pfählen vorgebaut, war ein kleines Wirtshaus »Zum Leopoldsteiner See«, und ganz drüben, ganz hart neben der Ache, fast in den Felsen hineingewühlt, war eine Villa.

»Ein Erzherzog hat einmal hier gewohnt«, meinte Helene, die den See seit vielen Jahren kannte. Ihre Eltern, damals noch reich, hatten die Villa kaufen wollen, um immer dort zu leben. Helenes Vater und Mutter liebten einander selbst in ihrem reiferen und müderen Alter immer noch kindlich und romantisch und wollten diese Liebe vor den Augen der heranwachsenden Kinder verbergen. – Aber es wurde nichts daraus. Helene wußte nicht mehr, warum; entweder war die Villa unverkäuflich, oder die Vermögensverhältnisse der Familie Blütner erlaubten die Ausführung dieser romantischen Idee nicht mehr. –

Sie sah einen Kohlweißling über das Wasser hinfliegen, unbesorgt, flatternd, und manchmal schien es, als ließe er sich auf der Wasserfläche nieder und ruhe seine Flügel gemächlich aus. Erik bekam Lust zu rudern oder sich rudern zu lassen. Ein Boot wurde gemietet und als Helene, mitten auf dem Wasser, müde wurde, ließen sie die Ruder ins Wasser hängen und Helene begann das Märchen von »Ferenand getru und Ferenand ungetru«.

Jetzt ruderten sie wieder langsam dem Ufer zu, gegen die Villa, die man nun schon deutlich sah. Ein Erker, achteckig, mit großen Spiegelscheiben hinausleuchtend in den See, war zu erkennen, und aus einem der Fenster wehte ein weißer Vorhang.

Das Fallen und Rauschen der Ache war wie Musik, wie Töne einer Geige.

»Eine Geige?« fragte Erik und sah mit großen Augen zu Helene auf. Es war nicht eine Geige allein, sondern auch ein Klavier. Helene war so erstaunt, daß sie die Ruder dahingleiten ließ. Beinahe wären sie unter die Ache gekommen, die mit einem leichten, graziösen Bogen sich in den See hinabließ, wie ein Schwimmer von einem Sprungbrett.

»Gib doch acht, Helene!« sagte Erik ungeduldig. Er war seit dem Besuche seiner Kusine verstimmt. Plötzlich wußte er, warum. Sie hatte Ediths Namen genannt; den hatte er selbst ganz vergessen, und jetzt zog der Klang dieses Namens und die Erinnerung an ihre Schönheit wie mit unsichtbaren Gewichten an ihm und machte ihn traurig.

Ganz sanft nahm Helene die Ruder wieder in die Hand, und das Boot glitt bis an die Freitreppe. Leicht schlugen die Wellen an die marmornen Stufen; es war Marmor. Irgendeiner seiner Geliebten hatte der Erzherzog dieses Schloß bauen lassen und hatte nach ein paar Wochen beide, Villa und Geliebte, verlassen, ohne eine deutliche Erinnerung als die an jene unbeschreibliche, beängstigende Stille und an die schwüle Leidenschaft, die daraus hervorwuchs.

Und es war wirklich so still, daß man in den Pausen des Violinspiels das Anschlagen der Wellen und das Kichern der Ache hörte, die sich mutwillig in das Spiel hineinmischten.

»Kennst du das Stück?« flüsterte er.

»Es ist die Andante im F-Dur aus der fünften Mozart-Sonate. Edith hat es oft gespielt«, sagte sie laut. Sie hätte gern das Wort wieder zurückgewendet; sie fühlte, wie sich Fremdes zwischen sie und Erik drängte.

Die Melodie war unbeschreiblich schön: bittend, im tiefsten Grunde ergriffen, und doch von einer überirdischen Heiterkeit. Im Anfang hatte das Klavier das Motiv; die Geige hatte in den ersten Takten nichts andres zu spielen als bloß zwei Töne, einen Seufzer, crescendo wie hinter einem dunklen Vorhang hervortretend und dann demütig in das Schweigen zurückkehrend im Diminuendo.

Es lag soviel Gewalt und Stimmung darin. Und welche Melodie hätte nicht Gewalt und Stimmung gehabt in diesem Felsenkessel, der oben ein zackiges Stück tiefes Himmelsblau trug und sich wie ein tiefer Brunnen auf einer stillen, unbewegten Wasserfläche aufbaute!

Ein Instinkt wehrte sich in Helene gegen diese Stimmung. Sie wollte sie zerstören und zerstörte sie.

»Die Geige ist miserabel«, sagte sie laut. »Das Klavier hat auch bessere Tage gesehen. Das sind Klaviere von Saphier in der Praterstraße, auf zwei Monate hergeliehen. Übrigens ist die Sache schrecklich sentimental, wir zwei sind es auch. Wir lassen uns in der Hitze braten; warum? Um einen Stümper anzuhören, der die F-Dur-Sonate von Mozart verschandelt. – Ich will wieder zurück, ist es dir recht?«

»Wie du willst«, sagte er. Er haßte sie in dem Augenblick. Aber sie war im Recht. Der Violinspieler spielte sehr unrein und tremolierte, überdies waren die beiden oben nicht im Takt.

Als sie wegruderten, hörte das Spiel plötzlich auf. Und eine Bubenstimme rief grell weinerlich und zornig: »Aber Mitzi, du läufst mir ja weg; du läufst mir ja weg, du! Zwei volle Takte bist du mir voraus!« Die Stimme der Mitzi antwortete phlegmatisch: »Du mußt dich halt a bisserl beeilen, Rudi; ich kann doch nicht auf alles aufpassen.« Sie begannen wieder. Jetzt schämte sich Erik; er mußte Helene recht geben, und doch haßte er sie. Derselbe Haß, wie er ihn Dina gegenüber gefühlt hatte, als sie ihm das Wort »Verachtung« zurückgegeben hatte.

Jetzt tat ihm schon die Sekunde Haß leid und jetzt erst bemerkte er, daß Helene sich für ihn geplagt hatte und sich für ihn müde ruderte. Er stand auf und ließ sie das Steuer nehmen. Sie wechselten die Plätze, und als sie in dem schwankenden Boot aneinander vorbeikamen, küßte er sie, küßte sie ganz leicht auf die Wange. Da war wieder Friede, sie lachten beide und scherzten über Rudi und Mitzi.

Sie fühlten sich frei, glücklich, Sommermenschen, Ferienmenschen, die Taschen voll von Anweisungen auf das Glück.

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