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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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15

Sie erhielten Besuch. An einem Vormittag kam Peter, ein kleiner Bauernjunge, zu ihnen in den Wald gelaufen. Erik hatte eben auf eine Weile sein Diktat unterbrochen und ließ sich von Helene Märchen von Grimm vorlesen. Da erschien der Bub und sagte keuchend vor Stolz, Anstrengung und Eifer, es sei ein großmächtiges Automobil gekommen und die Herrschaften hätten nach dem Herrn Doktor gefragt.

In aller Ruhe stand Erik auf und sagte zu Helene: »Komm mit.« Sie war ein wenig verwirrt. Aber man sah es ihr nicht allzusehr an.

Es war die hübsche Kusine mit ihren zwei jüngeren Geschwistern, die mit dem Automobil in die Sommerwohnung nach Alt-Aussee vorausfahren wollten und die angeblich ohne weitere Absicht in Hieflau Station gemacht und hier ganz zufällig erfahren hatten, daß ein Doktor Gyldendal in dem Dorf wohne.

Sie wußte natürlich, daß Erik mit Helene nach Hieflau gereist war, und ihre Mutter hatte ihr aufgetragen, die Verhältnisse auszukundschaften. Sie spielte ihre Rolle sehr gut, drückte Helene kameradschaftlich die Hand und machte Erik Vorwürfe, daß er, ohne Abschied zu nehmen, abgereist war.

Die zwei jüngeren Geschwister wollten das Hüttenwerk sehen und störten unaufhörlich.

»Wir sind sehr schnell gefahren, Mercedes Schiebermotor, einhundertzwanzig Kilometer in der Stunde«, sagte die ältere Kusine Lilli (sie nannte sich Lola).

»Schneid' nicht so auf«, sagte der achtjährige Bruder, der James Fränkel hieß, sich aber Jockl genannt und mit unglaublichem Trotz durchgesetzt hatte, daß ihn alles Jockl nenne. Seiner kleinen Schwester, vor der der Bub viel mehr Respekt hatte als vor der älteren, hatte er den Namen Jocki geschenkt, der aber der Kleinen, die Ada hieß, durchaus nicht gefiel.

»Sei nicht frech, Jockl!« sagte Lilli.

»Du bist frech«, gab der Bub zurück. »Erstens kannst du gar nicht Automobil fahren, und zweitens ...«

»Hören Sie ihm nicht zu, Fräulein Helene«, sagte Lilli. »Die Jungen sind heutzutage so frühreif!«

Sie sagte das in schleppendem Weltdamenton, mit etwas ungarischem Akzent, der aber gar nicht zu ihr paßte. Der alte Fränkel war ein reich gewordener Würstchenfabrikant, seine Frau eine gute Hausfrau, beide waren sehr kluge und sogar bescheidene Leute. Ihre Kinder aber hatten, jedes für sich, eine Individualität, oder vielmehr, sie suchten sie mit aller Kraft, angefangen von Lilli, die eine ungarische Komtesse spielen wollte, bis zu James, der sich Jockl nannte.

»Ich interessiere mich sehr für Medizin!« sagte Lilli. »Sie besuchen bereits die Hochschule, nicht wahr?«

»Nein, Fräulein«, antwortete Helene kühl.

»Es ist auch kein Schiebermotor«, unterbrach Jockl. »Aber mir wird der Chauffeur das Fahren beibringen.«

»Was macht Ihr Fräulein Schwester?« fragte Lilli weiter im Komteß-Lola-Ton.

»Ich weiß wirklich nicht«, meinte Helene aufrichtig. »Wir schreiben uns nicht.«

»Ich finde es so interessant, wenn zwei Schwestern sich selbst ihr Brot verdienen«, sagte Lilli herablassend. »Die eine durch die Kunst, die andere durch die Wissenschaft! Findest du nicht auch, Erik?«

»Ich habe noch nicht darüber nachgedacht«, sagte Erik. Ihn amüsierten die mißglückten Versuche seiner Kusine, ihre Spionagerolle zu spielen. Und wie sehr hatte sich Lilli darauf gefreut! Sie war fest entschlossen gewesen, die weinende, von Gewissensbissen geplagte Sünderin Helene moralisch aufzurichten, ihr aber (in höherem Auftrage) zu Gemüte zu führen, daß Resignation das beste sei. Und ferner Erik, ebenfalls von Gewissensbissen gefoltert und von Geld entblößt, auf das Automobil zu laden, nach Alt-Aussee zu bringen und dort die Versöhnung der Eltern Gyldendal mit ihrem genialen, aber widerspenstigen, kranken Sohn zu vermitteln.

Sie war höchst erstaunt, beide ruhig, ohne irgendwelche Gewissensqualen und Erik überdies gut aussehend zu finden.

Helene machte die Honneurs, aber sie war froh, als Lola, Jockl und Jocki nach einer Stunde wieder verschwanden. Es war eine häßliche, verlorene Stunde, aber das eine wurde beiden bewußt: Vor der Welt wollten sie sich nicht verbergen. Jede Heimlichkeit wäre Reue gewesen: sie aber liebten sich und bereuten nicht; sie waren stolz, einer auf den andern.

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