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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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14

Markt Hieflau ist ein ganz kleines Nest; eigentlich nur ein ungeheures Hüttenwerk, das Tag und Nacht arbeitet und aus seinen Schloten Rauch und Funken auswirft und dessen Hammerschläge weithin dröhnen – und dann lehnen ein paar kleine Häuschen unter den bewaldeten Felsen. Die Station liegt hart an einem steilen Hang. Die Züge nach Selzthal haben hier ein paar Minuten Aufenthalt, wie um sich auszuruhen, bevor sie sich ins Gesäuse hineinwagen, hoch oben aufschwindelnder Spur über dem grünen Flusse Enns.

Erik erschrak, als er immer wieder hörte, wie Züge dröhnend vorbeifuhren. Und dann kam in unaufhörlichen Wellen das dumpfe Stampfen und Rollen des Eisenwerkes zu ihm hinüber. Es verstummte auch nachts nicht.

Weiß und dann wieder grell gelb, in Funken leuchtend, stieg der Rauch auf, und dann leckte eine flackernde Lohe aus dem ungeheuren Kamin empor.

»Feuerzauber und kein Ende«, sagte er lächelnd zu Helene. Sie drückte ihm verstohlen die Hand. Beide hatten Angst und doch eine unbeschreibliche Vorfreude ... Einer hielt des andern Glück in seiner Hand, und sie reichten sich die Hände. Nach zitternden, beglückten, wunschlosen Stunden schliefen sie ein. Sein Arm schlang sich um ihren nackten Hals. Die Züge der Westbahn, die dröhnenden Hammerschläge des Eisenwerks weckten sie nicht.

Am nächsten Tag begann Erik seine Arbeit für Hofrat Braun über sein Phänomen, die »sekundären Strahlen«. Mit souveräner Sicherheit stellte er Tatsachen an Tatsachen; Ideen und Formeln schlug er wie mit einem Hammer zu einer Einheit zusammen, die etwas Künstlerisches hatte trotz der Einfachheit der Worte und Ziffern.

Er hatte festgestellt, daß die Röntgenstrahlen, wenn sie einmal ein Hindernis durchbrochen, irgendeinen festen Körper durchstrahlt hatten, statt schwächer zu werden, mit vermehrter Kraft ein zweites Hindernis übersprangen wie ein Rennpferd in der Steeplechase, das nach einer Hecke eine zweite mit um so größerer Bravour nimmt. Das ließ sich nur so erklären, daß die bestrahlten Hindernisse selbst wieder mit einer neuen Strahlungsenergie zu strahlen, gleichsam zu klingen begannen, weiter in unnennbare Fernen, hin gegen die Unendlichkeit. Diese große Idee stand unausgesprochen über seiner Arbeit, wie der Himmel über einer Landschaft. Bewundernd sah Helene zu ihrem Freund auf. Dann wieder konnten sie beide kindisch sein, mittags beim Essen die Gläser tauschen und einander küssen, kaum daß die Kellnerin hinausgegangen war, und sich darüber streiten, ob man die Omelette soufflée bestellen dürfe, die auf der Speisekarte stand, oder nicht. Schließlich setzte es Helene durch, und beide lachten, als auf einem bunt mit blauen und grünen Rosen bemalten Porzellanteller ein enormer Kaiserschmarren erschien. Die Kellnerin war beleidigt, da aber Helene mit den Trinkgeldern sehr generös war, glaubte sich das Steirermädel verpflichtet, mit zu lachen, worauf Erik und Helene wie auf Verabredung ganz still und totenernst wurden und sie anstarrten. Die Kellnerin konnte ihr Lachen nicht so schnell unterdrücken, wurde bis an die Ohren dunkelrot wie eine Tomate und verschwand. Nun küßten sich die zwei wieder, mit einer verstohlenen Heiterkeit wie Schulkinder. Erik behauptete, Helene hätte Ringe um die Augen, und sie sei gewiß nicht brav und gehe viel zu spät schlafen. Jetzt errötete Helene, mit jener blassen, hingehauchten Röte, die Blondinen haben, und zog ihrerseits Erik an den Haaren, bis er ganz böse wurde.

Sie hatten beide von ihrer Kindheit nichts gehabt, und das holten sie nach. Eine Viertelstunde später begann Erik wieder zu diktieren; Helene, die mit den Problemen vollständig vertraut war, machte ab und zu Einwendungen, die Erik überraschten. Sie konnte es erreichen, daß er nachgab, und zum Schluß sagte er: »Eigentlich sollte ich da schreiben: Ich danke an dieser Stelle meiner lieben Mitarbeiterin, Helene Blütner.«

Diese naive Zärtlichkeit, hinter der wie durch einen Schleier die Erinnerung an die glühenden Nächte durchschimmerte, diese holde Freude glich alle Unterschiede aus. In diesen Tagen waren sie einander alles: Freundin und Freund, Bruder und Schwester, Gefährtin und Gefährte – und die Geliebte war sie ihm, die er in Sehnsucht begehrte. »Amante et sœur«, sagte ihm einmal Helene, »beides will ich dir sein und lange. Gestern habe ich nachts, gerade als du eingeschlafen warst, vom Bett aus eine Sternschnuppe gesehen, – wie schön das war! Beinahe hätte ich vergessen, mir etwas zu wünschen. Du bist nicht abergläubisch, nicht wahr? Aber ich wünschte mir, du solltest mir lange gut sein, so wie heute, lange, lange!«

»Nicht ewig?« fragte er, ergriffen von dieser rückhaltlosen, unbeschreiblich einfachen und tiefen Neigung.

»Ewig ist ein großes Wort für einen Menschen wie mich. Unser ganzes Leben ist ja nicht ewig, und deine Liebe soll es sein?« fragte sie.

»Sie wird es sein«, sagte er weich. »Ich verspreche es dir, Heli.«

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