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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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12

Erik schlief tief, mit seufzenden Atemzügen. Helene saß da, fröstelnd in ihrer Nacktheit, und zog lautlos ihre Kleider an sich heran. Ohne ihn zu stören, stand sie auf, trat zum Fenster. Sie lehnte wieder ihr Haupt in die kühle Nachtluft, wie vor einer Stunde, aber ihr war, als sei eine Ewigkeit vergangen, bis zum Rand gefüllt mit Wonne und Schmerz, wie das Becken eines Springbrunnens, immer wechselnd, immer gleich. Eine Kastanienblüte löste sich im Wind und verfing sich in ihrem Haar. Vorsichtig, als wäre es ein kostbares Juwel, machte Helene sie los.

Eine Uhr, die sie nicht kannte, schlug.

Sie dachte an ihre Schwester, die wohl noch wartete und ruhelos in ihrem Zimmer hin und her ging. Aber sie wollte nie mehr wieder zurückkehren, sie konnte es nicht. Durch Ketten, die weder die Zeit, noch die Gewohnheit, noch ein Zufall lösen konnte, war ihr Schicksal an das Erik Gyldendals geknüpft. Tausendmal stärker war diese Kette als die bürgerliche Ehe, als das Bündnis zwischen Schwester und Schwester, zwischen Mutter und Sohn.

Alle bürgerlichen Verbindungen waren zerrissen unter dem unnennbaren Zwang, der sie und Gyldendal verband. Denn die Leidenschaft, der Kraft gewordene Wille, die unerbittliche Notwendigkeit hielten sie aneinander. Den Menschen an den Menschen, den Mann an die Frau, den Gefährten an die Gefährtin. Vor zwei Tagen hatte Doktor Egon Sänger, Erik Gyldendals Freund, um ihre Hand angehalten. Damals hatte sie noch nicht gewußt, ob sie Erik liebte, jetzt wußte sie es, und etwas gigantisch Drohendes, die trüb durchscheinende Verzweiflung lag in der allzu plötzlichen Flamme dieser Liebe.

Ehen können gelöst werden; es kommen Kinder, Sorgen werden groß, und die Wirklichkeiten des Lebens entfremden langsam den Gatten der Gattin. Aber in den freien Bündnissen, da werden die Menschen selbst hart aneinandergeschmiedet, durch die verbissene Glut der Leidenschaft, durch den Zauber einer unvergeßlichen Stunde, süß und schmerzlich zugleich.

Mit ganzer Seele gehörte sie dem Mann, dem sie sich gegeben hatte; den sie selbst in die Arme genommen hatte, erobernd, als die erste Frau, die ihn besaß.

Er sprach aus dem Schlaf. »Nein, Fräulein Ossonskaja; das ist infam. Was für Schlüssel?« Die Worte wurden undeutlich. Die Decke war von ihm herabgeglitten. Mit unsagbar weicher Zärtlichkeit breitete Helene sie über den Schlafenden. Sie sah sein Gesicht, die edlen, müden und etwas grausamen Linien, die hohe Stirn, selbst im Schlaf unruhig, das dunkle Haar, das sich schon lichtete. Und aus dieser mütterlichen Zärtlichkeit erwachte ihr Stolz, ihre Sicherheit. Sie wußte, daß sie nie diese Nacht bereuen würde; sie glaubte daran, daß ihr Bündnis, der Bund des Gefährten mit der Gefährtin, wo jeder sich dem andern ganz gab, wo jeder gleiche Rechte hatte, und jeder das gleiche Gefühl – ebenso unerschütterlich fest war wie all die andern Bündnisse, die das Gesetz und die Gesellschaft zusammenhielt.

Jetzt wurde es ruhig in ihr. Ihr Körper hatte Schmerzen, aber ihr Herz freute sich; es freute sich auf den nächsten Tag. Leise schmiegte sie sich an ihren Freund, horchte seinen Atemzügen und schlief tief, traumlos und beglückt bis in den Morgen.

 

»Willst du mir eine Bitte erfüllen?« fragte sie ihn. Er war glücklich; diese Nacht war die erste ruhige, in sich versunkene, seit einem halben Jahr. »Du weißt, die erste Bitte muß man einer Frau immer erfüllen – und die letzte.«

»Sprich, Königin«, sagte er scherzend, »und wenn es die Hälfte meines Königreichs wäre.«

»Nein, so viel will ich gar nicht. Sieh, wenn ich heute zurückkäme, und all die Leute mich fragten – du – nur auf ein paar Tage möchte ich fort – mir dir, Erik; es muß ja nicht weit sein. Und dann könnten wir alles mitnehmen, auch deine Bücher und deine Protokolle – was meinst du? Wäre das nicht schön?«

»Wunderschön; aber ich muß dir ein Geheimnis verraten. Ich habe nie in meinem Leben Geld verdient, aber immer viel gebraucht. Und jetzt, nach der gestrigen Szene, verstehst du das, mein Liebling, jetzt kann ich nichts mehr von meinen Eltern annehmen.«

»Das alles verstehe ich, natürlich. Aber das ist meine Sorge. Nicht wahr, du machst mir die Freude und bist für diese Zeit mein Gast? Inzwischen finden wir schon etwas. ›Tout s'arrange‹, sagte meine Mama. Aber wenn wir schon bei den Geheimnissen sind, so weiß auch ich eins. Egon Sänger hat um meine Hand angehalten. Weißt du davon?«

»Und?«

Sie wurde rot. »Ich habe mich gestern noch nicht entschieden. Aber heute möchte ich ihm schreiben.«

Er sah sie fragend an. Sie saßen in dem Garten des Kaffeehauses »Hohe Warte«. Kleine Käfer krochen über den braunen Holztisch, und der süße Frühsommerwind scheuchte weiße und blaßrote Kastanienblüten herab – wie in der Nacht auf Helenes goldenes Haar.

»›Nein‹, das einzige Wort schreib' ich ihm. Er ist klug, er wird es schon verstehen.«

»Ich bin einverstanden. Und Fräulein – wohin gedenken Sie zu reisen?« Er zupfte sie lächelnd am Haar, das sie heute nicht so sorgfältig geordnet hatte wie sonst.

»Seien Sie so freundlich, Herr Dozent, und ruinieren Sie mir meine Frisur nicht!« sagte sie. »Das ›wohin‹ findet sich immer; soviel ich weiß, geht ein Zug mit der Westbahn um halb ein Uhr. Willst du den nehmen?«

»Ja«, sagte er. »Ich muß nur zu Hofrat Braun gehen; aber das ist bis halb zwölf erledigt. Und bis dahin hast du alles vorbereitet. Und vergiß die Protokolle nicht.«

Sie schob ihm beide Hände über den runden, etwas feuchten Tisch hin. Er wollte ihre Hände küssen.

»Nein«, sagte sie und bot ihm ihren Mund.

So still war es, so golden das grüne Licht, das durch das Laub der Kastanien fiel.

»Ich war nie glücklich«, sagte er leise. »Nie war ich glücklicher als jetzt.«

Dann sah er sie, wie sie in dem weißen Leinenkleid mit der vielen Stickerei die Stufen hinunterlief, wie ein Kind, das reiche, rotgoldene Haar unter einem schmalen Girardihut. Dann kam die Straßenbahn – so wie gestern nacht, und doch anders. –

Erik blieb noch eine Weile. Sein Glück war so groß, so ruhig, so voll, daß er dachte, er müsse selbst besser werden, weicher und gütiger.

Der Frühlingswind warf ohne Ermüden die Kastanienblüten von den Bäumen, in die leeren Kaffeetassen, die Bienen schwärmten auf Eriks Hut und in die Taschen seines Rockes. Er sehnte sich nach Helene. Er ahnte an der Tiefe seines Glückes die Tiefe der Welt.

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