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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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11

Sie sprachen nicht mehr viel auf dem Weg zurück.

Sie hatten sich alles erzählt.

Ein- oder zweimal bloß, im Scheine einer gelben Laterne, gegen welche die weichen Blätter der Kastanien schlugen – blieben sie stehen und sahen einer den andern an; und auf ihrer beider Lippen war das starre, rätselhaft-beglückte Lächeln, das die Mona Lisa als Ausdruck ihrer innersten, glühenden Seligkeit trägt und das allen andern Menschen in eine einzigen Stunde, in der ersten, ganz glücklichen, ganz wunschlosen gehört und immer gehören wird.

Sie standen vor Eriks Villa in Döbling, einem alten romantischen Bauwerk, mitten unter Bäumen, mit weißen Mauern, die eine goldene Sphinx krönte. Die Fränkels hatten es von einem exzentrischen, englischen Aristokraten gekauft, der sich hier mit seinem Freund vor der Welt verborgen hatte. Aber Erik trat nicht ein.

»Ich muß dich bis zur nächsten Tramwaystation begleiten, Heli. Du fährst von der ›Hohen Warte‹.«

Sie sprachen flüsternd, als wäre jetzt alles, jedes ihrer Worte Geheimnis geworden für die andern.

Der Wagen der Straßenbahn fuhr vorbei, die Signalscheibe vorn war halb mit einem blauen Glas bedeckt.

»Der vorletzte«, sagte Helene, »weißt du das?«

»Ich weiß«, sagte er leise.

Er nahm ihre kleine, warme Hand, die sich regte wie ein winziges Tier, das entfliehen will und doch bleibt.

Beide atmeten tief; die Akazien dufteten sehr süß.

Da, ein leises Rollen und Sausen, der Leitungsdraht sang, und der letzte, leuchtende Wagen der Straßenbahn, vorn an der Signalscheibe völlig tiefblau, kam heran und hielt. Noch regte sich die kleine warme Hand in Eriks großer, geröteter, rauher Hand; wie ein kleines, winziges Tier, das entfliehen will – aber es blieb.

Der Wagen klingelte, sauste vorbei, ganz leer, der Leitungsdraht sang noch ein Weilchen, dann wurde es unsäglich still.

Sie gingen beide den Weg zurück.

Schweigend öffnete Erik das eiserne Gittertor und die Haustür. Sie traten in das Laboratorium.

Unter einem Zwange drehte Erik den Motor an; die Funken der Röntgenröhre zuckten und knatterten, und von der Antikathode her strahlte das wundervolle, grünlich wogende Licht.

Helene war zum Fenster getreten und beugte sich unter die blühenden, herb duftenden Kastanien.

Dann schloß sie das Fenster, legte den Hut fort und senkte den Kopf; die Hände hatte sie um die Knie geschlungen. Erik trat zu ihr und streichelte ihre Hand.

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