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Die Galeere

: Die Galeere - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Galeere
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume784
printrunErste Auflage
year1982
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid987ec81b
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10

»Und wohin jetzt?« fragte sie.

»Wohin Sie wollen.« Die Apotheke zum »Goldenen Engel« war noch offen. »Sie entschuldigen mich für einen Augenblick?« bat Helene.

Sie kam nach zwei Minuten zurück.

»Sie haben aufgesprungene Hände; ich habe Ihnen Crême céleste gekauft. Das dürfen Sie schon annehmen. Aber Sie müssen jeden Abend die Hände damit einreiben und sie morgens nur mit warmem Wasser waschen. Versprechen Sie mir das?«

Erik blieb stehen. Er erinnerte sich der schrecklichen Worte, die ihm seine Mutter über den Ausschlag seiner Hände gesagt hatte, und war Helene so dankbar, daß er ihre Hand nahm und küßte.

»Was fällt Ihnen denn ein?«

Es war, als hätte er nur auf diese unscheinbare Gabe gewartet, auf diesen leisen Beweis einer sanften, fast mütterlichen Zärtlichkeit. Er begann zu erzählen, zum erstenmal in seinem Leben aufrichtig, zum erstenmal warm, zum erstenmal der Gefährte zur Gefährtin.

Es war keine geordnete Geschichte: Altes, Halbvergessenes, die sentimentale Herzlosigkeit der Franzi Dollinger, dann wieder die ungeheuerliche Szene, die, eben erst vergangen, ihm unendlich lang entfernt schien – endlich, endlich hatte er einen Menschen, hatte er die Treue, Vertrauende, Gütige gefunden, die ihm um seiner selbst willen gut war. Sie sollte ihm Heimat sein, alles wollte er ihr geben, nie wollte er ihr das unbezahlbar hohe Geschenk vergessen, das sie ihm in dieser Stunde gegeben hatte, ihm, dem Verzweifelnden, dem Verratenen, dem Einsamen. Den ganzen langen Weg durch die Währinger-, Nußdorfer- und Billrothstraße waren sie gegangen, sie wollten einen Wagen anrufen, vergaßen aber im Eifer des Gesprächs daran. Die Häuser an der Straße waren niedrig; vor den Heurigenschenken hingen belaubte, halb verwelkte Kränze und schlugen im Wind gegen stille Fenster.

In verstohlenen Ecken flüsterten Liebespaare; aus den Vorgärten, von den Tischen, wo Leute bei roten Tischtüchern, im Schein von flackernden grünen Windlichtern den dünnen, herben, duftenden Wein tranken, kamen zu den zwei Menschen gesungene Worte und sich überschlagendes, gleichsam tanzendes Lachen heraus. Alles das berauschte selbst von fern. Als zwei Menschen fühlten sie sich. Zwei Dürstende, Einsame, Gewährende, als Erwachende zum Glück. Erik nahm Helenes Arm. Sie schwiegen beide.

Von einem kleinen Platz, wo ein einsamer Brunnen fragend rauschte, ging der Weg durch die Bäume, stieg empor über feuchte, dunkle Holzstufen, vorbei an einer weißen Hütte, die nur ein einziges verschlafenes Fenster hatte, empor zu einer Waldwiese. Es war der kleine Hügel, der Grinzing von Sievering trennt und dessen Gipfel der »Himmel« heißt, ein Name, den irgendein Seliger, von Liebe, Walzermusik und Heurigem Berauschter ihm gegeben hatte.

Wie unsagbar still der Wald war, wie unsagbar still die Straße tief unter ihnen, wie klein die leuchtenden Punkte der Windlichter! Da standen sie auf der waldumrauschten, nachtgetränkten, schwer duftenden Waldwiese; jeder den Kopf gesenkt, jeder versunken in die eigenen Gedanken vom Glück.

Immer, wenn zwei Menschen zugleich an das Glück denken, küssen sie sich; sie küssen sich, auch wenn sie einander nicht lieben. Lange ruhten Eriks Lippen auf Helenes reinem, gütigem, süßem Mund.

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