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Die Fürstin von Ermingen

Marcel Prevost: Die Fürstin von Ermingen - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/prevostm/ermingen/ermingen.xml
typefiction
authorMarcel Prévost
titleDie Fürstin von Ermingen
publisherAlbert Langen Verlag für Litteratur und Kunst
printrunViertes Tausend
year1910
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111121
projectide37b4543
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Dritter Teil

Es war etwas über halb neun Uhr als Arlette an Jérômes Wohnung läutete.

Ein uralter Diener, der auf einem Bein hinkte und es mühsam nachschleppte, öffnete die Tür. Obgleich er Arlette seit Jahren nicht gesehen hatte, erkannte er sie sofort:

»Der Herr Graf empfängt um diese Zeit niemand mehr, er hat schon zu Abend gegessen und ist in seinem Laboratorium. Aber für Hoheit wird er sicher zu sprechen sein. Wollen Hoheit gütigst eintreten.«

Er beschleunigte seine Schritte nach Kräften und ging voran, ihr die Salontür zu öffnen. In dem großen, dreifenstrigen Raum war alles unverändert geblieben, seit Jérômes Mutter als jungverheiratete Frau es eingerichtet hatte.

»Hoheit haben sich hier lange nicht sehen lassen,« sagte der Alte, »der Herr Graf wird sich sehr freuen.«

Arlette gab keine Antwort, es bewegte sie tief, diese Umgebung wiederzusehen, in der sie als Kind so oft ihre Osterferien zugebracht hatte. Dort in der Kaminecke stand der große Lehnstuhl, in dem Madame de Péfaut jeden Abend gesessen und unermüdlich historische Memoiren gelesen hatte. Sie sah die alte Dame vor sich mit ihrem schlicht gescheitelten Haar, ihrem schildplattnen Lorgnon und den feinen, von der Gicht leicht gekrümmten Händen. Obgleich der Salon jetzt elektrisch erleuchtet war, stand die dickbäuchige alte Öllampe, die sie immer gebraucht hatte, noch an ihrem Platz.

»Wie melancholisch ist das alles,« dachte Arlette, »und früher bin ich hier so glücklich gewesen. Sie war eine so wundervolle Frau, meine Tante – ah, wenn ich sie zur Mutter gehabt hatte.«

Sie empfand etwas wie Groll gegen das Schicksal. Es wäre besser gewesen, eine Waise zu sein, als eine Mutter zu haben, wie die ihre.

»Bah, Jérômes Mutter war eine Heilige und doch ist sein Leben ein verfehltes gewesen. Was hat er erreicht von alledem, was er wollte. Er ist auch nicht glücklich. Nein, das Leben ist schlimm.« Martinens Worte fielen ihr wieder ein.

»Ich glaube beinah, sie wollte damit sagen, daß er mich liebte – was für ein Unsinn. Jérôme liebt überhaupt niemanden. Er verliebt – und noch dazu in mich, das wäre einfach komisch.«

Während sie noch diesen Gedanken nachhing, ging die Tür auf, und er kam herein. Über seinem Anzug trug er einen Arbeitskittel von grauer Leinwand, und in der Hand hatte er einen kleinen Glasstab, wie ihn die Chemiker gebrauchen. So kam er auf Arlette zu und drückte ihr die Hand:

»Nun, was gibt's denn? Hoffentlich nichts Schlimmes.« Die Bewegung, die aus seinem sonst so kühlen Gesicht sprach, rührte sie, und sie erwiderte seinen Händedruck sehr herzlich.

»Ich möchte dich nur um einen Rat bitten, Jérôme, weiter nichts.«

»So – ich weiß nicht warum, aber ich hatte Angst, es wäre irgend etwas passiert, weil du plötzlich so spät noch herkommst.«

Er legte den Glasstab auf ein Tischchen und setzte sich neben sie.

»Ist dein Mann auch wieder in Paris?«

»Ja, er ist schon einen Tag vor mir gekommen. Aber ich habe ihn noch nicht gesehen, er hat nicht zu Hause gegessen und gestern nacht, wie ich hörte, im Klub geschlafen. – Sag Jérôme, sind wir allein?«

»Absolut.«

Sie suchte nach einer Einleitung für ihre Beichte, konnte aber nicht das rechte Wort finden. Schließlich sagte sie ganz leise:

»Jérôme, ich bin in einer verzweifelten Lage.« Unwillkürlich preßte sie die Hand gegen ihre Stirn, es wäre ihr lieber gewesen, im Dunkeln mit ihm zu sprechen, so daß er ihr Gesicht und sie seines nicht sehen konnte.

Er rückte seinen Stuhl näher heran und sagte selber ganz erregt:

»Liebe Arlette, du kannst ganz über mich verfügen, das weißt du.« Damit nahm er ihr sanft die Hand vom Gesicht und behielt sie in der seinen.

»Du darfst keine Angst haben, dich einem Freunde wie mir anzuvertrauen, ich wünsche nichts mehr, wie dir helfen zu können. Sag mir, um was es sich handelt.«

»Ich kann nicht,« murmelte sie – nein, ich gewinne es nicht über mich, davon zu sprechen.«

Es entstand eine Pause, Arlettens Blick schweifte halb abwesend durch den Salon, und plötzliche Erinnerungen stiegen vor ihr auf: das Heft mit Schumannliedern auf dem Klavier – und dort das Sofa, wo sie als Kind eines Abends eingeschlafen war, mit dem Kopf auf Jérômes Schoß.

– Dann sagte er ganz unvermittelt:

»Arlette, du brauchst es mir nicht erst zu sagen, ich habe es schon erraten.«

Sie fuhr in die Höhe, erschrocken und doch erleichtert.

»Erraten?«

»Ich habe es mir gedacht seit jenem Nachmittag, als wir zusammen von La Fauconnière zurückkamen, du tatest damals, als ob du von deinem Mädchen sprächest. Aber deine Unruhe und Nervosität brachte mich auf den Gedanken, daß es sich um dich selber handelte. Bist du völlig sicher über deinen Zustand?«

»Ich habe lange hin und her geschwankt zwischen Verzweiflung und Ungewißheit. Ich dachte, du als Arzt könntest es am besten feststellen – wenn du willst. Mit aus diesem Grunde bin ich gekommen.«

Jérôme überlegte einen Augenblick:

»Du wirst begreifen, daß es mir etwas peinlich ist, dir gegenüber den Arzt zu spielen – – –«

»Ja, mir geht es ebenso,« sagte sie mit glühendem Gesicht, »ich schäme mich entsetzlich. Aber es muß sein.«

»Gut,« antwortete Jérôme, »ich will dich gleich gründlich untersuchen,« dabei deutete er auf eine Chaiselongue und sie legte sich nieder. Die Untersuchung dauerte kaum eine Minute.

Arlette hatte sich wieder aufgerichtet.

»Nun?« fragte sie und ein letzter, schwacher Hoffnungsschimmer regte sich in ihr.

»Ja, es ist kein Zweifel möglich. Die Herztöne deines Kindes sind deutlich wahrnehmbar, und das ist ein untrügliches Zeichen.«

Die Gewißheit traf sie nicht so zermalmend, wie sie gedacht hatte. »Dein Kind,« dieses Wort, das sie zum erstenmal hörte, durchströmte sie mit einem seltsam wonnigen Gefühl. Sie wiederholte es still für sich: »Mein Kind,« und ihr wurde so friedlich zumut, wie schon lange nicht.

»Die Schwangerschaft datiert ungefähr seit vier Monaten,« sagte Jérôme.

»Ja, das stimmt mit meiner Berechnung.«

»Und was gedenkst du jetzt zu tun?«

»Ich weiß nicht, – ich weiß nichts mehr. Anfangs dachte ich daran, mich auf irgend eine Weise davon zu befreien – – das hast du dir damals in Taschouères wohl auch gedacht.«

»Und hast du darauf jetzt verzichtet?« fragte er beinah ängstlich.

»Ja, es ist zu abscheulich. Was du mir damals sagtest, hat mir zuerst einen heilsamen Schrecken davor eingeflößt. Und dann habe ich ein solches Beispiel von heroischer Mutterschaft vor Augen – – eben diese Martine – –«

»Hat sie ein Kind?«

»Ja, und sie sorgt mit rührender Hingabe dafür, so daß ich mich meiner Feigheit geschämt habe.«

»Ich wußte es doch, daß dein Herz im Grunde unverdorben ist.«

»Ach, aber ich bin doch nicht viel wert,« rief Arlette, und ihre Augen brannten wie im Fieber. »Es war zum Teil auch Feigheit, daß ich darauf verzichtete. Ich weiß es selber nicht. Aber ich habe etwas weit Schlimmeres und Schmachvolleres getan, ich wollte meinen Mann wiedergewinnen – um ihn zu täuschen. Er hat mich dann auch behandelt, wie ich es verdiente, und seit jener Nacht schäme ich mich geradezu meines Körpers – so sehr, daß ich es mir beinah als Wohltat denke, mich meinem Mann auszuliefern. Mag er mich niederschlagen, dann ist wenigstens alles vorbei.«

Sie ließ die Hände auf die Knie sinken und saß ganz gebeugt da, die Augen zu Boden geheftet.

»Es wird wohl nichts andres übrig bleiben wie die Flucht. Ich habe eine kleine Rente von zweitausendfünfhundert Francs, die mir niemand nehmen kann. Damit kann ich leben, Martine wird bei mir bleiben und mir helfen. Ich habe nur Angst davor, daß mein Mann mich zwingen kann, zurückzukehren.«

»Das wird er auch sicher tun, wenn du, ohne einen Grund anzugeben, fortgehst. Aber solltest du nicht lieber versuchen, seine Verzeihung zu erlangen und daß er das Kind legitimiert.

»Ich halte das nicht für ganz unmöglich, wenn er einen Schimmer von Vernunft behält wird er sich sagen, daß das die beste Lösung wäre und auch in seinem Interesse liegt.«

»Mir liegt nichts daran, daß das Kind den Namen Ermingen trägt, den ich hasse.«

»Ja, aber für das Kind wäre es dennoch am besten, und du bist verantwortlich für sein Wohl. Du bist ihm wenigstens schuldig, den Versuch zu machen. Glaube nur, daß ich das nicht unüberlegt sage, seit dem Nachmittag in Taschouères habe ich viel darüber nachgedacht.«

Arlette überlegte einen Augenblick.

»Lassen wir die Sache lieber gehen, bis er es selbst bemerkt.«

»Nein, du mußt ihm zuvorkommen.«

»Aber er wird mich nicht einmal ausreden lassen, mich ohne weiteres umbringen.«

»Das glaube ich nicht,« sagte Jérôme, »in dem Mut zur Wahrheit liegt so viel überzeugende Kraft.« Er fühlte wohl, daß Arlette sich innerlich gegen diesen Entschluß auflehnte und fügte hinzu:

»Glaube mir nur, es fällt mir nicht leicht, dir das zu raten. Aber ich müßte dich und mich selbst belügen, wenn ich es nicht täte.«

Sie fühlte seine Bewegung, wenn er sie auch unter möglichst einfachen Worten zu verbergen suchte, und das rührte sie tief.

»Jérôme,« flehte sie, »könntest du mir nicht diese Demütigung und die Gefahr eines solchen Geständnisses ersparen? Geh du zu Christian und sag ihm alles.«

»Wenn du es von mir verlangst, würde ich es tun. Aber du mußt selbst fühlen, das es unvorsichtig wäre, eine Mittelsperson zwischen euch zu stellen. Um seine Angst vor einem Skandal zu beschwichtigen, muß es den Anschein haben, als ob niemand darum wüßte.«

»Aber selbst wenn er bereit wäre, das Kind anzuerkennen,« sagte Arlette – »stell dir vor, was für ein Zusammenleben es zwischen uns sein würde.«

»Doch kaum schlimmer wie vorher. Ihr würdet jeder für sich leben, brauchtet kaum miteinander zu sprechen. Das könntet ihr doch alles einrichten, wie ihr wollt, und wie es der Selbstachtung des Einzelnen entspricht.

Das Wort Selbstachtung erweckte in Arlette die Vorstellung eines ganz andern Lebens, als sie es bisher geführt hatte. Ja, sie wollte ein neues Dasein beginnen, rein von aller Schmach und von allen den beschämenden Kompromissen, aus die sie bisher eingegangen war.

»Du hast recht, Jérôme, mein bisheriges Leben ist nicht wert, daß ich es weiter lebe.«

»Du mußt es schwer büßen,« sagte er und nahm ihre Hand, »schwerer, als alle die armseligen Freuden, die es dir brachte, wert waren.«

»Du bist so gut gegen mich, Jérôme, es kommt mir vor, als ob du mir heute so viel Wahres und Bedeutungsvolles gesagt hättest. Warum hast du das nicht schon manchmal früher getan, vielleicht wäre es dann nie so weit gekommen.«

»Früher – aber wann meinst du?«

»Nun damals, wenn ich bei euch war, als deine Mutter noch lebte.«

Sie sahen sich an, dann wurden beide plötzlich verlegen, und ihre Blicke wichen sich aus.

»Gedacht habe ich manchmal daran,« sagte Jérôme etwas verwirrt, »aber du warst noch so jung, und dein ganzes Wesen hatte etwas so Unschuldiges, Unberührtes, daß meine Mutter und ich uns mehr wie einmal sagten: »man soll ihre Seelenruhe nicht stören, sie ist vollkommen, so wie sie ist.« »Ja, sagte Arlette fast unhörbar, »damals war ich ein völlig unschuldiges Kind,« und sie seufzte schmerzlich in dem Gedanken an jene längst vergangene Zeit.«

»Du mußt auch bedenken,« meinte Jérôme, »daß jede Einmischung in deine Erziehung gewissermaßen eine Kritik deiner Mutter bedeutet hätte. Und dazu fühlten wir uns nicht berechtigt. Aber du weißt, wie lieb wir dich von jeher hatten.«

»Ich auch, Jérôme, ich hatte deine Mutter sehr lieb und fühlte mich immer so glücklich hier. Ach, warum habt Ihr mich nicht bei euch behalten,« fügte sie unwillkürlich hinzu.

Sie hatte das nur so gesagt, ohne etwas Bestimmtes damit zu meinen, es wäre auch schwer gewesen, näher anzugeben, wie Jérôme und seine Mutter das hätten anfangen sollen. Aber Jérôme wurde so verwirrt, daß sie es bereute, so gesprochen zu haben. So entstand ein etwas verlegenes Stillschweigen zwischen ihnen, beide suchten etwas zu sagen, aber es wollte ihnen nichts einfallen.

»Laß mich dir noch einmal recht herzlich danken, Jérôme,« sagte Arlette endlich, »und dann muß ich nach Hause.«

»Willst du heute abend noch mit ihm sprechen?«

»Sobald es geht – ist das nicht am besten?«

»Erst habe ich dich dazu überredet und jetzt fange ich an, mich um dich zu ängstigen,« sagte er. »Dieser Christian ist ja wirklich eine Art wildes Tier.«

»Was liegt daran?« sagte Arlette, und er fühlte aus ihrem Ton, aus der ganzen verzweifelnden Entschlossenheit, die sie erfüllte, daß sie diese Unterredung mit ihrem Mann wie eine Art Selbstmord betrachtete.

»Wo liegt da die Wahrheit?« fragte er sich, »bin ich denn so sicher über das, was das Leben von uns verlangt, daß ich andern Vorschriften machen darf!«

Sie verließen den Salon und gingen über den Flur, der zu einer Art Wintergarten eingerichtet war, Arlette betrachtete alles, die Bilder und Pflanzen.

»Es ist alles noch ebenso, als wie ich zum letztenmal hier war,« murmelte sie, – »übrigens ist es erst vier Jahre her. Aber was haben diese vier Jahre alles mit sich gebracht, meine alte Freundin lebt nicht mehr, und ich bin unglücklich und einsam – mein Gott, so einsam!«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und Jérôme faßte tiefbewegt ihre beiden Hände.

»In unsren Kreisen steht fast jeder für sich allein,« sagte er, »sieh dich nur einmal um. Das trauliche Zusammenleben und Zusammenhalten ist ein Privilegium der einfachen Leute.«

»Ja, das ist wahr.«

Er half ihr den Mantel umlegen und drückte ihr, sichtlich erregt, die Hand zum Abschied.

»Leb wohl, Jérôme.«

»Und laß mich alles wissen, was geschieht.« – Dann sah er sie die Treppe hinabgehen.

Martine erwartete sie unten im Wagen, der jetzt der Seine zulenkte.

»Nun?« fragte sie gespannt, sobald ihre Herrin Platz genommen hatte.

»Mein Vetter meint, ich soll mit dem Fürsten sprechen.«

»Und ihm alles sagen.«

»Ja.«

»O Hoheit,« rief Martine mit gerungenen Händen, »aber dann lassen Sie mich in Ihrer Nähe bleiben, ich beschwöre Sie. Verstecken Sie mich in dem Zimmer, wo Sie mit ihm sprechen.«

Arlette lächelte gerührt und gab keine Antwort, sie fühlte sich unsagbar erschöpft. Und doch hatte die Unterredung mit Jérôme ihr eine große Erleichterung gewährt, vor allem hatte sie jetzt das klare Gefühl, daß sie erst Ruhe finden würde, wenn sie ihrem Mann die volle Wahrheit gesagt und die Folgen ihres Geständnisses auf sich genommen hatte.

Zu Hause angekommen, warf sie sich auf die Chaiselongue in ihrem Toilettezimmer. Martine bereitete ihr das einzige Gericht, das sie ohne Widerwillen zu sich nehmen konnte, ein geschlagenes Eigelb in schwarzem Kaffee.

Plötzlich rief sie nach ihr:

»Martine.«

Sie kam gleich herbeigeeilt.

»Martine,« sagte die Fürstin, »ich habe eben ein ganz seltsames Gefühl gehabt, als ob etwas in meinem Innern sich bewegt hätte. Ist das das Kind?«

»Ja, Hoheit!« Nicht wahr, es ist ein schönes und zugleich schmerzliches Gefühl?«

Arlette nickte, Martine hatte ihre Hand gefaßt und küßte sie, dann flüsterte sie:

»Möge Gott es segnen.«

Arlette hätte am liebsten gleich heute noch den Fürsten aufgesucht. Sie hatte Angst, daß ihre Kraft nachlassen würde, wenn ihre jetzige Erregung sich wieder gelegt hatte. Aber er war nach St. Claire zur Jagd gefahren.

Während dieser Tage, die sie in fieberhafter Erwartung zubrachte, blieb Arlette im Bett liegen und ließ sich von Martine pflegen. Sie fühlte sich körperlich wie zerschlagen, aber ihre Gedanken arbeiteten um so angestrengter. Das leise Pochen in ihrem Innern, das jetzt von Zeit zu Zeit wiederkehrte, erinnerte sie immer wieder daran, daß sie Mutter werden sollte, und bei diesem Gedanken durchströmte sie ein nie geahntes Gefühl von neuer Lebenswärme. Und jetzt lehnte sie sich nicht mehr dagegen auf, es gab für sie nur noch die eine Lösung, die Jérôme ihr geraten hatte, und mochte sie ihr noch so schwer fallen.

Ihrem Mann gegenüber vermochte sie sich noch nicht schuldig zu fühlen. »Er ist mir nie ein Gatte gewesen, hat mich ohne weiteres aufgeopfert.«

Alle ihre Gedanken konzentrierten sich auf das Kind, auf dieses Kind, das die Ursache aller ihrer Angst und auch aller ihrer jetzigen Energie war, und sie mußte sich sagen: »Was ich auch tun mag, das Kind wird um meinetwillen zu leiden haben.« Selbst wenn Christian ihr nicht das Leben nahm, er und das Kind würden sich immer feindlich gegenüberstehen, und unter welchen Verhältnissen würde es heranwachsen: Entbehrungen, Schwierigkeiten, vielleicht auch Gefahren. Das war ihre Schuld, und sie schwor sich, es wieder an ihm gut zu machen, soweit es in ihren Kräften stand, »ich werde für es tun, was ich kann und keinen Schritt weichen, wo es sich um seine Sicherheit und sein Glück handelt.«

Und doch hörte die Angst nicht auf, sie zu martern. Wenn Christian ihr etwas antäte? Ihre jugendliche Lebenskraft bäumte sich auf gegen den Gedanken, zu sterben, aber diese Möglichkeit eines plötzlichen Todes, die sie wohl oder übel ins Auge fassen mußte, trug auch zu ihrer moralischen Erneuerung bei.

Plötzlich ließ sich das gedämpfte Klingeln des Telephons vernehmen, Martine legte rasch ihre Arbeit beiseite und ging ins Nebenzimmer. Gleich darauf kam sie wieder:

»Madame de Guivre läßt sagen, daß sie von Rouen zurück sei und sich persönlich nach Ihrem Befinden erkundigen möchte.«

»Jetzt?«

»Ja, sie wird gleich hier sein, der Diener hat telephoniert. Wollen Hoheit sie empfangen?«

»Ja,« sagte Arlette nach kurzem Nachdenken.

Madeleine hatte seit ihrer Abreise von Taschouères weder Arlette noch Christian gesprochen. Christian war zur Jagd in St. Clair und bekam jeden Tag einen Brief oder ein Telegramm von ihr. Es entsprach der Wahrheit, daß sie erst heute morgen in ihre Wohnung zurückgekehrt war, ebenso, daß sie die ganze Zeit in Rouen gewesen war, mit Ausnahme jenes einen Tages, wo Rémi sie besucht hatte.

Aber sie war nicht ganz beruhigt nach Paris zurückgekommen, Christians Briefe kamen ihr etwas mysteriös vor. Selbstverständlich erwähnte er nichts von jenem Tage, den er selbst in Paris zugebracht, aber er hatte ihr von jener Szene mit Arlette in Taschouères erzählt, den wahren Ausgang jedoch verschwiegen. Wie jeden Mann, verlangte ihn danach, ihr zu beweisen, daß er auch noch andre Frauen erobern könne. Sollte Arlette eifersüchtig geworden sein – auf Christian oder auf Rémi? Sollte sie ihm etwas gesagt haben? Das mußte sie wissen, mußte Arlette im Gespräch sondieren, ehe sie Christian wieder sah, der heute abend zurückkommen wollte.

Munter und graziös trat sie bei Arlette ein, in ihren langen Pelzmantel gehüllt. Arlette zuckte fast unmerklich zusammen, als sie sich über sie beugte und einen Kuß auf ihre Haare drückte.

»Ach, Liebste, ich hab mich so danach gesehnt, dich wiederzusehen, besonders seit ich hörte, daß du leidend wärest. Ich habe in Rouen alles stehen und liegen lassen, um rasch herzukommen. Aber ich hoffe, dir fehlt nichts Ernstliches?«

Sie hielt Arlettens schmale Hand in der ihren und blickte sie anscheinend besorgt an.

»Nein, nein, nichts Ernstliches,« sagte Arlette.

»Der Arzt behauptet, es sei nur Neurasthenie, und ich weiß selber nicht recht, was mir fehlt. Ich mag nicht essen und mich nicht bewegen und schlafe schlecht. Aber heute ist mir schon etwas besser.«

Madeleine ließ sich von Martine den Pelz abnehmen, setzte sich neben das Bett und fing an, von allem möglichen zu plaudern, von ihrer Reise, von Toiletten, die sie sich bestellt hatte, und von den neusten Plänen der »Bande«. Dann fragte sie leichthin:

»Hast du Nachricht vom Fürsten, und ist er noch in St. Clair?«

»Ich habe ihn seit Taschouères nicht gesehen,« antwortete Arlette, »aber sein Diener hat Martine gesagt, er käme heute abend.«

»Dies dumme Ding scheint wirklich nichts zu wissen,« dachte Madame de Guivre und fuhr fort zu schwatzen, dabei war sie äußerst liebenswürdig und verhätschelte Arlette wie ein krankes Kind. Die Fürstin hörte alles mit an, als spräche man in einer fremden Sprache zu ihr, die sie früher einmal verstanden, aber wieder vergessen hatte, und dabei dachte sie:

»Vor und nach meiner Heirat ist sie die Geliebte meines Mannes gewesen – und jetzt die Geliebte eines andern, der nicht mein Gatte ist und von dem ich mich Mutter fühle. Wir beide wissen ungefähr alles voneinander, und sie nennt sich meine beste Freundin, und ich lasse sie ruhig so sprechen. – Und da sitzt sie an meinem Bett, um mich zu pflegen und aufzuheitern, wie sie sagt – –«

Ihr kam das alles so unwahrscheinlich vor, wie in einem jener Träume, wo das Bewußtsein bis zu einem gewissen Grade wach ist und man selbst fühlt: Das ist ja alles nicht wahr, und wenn ich aufwache, ist es vorbei. »Und doch war dieser böse Traum die Wirklichkeit, in der ich lebte,« dachte sie. Dabei antwortete sie ganz mechanisch auf Madeleines Fragen:

»Wann denkst du denn aufzustehen, Liebste?«

»Ich weiß selbst nicht – morgen vielleicht.«

»Darfst du denn ausgehen?«

»Der Doktor hat es mir nicht verboten, ich bin nur selber zu faul.«

»Dann tu mir doch den Gefallen und bleib noch bis morgen abend liegen, um dich zu schonen, und dann stehst du auf, und ich hole dich zum Diner ab. Die ganze ›Bande‹ trifft sich morgen im Restaurant Kieffer und geht dann in die Bouffes, um eine neue Operette anzuhören.«

»Amüsant?«

»Ach, natürlich lauter Blödsinn. Aber es wird dir gut tun und dich nicht zu sehr angreifen.«

Dann stand sie auf und sah Arlette lächelnd an.

»Ich begreife, daß du dich so gefällst, Kind – du siehst entzückend aus mit deinem halbaufgelösten Goldhaar. Die Bettruhe hat dir auch gut getan, du hast viel mehr Farbe. – Martine, bitte, meinen Mantel. Also schone dich recht, daß du morgen mitkannst.«

Sie beugte sich über Arlette und küßte sie flüchtig auf die Wange.

»Also abgemacht.«

»Ja, ja.«

Als sie dann ging, lag Arlette schweigend da und dachte nach. Sie fühlte keinen Haß gegen Madeleine, sondern nur, daß auch das Band gesellschaftlicher Sympathie, daß sie miteinander verknüpfte, sich immer mehr lockerte. Als sie Madeleines schöne, hohe Gestalt in der Tür verschwinden sah, sagte ihr jenes Ahnungsvermögen, welches manchmal großen Krisen vorangeht, daß Madeleine jetzt auch aus ihrem Leben für immer verschwinden würde.

Madame de Guivre begab sich von diesem Besuch direkt nach Hause, über den Hauptpunkt war sie jetzt beruhigt. Gegen fünf Uhr ließ sich der Fürst bei ihr melden. Madeleine ließ ihn etwa eine Viertelstunde warten und empfing ihn dann ziemlich frostig. Natürlich kam es bald zu der unvermeidlichen Aussprache. Madeleine teilte ihm mit, daß sie von seiner Spionage unterrichtet sei; ihr Mädchen und verschiedene Leute aus der Nachbarschaft, die ihn von Ansehen kannten, hatten ihn beobachtet. Sie übertrieb ihre Entrüstung:

»Ich will nicht so überwacht werden und kann es nicht leiden, wenn man so mißtrauisch gegen mich ist. Wir stehen uns völlig frei gegenüber. Wenn es so weitergeht, ist es besser, wir brechen alles ab.«

Manches Mal früher, wenn sie solche Worte sagte hatte er sich ihr zu Füßen geworfen und geweint wie ein Kind. Aber diesmal stand er mit ernsthaftem Gesicht da und schwieg.

»Hast du mich verstanden, Christian?« wiederholte sie.

»Gewiß, ich habe dir unrecht getan und bitte um Entschuldigung. Aber ich glaube, kein Mann ist sicher vor solchen Torheiten, wenn er so liebt, wie ich dich liebe. Ich begreife aber, daß du dich verletzt fühlst und bitte noch einmal, verzeih es mir.«

Dabei blickte er sie so fest an, daß sie sich beinah fürchtete und nichts mehr sagte. In seinen Augen hatte sie etwas von jener drohenden Mordlust aufflammen sehen, die sie schon mehr wie einmal erschreckt hatte. Rémis Bild, wie er blutend und entstellt vor ihr lag, verfolgte sie schon nächtelang im Traum. Und auch dieses Mal versuchte sie Christian zu entwaffnen und ließ ihn wieder in seine Rechte eintreten. Er war sichtlich froh, daß sie ihm verziehen hatte, aber es fiel ihr auf, daß eine gewisse Unruhe in ihm zurückblieb. Und das ängstigte sie unsagbar. »Was hat er nur,« dachte sie, »worüber sinnt er nach?« Die Angst um Rémi trieb sie an, mit einer beinah exaltierten Hingabe seinem Begehren zu willfahren. – Christian blieb zum Essen und verließ sie erst um Mitternacht. Er war jetzt wieder ruhig und heiter geworden: »Wenn eine Frau sich so hingibt, kann sie nicht lügen,« dachte er, und sein Argwohn war wieder völlig geschwunden. Mit raschen elastischen Schritten begab er sich nach dem Park Monceau in seinen Klub, wo er seine Bekannten beim Jeu traf. Er beteiligte sich und gewann fast unaufhörlich, so daß er zum Schluß seinen Gewinn auf etwa 60 000 Franks beziffern konnte.

Als er sich auf den Heimweg machte, war ihm zumute, als hätte er sich um zwanzig Jahre verjüngt; seine Erfolge als Liebhaber erfüllten ihn mit Stolz und Freude, er fühlte Kraft und Selbstvertrauen genug in sich, um noch auf weitere Abenteuer auszugehen und sprach ein hübsches Mädchen an, das gerade vorbeikam. Seine stattliche, elegante Erscheinung schien Eindruck auf sie zu machen, sie gab ihm ihre Adresse und bestimmte ein Rendezvous. Die Adresse hatte er ein paar Schritte weiter schon wieder vergessen; aber dies kleine Intermezzo tat seiner Eitelkeit wohl, und wie jedem Mann, der die Vierzig überschritten hat, gewährte es ihm eine innere Genugtuung, zu fühlen, daß er immer noch jung und elastisch war.

Zu Hause angelangt, fand er den Vorplatz erhellt und den Diener auf einer Bank eingeschlafen. Er fuhr rasch in die Höhe, als Christian ihn mit seinem Spazierstock berührte. Während er ihm den Überzieher ablegen half, sagte er:

»Auf dem Tisch im Arbeitszimmer liegt ein Billett von der gnädigen Frau, das sie Hoheit gleich zu lesen bittet.«

»Was mag sie nur wollen?« dachte Christian, »vielleicht die Szene von neulich abend weiter fortsetzen. Und warum denn nicht?«

Er war heute nacht so gut aufgelegt, daß ihm der Gedanke an eine freundlichere Gestaltung seines Ehelebens gar nicht unsympathisch erschien. Madeleine hatte heute wiederholt von Arlette gesprochen, in einem Ton, der etwas wie Angst durchblicken ließ. Das führte ihn irre, er hielt es für Eifersucht und lächelte bei dem Gedanken, sich auf diese Weise für die Qualen zu rächen, die seine Maitresse ihm letzthin bereitet hatte.

So ging er in sein Arbeitszimmer, wo der Diener inzwischen rasch das elektrische Licht angezündet hatte. Der Brief lag auf dem Tisch und er machte ihn gleich auf:

»Ich wäre dir sehr dankbar, Christian, wenn ich dich heute abend noch sprechen könnte, einerlei, wie spät es ist. Ich erwarte dich in dem kleinen Salon neben meinem Schlafzimmer.

Arlette.«

Die Kürze des Billetts und der ganze Ton ließ ihn ahnen, daß es sich um etwas Ernstes handle. Er dachte einen Augenblick nach und schwankte zwischen zwei Hypothesen: eine Kaprice von Arlette oder – was weniger schmeichelhaft gewesen wäre – sie hatte Schulden zu beichten. »Es ist schon gut, Urban,« sagte er zu dem Diener, »du kannst schlafen gehen.«

Das Arbeitskabinett war durch zwei große Salons und den Eßsaal von den Zimmern seiner Frau getrennt. Sämtliche Räume gingen nach der andern Seite auf eine lange Galerie hinaus, die als Antichambre diente. Christian überlegte einen Moment, ob er durch den Salon oder die Galerie gehen sollte. Das erstere erschien ihm bei der ganzen Art ihrer Beziehungen zu intim, und so wählte er die Galerie. Trotzdem war er überzeugt, daß Arlette ihm ein Rendezvous geben wollte, und seine Vermutung bestärkte sich, als in der halboffenen Tür ihres Boudoirs eine weibliche Gestalt erschien. Erst als er näher kam, erkannte er Martine.

»Hoheit lassen bitten, sie hier zu erwarten.«

Es entging ihm nicht, daß sie äußerst verwirrt und erregt schien. »Aha, ihre Helfershelferin und Vertraute,« dachte er. Seine Sinnlichkeit, die Madeleines Umarmungen heute nicht zu stillen vermocht hatten, regte sich, und ein Zittern durchlief seinen Körper in dem Gedanken, daß Arlette gleich erscheinen würde.

Martine war wieder hinausgegangen, und es vergingen ein paar Minuten. Im Nebenzimmer hörte er Geflüster und dann etwas wie unterdrücktes Schluchzen, es klang fast wie ein leiser Aufschrei. Einen Augenblick später erschien Arlette in einem schwarzen, enggeschlossenen Kleid. Christian wunderte sich darüber, er hatte erwartet, sie wie damals halbnackt in irgendeinem durchsichtigen Negligé zu sehen. Sie reichte ihm die Hand und sagte in ruhigem Ton:

»Verzeih, Christian, daß ich dich noch so spät belästige.«

Er behielt ihre Hand in der seinen, obwohl er fühlte, daß sie sich ihm zu entwinden versuchte.

»Im Gegenteil, ich habe mich zu entschuldigen, daß du so lange hast warten müssen. Ich war noch im Klub und hab mich zu einer hitzigen Partie verleiten lassen, die sich bis um ein Uhr hingezogen hat. Dabei habe ich unverschämt gewonnen, gegen 60 000 Franks.«

Sie standen sich gegenüber und beobachteten sich. Arlette las das sinnliche Verlangen in seinen, noch vom Wein glänzenden Augen, und er seinerseits wunderte sich über ihren ernsten Ausdruck. Es war ihm peinlich und er ärgerte sich darüber; wieder kam ihm der Gedanke, daß sie Schulden habe und sie nicht einzugestehen wagte. Aber im Gefühl seines fabelhaften Gewinnes von heute abend kam ihm das so nebensächlich und gleichgültig vor.

Er trat hinter sie und sagte leise, in zärtlichem Ton: »Du siehst entzückend aus heute, aber warum plagst du dich damit, mitten in der Nacht dein Korsett und ein so festgeschlossenes Kleid anzubehalten?«

Seine schönen, kräftigen Hände legten sich um ihre Taille, sie entwand sich ihm leise und ohne Heftigkeit, so daß Christian es für Koketterie hielt und weiter in sie drang.

»Ich bin neulich nicht sehr galant gewesen,« sagte er, »aber ich war müde und nervös. Laß mich es heute wieder gut machen.«

Er hielt sie umschlungen und seine Lippen suchten die ihren. Arlette sträubte sich, aber nicht in wildem Abscheu, wie sie sich vorher im Gedanken an diese Szene ausgemalt hatte, es machte sie nur ungeduldig und nervös, was hatten diese Frivolitäten mit allen ihren schweren Sorgen zu tun?

»Christian, ich bitte dich,« sagte sie so ernst, fast tragisch, daß er sie sofort losließ und seine gewohnte gesellschaftliche Haltung wieder annahm. Dabei spielte ein etwas boshaftes Lächeln um seine Lippen.

»Du bist wirklich manchmal etwas seltsam, teure Freundin. Neulich, in Taschouères, erwartest du mich im Korridor in einem Kostüm – und auch dein Benehmen war so, daß ich glauben mußte, ganz gut bei dir angeschrieben zu sein, und dann plötzlich wolltest du nichts mehr von mir wissen. Und heute läßt du mich um zwei Uhr morgens hierherkommen, um es wieder ebenso zu machen. Da soll jemand anders draus klug werden. –«

»Ja, du hast recht, Christian, ich habe damals zu schlimmen Mitteln gegriffen, um mich dir wieder zu nähern. – – Aber seitdem – – habe ich viel nachgedacht und viel gelitten. Du darfst mir völlig vertrauen. Was ich dir zu sagen habe, wird dir vielleicht sehr peinlich sein, aber ich will keine Ausflüchte machen und dir die volle Wahrheit sagen.«

»Natürlich sind es Schulden,« dachte er, aber der Ton, den sie anschlug, kam ihm immer seltsamer vor, und seine Enttäuschung verwandelte sich in heftige Ungeduld – die Ungeduld des Genußmenschen, dem man plötzlich mit ernsten Dingen kommt.

»Mein Gott, wenn es sich um unangenehme Sachen handelt, wollen wir sie lieber bis morgen aufschieben. Oder eilt es sehr?«

»Ja, Christian, bitte, höre mich ruhig an.«

Er setzte sich neben dem Kamin aus einen niedrigen Sessel.

»Also bitte.«

Arlette war zumute, als sähe sie einen Abgrund vor sich, in den sie sich freiwillig hinabstürzen sollte, und einen Augenblick wich sie unwillkürlich davor zurück.

»Christian, du darfst nicht zu hart gegen mich sein, – ich habe mich sehr verlassen gefühlt, seit wir verheiratet sind.«

Der Fürst war jetzt völlig ernüchtert und begann zu ahnen, daß sie ihm nicht nur von Geldsachen sprechen wollte. Aber das irritierte ihn nur um so mehr, obgleich er sich äußerlich wieder vollkommen beherrschte.

»Meine liebe Arlette, mir scheint, du bist sehr nervös, und du wirst begreifen, daß dein Empfang auch auf mich nicht sehr erheiternd gewirkt hat. Überlege es dir, bitte, noch einmal, ehe du fortfährst. Wenn du mir etwa Vorwürfe über mein Verhalten machen willst, so finde ich das nicht sehr angebracht.«

Sie machte eine verneinende Bewegung.

»Also keine Vorwürfe? Dann willst du mir wahrscheinlich dein Herz ausschütten – ich bitte dich, verschone mich damit.«

»Aber Christian.«

»Ich verlange keine Konfidenzen. Wenn du Schulden gemacht hast, so schicke deine Lieferanten zu Verdet. Ich will noch einmal alles bezahlen. Das mußt du mir doch lassen, daß ich dir über solche Dinge niemals Vorwürfe gemacht habe.

»Ja, Christian, das ist wahr. Vielleicht wäre es für uns beide besser gewesen, du hättest mich manchmal deine Autorität fühlen lassen.«

»Das sind ja sehr schöne Ansichten,« sagte der Fürst lächelnd.« Du hast dich wohl zu irgend einem neuen Glauben bekehrt. Es fiel mir schon seit einiger Zeit auf, daß du viel ernster geworden bist. Da steckt wahrscheinlich ein Beichtvater dahinter. – Also abgemacht, ich bezahle deine Schulden, und du machst keine wieder. Aber als Revanche dafür bitte ich dich, verschone mich mit Vorwürfen darüber, daß ich von meiner Freiheit Gebrauch mache. Ich bin kein Muster von einem Ehemann gewesen, soviel ist sicher, aber in unsren Kreisen kommt so etwas öfters vor, und unsre ganze Art, zu leben, bringt es mit sich. – Und habe ich dir nicht von jeher dieselbe Freiheit gelassen, die ich für mich beanspruchte?«

»O ja,« murmelte Arlette, »ich habe nur allzuviel Freiheit gehabt.«

»Bitte, verleumde dich nicht. Du hast deine Haltung der Welt gegenüber immer tadellos bewahrt, und wenn sich irgend jemand eine Kritik über dich erlauben sollte, hat er es mit mir zu tun. – Also sprich morgen mit Verdet, er wird alles in Ordnung bringen. Ist es dir recht so und kann ich mich jetzt zurückziehen?«

Er stand auf und ging nach der Tür zu. Arlette hielt ihn zurück, sie zitterte davor, daß es nicht mehr zur Aussprache kommen würde.

»Christian, es handelt sich nicht um Geldangelegenheiten und ähnliches. – Fühlst du denn nicht, daß ich dir etwas sehr ernstes zu sagen habe?«

Der Fürst wurde plötzlich rot im Gesicht und blieb stehen. Dann sagte er, aufs äußerste gereizt:

»Aber ich will keine Geständnisse, kannst du es denn nicht begreifen? Ich will keine, will absolut keine. Ich verlange keine Rechenschaft von dir und finde es albern und unpassend, daß du sie mir aufzwingen willst.«

»Du mußt mich anhören, Christian.«

»Ach, laß mich in Ruhe. Mir scheint, du hast dir vorgenommen, mich aus der Fassung zu bringen.«-

Aber als er die Hand auf den Türgriff legte, sagte Arlette mit leiser, fester Stimme: »Ich bin dir untreu gewesen.«

Der Fürst fuhr zusammen. Arlette sah, daß er nach Atem rang. »Nun wird er mich gleich totschlagen,« dachte sie. Aber er setzte sich wieder auf den niedrigen Stuhl am Kamin und legte die Hände auf dessen zierliche Lehne. Dann blickte er Arlette feindselig an und sagte mit etwas heiserer Stimme:

»Du bist verrückt geworden. – Du träumst. Hättest du wirklich einen Liebhaber, so würdest du es mir nicht sagen. Ich habe keinerlei Rechenschaft von dir verlangt.«

»Nein, Christian, ich bin völlig bei Sinnen. Ich habe ein Verhältnis gehabt – im letzten Frühjahr. Und ich schwöre dir, es war das einzige Mal, daß ich mich gegen dich vergangen habe. Zwei Monate lang habe ich ihm angehört, und seitdem ist nichts derartiges mehr vorgefallen.«

»Wirst du endlich schweigen,« schrie Christian, und die schwache Lehne des Stuhles krachte unter seinen geballten Fäusten. »Ich sage dir noch einmal, ich will keine Geständnisse von dir. Erstens glaube ich nicht daran, und zweitens ist es mir völlig gleichgültig, was du mir da erzählst. Hörst du, absolut gleichgültig. – Ich weiß, daß du nichts taugst, ebenso wie dein Vater und deine Mutter. Und würde mein eigner Name dadurch nicht mit besudelt, so hätte ich dich schon längst zu ihnen zurückgeschickt.«

Seine beschimpfenden Worte glitten völlig von ihr ab. Sie wollte ihm die volle Wahrheit sagen und empfand schon das, was sie bisher gesagt hatte, als Erleichterung.

»Es handelt sich nicht um meine Eltern, Christian, ich bin für mich selbst verantwortlich, und ich bitte dich um Verzeihung.«

»Verzeihung! was sollen solche Scherze. Ich wiederhole dir, daß dein persönliches Leben mir völlig gleichgültig ist; mir genügen die Unannehmlichkeiten, die du mir durch deine unsinnigen Ausgaben gemacht hast, vollauf. Weißt du, daß Verdet heute Morgen einen Zahlungsbefehl über fünfzehntausend Francs von Jousselin bekommen hat, unter Androhen der Pfändung – Pfändung im Hause des Fürsten von Ermingen! Und das hätte ich dir verdankt – wenn ich nicht bezahle. Und womit bezahlen – mit deiner Mitgift etwa?«

»Soll ich dir den Namen nennen?« fragte Arlette, als ob sie alles andre nicht gehört hätte.

»Ich befehle dir zu schweigen,« sagte der Fürst erbleichend.

Er blieb eine Zeitlang regungslos sitzen, die Adern auf seiner Stirn waren mächtig angeschwollen. Arlette sprach nicht weiter, sie fürchtete, ihn möchte jeden Augenblick ein Schlaganfall treffen. Und sie wunderte sich beinah, daß sie selbst noch am Leben war, daß diese mächtigen Fäuste nicht zermalmend auf sie niederfielen.

Christian litt tatsächlich. Ihre Worte hatten ihm nichts neues gesagt, sie und Rémi hatten seinerzeit so wenig Hehl aus ihrer Intimität gemacht, daß man kaum zweifeln konnte. Aber er hatte sich nicht darum bekümmert, so lange der Schein nach außen gewahrt und ihr Verhältnis in den Grenzen einer gesellschaftlich geduldeten Liaison blieb. Nur über ihr Geständnis war er empört, es kam ihm vor, als müßte damit der Skandal beginnen, und nur der Wunsch sie zum Schweigen zu bringen, ließ ihn seine Selbstbeherrschung wahren.

Er war der erste, der jetzt wieder das Wort ergriff, und seine Stimme klang müde, beinah wie die eines Kranken, der sich beklagt:

»Ich bitte dich, kein Wort mehr darüber. Ich will den Namen nicht wissen, unter keiner Bedingung. Du wirst selber einsehen, daß die Sache dann weitere Konsequenzen haben und alles an die Öffentlichkeit gelangen würde. Das will ich nicht. Der Name Ermingen soll durch deine galanten Abenteuer nicht besudelt werden. Also schweige, wenn es dir möglich ist. Du hast mir schon Qual genug bereitet – ich hasse und verachte dich. Sprich kein Wort mehr zu mir. Vor der Welt wird alles bleiben wie es war, und wir werden wie bisher miteinander verkehren. Aber unter vier Augen kenne ich dich nicht mehr, das ist vorbei. Und sieh dich vor, daß du mir nicht zu oft in den Weg kommst, sonst stehe ich für nichts ein.«

»Christian, ich versichre dich, es schmerzt mich tief, dir wehe getan zu haben – aber ich habe dir noch nicht alles gesagt.«

»Aber du weißt, daß ich den Namen nicht hören will« – und seine Züge verzerrten sich – »und ich schwöre dir, ich zwinge ihn dir in deine Kehle zurück, wenn du es trotzdem versuchst, ihn auszusprechen.«

»Er wird mich umbringen,« dachte Arlette, und zum ersten Mal schien ihr der Gedanke an den Tod fast wie eine Befreiung.

»Nein, ich werde den Namen nicht aussprechen, wenn du es nicht willst, aber ich muß dir noch sagen, daß jener Mann – – daß ich mich von ihm Mutter fühle.«

Sie schloß die Augen, wie um den Todesstreich zu empfangen, und hörte, wie Christian plötzlich aufstand, der Stuhl ging krachend in Trümmer und dann klang eine heisere Stimme dicht vor ihrem Ohr:

»Gemeinheit!«

Sein heißer Atem streifte ihr Gesicht, unwillkürlich schlug sie die Augen auf und sah seine entstellten Züge dicht vor sich.

»Gemeinheit!« wiederholte er noch einmal, und dann raunte er ihr atemlos zu:

»Wenn man sich benimmt wie eine Dirne, so weiß man auch die Folgen zu vermeiden wie eine Dirne. Man hütet sich wohl, einen Bastard in die Welt zu setzen, wenn man einen Namen trägt wie den meinen, hörst du.«

Und zweimal nacheinander beschimpfte er sie, die blaß wie eine Tote dastand, mit einem gemeinen Wort, wie es das Volk zu brauchen pflegt. Sie rührte sich nicht, antwortete keine Silbe, auch dann nicht, als seine geballte Faust schwer auf ihre Schulter niederfiel.

Aber bei dieser Berührung ihres zarten Körpers schien ihn plötzlich die Scham zu überkommen, und er ließ sich wieder auf einen Sessel in der Nähe des Kamins niedersinken. Mechanisch nahm er das Spitzendeckchen von einem kleinen Tisch und trocknete sich damit den Schweiß ab. Die kleine Decke war voller Staub, der sich mit den Schweißtropfen vermischte und dunkle Streifen auf seinem Gesicht zurückließ. Es bekam dadurch etwas von einer Maske, halb komisch und halb unheimlich anzusehen.

»Wenn ich denke, daß ich so etwas geheiratet habe,« grollte er mit einem Blick auf Arlette.

»Christian,« flehte sie, »hab Erbarmen – du hast mich immer so allein gelassen.«

»Ah, das ist denn doch der Höhepunkt,« rief der Fürst, »jetzt ist es auch noch meine Schuld. Weil ich dich allein gelassen habe, läßt du dir von einem andern ein Kind anhängen. Wenn alle Frauen so dächten wie du, würde die Welt sich leicht bevölkern. – Ich möchte nur wissen, ob du es aus Dummheit getan hast oder aus Bosheit (er stand auf und kam wieder auf sie zu). Ich habe eine Geliebte, das hast du immer gewußt, aber es ist mir nie eingefallen, dir einen Bastard ins Haus zu bringen und zu verlangen, daß du ihn für deinen Sohn ausgibst. – Jetzt begreife ich auch, wie es mit dem Abend in Taschouères zusammenhing – ah, du bist doch schlauer, wie ich gedacht hätte.«

Arlette hatte bisher nicht geweint, aber jetzt liefen ihr große Tränen über die Wangen.

»Laß das Geheul,« sagte der Fürst; er gab sich Mühe, seine Gedanken zu sammeln und seine Stimme zu beherrschen – »wir müssen jetzt sehen, wie wir die Geschichte am besten und ohne Skandal arrangieren. Wieviel Monate sind es jetzt, daß du schwanger bist.«

»Ich glaube vier.«

»Vier Monate, aber bist du toll, so lange zu warten? Hast du denn gar nicht daran gedacht, irgendwelche Schritte zu tun. So antworte doch.«

»Ich glaube, ich verstehe, was du meinst,« sagte Arlette nach kurzem Nachdenken, »ja – ich habe anfangs auch daran gedacht, aber jetzt bin ich entschlossen, um keinen Preis etwas derartiges zu tun.«

»Aber ich verlange es von dir,« erklärte der Fürst, und wieder schwollen die Adern auf seiner Stirn, »ich will auf keinen Fall, daß dieses Kind zur Welt kommt.

»Es hat keinen Zweck, das von mir zu verlangen, Christian, denn ich bin fest entschlossen, es nicht zu tun. – Ich habe mich gegen dich vergangen und habe mich vor dir gedemütigt. Aber das will ich nicht, kann ich nicht.«

»So,« stammelte er, »du willst deinen Bastard also in meinem Hause zu Welt bringen und ihn für meinen Sohn ausgeben. Höre Arlette,« und er machte eine gewaltsame Anstrengung sich zu beherrschen, »es ist nicht zu deinem Vorteil, wenn du mich zum Äußersten treibst.«

»O nein, Christian, Gott ist mein Zeuge, daß mir fern liegt, dich reizen oder quälen zu wollen. Ich bin zu allem bereit, um dir die Folgen meiner Schuld zu ersparen, nur wo es gegen das Wohl meines Kindes geht, darfst du nichts von mir verlangen. Du mußt doch begreifen, daß ich auf alles andre verzichtet habe, als ich jetzt hierherkam.«

Sie sagte das in so bestimmtem Ton, daß Christian überrascht war und nicht gleich antwortete. Sie kam ihm völlig verwandelt vor in ihrer freimütigen Entschlossenheit.

»Du wirst aber doch nicht annehmen, daß ich das Kind eines andern als meines anerkenne,« sagte er.

»Aber das verlange ich ja auch gar nicht von dir.«

Er ging im Zimmer auf und ab, sein Gesicht war verzerrt, und von Zeit zu Zeit, stieß er unartikulierte Töne aus. Arlette war erschöpft in einen Stuhl gesunken, sie war fast am Ende ihrer Kraft und fühlte von Zeit zu Zeit einen heftigen Schmerz in ihrem Innern. Aber sie wehrte sich mit aller Macht dagegen, es schien ihr, als ob der körperliche Schmerz ihr die Klarheit raubte, deren sie so sehr bedurfte. Sie betrachtete Christian mit einem Gemisch von Furcht und Mitleid, wie er endlich am Kamin stehen blieb und in kurzen, gebieterischen Sätzen zu sprechen begann, als ob er zu einem Dienstboten redete.

»Du mußt ins Ausland reisen und dort so lange bleiben.«

Arlette nickte bejahend.

»Wir werden keinen Arzt ins Vertrauen ziehen. Du läßt dich unter falschem Namen an irgend einem kleinen Ort in Deutschland oder Italien nieder, den wir noch bestimmen werden. Deine Kammerzofe Martine wird die Sache wohl ahnen?«

»Sie weiß alles.«

»Hältst du sie für sicher?«

»Absolut.«

»Dann kannst du sie also mitnehmen. – Wir werden irgend einen Grund, zum Beispiel deine Gesundheit, angeben, um deine lange Abwesenheit zu motivieren.«

Wieder nickte sie zustimmend.

»Wenn es Zeit zur Entbindung ist, benachrichtigst du mich. Ich werde dann selbst kommen und verspreche dir, daß es dir an nichts fehlen soll.«

»Ich danke dir, Christian, so viel Güte hätte ich kaum von dir erwartet.«

»Für den Unterhalt und die Erziehung des Kindes werde ich sorgen.«

»Auch das willst du tun?«

»Ja, aber unter einer Bedingung: daß du es nie wieder siehst.«

»Wie?« fragte Arlette, »du willst es mir wegnehmen?«

»Ja, sobald es geboren ist. Und du wirst mich niemals fragen, wo es sich befindet. Aber ich gebe dir mein Wort darauf, daß es gut aufgehoben sein und nichts entbehren wird und später irgendetwas lernen soll, womit es sich seine Zukunft sichern kann.«

Arlette schüttelte den Kopf und sagte nur:

»Davon kann nicht die Rede sein.«

»Was willst du damit sagen?«

»Daß ich mich nicht von meinem Kinde trennen will.«

»Du willst nicht?« höhnte der Fürst, »du willst nicht? Es steht dir sehr gut an, so zu reden. Weißt du denn auch, daß du überhaupt nichts zu wollen, sondern dich einfach zu fügen hast. Oder ich lasse dich einfach einsperren, in St. Lazare – unter Wahnsinnigen und Dirnen.«

»Christian!«

»Mir scheint, ich habe Geduld genug gehabt, und ich glaube, wenige Männer würden so wie ich handeln. Aber ich schwöre dir, wenn du fortfährst, mir zu trotzen, so zerschmettere ich dich!«

Er war kaum imstande, zu sprechen, ein paarmal versagte ihm die Stimme. Arlette versuchte, ihn zu beruhigen:

»Aber Christian, ich trotze dir ja nicht. Mein Gott, nichts liegt mir so fern wie das. Schick mich, wohin du willst, meinetwegen fürs ganze Leben. Du hast das Recht, mich zu strafen, und ich will jede Strafe über mich ergehen lassen, nur mich nicht von meinem Kinde trennen.«

»Danach wirst du nicht gefragt werden,« sagte er.

»Dann sage ich dir im voraus, daß ich mich dagegen auflehnen werde.«

Während sie das sagte, sah sie wieder den unheimlichen Ausdruck in seinen Augen aufleuchten.

»Elendes Weib, wenn ich dich hier auf dem Fleck erwürgen könnte,« murmelte er. »Nimm dich in acht – es könnte geschehen, daß ich die Selbstbeherrschung verlöre!«

Er nahm sich immer noch zusammen, die Angst vor einem Skandal hielt ihn zurück. Und was nützte es, wenn er sie zu Boden schlug, sie würde sich niederschlagen lassen und dennoch nicht nachgeben. Das fühlte er wohl, und doch wollte er seinen Willen um jeden Preis durchsetzen. Aber er fühlte sich am Ende seiner Kraft und sagte leise, wie zu sich selbst:

»Aber was tun? – was tun?«

»Kannst du mich nicht unter irgend einem Vorwand aus deinem Leben verschwinden lassen,« flehte Arlette, »du könntest ja sagen, ich wäre in einem Sanatorium oder in einer Irrenanstalt. Kein Mensch interessiert sich für meine Existenz, also wird sich auch niemand darum kümmern. Oder laß mich einfach für tot gelten.«

Sie sagte das so aufrichtig, daß er etwas milder gestimmt wurde.

»Trennung,« murmelte er, »aber man wird doch alles erfahren, es sich zusammenreimen, – ah, es ist eine abscheuliche Lage für mich!«

Er setzte sich auf den Divan, seine Züge schienen plötzlich zu altern und zu erschlaffen, und große Tränen rollten ihm übers Gesicht.

»Christian,« rief Arlette, »ach, verzeih mir.« Sie selbst hatte ihm alles verziehen in dem Moment, wo sie sah, welchen Schmerz sie ihm bereitete.

»Wir müssen versuchen, klar zu sehen und eine Entscheidung zu treffen,« begann er wieder, »am besten wird es sein, wir lassen uns scheiden, so diskret wie möglich. Von deiner Schwangerschaft darf dabei natürlich nicht die Rede sein, ich nehme die Schuld auf mich.«

»Ich bin zu allem bereit, wie du es wünschest.«

Er ruhte einen Augenblick vom Denken aus, wie jemand, der schwere Arbeit getan hat. Ihm war, als habe er jetzt die Lösung gefunden. Arlette würde aus seinem Leben verschwinden – niemand sie wiedersehen – vielleicht konnte er dann doch noch Madeleine heiraten.

»Also abgemacht,« sagte er, »Entbindung im Ausland – vorläufig freundschaftliche Trennung und späterhin Scheidung auf Antrag von dir.«

Arlette zögerte.

»Warum antwortest du nicht?«

»Ich sage dir noch einmal, ich will mich dir in allem nach Möglichkeit fügen – ausgenommen, was das Kind angeht.«

»Wieso, das Kind?«

»Wie wird die Stellung des Kindes sich gestalten – vor und nach der Scheidung?«

Christian dachte nach, es machte ihn nervös, daß sich schon wieder ein Einwand erhob.

»Das Kind, – – aber niemand wird es zu sehen bekommen oder überhaupt von seiner Existenz erfahren, da wir die ganze Sache geheim halten wollen. Es wird einfach nicht von ihm die Rede sein. – Halt, jetzt weiß ich einen Ausweg, einen ganz vorzüglichen, da du es dann ruhig bei dir behalten und selbst erziehen kannst.«

»Was meinst du?« fragte Arlette ängstlich.

»Du hast mir doch gesagt, daß Martine alles weiß.«

»Ja.«

»Nun also, man gibt ihr eine anständige Summe, und dafür läßt sie das Kind dort, wo es geboren wird, als ihres eintragen.«

»Nein, Christian,« antwortete Arlette, »ich kann unmöglich sagen, daß es nicht mein Kind ist. – Aber was kann dir das ausmachen?« fragte sie, denn sie las in seinen Zügen, daß der Sturm von neuem begann, – »ich werde ja doch verschwinden, fortgehen, – das schwöre ich dir, wohin du willst, nach Amerika oder Australien meinetwegen, und nie wiederkommen.«

Aber er schien ihre letzten Worte überhört zu haben und sein Zorn wuchs mit jedem Augenblick. »Du bist wahnsinnig,« schrie er mit halberstickter Stimme, »oder da steckt irgend jemand anders dahinter, und ich bin ein Narr, daß ich überhaupt mit dir rede. Wenn du mir nicht gehorchst, jage ich dich einfach fort von hier, das schwöre ich dir – es möchte sogar besser sein, wenn du dich gleich aus dem Staube machst, sonst könnte noch ein Unglück geschehen.

Das Kind wird als das Martinens eingetragen – du kannst es erziehen, wie du willst, ich werde dir die Mittel dazu geben. Du weißt, daß ein Kind von dir, so lange du meine Frau bist, für meines gilt, und ich habe wahrhaftig keine Lust, daß du oder dein Bastard hier eines Tages auftaucht und mir allen möglichen Skandal auf den Hals hetzt.«

»Christian!«

»Ja, ich danke für Skandal – wenn du nicht mehr meine Frau bist, kannst du leben wie du willst, meinetwegen zwanzig Kinder kriegen – ich bin vielleicht nicht der erste Fürst, dessen Frau auf der Straße geendet hat. Aber im Hause Ermingen will ich keine Bastarde. Verstanden?«

»Ich kann nicht,« sagte Arlette ganz leise.

»Was soll das heißen? Was kannst du nicht?«

»Ich kann nicht versprechen, mein Kind nicht als meines anzuerkennen. Wir werden fern von hier leben und ich werde ihm sagen, daß du nicht sein Vater bist; aber daß ich seine Mutter bin, soll und muß es wissen, Christian.«

Dieses letzte Wort klang wie ein Aufschrei des Entsetzens, denn in seinem Gesicht war plötzlich eine furchtbare Wandlung vor sich gegangen. »Sterben,« dachte sie wieder, und der lange aussichtslose Kampf hatte sie so erschöpft, daß sie beinah das Ende herbeisehnte, ein jähes Ende durch diese furchtbare, entfesselte Naturgewalt, die jetzt über sie hereinbrach. In demselben Moment fühlte sie einen heftigen Stoß, ihr zarter Körper gab nach und schlug rückwärts auf den Boden nieder. Sie sah nur noch die hohe Gestalt ihres Mannes vor sich, die ihr in diesem Moment fast gigantisch erschien, und seine ungeschlachten, in Lackschuhe eingezwängten Germanenfüße, sie hatte das Gefühl, als ob dieselben sie zermalmen würden, wie die Räder eines Wagens. – Aber jetzt schrak er doch davor zurück, sie völlig zu vernichten, alle die Qualen, die er in den letzten Stunden erduldet hatte, in ihrem Blut zu kühlen. Er stieß mit dem Fuß nach diesem halb leblosen Körper, der sich vor ihm am Boden wand, aber ohne seiner Raserei völlig freien Lauf zu lassen. Sie fühlte, wie der Stoß ihre Hände traf, die sie unwillkürlich, schützend, über dem Leib verschlungen hatte, und empfand einen heftigen Schmerz im Innern. Fast in demselben Augenblick beugte die riesige Gestalt sich nieder, hob sie vom Boden auf, nahm sie unter den Arm und schleifte sie so an die Tür. Ihr Kopf und ihre Arme stießen gegen die Möbel und ihr Gesicht streifte den Boden, so schleppte er sie durch die Galerie, die das elektrische Licht blendend erhellte, bis an die Entreetür und schob sie, immer noch zitternd vor Wut, in den dunklen Flur hinaus. Arlette hatte die Arme sinken lassen, ihr Kopf stieß gegen das Treppengeländer und sie verlor das Bewußtsein, noch ehe Christian, halb trunken wie ein Mörder, wieder in die Wohnung zurückgekehrt war.

Als Arlette die Augen wieder aufschlug, war ihr zumute, als sei sie in einen tiefen Abgrund gestürzt und aus dem todbringenden Dunkel wieder zum Bewußtsein erwacht. Sie sah alles um sich her in haarscharfer Deutlichkeit bis auf die kleinste Einzelheit, die weiße Treppe mit dem Smyrnateppich, die vergoldeten Bronzeleuchter, den Vorplatz, wo sie lag und links die Tür zu ihrer Wohnung, durch deren Scheiben ein heller Lichtschein von der Galerie herausdrang. Als sie sich bewegte, fühlte sie einen heftigen Schmerz im Kopf, im Innern und an der Hand – – »Vielleicht kommt jetzt der Tod,« dachte sie – und fühlte, wie ihr Wille sich vom Körper gleichsam loslöste und gleichgültig wurde gegen die Leiden des Körpers. Sie befahl ihren Gliedern sich zu bewegen trotz aller Schmerzen, unbeholfen und wie zerschlagen raffte sie sich empor, und schleppte sich zu der Treppe hin. Mit Hilfe des Geländers gelang es ihr, sich niederzulassen und sich auf der ersten Stufe zusammenzukauern. Da blieb sie sitzen, die Brust bis auf die Kniee niedergebeugt und wartete ab, bis sie die Kraft haben würde, sich mit ihren schmerzenden Schenkeln aufzurichten. Und nun begann sie auch wieder zu denken.

Was zwischen ihr und Christian vorgegangen, war vielleicht erst zehn Minuten her, vielleicht aber auch schon eine Stunde oder zwei. Aber sie wußte noch nicht, was jetzt aus ihr werden, wie sie hier von dieser Treppenstufe fortkommen sollte. Von den momentanen Schmerzen gingen ihre Gedanken zurück zu den verflossenen Stunden: »Das ist vorbei und diese entsetzlichen Momente werden nie wiederkehren.« – Und es schien ihr, als sei es der Preis, um den sie sich das Recht auf ihr Kind erkauft hatte. Zum erstenmal seit langer Zeit fühlte sie wieder jene leise Bewegung in ihrem Innern, die Stimme der Hoffnung. Dann überwältigte sie die körperliche Schwäche, ihr Kopf sank auf die Kniee herab, sie vermochte nicht mehr zu denken und wußte nur noch, daß sie nicht schlief.

So verging noch eine Zeitlang.

»Hoheit!«

Arlette schlug die Augen auf – vor ihr stand Martinens schlanke Gestalt im vollen Licht der offnen Entreetür. Und im nächsten Augenblick kniete sie neben ihr, umschlang sie mit den Armen.

»Hoheit, was ist Ihnen geschehen? O mein Gott, sagen Sie nur, daß Sie am Leben sind.«

»Ja, ja, mir fehlt nichts – aber bleib, bleib,« flüsterte Arlette – »laß mich nicht allein.«

»Nein, ich lasse Sie nicht. – Kommen Sie – Sie müssen jetzt hereinkommen, lassen Sie mich Ihnen helfen.«

»Nein,« sagte Arlette entsetzt, »ich will nicht herein, der Fürst hat mich hinausgeworfen. Martine, ich will fort von hier, aus diesem Hause. Ich beschwöre dich, bring mich fort.«

Martine dachte einen Augenblick nach:

»Können Hoheit noch ein Weilchen allein bleiben?« fragte sie, »ich komme sofort wieder.«

»Nein, laß mich nicht allein,« seufzte Arlette.

»Ich bin gleich wieder da, kommen Sie dort auf die Bank, da ist es bequemer –«

Sie führte Arlette zu einer Bank auf dem Vorplatz und verschwand dann in der Wohnung. Arlette hätte sie am liebsten gleich zurückgerufen, sie bebte vor Angst, daß Christian mit ihr zusammen wieder erscheinen könnte.

Endlich kam Martine mit einem Hut und Mantel für Arlette und einer Reisetasche in der Hand. Sie selbst hatte sich auch in aller Hast zum Ausgehen angekleidet, Arlette ließ sich von ihr helfen, die leiseste Bewegung verursachte ihr Schmerzen, aber sie war völlig gleichgültig dagegen.

Als sie, so gut es eben gehen wollte, angekleidet war, faßte Martine sie unter:

»Jetzt die Treppe hinunter,« sagte sie.

Arlette stieg hinunter – die Treppe wurde immer dunkler, je weiter sie kamen, Martine rieb ein Zündholz nach dem andern an. Im Entreesaal mußte die Fürstin sich ausruhen, dann drängte Martine sie vorwärts:

»Wir müssen eilen, Mut, Hoheit.«

Und sie stand auf und ging weiter, ganz mechanisch Stufe auf Stufe, es kam ihr vor, als führten diese Marmorstufen bis ins Innere der Erde hinab. Mit schwacher Stimme fragte sie:

»Wohin gehen wir denn, Martine?«

Und Martine antwortete:

»Aber nach Hause, Hoheit, zu meinem Pierre.«

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