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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
modified20190320
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Die Reise.

Mit seiner gewöhnlichen Gewissenlosigkeit des gleisnerischen Unterhändlers suchte Aurilly Rémy zum Verrat an seiner Herrin zu bewegen, bald durch Gold und bald durch Drohung. Er ahnte nicht, daß hier seiner Arglist mit noch größerer List entgegengetreten wurde. Als Rémy sicher war, daß Aurilly ihn selbst nicht wiedererkannt habe, beschloß seine Herrin, selbst mit einer Maske versehen, mit ihm die Reise nach dem Schloß des Herzogs zu wagen, in der Hoffnung, so am besten ihr einziges Lebensziel zu erreichen. Als Diana und Rémy zum Aufbruch aus ihrem Zimmer herunterkamen, wartete Aurilly unten an der Treppe mit einer Laterne in der Hand und murmelte, gierig, wie er war, das Gesicht der Unbekannten zu sehen: »Teufel, sie hat eine Maske. Oh! doch von hier bis Château-Thierry werden die seidenen Schnüre abgenutzt . . . oder abgeschnitten sein.«

Man brach auf. Aurilly nahm gegen Rémy den Ton völliger Gleichheit an und gegen Diana den Ausdruck der tiefsten Ehrfurcht. Doch vermochte Rémy leicht zu erkennen, daß dieses ehrfurchtsvolle Wesen berechnet war. In der Tat, einer Frau den Steigbügel halten, wenn sie ein Pferd besteigt oder absteigt, über jeder ihrer Bewegungen voll Fürsorge wachen und nie eine Gelegenheit vorübergehen lassen, um ihr den Handschuh aufzuheben oder den Mantel einzuhakeln, ist die Tätigkeit eines Liebhabers, eines Dieners oder eines Neugierigen.

Wenn er den Handschuh berührte, sah Aurilly die Hand; wenn er den Mantel einhakelte, schaute er unter die Maske, wenn er den Steigbügel hielt, suchte er einen Zufall herbeizuführen, um das Gesicht zu erblicken, das der Prinz in seinen verworrenen Erinnerungen nicht erkannt hatte, das er, Aurilly, aber mit seinem guten Gedächtnis wohl zu erkennen hoffte.

Doch er hatte es mit einem starken Gegner zu tun, Rémy forderte seinen Dienst bei seiner Gefährtin und zeigte sich eifersüchtig auf Aurillys Zuvorkommenheit und wurde dabei von Diana selbst unterstützt.

Aurilly war darauf angewiesen, während langer Märsche auf Schatten und Regen zu hoffen und während des Haltens die Mahlzeit herbeizuwünschen. Doch er wurde in seiner Erwartung getäuscht. Regen oder Sonne, das war ganz gleichgültig, die Maske blieb auf dem Gesicht, und die Mahlzeiten wurden von der jungen Frau in einem abgesonderten Zimmer eingenommen.

Aurilly sah ein, daß, wenn er nicht erkannte, man dagegen ihn erkannt hatte; er suchte durch die Schlösser zu sehen, doch die Dame wandte beständig der Tür den Rücken zu; er suchte durch die Fenster zu schauen, doch er fand an den Fenstern dichte Vorhänge oder doch die Mäntel der Reisenden. Weder Fragen noch Bestechungsversuche hatten bei Rémy Erfolg; der Diener erwiderte beständig, dies sei der Wille der Gebieterin und folglich auch sein Wille.

»Aber werden diese Vorsichtsmaßregeln nur meinetwegen allein genommen?« fragte Aurilly.

»Nein, gegen jeden.«

»Aber der Herzog von Anjou hat sie gesehen; damals verbarg sie sich also nicht,«

»Zufall, reiner Zufall,« sagte Rémy, »und gerade weil meine Gebieterin gegen ihren Willen vom Herrn Herzog von Anjou gesehen worden ist, trifft sie ihre Maßregeln, um von niemand mehr gesehen zu werden.«

Die Tage vergingen indessen, man näherte sich dem Ziele, und durch Rémys und seiner Gebieterin Vorsicht waren die Bemühungen des neugierigen Aurilly vereitelt worden.

Schon war das Ende der Reise nicht ferne. Aurilly, der seit drei bis vier Tagen alles versuchte, Freundlichkeit, Schmollen, kleine Aufmerksamkeiten und beinahe Gewalt, fing an, die Geduld zu verlieren, und die schlimmen Instinkte seiner Natur gewannen allmählich die Oberhand. Es war, als erkenne er, unter dem Schleier dieser Frau sei ein tödliches Geheimnis verborgen.

Eines Tages blieb er mit Rémy ein wenig zurück und erneuerte bei diesem seine Bestechungsversuche, die Rémy wie gewöhnlich zurückwies.

»Früher oder später muß ich doch deine Gebieterin einmal sehen,« sagte Aurilly. – »Ohne Zweifel, doch das wird geschehen, wann sie will, und nicht, wann Ihr wollt.«

»Wenn ich aber Gewalt anwendete?« – »Versucht es,« versetzte Rémy, und ein Blitz, den er nicht zu unterdrücken vermochte, sprang aus seinen Augen hervor.

Aurilly sah diesen Blitz; er begriff, welche Energie in dem lebte, den er für einen Greis hielt.

»Welch ein Narr bin ich!« sagte er lachend, »was liegt mir daran, wer sie ist? Nicht wahr, es ist dieselbe, die der Herr Herzog von Anjou gesehen hat?« – »Gewiß.«

»Und die er mir befahl, nach Château-Thierry zu bringen?« – »Ja.«

»Wohl! mehr brauche ich nicht; ich bin nicht in sie verliebt, sondern der Herr Herzog, und wenn Ihr nicht versucht zu fliehen, mir zu entkommen . . .« – »Sehen wir danach aus?«

»Nein.« – »Wir sehen so wenig danach aus, und es ist so wenig unsere Absicht, daß wir, wenn Ihr auch nicht dabei wäret, unsere Reise nach Château-Thierry fortsetzen würden; wünscht der Herzog uns zu sehen, so wünschen wir ihn auch zu sehen.«

»Das trifft vortrefflich zusammen.« Dann fragte er, als wollte er sich versichern, daß Rémy und seine Gefährtin wirklich nicht einen andern Weg einzuschlagen wünschten, auf ein Wirtshaus an der Landstraße deutend: »Will Eure Gebieterin hier einen Augenblick anhalten?« – »Ihr wißt, daß meine Gebieterin nur in Städten anhält.«

»Ich habe nicht darauf achtgegeben.« – »Es ist so.«

»Ich will aber einen Augenblick anhalten; reitet weiter, ich hole Euch ein.«

Aurilly deutete Rémy den Weg an, stieg ab und näherte sich dem Wirt, der ihm mit großer Ehrerbietung und als ob er ihn kennte, entgegenkam. Rémy ritt Diana nach.

»Was sagte er Euch?« fragte die junge Frau. – »Er drückte seinen gewöhnlichen Wunsch aus.«

»Den, mich zu sehen?« – »Ja.«

Diana lächelte unter ihrer Maske.

»Nehmt Euch in acht,« sagte Rémy, »er ist wütend.«

»Er wird mich nicht sehen. Ich will es nicht, und damit sage ich dir, daß er nichts in dieser Hinsicht zu tun imstande sein wird.«

»Muß er Euch aber nicht, wenn Ihr einmal in Château-Thierry seid, mit entblößtem Gesicht sehen?«

»Was ist daran gelegen, wenn die Entdeckung zu spät kommt? Übrigens hat mich der Herr nicht erkannt.«

In diesem Augenblick wurden sie von Aurilly unterbrochen, der, nachdem er einen Seitenweg eingeschlagen hatte und ihnen gefolgt war, ohne sie aus dem Gesicht zu verlieren, plötzlich in der Hoffnung erschien, einige Worte ihres Gesprächs zu erlauern.

Das rasche Schweigen bei seiner Ankunft bewies ihm, daß er lästig war; er begnügte sich daher, ihnen im Abstand zu folgen, wie er dies zuweilen tat.

Von diesem Augenblick stand Aurillys Plan fest. Er mißtraute, er wußte selbst nicht, warum, er mißtraute instinktartig; denn von Vermutungen zu Vermutungen hin und her schwankend, war sein Geist nicht einen Augenblick bei der Wirklichkeit stehengeblieben.

Er konnte sich nicht erklären, warum man ihm so hartnäckig dieses Gesicht verbarg, das er früher oder später sehen mußte. Um seinen Plan besser zum Ziele zu führen, gab er sich von diesem Augenblick den Anschein, als hätte er auf ihn verzichtet, und zeigte sich den ganzen Tag als der bequemste und lustigste Geselle.

Rémy bemerkte diese Veränderung nicht ohne eine gewisse Unruhe. Man kam in eine Stadt und übernachtete hier wie gewöhnlich. Am anderen Morgen reiste man unter dem Vorwand, der Weg, den man zurückzulegen habe, sei lang, bei Tagesanbruch ab. Um die Mittagsstunde mußte man anhalten, um die Pferde ausruhen zu lassen.

Um zwei Uhr brach man wieder auf und reiste noch bis vier Uhr. Ein großer Wald zeigte sich in der Ferne, es war der von La Fère. Er bot den düsteren, geheimnisvollen Anblick der Wälder im nördlichen Frankreich.

Rémy und Diana wechselten einen Blick, als hätten beide begriffen, daß sie hier das Ereignis erwarte, das von der Stunde der Abreise über ihren Häuptern schwebte.

Man kam etwa sechs Uhr abends in den Wald. Nachdem man noch eine halbe Stunde gereist war, neigte sich der Tag. Ein heftiger Wind ließ die Blätter wirbeln und trieb sie nach einem ungeheuren Teiche fort, der, in der Tiefe der Bäume verloren, sich an dem Wege hinzog, der sich vor den Reisenden ausdehnte.

Seit zwei Stunden hatte strömender Regen den lehmigen Boden durchnäßt. Sorglos für ihre Person und ihres Pferdes ziemlich gewiß, ließ Diana dieses gehen, ohne es zu halten; Aurilly ritt rechts, Rémy links. Aurilly war am Rande des Teiches, Rémy mitten auf dem Weg.

Kein menschliches Geschöpf ließ sich unter den düsteren, grünen Bogen der Bäume auf der langen Krümmung des Wegs sehen.

Plötzlich fühlte Diana, daß der Sattel ihres Pferdes, das wie gewöhnlich Aurilly gesattelt hatte, wankte und sich drehte; sie rief Rémy, der von dem seinigen herabsprang und sich bückte, um den Riemen festzuziehen. In diesem Augenblick näherte sich Aurilly der Dame, die nur mit ihrem Pferde beschäftigt war, und durchschnitt mit dem Ende seines Dolches die seidene Rundschnur ihrer Maske.

Ehe sie diese Bewegung bemerkt oder mit der Hand nach ihrem Gesichte gegriffen hatte, nahm ihr Aurilly die Maske ab und neigte sich gegen Diana, die sich ihrerseits gegen ihn neigte. Die Augen beider trafen in einem furchtbaren Blick zusammen; niemand hätte sagen können, wer von ihnen bleicher und drohender aussah.

Aurilly fühlte, wie ein kalter Schweiß seine Stirn überströmte, er ließ die Maske und den Dolch fallen und rief voll Angst, die Hände zusammenschlagend: »Himmel und Erde! . . . Die Dame von Monsoreau!!!«

»Das ist ein Name, den du nicht wiederholen wirst!« schrie Rémy, indem er Aurilly am Gürtel packte und von seinem Pferde aufhob. Beide rollten auf den Boden. Aurilly streckte seine Hand aus, um seinen Dolch wieder zu ergreifen. Rémy aber bückte sich über ihn, setzte ihm das Knie auf die Brust und sagte: »Nein, Aurilly, nein, du sollst hier bleiben.«

Der letzte Schleier, der über Aurillys Erinnerung ausgebreitet zu sein schien, zerriß.

»Der Haudoin!« rief er, »ich bin tot!«

»Es ist noch nicht wahr, doch es wird sogleich wahr werden,« sagte Rémy.

Und er drückte seine linke Hand dem Elenden, der, sich unter ihm sträubte, auf den Mund, während er mit seiner rechten sein Messer aus der Scheide zog.

»Nun hast du recht,« sagte er, »nun bist du tot, Aurilly.«

Und der Stahl verschwand in der Kehle des Lautenspielers, der ein unverständliches Röcheln ausstieß.

Die Augen starr, auf ihren Sattelknopf gestützt, bebend, aber unbarmherzig, hatte Diana den Kopf nicht von diesem furchtbaren Schauspiel abgewendet. Als sie aber das Blut an der Klinge hinspringen sah, warf sie sich zurück und fiel, steif, als ob sie tot wäre, von ihrem Pferd.

Rémy hatte in diesem Augenblick keine Gedanken für sie; er durchsuchte Aurilly, nahm ihm die beiden Rollen Gold, band einen Stein an den Hals des Leichnams und stürzte ihn in den Teich. Wer Regen fiel fortwährend in Strömen vom Himmel herab.

»O, mein Gott!« sagte er, »vertilge die Spur deiner Gerechtigkeit, denn sie hat noch andere Schuldige zu treffen.«

Dann wusch er sich die Hände in dem düsteren, stehenden Wasser, nahm die immer noch ohnmächtige Diana in seine Arme, hob sie auf ihr Pferd und stieg, seine Gefährtin haltend, auf das seinige. Erschreckt durch das Geheul der Wölfe, die herbeikamen, als ob sie diese Szene gerufen hatte, verschwand das Pferd Aurillys im Wald.

Als Diana wieder zu sich gekommen war, setzten die Reisenden, ohne ein Wort auszutauschen, ihren Weg nach Château-Thierry fort.


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