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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
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Eine Erinnerung des Herzogs von Anjou.

Der junge Mann konnte bei seiner Rücklehr das unheimliche Gelächter des Herzogs von Anjou hören, doch er hatte nicht genug bei seiner Hoheit gelebt, um zu wissen, welche Drohung in solcher Kundgebung des Prinzen lag.

Er hätte auch an der Unruhe einiger Gesichter wahrnehmen können, daß man über ihn gesprochen hatte.

Doch Henri war nicht mißtrauisch genug, um dergleichen zu erraten. Überdies wachte Aurilly gut, und der Herzog, der seinen Plan ohne allen Zweifel schon gemacht hatte, hielt Henri bei sich zurück, bis sich alle bei dem Gespräch gegenwärtigen Offiziere entfernt hatten.

Der Herzog hatte einige Abänderungen bei der Verteilung der Posten getroffen. Er nahm selbst das Hauptquartier in Dianas Hause ein und schickte den Fähnrich an den nächstwichtigen Posten am Flusse.

Henri wunderte sich nicht darüber. Der Prinz hatte bemerkt, daß dieser Punkt der wichtigste war, und er überließ ihm diesen; das war ganz natürlich, so natürlich, daß jeder und Henri zuerst sich in seiner Absicht täuschte.

Nur glaubte er, dem Fähnrich der Gendarmen die beiden Personen, über die er wachte und die er für den Augenblick wenigstens verlassen mußte, empfehlen zu sollen. Doch bei den ersten Worten, die Henri mit dem Fähnrich zu reden versuchte, trat der Herzog dazwischen.

»Geheimnisse!« sagte er mit feinem Lächeln.

Der Gendarm hatte begriffen, welche Indiskretion er begangen, aber es war zu spät. Er bereute es, wollte dem Grafen zu Hilfe kommen und erwiderte: »Nein, Monseigneur, der Herr Graf fragt mich nur, wieviel Pfund trockenes Pulver mir bleiben.«

»Ah! das ist etwas anderes,« rief der Herzog.

Während sich dann aber der Herzog gegen die Tür umwandte, die man gerade öffnete, flüsterte der Fähnrich Henri zu: »Seine Hoheit weiß, daß Ihr jemand begleitet.«

Du Bouchage bebte; doch es war zu spät. Nicht einmal dieses Beben war dem Herzog entgangen, und, als wollte er sich selbst versichern, daß man überall seine Befehle vollzogen, schlug er dem Grafen vor, ihn bis zu seinem Posten zu führen, ein Vorschlag, den Henri wohl annehmen mußte.

Henri hätte Rémy gern wissen lassen, er möge auf seiner Hut sein und zum voraus eine Antwort bereithalten, doch dies war nicht möglich; alles, was er tun konnte, war, daß er den Fähnrich mit den Worten verabschiedete: »Wacht wohl über dem Pulver, nicht wahr? Wacht darüber, als ob ich selbst es täte.«

»Ja, Herr Graf,« erwiderte der junge Mann.

Auf dem Wege fragte der Herzog den Grafen du Bouchage: »Wo ist das Pulver, das Ihr unserem jungen Offizier empfehlt, Graf?«

»In dem Hause, das ich zum Hauptquartier gewählt hatte, Hoheit.«

»Seid unbesorgt,« erwiderte der Herzog, »ich kenne zu gut die Wichtigkeit eines solchen Vorrats in der Lage, in der wir uns befinden, um nicht jede Aufmerksamkeit darauf zu richten. Nicht unser junger Fähnrich wird darüber wachen, sondern ich.«

Man kam, ohne weiter zu reden, zu dem Zusammenlauf des Flusses und des Baches; der Herzog empfahl du Bouchage auf das strengste, seinen Posten nicht zu verlassen, und kehrte zurück.

Aurilly war aus dem Speisezimmer nicht weggegangen und schlief, auf einer Bank liegend, in dem Mantel eines Offiziers. Der Herzog klopfte ihm auf die Schulter und weckte ihn auf. Aurilly rieb sich die Augen und schaute den Prinzen an.

»Hast du gehört?« fragte ihn dieser. – »Ja, gnädigster Herr.«

»Weißt du denn auch, wovon ich spreche?« – »Bei Gott! von der unbekannten Dame, von der Verwandtin des Grafen du Bouchage.«

»Gut, ich sehe, daß das Brüsseler Faro und das Löwener Bier dein Gehirn noch nicht ganz abgestumpft haben.« – »Immerzu, Monseigneur, sprecht oder macht nur ein Zeichen, und Eure Hoheit wird sehen, daß ich erfindungsreicher bin als je.«

»Wir wollen sehen! Rufe deine ganze Einbildungskraft zu Hilfe und errate.« – »Wohl, gnädigster Herr, ich errate, daß Eure Hoheit neugierig ist.«

»Ah! bei Gott! das ist Temperamentssache, du brauchst mir nur zu sagen, was meine Neugierde zu dieser Stunde reizt.« – »Ihr wollt wissen, wer das brave Geschöpf ist, das den beiden Herren von Joyeuse durch Wasser und Feuer folgt?«

»Übrigens hast du schon den aufgetragenen Brief an meine Schwester Margot geschrieben?«

»Womit soll ich schreiben, Hoheit? Ich habe hier weder Tinte noch Feder noch Papier.«

»Wohl! so suche!« – »Wie soll ich das in der Hütte eines Bauern finden, der, es ist tausend gegen eines zu wetten, gar nicht schreiben kann?«

»Suche immerhin, Dummkopf, und wenn du das nicht findest, nun wohl, so wirst du etwas anderes finden.« – »Oh! ich Einfaltspinsel, der ich bin,« rief Aurilly, sich vor die Stirn schlagend; »wahrhaftig, ja, Eure Hoheit hat recht, mein Kopf wird schwerfällig, aber ich bin gar so schläfrig.«

»Gut, gut, ich will dir wohl glauben, und da du nicht geschrieben hast, so werde ich schreiben, suche mir nur alles, was ich zum Schreiben brauche; suche, Aurilly, suche und kehre nicht eher zurück, als bis du gefunden hast; ich bleibe hier.« – »Ich gehe, Monseigneur.«

»Und wenn du bei deinem Nachsuchen bemerkst, daß das Haus malerisch ist . . . Du weißt, wie ich den flämischen Stil liebe, Aurilly!« – »Ja, Monseigneur.«

»Nun, so rufst du mich.« – »Auf der Stelle, Monseigneur, Ihr könnt ruhig sein . . .«

Aurilly stand auf und wandte sich leicht wie ein Vogel nach der anstoßenden Stube, wo sich der Fuß der Treppe fand.

Nach fünf Minuten kam er zu seinem Herrn zurück, der es sich in dem großen Saal bequem gemacht hatte.

»Nun?« fragte dieser. – »Gnädigster Herr, wenn ich dem Anschein glauben darf, muß das Haus teufelsmäßig malerisch sein.«

»Warum?« – »Weil man nicht hinein kann, wie man will.«

»Was sagst du?« – »Ich sage, daß es von einem Drachen bewacht wird.«

»Was soll dieser alberne Scherz!« – »Ei! Monseigneur, es ist leider kein alberner Scherz, sondern eine traurige Wahrheit. Der Schatz ist im ersten Stock in einer Stube, hinter deren Tür man ein Licht glänzen sieht, und vor dieser Tür findet man einen Menschen, der in einem großen grauen Mantel auf der Schwelle liegt.«

»Ho! ho! sollte es sich Herr du Bouchage erlauben, einen Gendarmen vor die Tür seiner Geliebten zu legen?« – »Es ist kein Gendarm, sondern ein Diener der Dame und des Grafen selbst.«

»Und was für eine Art von Diener?« – »Gnädigster Herr, es ist nicht möglich, sein Gesicht zu sehen, doch was man sieht, ist ein breites flämisches Messer, das in seinem Gürtel steckt, und worauf er eine kräftige Hand stützt.«

»Das ist anziehend, wecke mir diesen Burschen ein wenig.« – »Ah! nein, Hoheit.«

»Was sagst du?« – »Ich sage, daß ich mir, abgesehen von dem flämischen Messer, nicht aus den Herren von Joyeuse, die bei Hofe sehr wohlgelitten sind, Todfeinde machen will. Wären wir Könige der Niederlande gewesen, dann ginge es wohl an; doch wir haben nur die Freundlichen zu spielen, Monseigneur, besonders gegen die, die uns gerettet; denn die Joyeuse haben uns gerettet. Nehmt Euch in acht, Hoheit, wenn Ihr es nicht sagt, werden sie es sagen.«

»Du hast recht, Aurilly,« sagte der Herzog, mit dem Fuße stampfend, »du hast recht, und dennoch . . .« – »Ja, ich begreife; und dennoch hat Eure Hoheit nicht ein einziges Frauengesicht seit vierzehn tödlichen Tagen gesehen. Ich spreche nicht von jenen Tieren, die die Polder bewohnen.«

»Ich will diese Geliebte von du Bouchage sehen, Aurilly, ich will sie sehen, hörst du?« – »Ja, Monseigneur, ich höre.«

»Nun, so antworte.« – »Wohl, Hoheit, ich antworte, daß Ihr sie vielleicht sehen werdet, aber nicht durch die Tür.«

»Es sei; wenn ich sie aber nicht durch die Tür sehen kann, so werde ich sie wenigstens durch das Fenster sehen.« – »Ah! das ist ein Gedanke, Monseigneur, und zum Beweis, daß ich ihn vortrefflich finde, will ich Euch eine Leiter holen . . .«

Aurilly schlüpfte in den Hof des Hauses und fand nach einigem Suchen eine Leiter.

Er trug sie vorsichtig auf die Straße und legte sie dort an die äußere Mauer an.

Aurilly machte aber den Prinzen auf eine Schildwache aufmerksam, die, da sie nicht wußte, wer die beiden Männer waren, eben »Wer da!« rufen wollte.

Franz zuckte die Achseln und ging gerade auf den Soldaten zu. Aurilly folgte ihm.

»Mein Freund,« sagte der Prinz, »nicht wahr, dieser Punkt ist der höchste Punkt des Fleckens?«

»Ja, Monseigneur,« antwortete die Schildwache, die, Franz erkennend, grüßte, »und wären nicht diese Linden, so könnte man beim Mondschein einen Teil der Landschaft überschauen.«

»Ich vermutete es,« sagte der Prinz; »ich habe auch diese Leiter bringen lassen, um darüber hinaus zu schauen. Steige also hinauf, Aurilly, oder nein, laß mich hinaufsteigen, ein Fürst muß alles selbst sehen.«

»Wo soll ich die Leiter anlegen, gnädigster Herr?« fragte der gleisnerische Diener.

»Irgendwohin, meinetwegen an diese Wand.«

Sobald die Leiter angelegt war, stieg der Prinz hinauf. Mochte er nun das Vorhaben des Prinzen vermuten, oder war es natürliche Diskretion, der Soldat wandte den Kopf auf die entgegengesetzte Seite.

Der Prinz erreichte die Höhe der Leiter; Aurilly blieb am Fuß.

Das Zimmer, in dem Henri Diana eingeschlossen hatte, war mit Matten belegt, und die Ausstattung bestand aus einem großen Bett von Eichenholz mit Vorhängen von Sarsche, einem Tisch und einigen Stühlen.

Die junge Frau, deren Herz seit der falschen Nachricht vom Tode des Prinzen, die sie im Lager der Gendarmen von Aunis erfahren, von einer ungeheuren Last erleichtert zu sein schien, hatte von Rémy etwas Speise verlangt, was ihr dieser mit dem Eifer einer unsäglichen Freude herbeigeschafft.

Zum ersten Male hatte Diana nun seit der Stunde, wo sie den Tod ihres Vaters erfahren, ein etwas kräftigeres Gericht als Brot gekostet, zum ersten Male hatte sie ein paar Tropfen von einem Rheinwein getrunken, der von den Gendarmen in einem Keller gefunden und du Bouchage überbracht worden war.

Nach diesem Mahl, so leicht es auch war, floß Dianas Blut, von so vielen heftigen Gemütsbewegungen und unerhörten Strapazen gepeitscht, stürmischer ihrem Herzen zu, zu dem es den Weg vergessen zu haben schien; Rémy sah, wie ihr die Augen schwer wurden, und wie ihr Kopf sich auf ihre Schulter neigte.

Er zog sich bescheiden zurück und legte sich auf die Türschwelle. Diana schlief ihrerseits, den Ellenbogen auf den Tisch, ihren Kopf auf ihre Hand gestützt.

Ihr geschmeidiger, zarter Leib war auf ihrem Stuhle mit der langen Lehne seitwärts geneigt; eine kleine, eiserne Lampe, die neben einem halb geleerten Teller auf dem Tische stand, beleuchtete ihr Antlitz, das beim ersten Anblick so ruhig zu sein schien, während soeben ein Sturm darin erloschen war, der sich bald wieder entzünden sollte.

Die Augen geschlossen, diese Augen mit den azurgeaderten Lidern, den Mund sanft und leicht geöffnet, die Haare über den Capuchon der groben Männerkleidung, die sie trug, zurückgeworfen, musste Diana wie eine erhabene Vision den Blicken erscheinen, die das Heiligtum ihres Asyls verletzen wollten.

Als sie der Herzog erblickte, konnte er sich einer Bewegung der Bewunderung nicht erwehren; er stützte sich auf den Rand des Fensters und verschlang mit den Augen diese ideale Schönheit bis auf die kleinsten Einzelheiten.

Doch plötzlich, mitten unter dieser Betrachtung, faltete sich seine Stirn; er stieg wieder zwei Sprossen mit einer Art nervöser Hast herab, lehnte sich an die Wand, kreuzte seine Arme über seiner Brust und träumte.

Aurilly, der ihn nicht aus den Augen verlor, konnte sehen, wie seine Blicke unbestimmt im Raume umherschweiften, wie die eines Menschen, der seine ältesten Erinnerungen zurückruft.

Nachdem er so zehn Minuten unbeweglich verharrt war, stieg der Herzog wieder zum Fenster hinauf, schaute abermals, behielt aber dieselbe Ungewißheit in seinem Blicke. Da näherte sich Aurilly plötzlich der Leiter und flüsterte ihm zu: »Rasch, rasch, Hoheit, steigt herab, ich höre Tritte am Ende der nächsten Straße.«

Doch der Herzog stieg, immer noch in Gedanken versunken, sacht herab.

»Es war Zeit,« sagte Aurilly.

»Von welcher Seite kommt das Geräusch?« fragte der Herzog. – »Von dieser Seite,« antwortete Auritly; und er streckte die Hand in der Richtung eines düsteren Gäßchens aus.

Der Prinz horchte.

»Ich höre nichts,« sagte er.

»Die Person wird stillstehen; man belauscht uns.«

»Nimm die Leiter weg!« sagte der Prinz.

Aurilly gehorchte; der Prinz setzte sich mittlerweile auf die steinerne Bank, die auf jeder Seite die Tür des Hauses begrenzte. Das Geräusch hatte sich nicht wiederholt, und niemand schien am Ende des Gäßchens zu sein. Aurilly kam zurück.

»Nun! Monseigneur,« fragte er, »ist sie schön?« – »Sehr schön,« antwortete der Prinz mit düsterer Miene.

»Was macht Euch denn so traurig, gnädigster Herr? sollte sie Euch gesehen haben?« – »Sie schläft.«

»Was beunruhigt Euch dann?« – Der Prinz antwortete nicht.

»Braun? . . . blond?« – »Es ist seltsam, Aurilly,« murmelte der Prinz, »ich habe diese Frau irgendwo gesehen.«

»Ihr habt sie also erkannt?« – »Nein, denn ich vermag den Namen nicht zu finden; nur hat mir ihr Anblick einen heftigen Schlag im Herzen versetzt. Ja, in der Tat,« fuhr der Prinz auf einen spöttischen Blick Aurillys fort, »ich weiß nicht, was ich empfinde; doch,« fügte er mit düsterer Miene hinzu, »ich glaube, ich habe unrecht gehabt, zu schauen.«

»Doch gerade wegen der Wirkung, die ihr Anblick auf Euch hervorgebracht hat, muß man wissen, wer diese Frau ist, Monseigneur.« – »Allerdings.«

»Sucht wohl in Euren Erinnerungen, gnädigster Herr; habt Ihr sie bei Hofe gesehen?« – »Nein, ich glaube nicht.«

»In Frankreich, in Navarra, in Flandern?« – »Nein.«

»Ist es vielleicht eine Spanierin?« – »Ich glaube nicht.«

»Eine Engländerin? Eine Dame der Königin Elisabeth? – »Nein, nein; sie muß mit meinem Leben auf eine engere Weise verknüpft sein; ich glaube, daß sie mir unter furchtbaren Umständen erschienen ist.«

»Dann werdet Ihr sie leicht erkennen, denn, Gott sei Dank! im Leben Monseigneurs hat es nicht viele furchtbare Umstände gegeben.«

»Findest du?« sagte Franz mit düsterem Lächeln.

Aurilly verbeugte sich und sagte: »Wenn Eure Hoheit erlaubt, so schaue ich auch und grabe in meinen Erinnerungen nach.«

»Meiner Treu, du hast recht, Aurilly, hole die Leiter, lege sie an und steige hinauf. Was liegt dir an dem Späher? Schau! Aurilly, schau!«

Aurilly hatte schon einige Schritte gemacht, um seinem Herrn zu gehorchen, als man plötzlich jemand hastig herbeieilen hörte, und Henri dem Herzog zurief: »Zu den Waffen! Monseigneur! Zu den Waffen!«

Mit einem einzigen Sprung war Aurilly wieder beim Herzog.

»Ihr,« sagte der Prinz, »Ihr hier, Graf? Unter welchem Vorwand habt Ihr Euren Posten verlassen?«

»Monseigneur,« antwortete Henri voll Festigkeit, »wenn mich Eure Hoheit bestrafen zu müssen glaubt, so wird sie dies tun. Aber es war meine Pflicht, hierher zu gehen, und ich bin gegangen.«

Der Herzog warf mit einem bezeichnenden Lächeln einen Blick nach dem Fenster und erwiderte: »Eure Pflicht, Graf? Erklärt mir das.«

»Monseigneur, es sind Reiter bei der Schelde erschienen; man weiß nicht, ob es Freunde oder Feinde sind.«

»In großer Anzahl?« fragte der Herzog unruhig.

»Sehr zahlreich.«

»Nun wohl! Graf, keinen falschen Mut, Ihr habt wohl daran getan, daß Ihr zurückgekommen seid. Laßt Eure Gendarmen wecken. Ziehen wir an dem Flusse hin, der minder breit ist, und verlassen wir unser Lager hier, das wird das Klügste sein.«

»Allerdings, allerdings, Monseigneur; doch ich glaube, es ist dringend, meinen Bruder zu benachrichtigen.«

»Zwei Männer werden hierzu genügen,«

»Wenn zwei Männer genügen, Monseigneur, so werde ich mit einem Gendarmen gehen.«

»Nein, bei Gott! du Bouchage,« rief Franz lebhaft, »nein, Ihr werdet mit uns gehen. In solchen Augenblicken trennt man sich nicht von einem Verteidiger, wie Ihr seid.«

»Eure Hoheit nimmt die ganze Eskorte mit?« »Die ganze.«

»Es ist gut, Monseigneur,« sagte Henri, sich verbeugend; »wann bricht Eure Hoheit auf?« – »Sogleich!«

»Holla! wer in der Nähe ist, herbei!« rief Henri.

Der junge Fähnrich kam aus dem Gäßchen hervor, als ob er nur diesen Ruf erwartet hätte.

Henri gab ihm seine Befehle, und beinahe in demselben Augenblick sah man die Gendarmen von allen Teilen und Enden des Fleckens auf den Platz eilen und Vorkehrungen zum Abmarsch treffen.

In ihrer Mitte sprach der Herzog mit seinen Offizieren und teilte ihnen mit, er wolle in ihrer sicheren Begleitung nach Brüssel zurückweichen.

Zu Aurilly gewendet, trug er diesem auf, bei der schönen Unbekannten zu bleiben und sie nach Château-Thierry, dem Schlosse des Prinzen, wohin dieser sich wenden wolle, zu führen.

»Aber, Monseigneur, sie wird sich vielleicht nicht mitnehmen lassen.« – »Bist du ein Narr? . . . Da du Bouchage mich nach Château-Thierry begleitet, und sie du Bouchage folgt, wird es sich im Gegenteil von selbst machen.«

»Aber sie kann anderswohin gehen wollen, wenn sie sieht, daß ich willens bin, sie zu Euch zu führen.« – »Nicht zu mir wirst du sie führen, sondern, ich wiederhole es dir, zum Grafen. Auf also! Doch bei meinem Ehrenwort, man sollte glauben, du helfest mir zum ersten Male bei einer solchen Veranlassung. Hast du Geld?«

»Ich habe die zwei Rollen Gold, die mir Eure Hoheit gegeben hat, als wir aus dem Lager auf den Poldern auszogen.« – »Vorwärts also! Und durch alle nur immer möglichen Mittel, hörst du? Durch alle, bringe mir meine schöne Unbekannte nach Château-Thierry; wenn ich sie näher anschaue, werde ich sie vielleicht erkennen.«

»Und den Diener auch?« – »Ja, wenn er dir nicht lästig ist.«

»Doch, wenn er mir lästig ist?« – »Mache mit ihm, was du mit einem Stein machst, den du auf deinem Wege triffst; wirf ihn in einen Graben.«

»Gut, Monseigneur.«

Während die lichtscheuen Verschwörer ihre Pläne in der Finsternis entwarfen, stieg Henri in den ersten Stock hinauf und weckte Rémy.

Von dem, was vorging, in Kenntnis gesetzt, klopfte Rémy auf eine gewisse Weise an die Tür, und sogleich öffnete die junge Frau.

Hinter Rémy erschien du Bouchage.

»Guten Abend, mein Herr,« sagte sie mit einem Lächeln, das ihr Gesicht verlernt hatte.

»Oh! verzeiht, Madame, ich komme nicht, um Euch zu belästigen, ich komme, um von Euch Abschied zu nehmen.«

»Abschied! Ihr reist, Herr Graf?« – »Nach Frankreich, ja, Madame.«

»Und Ihr verlaßt uns?« – »Ich bin dazu genötigt, Madame; es ist meine erste Pflicht, dem Prinzen zu gehorchen.«

»Dem Prinzen, es ist ein Prinz hier?« sagte Rémy.

»Welcher Prinz?« fragte Diana erbleichend. – »Der Herzog von Anjou, den man für tot hielt, ist, auf eine wunderbare Weise gerettet, zu uns gekommen.«

Diana stieß einen furchtbaren Schrei aus, und Rémy wurde so bleich, als hätte ihn plötzlich der Tod getroffen.

»Wiederholt mir, daß der Herzog von Anjou lebt, daß der Herzog von Anjou hier ist,« stammelte Diana.

»Wenn er nicht hier wäre, und wenn er mir nicht befehlen würde, ihm zu folgen, Madame, so hätte ich Euch bis in das Kloster begleitet, in das Ihr Euch, wie Ihr mir gesagt, zurückzuziehen gedenkt.«

»Ja, ja,« sagte Rémy, »das Kloster, Madame, das Kloster.«

Und er legte einen Finger auf seine Lippen.

Durch ein Zeichen mit dem Kopfe zeigte ihm Diana, daß sie ihn verstanden hatte.

»Ich hätte Euch um so lieber begleitet, Madame,« fuhr Henri fort, »als Ihr durch die Leute des Herzogs beunruhigt werden könntet.«

»Wieso?« – »Ja, alles läßt mich glauben, er wisse, daß eine Frau in diesem Hause wohnt.«

»Und woher kommt dieser Glauben?« – »Unser junger Fähnrich hat ihn eine Leiter an die Mauer legen und durch das Fenster schauen sehen.«

»Oh! mein Gott! mein Gott!« rief Diana.

»Beruhigt Euch, Madame, er hat ihn auch zu seinem Gefährten sagen hören, er kenne Euch nicht.«

»Gleichviel, gleichviel!« sagte die junge Frau, Rémy anschauend.

»Alles, was Ihr wollt, Madame, alles!« sagte Rémy, seine Züge mit erhabener Entschlossenheit bewaffnend.

»Seid unbesorgt, Madame,« sagte Henri, »der Herzog wird auf der Stelle aufbrechen; noch eine Viertelstunde, und Ihr seid allein und frei. Erlaubt mir also, daß ich mich ehrerbietig von Euch verabschiede und Euch noch einmal sage, daß bis zu meinem Todesseufzer mein Herz für Euch und durch Euch schlagen wird. Gott befohlen, Madame, Gott befohlen!«

Und der Graf verbeugte sich mit einer Ehrfurcht wie vor einem Altar und machte zwei Schritte rückwärts.

»Nein, nein,« rief Diana, wie im Fieberwahn, »nein, Gott hat es nicht gewollt; nein, Gott hat diesen Menschen getötet, und er kann ihn nicht wiedererweckt haben; nein, nein, mein Herr, Ihr täuscht Euch, er ist tot.«

In diesem Augenblick erscholl die Stimme des Prinzen auf der Straße: »Graf, Ihr laßt uns warten!«

»Ihr hört ihn, Madame,« sagte Henri. »Zum letzten Male, Gott befohlen.«

Und er drückte Rémy die Hand und eilte nach der Treppe.

Diana näherte sich dem Fenster, zitternd und krampfhaft wie der Vogel, den das Auge der Schlange bannt.

Sie erblickte den Herzog zu Pferd; sein Gesicht war gerötet vom Schimmer der Fackeln, die zwei Gendarmen trugen.

»Oh! er lebt, der Dämon, er lebt!« flüsterte Diana Rémy mit einem so furchtbaren Ausdruck zu, daß der würdige Diener selbst darüber erschrak; »er lebt, leben wir auch; er reist nach Frankreich ab. Es sei, Rémy, wir gehen auch nach Frankreich!«


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