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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
modified20190320
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Die beiden Joyeuse.

Die Herren von Joyeuse hatten sich, wie wir gesehen, vor der Hinrichtung entfernt; sie ließen bei den Equipagen des Königs ihre Lakaien, die mit ihren Pferden auf sie warteten, und gingen durch die Straßen dieses volkreichen Stadtviertels, die an diesem Tage ganz verlassen waren.

Sobald sie außen waren, wanderten sie Arm in Arm fort, aber ohne miteinander zu reden. Kurz zuvor noch so freudig, war Henri ernst, in Gedanken versunken, beinahe düster.

Anne schien unruhig und war verlegen über das Stillschweigen seines Bruders. »Nun, Henri,« fragte er endlich, »wohin führst du mich?« – »Ich führe dich nicht, ich gehe dir voran, mein Bruder,« erwiderte Henri, als ob er plötzlich erwachte. »Wünschest du irgendwohin zu gehen, mein Bruder?«

»Und du?« – Henri lächelte traurig. »Oh! ich,« sagte er, »mir ist es gleichviel, wohin ich gehe.«

»Du gehst doch diesen Abend irgendwohin,« entgegnete Anne, »denn jeden Abend gehst du zu derselben Stunde aus, um erst ziemlich spät in der Nacht nach Hause zu kommen, und zuweilen kommst du gar nicht nach Hause.«

»Willst du mich ausfragen, Bruder?« sagte Henri weich und zugleich ein wenig ehrfurchtsvoll vor dem älteren Bruder.

»Ich dich ausfragen? Gott behüte mich! Die Geheimnisse gehören denen, die sie bewahren.« – »Wenn du es wünschest, habe ich keine Geheimnisse vor dir, du weißt es wohl.«

»Du wirst keine Geheimnisse für mich haben, Henri?« – »Nie, mein Bruder; bist du nicht zugleich mein Herr und mein Freund?«

»Verdammt! ich dachte, du kümmertest dich nicht um mich, der ich nur ein armer Laie bin; ich dachte, du hättest unseren weisen Bruder, diesen Pfeiler der Gottesgelahrtheit, diese Leuchte der Religion, diesen gelehrten Architekten der Gewissensfälle des Hofes, der eines Tages Kardinal sein wird, ich dachte, du vertrautest ihm, und fändest bei ihm zugleich Beichte, Absolution und wer weiß . . . Rat; denn in unserer Familie,« fügte Anne lachend hinzu, »ist man zu allem gut, du weißt es, davon zeugt unser vielgeliebter Vater.«

Henri du Bouchage ergriff die Hand seines Bruders und drückte sie liebevoll. »Du bist für mich mehr als Gewissensrat, mehr als Beichtiger, mehr als Vater, mein lieber Anne,« sagte er, »ich wiederhole, du bist mein Freund.«

»So sprich, mein Freund, warum habe ich dich, der du so heiter warst, allmählich traurig werden sehen, und warum gehst du, statt bei Tage auszugehen, jetzt nur noch bei Nacht aus?« – »Mein Bruder, ich bin nicht traurig,« erwiderte Henri lächelnd.

»Was bist du denn?« – »Ich bin verliebt.«

»Gut, Und dieses Versunkensein?« – »Kommt davon her, daß ich unablässig an meine Liebe denke.«

»Und du seufzest, während du mir das sagst?« – »Ja.«

»Du seufzest, du, Henri, Graf du Bouchage, du, Joyeuses Bruder, du, den die schlimmen Zungen den dritten König von Frankreich nennen? Du weißt, Herr von Guise ist der zweite, wenn nicht gar der erste! Du, der du reich, der du schön bist, der du Pair von Frankreich sein wirst, wie ich, und Herzog, wie ich, bei der ersten Gelegenheit, die sich findet, du bist verliebt, nachdenkend und seufzend; du, dessen Wahlspruch ›hilariter‹ (heiter) lautet.« – »Mein lieber Anne, all dieses Gute in der Vergangenheit oder der Zukunft zählt für mich nicht unter die Dinge, die mein Glück ausmachen. Ich besitze keinen Ehrgeiz,«

»Das heißt, du besitzest keinen mehr.« – »Oder ich strebe wenigstens nicht nach den Dingen, von denen du sprichst.« –

»In diesem Augenblick vielleicht; doch später wirst du darauf zurückkommen.« – »Nie, Bruder, ich wünsche nichts, ich will nichts.«

»Und du hast unrecht, Bruder. Wenn man den Namen Joyeuse, einen der schönsten Namen Frankreichs, führt, wenn man einen Bruder hat, der der Günstling des Königs ist, so wünscht man alles, so will man alles . . . und hat man alles.« – Henri schüttelte schwermütig sein blondes Haupt.

»Sprich, da wir nun allein und von aller Welt entfernt sind,« sagte Anne. »Hast du mir etwas Ernstes zu sagen, Henri?« – »Nichts, nichts, wenn nicht, daß ich verliebt bin, und das weißt du schon, da ich es dir soeben gestanden habe.«

»Aber zum Teufel! das ist nichts Ernstes,« erwiderte Anne, mit dem Fuße stampfend. »Beim Papst, ich bin auch verliebt!« – »Nicht wie ich, Bruder.«

»Ich denke auch zuweilen an meine Geliebte.« – »Ja, aber nicht immer.«

»Ich habe auch Widerwärtigkeiten, Kummer sogar.« – »Ja, du hast aber auch Freuden, denn man liebt dich.«

»Oh! ich stoße auch auf große Hindernisse; man verlangt von mir großes Geheimhalten.« – »Man verlangt? Du hast gesagt ›man verlangt‹, Bruder. Wenn deine Geliebte verlangt, so gehört sie dir.«

»Allerdings gehört sie mir . . . nämlich mir und Herrn von Mayenne; denn ein Vertrauen ist des andern wert, Henri, ich habe gerade die Geliebte dieses Unzüchters von Mayenne, ein in mich vernarrtes Mädchen, das Mayenne auf der Stelle verlassen würde, wenn es nicht fürchtete, von ihm umgebracht zu werden. Du weißt, es ist seine Gewohnheit, die Frauen umzubringen. Dann hasse ich diese Guisen, und es belustigt mich . . . mich auf Kosten eines von ihnen zu belustigen. Nun, so sprich, wen liebst du, Henri? Deine Geliebte ist doch wenigstens schön?« – »Ach, mein Bruder, es ist nicht meine Geliebte.«

»Ist sie schön?« – »Zu schön.«

»Ihr Name?« – »Ich weiß ihn nicht.«

»Gehe doch!« – »Bei meinem Ehrenwort.«

»Mein Freund, ich fange an zu glauben, daß die Sache doch gefährlicher ist, als ich dachte . . . Das ist beim Papst keine Traurigkeit, sondern Tollheit!« – »Sie hat nur ein einziges Mal mit mir oder vielmehr nur ein einziges Mal in meiner Gegenwart gesprochen, und seit dieser Zeit habe ich nicht einmal mehr den Ton ihrer Stimme gehört.«

»Und du hast dich nicht erkundigt?« – »Bei wem?«

»Wie! bei wem? bei den Nachbarn.« – »Sie bewohnt ein Haus für sich allein, und niemand kennt sie.«

»Das ist wohl ein Schatten?« – »Es ist eine Frau, groß und schön wie eine Nymphe, ernst und erhaben wie der Engel Gabriel.«

»Wie hast du sie kennen lernen? Wo hast du sie getroffen?« – »Eines Tages verfolgte ich ein Mädchen, ich trat in einen kleinen Garten, der an eine Kirche stößt, dort ist eine Bank unter Bäumen. Der Schatten fing an, dichter zu werden; ich verlor das Mädchen aus dem Gesicht, und während ich es suchte, gelangte ich zu der Bank.«

»Immerzu, ich höre.« – »Ich erblickte im Halbdunkel ein Frauenkleid und streckte die Hände aus.

»›Verzeiht, mein Herr,‹ sagte plötzlich die Stimme eines Mannes, den ich nicht bemerkt hatte, ›verzeiht‹.

»Und die Hand dieses Mannes schob mich sacht, aber mit Festigkeit zurück.«

»Er wagte es, dich zu berühren, Joyeuse?« – »Höre, dieser Mann hatte das Gesicht in einer Art von Kutte verborgen, ich hielt ihn für einen Mönch, dann machte er Eindruck auf mich durch den liebevollen und höflichen Ton seiner Warnung, denn während er zu mir sprach, bezeichnete er mit dem Finger auf zehn Schritte die Frau, deren weiße Kleidung mich nach dieser Seite gezogen hatte . . . Sie kniete vor der steinernen Bank, als ob es ein Altar wäre.

»Ich blieb stehen, mein Bruder; dieses Abenteuer begegnete mir am Anfang des September; die Luft war lau; die Rosen und die Veilchen, die dort stehen, sandten mir ihre zarten Wohlgerüche zu; der Mond zerriß eine weißliche Wolke hinter dem Glockenturm der Kirche, und die Fenster fingen an, sich an ihrem First zu versilbern, während sie sich unten von dem Widerscheine der angezündeten Kerzen vergoldeten. Ach, war es die Majestät des Ortes, war es die persönliche Würde, diese kniende Frau glänzte für mich in der Finsternis wie eine Bildsäule von Marmor, und als ob sie wirklich von Marmor gewesen wäre. Sie flößte mir eine gewisse Ehrfurcht ein, die mich im Herzen erstarren ließ.

»Ich schaute sie gierig an.

»Sie beugte sich auf die Bank, umfaßte sie mit ihren Armen, drückte ihre Lippen darauf, und bald sah ich ihre Schultern unter der Gewalt ihrer Seufzer und ihres Schluchzens wogen; nie hast du solche Ausbrüche gehört, Bruder; nie hat ein scharfes Eisen so schmerzlich ein Herz zerrissen.

»Während sie weinte, küßte sie den Stein mit einer Trunkenheit, die mich von Sinnen brachte; ihre Tränen rührten mich, ihre Küsse machten mich verrückt.«

»Beim Papst! sie war verrückt,« sagte Joyeuse, »küßt man einen Stein so? Schluchzt man so um nichts?« – »Oh! es war ein großer Schmerz, der sie schluchzen ließ, oh! es war eine tiefe Liebe, die sie diesen Stein zu küssen bewog; aber wen liebte sie? Wen beweinte sie? Für wen betete sie? Ich weiß es nicht.«

»Doch dieser Mann, hast du ihn nicht befragt?« – »Gewiß.«

»Und was hat er geantwortet?« – »Sie habe ihren Gatten verloren.«

»Beweint man einen Gatten? Das ist, bei Gott! eine schöne Antwort; und du hast dich damit begnügt?« – »Ich mußte wohl, da er mir keine andere geben wollte.«

»Aber dieser Mann selbst, wer ist er?« – »Eine Art von Diener, der bei ihr wohnt.«

»Sein Name?« – »Er weigerte sich, ihn mir zu sagen.«

»Jung? alt?« – »Er mag achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt sein.«

»Und was geschah hernach? . . . Sie hat wohl nicht die ganze Nacht fort geweint und gebetet?« – »Nein. Als sie zu weinen aufgehört, stand sie auf, Bruder; es lag in dieser Frau eine so geheimnisvolle Traurigkeit, daß ich, statt auf sie zuzugehen, wie ich es bei jeder andern Frau getan hätte, zurückwich; sie schritt sodann auf mich oder vielmehr auf die Stelle zu, wo ich stand, denn sie sah mich nicht einmal; da traf ein Mondstrahl ihr Antlitz, und dieses erschien mir erleuchtet, schimmernd: sie hatte ihren düsteren Ernst wieder angenommen, kein Zusammenziehen des Gesichtes, kein Beben, keine Tränen mehr, nur noch die feuchte Furche, die sie gezogen. Ihre Augen allein glänzten noch. Ihr Mund öffnete sich sanft, um das Leben einzuatmen, das sie einen Augenblick schien verlassen zu wollen. Sie machte ein paar Schritte mit einer gewissen weichen Mattigkeit und wie im Traume; der Mann lief auf sie zu und führte sie; denn sie schien vergessen zu haben, daß sie auf der Erde ging. Oh! Bruder, welch eine Schönheit, welche übermenschliche Macht!«

»Hernach, hernach?« fragte Anne, der unwillkürlich ein Interesse an dieser Erzählung nahm, über die er anfangs spotten wollte. – »Oh! nun bin ich bald zu Ende, mein Bruder; ihr Diener sagte leise ein paar Worte zu ihr, und sie ließ ihren Schleier nieder; ohne Zweifel sagte er ihr, ich wäre da; aber sie schaute nicht einmal auf meine Seite, sie senkte nur ihren Schleier, und ich sah sie nicht mehr; es kam mir vor, als hätte sich der Himmel verdüstert, und als wäre es kein lebendiges Geschöpf mehr, sondern ein diesen Gräbern entstiegener Schatten, der durch das hohe Gras schweigend vor mir hinschlüpfte.

»Sie verließ das Gehege; ich folgte ihr.

»Von Zeit zu Zeit wandte sich der Mann um und konnte mich sehen, denn ganz verwirrt und betäubt, wie ich war, verbarg ich mich nicht; was willst du? Ich hatte noch die alten gemeinen Gewohnheiten im Kopfe, den alten rohen Sauerteig im Herzen.«

»Was willst du damit sagen, Henri?« fragte Anne. »Ich verstehe dich nicht.« – Der junge Mann antwortete lächelnd: »Ich will damit sagen, daß meine Jugend geräuschvoll war, daß ich oft zu lieben glaubte, und daß alle Frauen für mich bis zu jenem Augenblick Frauen waren, denen ich meine Liebe anbieten konnte.«

»Oh! oh! was ist das?« rief Joyeuse, der, unwillkürlich etwas beunruhigt durch das Geständnis seines Bruders, seine Heiterkeit wieder zu erlangen suchte. »Nimm dich in acht, Henri, du schweifst aus, es ist also keine Frau von Fleisch und Knochen?« – »Mein Bruder,« sagte der junge Mann, ganz leise Joyeuses Hand mit fieberhaftem Drucke umschließend, »so wahr mich Gott hört, ich weiß nicht, ob es ein Geschöpf dieser Welt ist.«

»Beim Papst!« erwiderte Anne, »du würdest mir angst machen, wenn ein Joyeuse Angst haben könnte. Noch es ist doch gewiß, daß sie geht, daß sie weint, und daß sie Küsse gibt; du hast es mir selbst gesagt und dies ist, wie mir scheint, ein sehr gutes Vorzeichen, teurer Freund; aber das ist nicht alles; sprich, hernach, hernach?« – »Hernach kommt nur noch wenig; ich folgte ihr also, sie suchte sich mir nicht einmal zu entziehen, den Weg zu verändern, einen falschen Weg einzuschlagen; sie schien nicht einmal hieran zu denken.«

»Nun, wo wohnte sie?« – »In der Gegend bei Bastille, in der Rue de Lesdiguières; vor ihrer Tür wandte sich ihr Begleiter um und sah mich.«

»Du machtest ihm sodann ein Zeichen, um ihm zu verstehen zu geben, daß du mit ihm zu sprechen wünschtest.« – »Ich wagte es nicht; was ich dir da sage, ist lächerlich, aber der Diener imponierte mir beinahe ebensosehr wie die Gebieterin.«

»Gleichviel, du tratst in das Haus?« – »Nein, Bruder.«

»In der Tat, Henri, ich habe große Lust, zu leugnen, daß du ein Joyeuse bist; doch du gingst wenigstens am andern Tag wieder dahin?« – »Ja, aber vergebens, vergebens zum Friedhof, vergebens in die Rue de Lesdiguières.«

»Sie war verschwunden?« – »Wie ein Schatten, der entflohen.«

»Du hast dich jedoch erkundigt?« – »Die Straße hat wenig Bewohner, keiner konnte mich befriedigen; ich lauerte auf den Diener, um ihn zu befragen, er erschien nicht wieder; doch ein Licht, das ich am Abend durch die Jalousien glänzen sah, tröstete mich, indem es mir andeutete, sie wäre immer noch da. Ich wandte hundert Mittel an, in das Haus zu dringen; Briefe, Boten, Blumen, Geschenke, alles scheiterte. Eines Abends verschwand das Licht ebenfalls und erschien nicht wieder; ohne Zweifel hatte die Dame, meiner Verfolgungen müde, die Rue de Lesdiguières verlassen; niemand kannte ihre neue Wohnung.«

»Du hast sie jedoch wiedergefunden, die schöne Spröde?« – »Der Zufall gestattete es; ich bin ungerecht, Bruder, es ist die Vorsehung, die nicht will, daß man das Leben so hinschleppe. Höre, es ist in der Tat seltsam! Ich ging vor vierzehn Tagen um Mitternacht durch die Rue de Bussy . . . Du weißt, mein Bruder, daß die Feuerverordnungen sehr streng vollzogen werden; nun wohl! ich sah nicht nur Feuer an den Scheiben eines Hauses, sondern einen richtigen Brand, der im zweiten Stocke ausbrach. Ich klopfte kräftig an die Tür, ein Mann erschien am Fenster. ›Es brennt bei Euch!‹ rief ich. – ›Still, habt Mitleid,‹ erwiderte er, ›still, ich bin eben beschäftigt, zu löschen.‹ – ›Soll ich die Wache rufen?‹ – ›Nein, nein, um des Himmels willen, ruft niemand.‹ – ›Aber, wenn man Euch helfen kann?‹

›Wollt Ihr? so kommt, und Ihr leistet mir einen Dienst, für den ich Euch mein ganzes Leben dankbar sein werde.‹ – ›Und wie soll ich kommen?‹ – ›Hier ist der Schlüssel zur Tür.‹ – Und er warf mir aus dem Fenster einen Schlüssel zu.

Ich stieg rasch die Treppe hinauf und trat in das Zimmer, das der Schauplatz des Brandes war. Der Boden brannte; ich befand mich in dem Laboratorium eines Chemikers; als er irgendeinen Versuch machte, hatte sich eine entzündbare Flüssigkeit auf der Erde ausgebreitet, wodurch der Brand entstanden war. Bei meinem Eintritt war er schon Meister des Feuers, so daß ich mir ihn anschauen konnte.

»Es war ein Mann von etwa dreißig Jahren, eine furchtbare Narbe durchfurchte die Hälfte der Wange, eine andere den Schädel; sein buschiger Bart verbarg den Rest des Gesichtes. Er sagte zu mir:

›Ich danke Euch, mein Herr, aber Ihr seht, alles ist vorbei; habt also die Güte, Euch zu entfernen, denn meine Gebieterin kann jeden Augenblick eintreten, und sie dürfte ärgerlich werden, wenn sie zu dieser Stunde einen Fremden bei mir oder vielmehr bei sich sehen würde.‹

»Der Ton dieser Stimme lähmte mich, es war der Mann von der unbekannten Dame, denn er war mit einer Kutte bedeckt gewesen, ich hatte sein Gesicht nicht gesehen, nur seine Stimme gehört. Ich war im Begriff, ihm dies zu sagen, ihn zu befragen, als sich plötzlich eine Tür öffnete und eine Frau eintrat.

›Was gibt es denn, Rémy?‹ fragte sie, indem sie majestätisch auf der Türschwelle stehen blieb, ›und warum dieser Lärm?‹

»Oh! mein Bruder, sie war es, noch schöner im sterbenden Feuer des Brandes, als sie mir in den Strahlen des Mondes geschienen hatte; sie war es, die Frau, deren beständiges Andenken mir das Herz zernagt.

»Bei dem Schrei, den ich ausstieß, schaute mich der Diener ebenfalls aufmerksamer an.

›Ich danke, Herr, ich danke,‹ sagte er noch einmal; ›Ihr seht, das Feuer ist gelöscht. Geht, ich bitte Euch, geht.‹ – ›Mein Freund‹ erwiderte ich, ›Ihr verabschiedet mich so?‹ – ›Madame‹ sagte der Diener, ›er ist es.‹ – ›Wer?‹ fragte sie. – ›Der junge Kavalier, den wir im Garten trafen, und der uns nach der Rue de Lesdiguières folgte.‹

»Sie heftete nun ihren Blick auf mich, und aus diesem Blick konnte ich schließen, daß sie mich zum ersten Male sah.

›Mein Herr,« sagte sie, »habt die Güte, entfernt Euch.‹

»Ich zögerte, ich wollte sprechen, bitten; aber die Worte fehlten meinen Lippen; ich blieb unbeweglich und stumm und schaute sie nur an.

›Nehmt Euch in acht, mein Herr,‹ sagte der Diener mehr traurig als streng, ›nehmt Euch in acht, Ihr würdet Madame zwingen, zum zweiten Male zu fliehen.‹

›Oh! Gott verhüte es,‹ erwiderte ich, mich verbeugend, ›aber Madame, ich beleidige Euch doch nicht.‹«

»Sie antwortete mir nicht. So unempfindlich, so stumm, so eisig, als ob sie mich nicht gehört hätte, wandte sie sich um, und ich sah sie allmählich im Schatten verschwinden und die Stufen einer Treppe hinabgehen, auf der ihr Tritt nicht mehr tönte, als wenn es der eines Gespenstes wäre.

»Und das ist alles?« – »Das ist alles. Der Diener geleitete mich zur Tür zurück und sagte: ›Mein Herr, vergeßt im Namen Jesu und der Jungfrau Maria, ich flehe Euch an, vergeßt!‹

»Ich entfloh, betrübt, verwirrt, albern, preßte meinen Kopf zwischen meine beiden Hände und fragte mich, ob ich nicht ein Narr würde.

»Seitdem gehe ich jeden Abend in diese Straße, und deshalb wandten sich meine Schritte, als wir das Stadthaus verließen, ganz natürlich nach dieser Seite; jeden Tag, sagte ich, gehe ich in diese Straße, ich verberge mich an der Ecke eines Hauses, dem ihrigen gegenüber, unter einem Balkon, dessen Schatten mich gänzlich umhüllt; einmal unter zehnmal sehe ich Licht in dem Zimmer, das sie bewohnt; dort ist mein Leben, dort ist mein Glück!«

»Welch ein Glück!« – »Ach, ich verliere es, wenn ich ein anderes zu erlangen wünsche.«

»Aber wenn du dich mit dieser Resignation zugrunde richtest?« – »Bruder,« sagte Henri mit einem traurigen Lächeln, »was willst du? Ich fühle mich so glücklich.«

»Das ist unmöglich.«

»Das Glück ist immer beziehungsweise; ich weiß, daß sie dort ist, daß sie dort lebt, daß sie dort atmet; ich sehe sie durch die Mauer, oder es kommt mir vielmehr vor, als erblickte ich sie; wenn sie dieses Haus verließe, wenn ich abermals vierzehn Tage zubrächte, wie die, welche ich zubrachte, als ich sie verloren hatte, so würde ich ein Narr, mein Bruder, oder ich ginge in ein Kloster, um Mönch zu werden.«

»Nein, bei Gott! es ist schon genug mit einem Narren und einem Mönch in der Familie; wir brauchen keinen mehr, teurer Freund. Ich verspreche dir, Bruder, in spätestens vierzehn Tagen sollst du deine Geliebte haben. Laß mich nur machen.«

Trotz alles Zweifels und Kleinmuts des verliebten Bruders beharrte der Ältere darauf, daß er sein Ziel erreichen werde. Er ließ sich von Henri mitteilen, daß dem kleinen Hause gegenüber ein ähnliches von einem einsamen Bürger bewohntes stehe. Joyeuse sagte schließlich:

»Du wirst sie diesen Abend sehen, Bruder.« – »Ich?«

»Stelle dich um acht Uhr unter ihren Balkon.« – »Ich werde dort sein, wie ich es alle Tage bin, aber ohne mehr Hoffnung, als an den anderen Tagen.«

»Doch sage mir die Adresse ganz genau.« – »Zwischen der Porte Bussy und dem Hotel Saint-Deny, beinahe an der Ecke der Rue des Augustins, zwanzig Schritte von einem großen Gasthofe mit dem Schilde: Zum Schwerte des kühnen Ritters.«

»Sehr gut, um acht Uhr heute abend.« – »Aber was willst du machen?«

»Du wirst es sehen, du wirst es hören. Mittlerweile kehre nach Hause zurück, lege deine schönsten Kleider an, nimm deine reichsten Juwelen, gieße auf deine Haare deine feinsten Essenzen; heute abend kommst du in die Festung.« – »Gott höre dich, mein Bruder.«

»Henri, wenn Gott taub ist, so ist es der Teufel nicht . . . . Ich verlasse dich, meine Geliebte erwartet mich, nein, ich will sagen, die Geliebte des Herrn von Mayenne . . . . Beim Papst! diese ist kein Zieraffe.«

»Mein Bruder.« – »Verzeih, schöner Liebesritter; also heute abend, Henri.«

Die Brüder drückten einander die Hand und trennten sich. Nach zweihundert Schritten hob der eine den Klopfer eines schönen beim Parvis Notre-Dame liegenden gotischen Hauses mutig auf und ließ ihn geräuschvoll wieder fallen. Der andere vertiefte sich schweigsam in einer von den krummen Straßen, die nach dem Palaste ausmünden.


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