Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
modified20190320
Schließen

Navigation:

Die Serenade.

Um vom Louvre nach Hause zu kommen, hatte Chicot keinen weiten Weg zu gehen. Er stieg an dem steilen Ufer hinab und fuhr über den Fluß mit einem kleinen Schiffe, das er selbst lenkte und von der Rive de Nesle an den verlassenen Kai des Louvre gebracht hatte.

Unterwegs dachte er darüber nach, daß der König noch immer derselbe schwache und erhabene, phantastische und poetische Geist sei, ewig die selbstsüchtige Seele, die stets mehr verlange, als man ihr geben könne, ein unglücklicher König, ein armer König, mehr zu bedauern als irgendein Mensch seines Reiches. »Ich glaube,« sagte er bei sich, »nur ich habe diese seltsame Mischung von Üppigkeit und von Reue, von Gottlosigkeit und Aberglauben ergründet, wie nur ich allein den Louvre kenne, durch dessen Gemächer so viele Günstlinge gezogen sind, um in das Grab, in die Verbannung oder in die Vergessenheit zu wandern; wie ich auch nur allein ohne Gefahr mit dieser Krone spiele, die einstweilen den Geist von so vielen Leuten verbrennt, bis sie ihnen auch die Finger verbrennen wird.«

Als Chicot gelandet war und in die nahe Rue des Augustins kam, war er sehr erstaunt, Stimmen und Instrumente zu hören, die das in so vorgerückter Stunde sonst so friedliche Viertel mit Harmonie erfüllten.

»Es ist also eine Hochzeit hier,« dachte er anfangs; »alle Wetter! Ich habe nur fünf Stunden geschlafen und werde nun wachen müssen, ich, der ich keine Hochzeit halte.«

Während er sich näherte, sah er einen großen Schein auf den Fensterscheiben der wenigen Häuser tanzen, die sich in dieser Straße fanden; der Schein wurde durch ein Dutzend Fackeln hervorgebracht, die Pagen und Lakaien trugen, indes vierundzwanzig Musiker unter den Befehlen eines besessenen Italieners aus Leibeskräften mit ihren Violen, Psaltern, Geigen, Zithern, Trompeten und Trommeln aufspielten.

Dieses Heer von Lärmmachern war in schöner Ordnung zu Chicots Verwunderung vor seinem eigenen Hause aufgestellt. Der unsichtbare General, der das Manöver leitete, hatte Musiker und Pagen so aufgestellt, daß alle gegen die Wohnung Robert Briquets gewendet waren.

Chicot schaute diese Erscheinung einen Augenblick erstaunt an und horchte auf das sonderbare Getöse. Dann schlug er mit seinen knochigen Händen auf seine Schenkel und sagte: »Das ist ein Irrtum, es ist nicht möglich, daß man für mich einen solchen Lärm macht.«

Hierauf trat er näher, mengte sich unter die Neugierigen, die die Serenade herbeigezogen hatte, und versicherte sich, aufmerksam umherschauend, daß alles Licht der Fackeln sich an seinem Hause abspielte, und daß niemand in der Menge sich im geringsten um das Haus gegenüber oder um die benachbarten Häuser kümmerte.

»In der Tat,« sagte Chicot zu sich selbst, »es ist für mich; sollte sich etwa eine unbekannte Prinzessin in mich verliebt haben?«

Diese Annahme, so schmeichelhaft sie auch war, schien indessen Chicot keineswegs zu überzeugen. Er wandte sich nach dem Hause um, das dem seinigen gegenüber stand.

Nur zwei Fenster dieses Hauses, die einzigen, die keine Läden hatten, fingen zuweilen Lichtblitze auf, während das arme Haus selbst alles Lebens beraubt zu sein schien.

»Man muß einen sehr harten Schlaf in diesem Hause haben,« sagte Chicot, »alle Teufel! ein solches Bacchanal müßte Tote erwecken.«

Währenddessen setzte das Orchester seine Symphonie fort, als ob es vor einer Versammlung von Königen und Kaisern gespielt hätte.

»Verzeiht, Freund,« fragte Chicot, sich an einen Fackelträger wendend, »könnt Ihr mir nicht sagen, für wen diese ganze Musik?«

»Für den Bürger, der hier wohnt,« antwortete der Diener, indem er Chicot Robert Briquets Haus bezeichnete.

»Es ist für mich, entschieden für mich,« dachte Chicot.

Chicot drang durch die Menge, um die Erklärung des Rätsels auf dem Ärmel und der Brust des Pagen zu lesen, aber jedes Wappen war sorgfältig unter einer Art von mauerfarbigem Überwurf verborgen.

»Wem gehört Ihr an, mein Freund?« fragte Chicot einen Tamburinschläger, der seine Finger mit dem Atem erwärmte, weil er in diesem Augenblicke gerade nichts zu trommeln hatte.

»Dem Bürger, der hier wohnt,« antwortete der Musiker, indem er mit seinem Stäbchen die Wohnung Robert Briquets bezeichnete.

»Ah! ah!« sagte Chicot, »sie sind nicht nur meinetwegen hier, sondern sie gehören mir sogar. Es kommt immer besser; wir werden ja am Ende sehen.«

Er bewaffnete sein Gesicht mit der schwierigsten Grimasse, die er finden konnte, stieß rechts und links Pagen, Lakaien, Musiker beiseite, um die Tür nicht ohne Schwierigkeit zu erreichen, zog hier, sichtbar und glänzend in dem von den Fackelträgern gebildeten Kreise, den Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Tür, trat ein, stieß die Tür wieder zu und schob den Riegel vor. Dann stieg er auf seinen Balkon, stellte auf den Vorsprung einen ledernen Stuhl, setzte sich bequem darauf, stützte das Kinn auf das Geländer und sagte, ohne daß er das Gelächter zu bemerken schien, das seine Person empfing: »Meine Herren, täuscht ihr euch nicht, sind eure Triller, Kadenzen und Rouladen wirklich an mich gerichtet?«

»Ihr seid Meister Robert Briquet?« fragte der Direktor des ganzen Orchesters.

»In Person.«

»Wohl, wir sind ganz zu Euren Diensten, mein Herr,« erwiderte der Italiener mit einer Bewegung seines Stabes, die einen neuen Melodiensturm hervorrief.

»Das ist wahrhaftig nicht zu verstehen,« sagte Chicot zu sich selbst, indem er seine scharfen Augen auf der ganzen Menge und an allen Häusern der Nachbarschaft umherlaufen ließ. Da erblickte er plötzlich unter dem Wetterdach seines Hauses, durch die Spalten des Balkonbodens, einen ganz in einen dunkelfarbigen Mantel gehüllten Mann, der einen schwarzen Hut mit roter Feder und einen langen Degen trug und, da er sich unbeobachtet glaubte, mit seiner ganzen Seele nach dem gegenüberliegenden öden, stummen, toten Haus schaute. Von Zeit zu Zeit verließ der Direktor des Orchesters seinen Posten, um leise mit diesem Mann zu sprechen. Chicot erriet bald, daß das ganze Interesse der Szene hier war, und daß dieser schwarze Hut das Gesicht eines Edelmannes verbarg.

Von diesem Augenblick an war seine ganze Aufmerksamkeit dem Unbekannten zugewendet.

Bald sah er, wie ein Kavalier, dem zwei Stallmeister folgten, an der Ecke der Straße erschien und energisch mit Gertenhieben die Neugierigen vertrieb.

»Herr Joyeuse,« murmelte Chicot, der in dem Kavalier den auf Befehl des Königs gestiefelten und gespornten Großadmiral von Frankreich erkannte.

Sobald die Neugierigen zerstreut waren, schwieg das Orchester, dem offenbar ein Wink des Gebieters Stillschweigen auferlegte.

Der Kavalier näherte sich dem unter dem Wetterdache verborgenen Edelmann und fragte: »Nun, Henri, was gibt es Neues?« – »Nichts, mein Bruder, nichts.«

»Nichts?« – »Nein, sie ist nicht einmal erschienen.«

»Diese Burschen haben also keinen Lärm gemacht?« – »Sie haben das ganze Quartier betäubt.«

»Sie haben also nicht gerufen, wie es ihnen empfohlen war, sie spielten zu Ehren dieses Bürgers?« – »Sie haben es so laut gerufen, daß er in Person auf seinem Balkon sitzt und der Serenade zuhört.«

»Sie ist nicht erschienen?« – »Weder sie noch sonst jemand.«

»Der Gedanke war doch geistreich,« sagte Joyeuse gereizt, »denn sie könnte es am Ende, ohne sich zu kompromittieren, machen wie alle diese guten Bürger und die ihrem Nachbar gegebene Musik benützen.«

Henri schüttelte den Kopf und sagte: »Ah! man sieht wohl, daß du sie nicht kennst, Bruder.«

»Doch, doch, ich kenne sie; das heißt, ich kenne alle Frauen, und da sie in der Zahl inbegriffen ist, so wollen wir den Mut nicht sinken lassen.« – »Oh! mein Gott! Bruder, du sagst mir das mit einem ganz entmutigten Tone.«

»Durchaus nicht; nur muß der Bürger von heute an jedem Abend seine Serenade bekommen.« – »Sie wird ausziehen.«

»Warum, wenn du nichts sagst, wenn du sie nicht bezeichnest, wenn du stets verborgen bleibst? Hat der Bürger etwas geredet, als man ihm diese Artigkeit erwies?« – »Ja, er hat eine Rede an das Orchester gehalten . . . . Ah! sieh, Bruder, er will in der Tat noch einmal sprechen.«

Entschlossen, in der Sache ins klare zu kommen, stand Briquet wirklich auf, um zum zweiten Male den Direktor des Orchesters zu befragen.

»Schweigt da oben und geht hinein,« rief Anne in seiner üblen Laune, »zum Teufel, da Euch die Serenade zuteil geworden ist, so habt Ihr nichts zu sagen, haltet Euch also ruhig.« – »Meine Serenade, meine Serenade,« erwiderte Chicot mit der freundlichsten Miene; »ich will wenigstens wissen, an wen meine Serenade gerichtet ist.«

»An Eure Tochter, Dummkopf.« – »Verzeiht, Herr, ich habe keine Tochter.«

»An Eure Frau also.« – »Ich bin, Gott sei Dank, nicht verheiratet.«

»An Euch persönlich, und wenn du nicht hineingehst . . . .«

Joyeuse verband die Tat mit der Drohung und sprengte sein Pferd gegen den Balkon, und zwar mitten durch die Musiker.

»Alle Wetter!« rief Chicot, »wer wirft hier die Musiker nieder, wenn die Musik für mich ist?«

»Alter Narr,« brummte Joyeuse, das Haupt erhebend, »wenn du dein häßliches Gesicht nicht in deinem Rabennest verbirgst, so werden dir die Musiker alle ihre Instrumente auf dem Genick zerbrechen.«

»Laß diesen armen Menschen,« sagte du Bouchage, »er muß sich in der Tat sehr wundern!«

»Und warum wundert er sich, beim Teufel! . . . übrigens siehst du wohl, daß wir, wenn wir einen Streit anfangen, jemand an das Fenster ziehen werden; prügeln wir also den Bürger, stecken wir sein Haus in Brand, wenn es sein muß, aber rühren wir uns, rühren wir uns.«

»Ich bitte, mein Bruder,« entgegnete Henri, »erpressen wir nicht die Aufmerksamkeit dieser Frau; wir sind besiegt, ergeben wir uns!«

Briquet verlor kein Wort von diesem Zwiegespräch, das helles Licht in seine noch verworrenen Ideen brachte; er traf im Geiste seine Anstalten zur Verteidigung, denn er kannte die Laune dessen, der ihn angriff.

Doch Joyeuse ergab sich den Vernunftgründen seines Bruders, ging nicht weiter und entließ Pagen, Diener, Musiker und Maestro.

Er zog sodann seinen Bruder beiseite und teilte ihm mit, daß er auf Befehl des Königs sofort nach Flandern gehen müsse; er bat den Bruder herzlich mitzukommen. Du Bouchage erklärte aber, sich von dem Orte seiner Geliebten nicht trennen zu können, worauf Joyeuse von seiner Bitte abstand und tröstend hinzufügte, er sei überzeugt, er werde bei der Rückkehr den Bruder für seine beharrliche Liebe belohnt finden. Joyeuse hieß darauf die Musiker heimgehen und ritt dem Bruder, der ihn bis zum Tor geleiten wollte, voran zur harrenden Eskorte.

Henri warf einen letzten Blick nach dem öden Hause, sandte ein letztes Gebet nach dessen Fenstern und folgte dann, langsam und beständig sich umwendend, dem Bruder.

Als Robert Briquet die jungen Leute mit den Musikanten sich entfernen sah, dachte er, die Entwicklung dieser Szene werde nun wohl erfolgen. Er zog sich daher geräuschvoll vom Balkon zurück und schloß das Fenster, ging aber innen zum Dach hinauf, das ausgezackt war, wie das der flämischen Häuser; er verbarg sich hinter einer dieser Auszackungen und beobachtete die Fenster gegenüber.

Sobald der Lärm auf der Straße aufgehört hatte und alles in die gewöhnliche Ordnung zurückgekehrt war, öffnete sich leise eines von den oberen Fenstern dieses seltsamen Hauses, und ein Kopf kam vorsichtig hervor.

»Nichts mehr,« murmelte eine Männerstimme, »folglich keine Gefahr mehr; es war eine Mystifikation, die sich an unsern Nachbar richtet; Ihr könnt Euer Versteck verlassen, gnädige Frau, und in Euer Zimmer hinabgehen.«

Bei diesen Worten schloß der Mann das Fenster wieder, ließ das Feuer aus einem Stein springen, zündete eine Lampe an und reichte sie einem Arm, der sich ausstreckte, um sie zu empfangen.

Chicot schaute angespannt. Doch kaum hatte er das bleiche und erhabene Antlitz der Frau erschaut, die die Lampe in Empfang nahm, und den sanften, traurigen Blick aufgefaßt, der zwischen dem Diener und der Gebieterin ausgetauscht wurde, als er selbst erbleichte und fühlte, wie ein eisiger Schauer seine Adern durchlief.

Die junge Frau war kaum vierundzwanzig Jahre alt. Sie stieg nun die Treppe hinab; ihr Diener folgte ihr.

»Ah!« murmelte Chicot, der mit der Hand über die Stirn fuhr, um sich den Schweiß abzuwischen, und als ob er zugleich eine furchtbare Erscheinung hätte verjagen wollen, »ah! Graf du Bouchage, tapferer, schöner junger Mann, wahnsinniger Verliebter, laß alle Hoffnung fahren!«

Dann stieg er ebenfalls in sein Zimmer hinab . . . mit düsterer Stirn, wie wenn er in eine furchtbare Vergangenheit, in einen blutigen Abgrund hinabgestiegen wäre, und setzte sich, nun auch selbst von der Schwermut, die von dem düstern Hause ausging, bezwungen, gedankenvoll in den Schatten.


 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.