Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jules Verne >

Die fünfhundert Millionen der Begum

Jules Verne: Die fünfhundert Millionen der Begum - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDie fünfhundert Millionen der Begum
publisherA. Hartleben's Verlag
addressWien. Pest. Leipzig.
seriesJulius Verne's Schriften
volume31
year1880
firstpub
translatorohne Angabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060407
projectidad79d9da
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Capitel.

Marcel Bruckmann an Prof. Schultze, Stahlstadt

France-Ville, am 14. September.

»Ich halte mich für verpflichtet, den Herrn Stahlkönig zu benachrichtigen, daß ich die Grenze seines Gebietes vorgestern Abend glücklich überschritten habe, da ich erklärlicher Weise lieber mich selbst als das Schultze'sche Kanonenmodell in Sicherheit zu bringen suchte.

»Indem ich Ihnen hiermit Lebewohl sage, würde ich mich für pflichtvergessen betrachten, wenn ich Ihnen jetzt nicht auch meine Geheimnisse mittheilte; doch seien Sie deshalb ruhig, Sie werden die Mitwissenschaft nicht mit dem Leben zu bezahlen haben.

»Ich heiße weder Schwartz, noch bin ich ein Schweizer. Ich bin geborener Elsäßer. Mein Name ist Marcel Bruckmann. Ich bin, wenn ich Ihren Worten Glauben schenken darf, ein leidlicher Ingenieur, vor Allem aber Franzose. Sie sind der unversöhnliche Feind meines Vaterlandes, meiner Freunde, meiner Familie. Sie nähren abscheuliche Pläne gegen Alles, was ich liebe. Ich habe gewagt, was ich wagen konnte, dieselben zu durchschauen und werde Alles aufbieten, sie zu vereiteln.

»Ich beeile mich, Ihnen wissen zu lassen, daß Ihr erster Schuß mißlungen ist und, Gott sei Dank, sein Ziel nicht getroffen hat, ja überhaupt nicht treffen konnte. Ihre Kanone bleibt nichtsdestoweniger ein Hauptwunderwerk, die Projectile aber, welche sie unter ihrer ungeheuren Pulverladung schleudert, werden niemals Jemand ein Leid anthun. Diese können nirgends niederfallen! Ich ahnte das vorher; heute ist es, zu Ihrem größeren Ruhme, eine erwiesene Thatsache, daß Herr Schultze eine zwar entsetzliche – aber ganz unschuldige Kanone erfunden hat.

»Sie werden ohne Zweifel mit Vergnügen hören, daß wir gestern Abend, vier Secunden nach drei Viertel elf Uhr, Ihr allzu vervollkommnetes Langgeschoß über unsere Stadt wegfliegen sahen. Es hielt eine westliche Richtung ein, sauste fort durch den leeren Raum und wird so bis an's Ende der Jahrhunderte weiter gravitiren. Ein Projectil mit einer, der gewöhnlichen um das Zwanzigfache überlegenen Anfangs-Geschwindigkeit kann eben nicht mehr »fallen!« Seine Fortbewegungskraft macht es im Vereine mit der Anziehungskraft der Erde zu einem Körper, der bestimmt ist, um unsere Erdkugel zu circuliren.

»Das hätten Sie übrigens wissen sollen!

»Endlich hoffe ich, daß die Riesenkanone des Stierthurmes durch diesen ersten Probeschuß gänzlich zerstört ist; das Vergnügen, die Planetenwelt mit einem neuen Gestirne, die Erde mit einem zweiten Satelliten beschenkt zu haben, bezahlt man immerhin mit 200.000 Dollars nicht zu theuer.

Marcel Bruckmann.«

Ein Expreßbote brachte dieses Schreiben sofort von France-Ville nach Stahlstadt. Marcel war es wohl nachzusehen, daß er sich die höhnische Genugthuung nicht versagen konnte, Herrn Schultze seinen Brief so bald als möglich zuzustellen.

Der junge Mann hatte in der That ganz Recht, wenn er behauptete, daß jenes berüchtigte, mit einer Anfangs-Geschwindigkeit ohnegleichen fortgeschleuderte und jenseits der Erdatmosphäre kreisende Geschoß nicht mehr auf unseren Planeten zurückfallen könne; ebenso wenn er voraussetzte, daß die Kanone des Stierthurmes durch die Explosion ihrer enormen Pyroxil-Ladung unbrauchbar gemacht geworden sei.

Herr Schultze empfand obige Mittheilung als ein herbes Mißgeschick, als den schwersten Schlag für seine zügellose Selbstliebe.

Er erblaßte bei Durchlesung desselben, und nachher sank ihm das Haupt auf die Brust herab, als wäre er von einem Keulenschlage getroffen. Aus diesem Zustande einer dumpfen Betäubung erwachte er erst nach einer Viertelstunde – aber schäumend vor Zorn! Arminius und Sigimer allein waren Zeugen des furchtbaren Ausbruches.

Herr Schultze aber war nicht der Mann dazu, sich sofort für überwunden zu erklären. Jetzt erst sollte der Kampf auf Leben und Tod zwischen ihm und Marcel beginnen. Verblieben ihm denn nicht seine mit flüssiger Kohlensäure geladenen Geschosse, welche durch minder mächtige, aber zweckmäßigere Geschütze auf kürzere Entfernungen geschleudert werden konnten?

Mit Anstrengung beruhigt, betrat der König von Stahlstadt wieder sein Cabinet und ging wie gewöhnlich an die Arbeit.

Das jetzt mehr als je bedrohte France-Ville durfte nichts vernachlässigen, sich in Vertheidigungszustand zu setzen.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.