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Die Frau mit den Karfunkelsteinen

Eugenie Marlitt: Die Frau mit den Karfunkelsteinen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleDie Frau mit den Karfunkelsteinen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger
seriesE. Marlitt's gesammelte Romane und Novellen
volumeSechster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid99f334c3
created20070103
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9.

Draußen rollte der Wagen davon. Margarete verließ die Wohnstube; aber sie flog nicht, wie sie wohl gleich beim Kommen im ersten Impuls gethan, den Ihren entgegen – wie angefröstelt stieg sie langsam die wenigen in die Hausflur führenden Stufen hinab.

Herbert schien eben die Treppe hinaufgehen zu wollen, und der Kommerzienrat kam über die Schwelle in die Hausflur zurück. Auf seinem Gesicht lag noch der Glanz befriedigten Stolzes auf die seinem Hause widerfahrene Ehre. Er stutzte bei Margaretens Erblicken, breitete aber gleich darauf unter einem Freudenruf die Arme aus und zog die Heimgekehrte an seine Brust. Und da war auch wieder ein Lächeln auf ihren Lippen.

»Ei, bist du es wirklich, Gretchen?« rief die Frau Amtsrätin, die in diesem Augenblick in Reinholds Begleitung von draußen hereintrat. »So ganz wider Erwarten?« – Sie ließ die Schleppe, die sie mit spitzen Fingern sorgsam hoch über den Boden hielt, rauschend niedersinken, streckte dem jungen Mädchen die Rechte entgegen und hielt ihr mit würdevoller Grazie die Wange zum Kusse hin. Das schien die Enkelin nicht zu bemerken – sie berührte die großmütterliche Hand mit ihren Lippen und schlang dann die Arme um den Hals des Bruders ... Ja, sie hatte ihm vorhin ernstlich gegrollt! Aber er war ja ihr einziger Bruder, und er war krank; das heimtückische Leiden raubte ihm die Jugend, allen Glanz, allen Zauber der himmlisch schönen »achtzehn Jahre« ... Und wie das Herz unruhig und beängstigend haftete in der schmalen Brust, an welche sie sich schmiegte! Wie sein Körper sich frostig schüttelte unter dem kühlen Nachthauch, der vom Markte hereinblies! –

»Gehen wir hinauf! Die zugige Hausflur ist ein schlechter Begrüßungsort!« mahnte der Kommerzienrat. Er legte seinen Arm wieder um Margaretens Schultern und stieg mit ihr die Treppe hinauf, Herbert nach, der um eine Anzahl Stufen voraus war.

»Großes Mädchen!« sagte der Papa und maß mit väterlich stolzem Blick die jugendliche Gestalt neben sich.

»Ja, sie ist noch recht gewachsen,« meinte die Großmama, die an Reinholds Arm langsam nachkam. »Mußt du nicht auch lebhaft an Fannys Züge und Erscheinung denken, Balduin?«

»Nein, ganz und gar nicht! Die Gretel hat ein echtes Lamprechtsgesicht,« entgegnete er, und seine Stirn verfinsterte sich.

Droben im großen Salon stand Tante Sophie an einem Seitentisch und zählte das gebrauchte Silberzeug in einen Korb. Sie lachte über das ganze Gesicht, als Margarete auf sie zuflog. »Dein Bett steht bereit, auf dem nämlichen Platz, wo du als Kind alle deine lustigen und dummen Streiche verschlafen hast,« sagte sie, nachdem sie unter der stürmischen Umarmung des jungen Mädchens zu Atem gekommen war. »Und in der Hofstube nebenan ist's auch ganz huschelig und gemütlich, wie du's immer gern hattest.«

»Also ein Komplott!« meinte die Frau Amtsrätin mit scharfer Rüge. »Tante Sophie war die Vertraute, und wir anderen mußten uns bescheiden, bis der große Moment gekommen war!« Sie zuckte mit den Schultern und ließ sich auf den nächsten Stuhl nieder. »Wäre er nur früher gekommen, dieser große Moment, Grete! Aber deine Heimkehr jetzt hat so gut wie gar keinen Zweck – der Hof geht in den nächsten vierzehn Tagen nach M. zurück! von einer Vorstellung wird kaum noch die Rede sein können.«

»Sei du froh, liebe Großmama! Du würdest doch keine Ehre mit mir einlegen. Du glaubst gar nicht, was für ein Hasenfuß ich bin, was für ein schauderhaft täppisches Ding, wenn ich die Courage verliere! Das heißt, vor unseren lieben, alten Herrschaften würde ich standhalten – die sind mild und gütig und verschüchtern ein zaghaftes Menschenkind nie geflissentlich. Aber die anderen –« Sie brach ab und fuhr sich mit der Hand unwillkürlich durch die Locken. »Deshalb bin ich ja aber auch gar nicht gekommen, Großmama; der Weihnachtsbaum hat mir's angethan, Weihnachten drunten in der Wohnstube! Ich habe mich satt gesehen an all den Konfektfiguren und den Buchbindermeisterwerken, die Tante Elise kauft und mühelos an den Baum hängt. Ich will wieder jene Vorbereitungsabende durchleben, wo es draußen stürmt und schneit, und drin in der warmen Stube die Nüsse auf dem Tische rasseln, das Blattgold herumfliegt, und aus der Küche der Duft von selbstgebackenen Kringeln und allerhand undefinierbarem Wundergetier durch die Schlüssellöcher und Thürspalten zieht. Das Hübscheste wird freilich fehlen – Tante Sophiens verdeckter Nähkorb, aus welchem dann und wann ein Endchen von angefangenem Puppenstaat guckte; und über die Bilderbücher bin ich leider auch hinaus. Aber von Bärbe verlange ich nach wie vor meinen Pfefferkuchenreiter –«

»Kinderei!« schalt die Frau Amtsrätin ärgerlich. »Schäme dich, Grete! Du kommst ja nicht um ein Haar gebessert zurück!« »Ja, das sagte Onkel Herbert auch schon.«

»Nicht in dem Sinne,« berichtigte der Landrat kühl. Er war mit in den Salon hereingekommen, hatte sich bis dahin vollkommen passiv verhalten und stand eben vor dem Tafelaufsatz, wo er mit vorsichtigem Finger die Blumen und Früchte auseinander schob, um das wundervoll gearbeitete Takelwerk des Silberschiffes besser sehen zu können ... Ob er das alte, wohlbekannte Familienschaustück der Lamprechts wirklich noch nicht gesehen hatte, der Herr Landrat? –

»Was – du hast den Onkel schon gesprochen?« fragte Reinhold, sehr erstaunt von der Birne aufblickend, die er sich schälte. »Wie ist denn das möglich?«

»Sehr leicht, Holdchen, dieweil ich vorhin in Person hier oben gewesen bin –«

»Doch nicht in der Absicht, einzutreten?« rief die Frau Amtsrätin in nachträglichem Schrecken.

»Mit der Eskimofrisur und in dem gräßlichen schwarzen Fähnchen?« setzte Reinhold mit einer grotesken Abscheugebärde hinzu. »Hast dich ja ganz famos herausgeputzt in deinem Berlin, Grete!«

Margarete lachte und sah auf ihr Kleid herab. »Alteriere dich nicht, Reinhold, es ist nicht mein einziges und bestes!« Sie wandte den Rocksaum musternd und achselzuckend hin und her. »Armes Fähnchen! Frisch ist's freilich nicht mehr. Es mußte mit mir durch Pyramiden und Katakomben kriechen und ist von Gletschereis und Gebirgsregen oft windelnaß gewesen – der gute, alte Kamerad! Nun habe ich mich seiner geschämt und ihn verleugnet! Onkel Herbert kann's bezeugen, daß ich mir selber nicht schön genug war, um vor dem hohen Besuch zu debütieren –«

»Ich bitte dich ums Himmels willen, Kind, thue mir den einzigen Gefallen und fahre dir nicht so nach Jungenart durch die Haare!« unterbrach sie die Großmama, »Eine schauderhafte Angewohnheit! Wie kommst du nur auf die wahnsinnige Idee, dir das Haar kurz zu schneiden?«

»Ich mußte, Großmama, und ohne ein paar heimlicher Thränen ist's auch nicht abgegangen, das leugne ich gar nicht. Aber es war oft zum Verzweifeln, wenn die Zöpfe morgens beim Flechten kein Ende nehmen wollten, und Onkel Theobald draußen vor der Thüre wartete und auf und ab lief vor Ungeduld und Angst, daß wir den Zug oder die Post versäumen könnten. Und da machte ich kurzen Prozeß, als es nach Olympia gehen sollte, und griff zur Schere. Ich hätte mich kahl geschoren, wenn es nötig gewesen wäre, so ungeduldig und auf das Weiterkommen erpicht war ich selbst ... Uebrigens ist die Sache gar nicht so schlimm, Großmama. Mein Struwwelhaar wächst wie Unkraut, und ehe du dich versiehst, ist wieder ein ganz respektabler Zopf da –«

»Da kannst du warten,« warf die alte Dame trocken ein. »Unsinn, kapitaler Unsinn!« platzte sie dann zornig heraus. »Tante Elise konnte auch besser aufpassen und den Streich verhindern!«

»Die Tante? Ach, Großmama, da sieht's erst schlimm aus! Mindestens um eine Hand breit kürzer, als dies –« Sie zog einen ihrer Lockenringel mit einem schelmischen Lächeln in die Länge.

»Na, ihr mögt ein schönes Zigeunerleben führen auf euren gelehrten Touren!« rief die alte Dame indigniert und strich nervös erregt einige Tortenkrümel auf dem Tafeltuch zusammen. »Wie meine Schwester es fertig bringt, sich den Berufsstudien ihres Mannes so unterzuordnen, das ist mir geradezu unfaßlich. Wo bleibt da das Recht der Frau auf die eigene angenehme Lebensstellung? ... Nun, es ist ihre Sache – wie man sich bettet, so liegt man ... Aber was soll nun werden? Sieh dir noch einmal das Mädchen an, Balduin! Jahre können vergehen, bis sie wieder präsentabel ist ... Ich frage dich, Grete, wie willst du es anfangen, in dem kurzen Gewirr eine Blume festzustecken, von einem Schmuckstück gar nicht zu reden? Die Rubinsterne zum Exempel, die deiner seligen Mama so unvergleichlich standen –«

»Ah, die ›Karfunkelsteine‹? Die schöne Dore im roten Salon hat sie auf dem Toupet?« fiel Margarete lebhaft fragend ein.

»Ja, Gretel, dieselben,« bestätigte der Kommerzienrat, der sich bis dahin schweigend verhalten und eben ein Glas Champagner rasch geleert hatte, an Stelle der Großmama. Er war erblaßt, aber die Augen glühten ihm unter der Stirn, und seine Finger umklammerten das Glas, als wollten sie es zu Scherben zerdrücken. »Ich habe dich herzlich lieb, Kind, und will dir geben, was dein Herz verlangt; aber die Rubinsterne schlage dir aus dem Sinne – solange ich lebe, kommen sie in kein Frauenhaar mehr!«

Die Frau Amtsrätin fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen und sah mit traurig gesenkten Mundwinkeln in ihren Schoß nieder. »Ich begreife, ich verstehe dich, lieber, lieber Balduin,« sagte sie in tief mitfühlendem Ton. »Du hast Fanny allzusehr geliebt!«

Ein bitteres Lächeln flog über sein Gesicht, und er hob die breiten Schultern, als wolle er eine namenlose innere Ungeduld abschütteln. Klirrend stieß er das Glas auf den Tisch und ging mit dröhnenden Schritten in das Nebenzimmer, die Thüre hinter sich zudrückend.

»Armer Mann!« sagte die Frau Amtsrätin halblaut und beschattete einen Moment mit der Hand die umflorten Augen. »Ich bin untröstlich über meine Ungeschicklichkeit – ich hätte nicht an diese nie heilende Wunde rühren sollen! ... Und gerade heute war er so heiter, ich möchte sagen ›‹stolz glücklich‹! Seit Jahren habe ich ihn zum erstenmal wieder lächeln sehen ... Ach ja, es waren aber auch wieder einmal ein paar himmlisch schöne Stunden, unvergeßlich schön und beglückend! ... Nur eines hat mir ein paarmal thatsächlich den Angstschweiß auf die Stirn getrieben, liebste Sophie!« – das leise Aneinanderklirren des Silbers hinter ihr verstummte, Tante Sophie horchte pflichtschuldigst dem, was da kommen sollte – »es wurde zu langsam serviert. Mein Schwiegersohn wird wohl für solche Fälle noch helfende Hände acquirieren müssen –«

»Gott behüte, Großmama, was soll denn das kosten?« protestierte Reinhold. »Wir haben unsern Etat für dergleichen, und der wird absolut nicht überschritten. Franz muß eben seine faulen Beine besser rühren! Ich werde künftig schon Feuer dahinter machen!«

Die Großmama schwieg. Sie nahm ein paar halbwelke Rosen, die Fräulein Heloise von Taubeneck in der Hand gehabt und auf ihrem Platz zurückgelassen hatte, und steckte ihr spitzes Näschen hinein – sie widersprach dem erregbaren Enkel nie direkt. »Es war aber hauptsächlich noch ein Bedenken, das mir im Verlauf des Essens beängstigend aufstieg, beste Sophie« – sagte sie nach einer augenblicklichen Pause über ihre Stuhllehne zurück – »war nicht doch das Menü in etwas zu derber Weise zusammengesetzt? Wissen Sie, Liebste, ein wenig zu spießbürgerlich für unsere hohen Gäste? – Und das Roastbeef ließ auch viel zu wünschen übrig.«

»Sie brauchen sich wirklich nicht zu ängstigen, Frau Amtsrätin,« entgegnete Tante Sophie mit ihrem heitersten Lächeln. »Der Küchenzettel war, wie ihn die Jahreszeit gibt, und ein Schelm gibt mehr, als er hat. Und das Roastbeef war gut, wie es immer auf unsern Tisch drunten kommt. Draußen im Prinzenhof verlangen sie das ganze Jahr durch kein so. feines, teures Stück, wie mir der Hofmetzger sagt.«

»So! – Hm!« räusperte sich die Frau Amtsrätin und vergrub ihr Gesicht einen Augenblick förmlich in den Rosen. »Ach, dieser köstliche Duft!« lispelte sie. »Sieh mal, Herbert – diese weiße Theerose ist eine Neuheit aus Luxemburg, wie mir Fräulein von Taubeneck sagte. Der Herzog hat sie ganz extra für den Prinzenhof kommen lassen.«

Der Herr Landrat nahm die Rose. Er besah ihren Bau, prüfte den Duft und gab sie seiner Mutter zurück, ohne eine Miene zu verziehen.

Wer sah diesem Mann an, daß er einst eine solche weiße Rose mit einer Wut und Glut, als sei er plötzlich wahnwitzig geworden, geraubt und verteidigt und um keinen Preis wieder herausgegeben hatte? – Margarete hatte diesen rätselhaften Vorgang nie vergessen können, und jetzt war er ihr freilich kein Rätsel mehr – der damalige Primaner hatte das schöne Mädchen im Packhause offenbar geliebt; es war eine erste schwärmerische »Schülerliebe« gewesen, die er von seinem jetzigen Standpunkt aus natürlicherweise mitleidig belächelte. Die Zeit der Lyrik war längst vorüber, und die strenge Prosa des trockenen, berechnenden Verstandes war an ihre Stelle getreten.

Da war der Papa, der sich eben mit seinem Schmerz in das Nebenzimmer geflüchtet, doch ein Anderer! Er konnte nicht vergessen. – Das Herz wallte ihr über von Mitleid und warmer, kindlicher Liebe – kaum wissend, daß sie es that, öffnete sie geräuschlos die Thüre, die er hinter sich geschlossen, und schlüpfte in das Zimmer.

Der Kommerzienrat stand unbeweglich in der dunkelnden Fensternische, in die nur ein schwacher Schein der Hängelampe fiel, und schien auf den Markt hinauszusehen. Der dicke Teppich machte die leichten Mädchentritte unhörbar, und so stand sie plötzlich hinter dem in sich versunkenen Manne und legte ihm sanft schmeichelnd die Hände auf die Schultern.

Er fuhr herum, als sei die Berührung ein Faustschlag gewesen, und starrte mit verstörten, wie wahnwitzig blickenden Augen der Tochter in das Gesicht. »Kind,« stöhnte er, »du hast eine Art, die Hand aufzulegen –«

»Wie meine arme Mama?«

Er preßte die Lippen aufeinander und wandte sich ab.

Aber sie schmiegte sich fester an ihn. »Lasse deine Grete da, Papa! Schicke sie nicht fort!« bat sie weich und innig. »Der Gram ist ein schlimmer Kamerad, und mit dem lasse ich dich nicht allein... Papa, ich werde zwanzig Jahre alt – gelt, schon ein recht altes Mädchen? – und habe mich ganz gehörig draußen in der Welt umhergetummelt. Ich habe viel gehört und gesehen, für alles Schöne und Große die Augen redlich aufgethan und mir manche Lehre brav hinters Ohr geschrieben, wie Tante Sophie sagt... Und die Welt ist so wunderschön –«

»Kind, lebe ich denn nicht auch in der Welt?« – Er deutete nach dem anstoßenden Salon.

»Ob aber auch unter Menschen, die dir wirklich und wahrhaftig aus deiner Seelenfinsternis emporhelfen könnten?«

Er lachte hart auf. »Das freilich nicht! Die wohl zu allerletzt! Aber man kann sich auch mit verschlossener Seele hie und da zerstreuen. Freilich, der Katzenjammer kommt nachher mit doppeltem Elend und stürzt die arme Seele um so tiefer in ihren grausamen Zwiespalt zurück.«

»Nun, so würde ich mich dem nicht aussetzen, Papa!« sagte sie und sah mit ernstem Blick zu ihm auf.

Ein spöttischer Zug ging durch sein dunkles Gesicht, während er ihr mit der Hand über das Haar strich. »Meine kleine Weise, du sprichst, wie du's verstehst – wenn das so leicht wäre! ... Du bist ›durch Katakomben und Pyramiden gekrochen‹ und hast in Troja und Olympia an der Hand des Onkels dem Leben und Sein der alten Welt nachgespürt, aber vom modernen Leben weißt du blutwenig. Mit dem eigenen Selbstgefühl wird jetzt keiner fertig, der etwas gelten will, dazu gehört auch etwas Sonnenschein, der aus den höchsten Kreisen kommt.« Er zuckte die Achseln. »Das ist mir freilich unverständlich,« sagte sie, und das Blut stieg ihr in das Gesicht. »Aber ich weiß doch mehr vom modernen Leben, als du denkst, Papa. Der Onkel in Berlin duldet nichts Zweifelhaftes, im Dunkeln Kriechendes in seinem Hause; da kommen nur helle Köpfe zusammen, und es wird frisch und frei vom Herzen weg gesprochen. Sieh, und da sagte kürzlich einer: ›Ach ja, sie nennen es den Klassenhaß schüren, wenn wir uns unserer Haut wehren und gegen die drohende Niederdrückung kämpfen! Meine Seele ist rein von Haß – mögen jene doch steigen, so hoch sie wollen, ich sehe neidlos zu, sie müssen sich nur nicht dabei auf unsere Leiber stellen wollen. Aber das ist's eben, mit ihrem Steigen wachsen ihnen Kraft und Lust, uns niederzutreten. Allein selbst darum hasse ich nicht; ich trage der Vergangenheit Rechnung. Die Abneigung, dem Bürgertum Vorschub zu leisten, oder vielmehr das Streben, es nicht stark werden zu lassen, liegt ihnen traditionsgemäß im Blute. Dagegen fühle ich Grimm, unbezwinglichen Grimm gegen die feilen Fahnenflüchtigen aus unseren Reihen, die liebedienerisch und um des persönlichen Vorteils willen das eigene Fleisch und Blut bekämpfen und um so fanatischer wüten, als sie sich sagen müssen, daß sie der Ehrlichgebliebene verachtet.‹ So sagte Doktor –«

»Auch nur einer, dem die Trauben zu sauer sind,« fiel der Kommerzienrat mit lächelndem Hohn ein; »eine Motte, die sich die Flügel nicht verbrennen konnte, einfach, weil sie dem Licht noch nicht nahe kommen durfte! Der schwenkt auch noch einmal, meine liebe Grete! Wir sind eben Kinder unserer Zeit und keine Spartaner ... Und wenn es zehnmal nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, und wenn die Speichelleckerei in gröbster, abstoßendster Weise zu Tage liegt, die Welt bewundert trotz alledem das dekorierte Knopfloch und nennt den Liebediener ehrfurchtsvoll bei dem neuen Titel, den er sich erschlichen hat ... Zu jenen Servilen gehöre ich nun allerdings nicht – ich will nichts haben, und zu schwenken brauchte ich auch nie, denn ich habe niemals den Beruf in mir gefühlt, mich wie ein Gladiator dem Herkömmlichen entgegenzustellen und mit volksbeglückenden Tiraden mich lächerlich zu machen. Das ist Verstandessache; die unbezwingliche Scheu aber, das unwillkürliche Beugen vor dem, was man in jenen hohen Regionen sagt und urteilt, liegt mir im Blute. Es ist stärker als ich – ich kann nicht dafür, ich kann nicht darüber hinaus, mit dem besten Willen, mit aller Kraft nicht!«

Er ließ das junge Mädchen plötzlich allein stehen in dem Fensterbogen und schritt in fast wildem Tempo auf und ab. »Ja, wer plötzlich alles – Charakteranlage und Erziehungsresultate – abschütteln und wie auf einsamer Insel, ungesehen, sich so zeigen dürfte, wie es ihm in tiefster Seele aussieht, wie er fühlt und leidet, ja der!« – er brach mit einer leidenschaftlichen Gebärde ab.

Die Energie und Bestimmtheit dieses Mädchens hatte ihn offenbar für einen Moment vergessen lassen, daß es seine junge Tochter war, vor deren Ohr sein Schmerz laut wurde.

»Geh jetzt hinunter, mein Kind!« sagte er sich bezwingend. »Du wirst müde und hungrig sein – ich fürchte, es hat dir noch niemand etwas angeboten. Nun, von dem Abhub der Tafel sollst du auch nichts essen. Tante Sophie wird dir schon drunten einen gemütlichen Theetisch herrichten, und bei ihr bist du ja auch am liebsten! Hast auch recht, Gretel – das ist Gold, lauteres Gold, und ich lasse mich nicht irre machen, so oft man auch versucht, es zu verdächtigen ... Was für eine heiße Hand du hast, Kind! Und wie dir dein sonst so blasses Gesichtchen glüht! Ja, siehst du, kleine, tapfere Bürgerin, die Politik –«

»Die Politik? Ach Papa, ich bin ja nur ein Mädchen, ein kleines, dummes – was geht mich die Politik an? Ich erzähle ja nur nach!« Sie lächelte schelmisch. »Du wirst doch um Gottes willen nicht denken, daß die Grete den Männern ins Handwerk pfuschen will? Gott soll mich behüten! Aber ich meine,« fuhr sie ernst fort, »hier handle es sich ja nur um allgemein Menschliches, um Recht und Unrecht, um moralische Kraft und Feigheit, um wahren Stolz und Niedertracht ... Und wäre deine Schilderung wirklich die Signatur unserer Zeit und bliebe maßgebend für immer, ei, da möchte man doch lieber gleich eine Mumie von Memphis oder Theben sein und vor Jahrtausenden gelebt haben! Aber das ist nicht wahr!« Sie schüttelte energisch den Kopf. »›Wir leben trotz alledem in einer großen Zeit, wenn wir auch inmitten einer gewaltigen Brandung ringen müssen,‹ sagt Onkel Theobald immer. ›Das Gute und Echte wird schon obenauf kommen, und die widerlichen Blasen, die der Kampf jetzt auf die Oberfläche treibt, werden nicht ewig glitzern und die Schwachen blenden ...‹ Und du solltest nicht zeigen, wie du fühlst? Aus Menschenfurcht dich verschließen? Du, ein unabhängiger Mann, solltest nicht nach deiner Façon ruhig und zufrieden werden dürfen? Was helfen dir Gnaden- und Gunstbeweise von außen, wenn du innerlich darbst und entbehrst –«

Er zog sie plötzlich unter die Hängelampe, bog ihren Kopf zurück und sah ihr mit düsterdrohendem Blick tief in die Augen, die offen und furchtlos zu ihm aufblickten. »Ist das Hellseherei, oder schleicht man mir nach? ... Nein, meine Gretel ist ehrlich und wahrhaftig geblieben! Da gibt's kein Falsch!« Und er schlang seinen Arm wieder um ihre Gestalt. Mein braves Mädchen! Ich glaube, du wärst die einzige Tapfere in der Familie, die zu mir hielte, wenn mich die Welt in Bann und Acht erklärte –«

»Natürlich, Papa, dann erst recht!«

»Würdest mir helfen, eine unselige Schwäche zu überwinden?«

»Ganz selbstverständlich, mit aller meiner Kraft, Papa! Probiere es nur mit mir! Ich habe Courage für zwei. Hier meine Hand zu Schutz und Trutz!« Ein schönes Lächeln, halb schalkhaft, halb ernst, flog um ihre Lippen.

Er küßte sie auf die Stirn, und wenige Augenblicke nachher trat sie wieder in den Salon.

Tante Sophie war nicht mehr da. Sie war mit ihrem Silberkorb hinuntergegangen und machte jedenfalls schleunigst den Theetisch zurecht. Der Bediente löschte eben den Kronleuchter aus und Reinhold nahm das Konfekt, Stück um Stück, von den Kristallschalen und legte es, pünktlich sortiert »zum Wegschließen« in verschiedene Glasbehälter. Die Frau Amtsrätin aber saß behaglich zwischen Plüschpolstern hinter einem Sofatisch – weil es oben durch fortgesetztes Lüften schauerlich kühl, hier unten aber noch so köstlich warm und mollig sei, wie sie sagte – und legte ihre allabendliche Patience ... Großmama und Bruder hatten somit nicht viel Zeit für die Heimgekehrte, und das »Gutenacht« beider klang recht zerstreut und obenhin.

Das junge Mädchen vermißte nichts, gar nichts! – Sie war froh, so leichten Kaufs für heute davon zu kommen – hier oben war sie fertig ... Nur als sie draußen durch den dämmerigen Flursaal schritt, da stand einer im Fenster und sah anscheinend in den Hof hinunter – der Herr Landrat! – An ihn hatte sie auch nicht mehr gedacht; Kopf und Herz waren ihr übervoll von der rätselhaften Art und Weise, wie sie ihren Vater eben gesehen. Für ihr klares, entschiedenes Denken und Fühlen war ein solch düster geheimnisvoller Seelenzwiespalt etwas ganz Verwunderliches, solch eine Männerseele in ihrem Widerstreit mochte wohl schwer zu verstehen sein ... Ob den dort, den kühlgewordenen, in Amt und Würden stehenden Mann, nun doch auch vielleicht für einen Moment die Erinnerung packte und ihn hinübersehen ließ nach dem Gange, wo einst das Goldhaar der schönen Blanka durch die grünen Blätter und Ranken geleuchtet?

»Gute Nacht, Margarete!« sagte er in diesem Augenblick in einem anderen Tone, als die beiden Beschäftigten im Salon.

»Gute Nacht, Onkel!«

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