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Die Frau mit den Karfunkelsteinen

Eugenie Marlitt: Die Frau mit den Karfunkelsteinen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleDie Frau mit den Karfunkelsteinen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger
seriesE. Marlitt's gesammelte Romane und Novellen
volumeSechster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid99f334c3
created20070103
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7.

Die Stadt B. war nicht die Residenz des Landes; aber ihre schöne, gesunde Lage machte sie zum bevorzugten Sommeraufenthalt des regierenden Herrn, trotzdem das Schloß, auch in seinem Aeußeren nichts weniger als imposant, für eine größere Hofhaltung kaum den nötigen Raum bot... In den letzten drei Jahren übrigens machte sich »das nahe Zusammenrücken« der Sommergäste im Schlosse nicht mehr so nötig – die beiden schönen Prinzessinnen waren, kaum dem Kindesalter entwachsen, weggeholt worden und hatten, selbst für Prinzessinnen, glänzende Partieen gemacht, und der Erbprinz befand sich auf Reisen.

Ob nun bereits der Wonnemond durch weiche Lüfte und süße Düfte seine köstlich klingende Bezeichnung verdiente, oder ob er, noch über liegengebliebene Schneefelder der Berggipfel einherziehend, einen rauhen Aprilatem in die letzten, zum flachen Land auslaufenden Thäler des Thüringer Waldes hineinblies, gleichviel – pünktlich mit dem fünfzehnten Mai rückte alljährlich die Wagenkolonne aus der Residenz in das hübsche B. ein, und bald darauf sah man die Schlote des Schlosses gastlich dampfen, die wohlbekannte Livree der herzoglichen Bedienten tauchte in den Straßen auf, und vor den vornehmsten Häusern hielt dann und wann eine Equipage – die Hofdamen machten Besuche. Auch das Lamprechtsche Haus war eines der wenigen bürgerlichen, denen diese Auszeichnung widerfuhr – die Frau Amtsrätin Marschall war heute noch so wohlgelitten bei Hofe wie vor zehn Jahren; denn volle zehn Jahre waren verstrichen seit jenem unglückseligen Bleichtag, an welchem die kleine Margarete aus Furcht vor dem Institut nach Dambach gelaufen war.

Die herzogliche Gnadensonne bestrahlte selbstverständlich auch alles, was der alten Dame verwandtschaftlich nahe stand; so zum Beispiel wurde jetzt die Firma Lamprecht und Sohn durch einen Kommerzienrat repräsentiert, den einzigen der Stadt B., denn Serenissimus kargte sehr mit diesem Titel-Geschenk. Herr Balduin Lamprecht war auch gegen die seltene Auszeichnung durchaus nicht unempfindlich; seine Geschäftsfreunde behaupteten, er trüge seine Nase so hoch, daß kaum noch mit ihm auszukommen sei. Früher habe er doch wenigstens verbindliche Manieren gehabt, aber auch die seien untergegangen in einem abstoßend finsteren Hochmut. Seit Jahren hatte ihn niemand mehr lächeln sehen. Er reiste viel in Geschäften und war thätig, wie kaum in den ersten Jahren seiner Selbständigkeit; aber wenn er heimkam, da wurde es förmlich dunkel im Hause, da sanken die Stimmen der Untergebenen zum Flüstern herab, in aller Mienen lag ängstliche Spannung, und die Fußtritte klangen gedämpft, als fürchte jedes, einen in irgend einer Ecke lauernden bösen Geist aufzuscheuchen. »Die leidige Hypochondrie – ein Lamprechtsches Erbstückchen!« sagte achselzuckend der Hausarzt im Hinblick auf die düstere Stimmung des Heimgekehrten, der sich oft tagelang einschloß. »Tüchtig Wassertrinken und Holzsägen, das wäre am Platze!« Und die Frau Amtsrätin nickte eifrig mit dem Kopfe dazu – einzig und allein das alte Erbübel war's – sonst absolut nichts! – Tante Sophie aber lächelte ingrimmig, wenn ihr dieser salomonische Ausspruch zu Ohren kam.

»Jawohl, sonst absolut nichts!« pflegte sie ihn ironisch zu bekräftigen. »Beileibe nicht etwa das bißchen Sehnsucht nach einem richtigen Familienleben – ei bewahre! Der Mann muß ja Gott danken, daß er einmal vor so und so viel Jahren eine Frau gehabt hat, und kann nun bis an sein seliges Ende von der Erinnerung zehren... Der Fanny muß doch die letzte Bosheit der seligen Judith gar zu gut gefallen haben, weil sie's gerade so gemacht hat. Na meinetwegen, ich wollte nichts sagen, wenn sie dem armen Kerl, dem Witwer, wenigstens ein paar stramme Buben hinterlassen hätte; aber der Reinhold, das Angstmännchen – du lieber Gott, dem sah man's ja schon im Wickel an, daß es irgendwo haperte!«

Reinhold Lamprecht war in der That das Angstkind des Hauses verblieben. Er litt an einem Herzfehler, der ihm jede geistige und körperliche Anstrengung verbot. Er selbst fühlte die Entbehrung aller schönen Jugendfreuden wohl kaum, denn sein ganzes Dichten und Trachten ging im Geschäft auf. Wenn aber der Kommerzienrat den langen, bleichen, dünnen Zahlenmenschen mit der kühlen Gemessenheit eines Greises am Schreibtisch stehen sah, unbekümmert ob draußen Blütenschnee von den Bäumen flog oder wirkliche winterliche Flocken vor den Scheiben wirbelten, da ging es wie Zorn und Grimm durch seine Züge, und ein bitter verächtlicher Blick streifte das Häuflein Gebrechlichkeit, welches dereinst das Haus Lambrecht repräsentieren sollte. Aber er sprach nie darüber; er ballte nur im stillen krampfhaft die Faust, wenn die Frau Amtsrätin sich freute, daß die vornehme Ruhe der seligen Fanny in so frappanter Weise auf den Sohn übergegangen sei. Und eigentlich kränklich war der Stammhalter der Lamprechts nach ihrem Dafürhalten absolut nicht – Gott behüte! Er war nur zarter, empfindlicher Konstitution – eine Frau wie Fanny konnte selbstverständlich nicht die Mutter von robusten Bauernkindern gewesen sein. Margarete war ja auch bleich und schmächtig, aber kerngesund. Man mußte nur ihre Reisebriefe lesen – das Mädchen ertrug ja Strapazen und Anstrengungen wie ein Mann! ... Diese Bravourstücke waren übrigens durchaus nicht nach dem Geschmack der alten Dame; der Entwickelungsgang der Enkelin mißfiel ihr gründlich. Ein langjähriger Aufenthalt in einem vom Adel frequentierten, etwas orthodox angehauchten Pensionat, dann Vorstellung bei Hofe, und nach einigen Jahren der Auszeichnung und des Triumphes als Abschluß eine gute Partie – so mußte eigentlich die Jugendzeit der einzigen Tochter eines reichen Hauses verlaufen. Aber schon der Plan bezüglich des Institutes hatte ja an Margaretens Trotzkopf scheitern müssen, und das Mädchen war zum stillen Aerger der Großmama bis über das vierzehnte Lebensjahr in seiner »entsetzlichen Urwüchsigkeit« verblieben. Dann war allerdings ein plötzlicher Umschwung eingetreten.

Die jüngere Schwester der Frau Amtsrätin war an einen Universitäts-Professor verheiratet, dessen Name einen weithin geltenden Klang hatte. Er war Historiker und Archäolog, und da ihm bedeutende Mittel zur Verfügung standen, so reiste er viel, um für seine wissenschaftlichen Werke aus den Quellen selbst zu schöpfen, und dabei war ihm seine Frau ein treuer Kamerad – Kinder hatten sie nicht. Nach langem Aufenthalt in Italien und Griechenland waren sie nun auch wieder einmal in die Heimat zurückgekehrt, und die Frau Amtsrätin hatte sich glücklich geschätzt, die Durchreisenden auf einige Tage beherbergen zu können, denn sie war sehr stolz auf den Ruhm ihres Schwagers.

Am ersten Tage war der »unmanierliche Backfisch«, die Grete, für die zürnende Großmama nicht zu finden gewesen – wer mochte denn auch einem hochnotpeinlichen Verhör so geradewegs in die Hände laufen? – Der famose gelehrte Großonkel in Berlin hatte dem Mädchen von jeher einen gelinden Schauder über die Haut gejagt. Das war so einer, der die unglücklichen Schulkinder einfing, sie zwischen seine Kniee klemmte und examinierte, bis sie vor Angst schwitzten. Gesehen hat sie ihn nie; aber er war selbstverständlich lang und steif wie ein Stock, lachte nie und sah mit strengen stechenden Augen durch große, runde Brillengläser. Am zweiten Morgen aber hatte sie sich im Flursaal, einer offenen Salonthüre schräg gegenüber, hinter dem Büffett verkrochen – Professors frühstückten beim Papa. Und sie hatte große Augen gemacht; denn der schöne alte Herr konnte lachen, wirklich so recht aus Herzensgrunde lachen. Er hatte einen herrlichen, weißen, bis auf die Brust herabwallenden Vollbart und dazu prächtige helle Augen ohne Brillengläser. Und wie ein Junger hatte er das Glas mit dem funkelnden Goldwein gehoben und einen schalkhaften Toast ausgebracht. Dann hatte er von den Schliemannschen Ausgrabungen auf dem Berge Hissarlik erzählt, und sehr verwunderlich war es dabei gewesen, daß seine Frau, die Großtante mit dem glatt gescheitelten, vollen Grauhaar über dem klugen Gesicht, auch drein gesprochen, und zwar ganz mit demselben Verständnis wie der große Gelehrte. Ja, eine weite wunderherrliche Welt voll alter, versunkener und nun wieder erstehender Geheimnisse hatte sich da aufgethan, und die lauschende junge Unwissende hinter dem Büffett hatte sich allmählich aus ihrer kauernden Stellung aufgerichtet; dann war es gewesen, als schleiche ein leiser, nachtwandelnder Fuß über den Flursaal her, bis das langaufgeschossene Mädchen unsicheren Blickes, in fluchtbereiter Haltung, aber im atemlosen Hören die verschränkten Hände auf die Brust gepreßt, unter der Salonthüre erschienen war... »Meine Grete – ein scheuer Vogel, wie Sie sehen!« hatte der Papa mit der Hand nach ihr hingewinkt und damit den Zauber gebrochen. Im panischen Schrecken war der scheue Vogel von der Schwelle geflohen, hatte, verfolgt von einem vielstimmigen heiteren Gelächter, die Flursaalthüre klirrend hinter sich zugeschlagen und war die Treppe hinab mehr gestürzt als gelaufen.

Allein Flucht und trotziger Widerstand hatten nichts mehr genützt, die wilde Hummel hatte sich rettungslos auf ein fremdes Gebiet verflogen; Lernbegierde und Wissensdurst waren in der jungen Seele erwacht und hatten sie immer wieder zu Füßen der Erzähler geführt, und als nach acht Tagen der Wagen vor dem Lamprechtschen Hause gehalten hatte, um die Fortreisenden nach der Bahn zu bringen, da war auch die »unmanierliche Grete« in Schleierhut und Reisemantel aus der Hausthüre getreten, verweinten Gesichts zwar und den letzten Jammerlaut eines schweren Abschiedes auf den Lippen – aber man hatte sie mit nichten in den Wagen schleppen müssen, und sie hatte auch nicht geschrieen, daß die Leute auf dem Markte zusammenlaufen mußten, fest entschlossen und freiwillig war sie mitgegangen, um bei Onkel und Tante zu lernen und sie auf ihren Reisen zu begleiten.

Darüber waren fünf Jahre hingegangen. Margarete war neunzehnjährig geworden und hatte das väterliche Haus nicht wieder gesehen. Ihre Verwandten, vorzüglich den Papa, hatte sie in der langen Zeit öfters, teils in Berlin, teils auf Reisen bei verabredeten Rendezvous gesehen, und in den letzten zwei Jahren waren die Besuche der Großmama in Berlin immer häufiger geworden; sie wollte die Enkelin heimholen; allein Onkel und Tante zitterten bei dem Gedanken an eine Trennung, und das junge Mädchen selbst verspürte nicht die geringste Lust, sich am heimischen Hofe vorstellen zu lassen, und so mußte die Frau Amtsrätin zu ihrem bittersten Verdruß immer wieder allein zurückreisen.

Tante Sophie war, außer Herbert, die einzige der Familie gewesen, die sich ein Wiedersehen mit »der Gretel« hatte versagen müssen. Nein, das sollte ihr einmal niemand nachsagen können, daß sie um einer Freude, eines Herzensbedürfnisses willen den Haushalt je, auch nur für ein paar Tage, im Stiche gelassen hätte! Es ging eben nicht und ließ sich vor dem Gewissen nicht verantworten, und da hatte das dumme, alte Herz mit seiner Sehnsucht absolut nichts drein zu reden ... Nun machte sich aber der Ankauf neuer Teppiche und Portieren für die »guten Stuben« durchaus nötig, und Tante Sophiens Pelzmantel verlor, trotz Steinklee und Pfeffer, seit Jahren die Haare – er mußte pensioniert werden. Ein neuer Pelzmantel war aber ein teures Stück, das konnte man nicht nur so verschreiben und wie die Katze im Sacke kaufen, ebensowenig wie die kostbaren Teppiche und Portieren; da hieß es gleich vor die rechte Schmiede gehen, und deswegen dampfte Tante Sophie – viel eiliger, als es nötig, aber doch nur »aus wirtschaftlichen Rücksichten« – eines Tages nach Berlin und stand plötzlich unter strömenden Freudenthränen in Margaretens Mädchenstübchen. Und was alle bittenden, süßen und strengen Worte der Frau Amtsrätin nicht vermocht, das that der Anblick der unvergessenen mütterlichen Pflegerin; eine heiße Sehnsucht wallte in dem jungen Mädchen auf – sie wollte heim auf einige Zeit, heim, um über Weihnachten zu bleiben; Tante Sophie sollte ihr, wie einst dem Kinde, den Christbaum in der trauten Wohnstube anbrennen. Und so wurde verabredet, daß sie in der Kürze der heimkehrenden Tante folgen solle, aber ganz im stillen, niemand durfte es wissen, Papa und Großpapa sollten überrascht werden. –

So geschah es an einem stillen, milden Abend zu Ende des Septembers, daß die junge Dame, zu Fuße von der Bahn kommend, den Thürflügel des Packhauses hinter sich schloß und einen Augenblick lächelnd unter dem dunklen Thorweg stehen blieb. – sie schien noch auf das Knarren und Aechzen des alten Holzgefüges zu horchen, obschon es sofort verhallt war. Gerade diese Laute hatten in ihr Kindesleben hineingeklungen, so weit sie zurückdenken konnte, in ihre Spiele im Hofe und oft noch aufschreckend in das süße Hindämmern des ersten Schlafes hinein. Und wie oft hatte Tante Sophie erzählt, daß gerade durch dieses Thor, Jahrhunderte hindurch, die Leinenfrachten, dieses goldbringende Handelsgut der Lamprechts, in die Welt hinausgegangen waren! Das hatte die wilde Hummel damals nicht sonderlich interessiert; jetzt aber flog ihr Blick unwillkürlich empor, als müsse er, trotz der Dunkelheit, an der Steinwölbung noch die Spuren der hochgetürmten Planwagen finden können.

In welchem Lichte erschien ihr überhaupt jetzt der stille Hof des alten Patrizierhauses, seit sie durch Studium und belehrende Reisen sehenden Auges geworden war!... Wie festgebannt blieb sie stehen, nachdem sie mit erregt pochendem Herzen einige Schritte vorwärts gelaufen. Unter ihren Füßen raschelte dürres Laub; die mächtig gewachsenen lieben Linden hatten bereits zum größten Teil die Blätter abgeworfen, und hinter den Stämmen dunkelten die Mauern des uralten Weberhauses. Heute, wie an jedem Abend, kam der starke Lichtstrom der großen Wandlampe drüben aus den Küchenfenstern; er legte sich breit über den Hof hin, beschien grell wie immer seitwärts ein ganzes Stück des anstoßenden spukhaften Flügels und hob das mächtige, steinerne Brunnenbecken inmitten des Hofes weiß aus dem Abenddunkel. Und jenes beleuchtete Stück Fassade des zwischen das Packhaus und das große nüchterne, stillose Vorderhaus geklemmten Seitenbaues zeigte zur Ueberraschung der Heimkehrenden den edelsten Renaissancestil, und die Steinfigur, die sich hoch über den vier wasserspendenden Brunnenröhren hell bestrahlt erhob, und nach welcher einst Herbert und später auch Reinhold mit Kieseln geworfen, sie war eine feingegliederte Brunnennymphe vom schönsten Ebenmaße – jeder der vandalischen Steinwürfe von damals entrüstete in diesem Augenblick noch nachträglich die junge Kunstverständige... »Die Thüringer Fugger« hatten die Kauf- und Handelsherren Lamprecht einst um ihres Reichtumes willen im Volksmund geheißen – in dem Erbauer des Seitenflügels mit dem dazu gehörigen Brunnen hatte aber auch etwas von dem Kunstsinn der berühmten Augsburger Leineweber gelebt, nur daß er seine Schöpfung, in herber, stolzer Verschmähung alles Rühmens und Preisens, der Oeffentlichkeit entzogen und sie lediglich zur eigenen Augenweide und Befriedigung in der Verborgenheit aufgerichtet hatte. So war es recht! Die Tochter des alten Hauses hatte auch ihre Dosis Bürgerstolz im Blute mitbekommen – er trug in diesem Moment der Heimkehr seinen Teil an dem freudig erregten Schlag ihres Herzens. O ja, so ein ganz klein wenig »hochmütig« war man!...

Von der Brunnenfigur hinweg glitt ihr Blick über die Küchenfenster und sie empfand eine helle Wiedersehensfreude und lachte in sich hinein – da war freilich von griechischen Linien nicht die Rede; Bärbe tauchte aus der Tiefe der Küche auf und trat in den hellen Lampenschein. Sie war noch ebenso bärenhaft vierschrötig und ungeschlacht wie ehemals; das dünne, graue, um den Kamm gewickelte Zöpfchen am Hinterkopf hatte sich in seiner Position ausgezeichnet konserviert, und das Mundwerk ging flott wie immer – einzelne Laute ihrer spröden Stimme kamen durch das offene Fenster.

Es ging überhaupt sehr lebhaft zu in der Küche. Verschiedene Hände mußten beschäftigt sein, das Geschirr abzuwaschen, denn es klirrte und klapperte ohne Aufhören; Bärbe und der Hausknecht trockneten die Teller, und ein hübscher junger Bursch in seiner Livree ging eilfertig ab und zu.

Ohne Zweifel war Diner im Hause. Margarete hatte schon beim Heraustreten aus der finsteren Thorwölbung durch die Flurfenster gesehen, daß droben in der Bel-Etage, im großen Salon, der Kronleuchter brannte. Das überraschte sie nicht; Tante Sophie hatte ihr bereits in Berlin gesagt, daß jetzt immer »etwas los sei« zu Hause; zwischen den Leuten bei Hofe und Amtsrats sei große »Herrlichkeit«, und der Papa sei dadurch ein gar gesuchter Mann – und die braunen Augen hatten dabei lustig gezwinkert... Ei nun, da war ja die beste Gelegenheit, sich die Herrlichkeit in Bausch und Bogen zu besehen, ohne sich selbst sehen zu lassen, gleichsam von der Tiefe einer Theaterloge aus! Es galt einen Versuch! –

Sie ging durch die Hausflur in die Wohnstube. Da war es sehr dämmerig; das Gaslicht kam schwach durch die Fenster herein und warf nur einen intensiveren Lichtfleck auf die eine Wandfläche, auch auf das Zifferblatt der schönen großen, wohlbekannten Standuhr. Das behäbig langsame Ticken des alten Inventarstückes berührte die Heimkehrende herzbewegend wie ein Gruß von lieber Menschenstimme.

Tante Sophie war nicht da, sie hatte selbstverständlich oben »alle Hände voll zu thun«; dafür war das ganze, große Zimmer von dem Duft ihrer Lieblingsblumen erfüllt – auf dem Eßtisch stand ein mächtiger Strauß Levkojen und Reseda, wohl der letzte für dieses Jahr aus Tante Sophiens eigenem kleinen Garten vor dem Thore – wie das alles anheimelte! –

Margarete warf Hut und Mantel auf einen Stuhl, schwang sich auf den hohen Fenstertritt und sah hinaus über den gashellen Markt hin... Alles wie sonst, da sie noch in den Kinderschuhen gesteckt und die scharfen Steinkanten des holprigen Pflasters unter den Sohlen gefühlt, da der kleine, zum Teil noch von uralten Verteidigungsmauern eifersüchtig umschlossene Straßenkomplex, Stadt B. genannt, für sie die Welt bedeutet hatte, in der sie um jeden Preis leben und sterben gewollt!... Alles wie sonst, der bemooste Neptun auf dem Marktbrunnen, das Eckhaus schräg gegenüber mit seinem Steinbild über der gewölbten Thüre – welches besagte, daß der Hausbesitzer zum Bierbrauen berechtigt sei –, die schrille, kleine Glocke auf dem Rathaustürmchen, die eben halb acht schlug, das ferne Klingeln verschiedener Schellen an den Ladenthüren, und auch die edle Wißbegierde der guten Landsmänninnen, die dort in einem Trupp an der Straßenecke standen und, schlafende Kinder in ihre weiten, runden Kattunmäntel gewickelt, lange Hälse machten; sie konnten sich nicht satt sehen an dem Kronleuchter, der droben in Lamprechts guter Stube brannte, und zischelten wacker durcheinander – der richtige, rechtschaffene Klatsch an der Straßenecke.

Die junge Dame verließ ihren hohen Standpunkt am Fenster und lachte – sie machte es ja nicht besser als die schnatternde Gesellschaft da drüben, sie huschte ja jetzt auch hinauf, um zu sehen, was alles dieser Kronleuchter beschien ...

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