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Die Frau mit den Karfunkelsteinen

Eugenie Marlitt: Die Frau mit den Karfunkelsteinen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleDie Frau mit den Karfunkelsteinen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger
seriesE. Marlitt's gesammelte Romane und Novellen
volumeSechster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid99f334c3
created20070103
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6.

Da drin war es stockdunkel. Herr Lenz tappte mit seiner Last vorwärts und schlug endlich eine Thüre linker Hand geräuschvoll zurück. Gleich darauf fiel ein Lichtschein von oben über die dahinterliegende steile Treppe herab.

»Ernst?!« rief eine Frauenstimme angstvoll fragend herunter.

»Ja, ich bin's mit Haut und Haar, heil und gesund, Hannchen! Guten Abend auch, liebster Schatz.«

»Nun, Gott sei Lob und Dank, daß du da bist! Aber liebster, bester Mann, wo hast du denn gesteckt?«

»Verlaufen hatte ich mich!« sagte er im langsamen Hinaufsteigen. »Dieser verflixt schöne Thüringer Wald lockt wie ein Irrlicht – immer ein Punkt prächtiger als der andere! Da läuft man weiter und weiter und denkt nicht an den Nachhauseweg. Entsetzlich müde Beine bringe ich heim; aber das Skizzenbuch ist auch voll, Mutterchen.«

Damit tauchte er über dem Treppengeländer auf, und seine Frau, die mit der Lampe in der Hand oben stand, prallte zurück.

»Ja, gelt, was ich da mitbringe, Hannchen? J nun, das habe ich drunten im Thorweg aufgelesen,« sagte er, auf der obersten Stufe stehen bleibend, mit halb lächelndem, halb besorgtem Gesichtsausdruck. Er versuchte, den Kopf zu wenden, um das Kind auf seinem Arme bei Licht zu besehen; allein es hatte die Arme krampfhaft fest um seinen Hals geschlungen; und das Gesichtchen, von dem wirr hereinfallenden Haar fast verdeckt, drückte sich an seine Wange.

Frau Lenz stellte die Lampe schleunigst auf den Vorsaaltisch. »Gib mir das Kind, Ernst!« sagte sie mit ängstlicher Hast und reichte nach dem kleinen Mädchen. »Mit deinen armen müden Beinen darfst du keinen Schritt mehr thun – Gretchen aber muß auf der Stelle fort! Man sucht sie seit vielen Stunden. Gott, ist das ein Aufruhr drüben im Vorderhause! Alles rennt durcheinander und die alte Bärbe heult in ihrer Küche, daß es bis zu uns über den Hof herschallt ... Komm her, Engelchen!« lockte sie mit sanfter, zärtlicher Stimme. »Ich trage dich hinüber!«

»Nein, nein!« wehrte die Kleine angstvoll ab und klammerte sich noch fester an ihren Träger. Wenn drüben alles durcheinander rannte, da war auch die Großmama unten, und so wild und wirr es ihr auch durch den schmerzenden Kopf sauste, über den Empfang von seiten der alten Dame war sie sich doch vollkommen klar. »Nein, nicht hinübertragen!« wiederholte sie mit fliegendem Atem. »Tante Sophie soll kommen.«

»Auch recht, Herzchen! Dann holen wir die Tante Sophie,« beschwichtigte Herr Lenz.

»Ganz wie das Kindchen .will,« bestätigte seine Frau, die besorgt auf die heisere, nach Atem ringende Kinderstimme horchte und mit rascher Hand und prüfendem Blick den Haarwust aus dem entstellten Gesichtchen strich. Schweigend nahm sie die Lampe und öffnete die Stubenthür.

Das Packhaus, das älteste der aus der Urväter Zeiten stammenden Hintergebäude, war ein massiver Bau mit dicken Wänden und tiefen Fensternischen, dessen eigentliche Fassade nach Norden, der Straße zugewendet, lag. Deshalb wehte den Eintretenden eine so köstlich kühle, eine völlig reine, nur von erfrischenden Resedadüften durchhauchte Luft entgegen. Hier, in dem stillen, trauten Heim der Malerfamilie, überließ sich das Kind willig der sanften, freundlichen Frau, die es auf den Schoß nahm, während Herr Lenz Hut, Plaid und Reisetasche ablegte.

»Blanka ist draußen auf dem Gange,« sagte die Frau als Antwort auf den suchenden Blick, den ihr Mann durch das Zimmer gleiten ließ. »Sie war dabei, ihr Haar für die Nacht zu ordnen, als der Kutscher aus dem Vorderhause bei uns nach Gretchen fragte. Wir hatten freilich schon längst die Unruhe drüben bemerkt; Herr Lamprecht war zu ganz ungewohnter Zeit aus- und eingeritten, und im Hofe wurde jeder Busch durchsucht. Allein wir hielten uns wie immer streng an deinen Befehl, nichts zu sehen, was in Haus und Hof deines Prinzipales vorgeht. Seit nun aber der Kutscher dagewesen ist, sitzt unser Kind draußen auf dem dunklen Gange und ist nicht hereinzubringen – das liebe, kleine Ding da ist ihr Augapfel, wenn sie es auch nur vom Sehen kennt – aber, um Gott, Kind, was ist denn das mit deinen Füßen?« unterbrach sie sich; das Lampenlicht fiel auf die schlammüberzogenen Stiefelchen, die über ihrem hellen Kleide herabhingen. Mit hastigen Händen befühlte sie die Säume der zerschlitzten Röckchen, die auch die Nässe des Sumpfbodens in sich gesogen hatten.

»Das Kind ist im Wasser gewesen,« sagte sie halblaut und alteriert zu ihrem Mann; »es muß so schnell wie möglich in trockene Kleider. Geh, rufe Blanka!«

Er öffnete die Thüre in der Rückwand der Stube. Der Raum dahinter, die Küche, war dunkel, aber durch die gegenüberliegende, weit offene Thüre, die nach dem Gange führte, sah man einzelne Lichter des Vorderhauses herüberblinken.

Auf den Ruf des Vaters eilten draußen leichte Schritte über die knarrenden Gangdielen, dann trat die schöne Blanka aus dem tiefen Dunkel auf die Thürschwelle im weißen, spitzenbesetzten Frisiermantel, mit blassem Gesicht und schlaff niederhängenden, nackten Armen, und das aufgelöste Haar wogte goldglitzernd um sie her. »Bist du endlich gekommen, Vater?« fragte sie vibrierenden Tones. Mit scheuer Haltung und niedergeschlagenen Augen blieb sie stehen – es sah aus, als sei ihr das Lampenlicht, das sie so plötzlich und grell überflutete, unerträglich, und sie habe den einzigen Wunsch, in das Dunkel zurückzuflüchten.

»Was – ist das der ganze Willkommengruß meiner Kleinen?« rief Herr Lenz launig. »Weder Kuß noch Handschlag? Und ich habe doch ein verlorenes Schäfchen mitgebracht! Siehst du denn nichts? Wer sitzt denn dort auf dem Schoß der Mutter?«

Mit einem Ausruf der Ueberraschung fuhr das junge Mädchen empor und flog auf das Kind zu.

»Sieh, sieh!« sagte Frau Lenz halb belustigt, aber doch auch ein wenig verletzt. »Vater könnte wohl eifersüchtig werden! Du hast dich ja wirklich mehr um das fremde Kind geängstigt, als um sein Ausbleiben! Jetzt hilf mir aber, deinen Liebling zu säubern und ins Trockene zu bringen. Dort im unteren Fach der Kommode müssen noch Röckchen und Strümpfe aus deiner Kinderzeit liegen, die suche hervor!«

Sie setzte die Kleine auf das Sofa und holte Waschwasser und ein Handtuch herbei, während das junge Mädchen auf die Dielen niederkniete und mit fliegenden Händen den Inhalt des Schubfaches durcheinander warf.

»Wo bist du nur gewesen, Kindchen?« sagte Frau Lenz beim Lösen der Schleifen und Knöpfe am Anzug des kleinen Mädchens – der Körper unter ihren Händen war in Schweiß gebadet.

»In Dambach war ich,« stieß Margarete hervor. »Aber der Großpapa konnte mir nicht helfen, er war nicht da.« – Und nun, während die Frau mit lauem Schwamm die beschmutzten Füßchen wusch, nun war es, als müsse alles Erduldete, das sich in die letzten Tagesstunden zusammengedrängt, von dem alterierten Kinderherzen herunter. In krankhafter Hast wurde alles geschildert, die Schrecknisse im Teichgebüsch und die Angst, daß der Papa vom Pferde steigen und den Busch durchsuchen könne – und warum man zum Großpapa gelaufen sei! Nun, weil immer eine weiße Gestalt durch den dunklen Gang husche und die Leute erschrecke. Und die Stube sei nicht verschlossen gewesen, ganz gewiß nicht! Sie habe deutlich gehört, wie auf das Thürschloß gedrückt worden sei, dann habe sie es schneeweiß durch den Thürspalt schlüpfen sehen, und unter dem Schleier habe langes Haar herabgehangen; und weil das Mädchen so laut geschrieen, da wolle nun der Papa die Grete ins Institut stecken.

»Das ausgeprägteste Delirium! Die Kleine ist schwerkrank,« murmelte Herr Lenz mit abgewendetem Gesicht. »Beeilt euch mit dem Umkleiden!« Und er stahl sich leise hinaus, um Anzeige im Vorderhaus zu machen.

Die Röckchen und Kinderstrümpfe mußten sich in eine unauffindbare Ecke verirrt haben; denn die schöne Blanka kniete noch vor der Kommode und suchte. In ihrem weißen Gewand und mit dem langen, blonden, rücksichtslos über die Dielen geschleiften Haar sah sie aus wie eine zu Magddiensten erniedrigte Prinzessin. Nun wurde auch noch ein zweites Schubfach geräuschvoll aufgezogen.

Frau Lenz erhob sich ein wenig ungeduldig und trat hinzu. »Liebes Herz, das dauert mir zu lange, und ein solcher Kram, daß man etwas nicht zu finden vermöchte, ist doch bei mir nicht Mode ... Wo hast du denn deine Augen, kleine Maus! Da liegt ja das blaue Flanellröckchen obenauf, hier in der Ecke stecken drei Paar Strümpfe, und da ist auch noch ein Nachthemdchen!«

Sie nahm die Sachen heraus und schob die Kasten zu.

Das junge Mädchen hatte keinen Grund mehr, in der halbdunklen Ecke zu verweilen, und als es sich zögernd dem Licht wieder zuwendete, da schien selbst aus den Lippen jeder färbende Blutstropfen gewichen zu sein.

»Kind, wie magst du dich nur so alterieren!« rief die Mutter erschrocken. »Es ist nicht so schlimm, wie der Vater meint. Bei Kindern stellt sich sehr leicht starkes Fieber ein, vergeht aber auch schnell wieder. In einigen Tagen ist dein Liebling wieder gesund – du wirst es sehen! ... Hier, stecke die müden Beinchen in frische Strümpfe, während ich draußen einen kühlen Trank zurechtmache.«

Die Tochter rollte schweigend die Strümpfchen auseinander, kauerte vor dem Sofa nieder und schickte sich an, die kleinen, nackten Füße zu bekleiden; aber kaum war die Küchenthüre hinter der Frau zugefallen, als sich das junge Mädchen mit einer leidenschaftlichen Gebärde aufrichtete, das Kind mit beiden Armen umschlang und heftig an ihre Brust preßte.

Margarete öffnete die silberglänzenden Augen weit vor Ueberraschung. »Ach, Sie haben mich lieb, Fräulein Lenz? Ja?«

Die schöne Blanka neigte bejahend den Kopf – im verhaltenen Schmerz klemmte sie die Unterlippe zwischen die Zähne, und eine Thräne stahl sich unter der gesenkten Wimper hervor.

»Es ist schön bei Ihnen in der kühlen Stube!« murmelte die Kleine und drückte das Gesichtchen zärtlich in die blonde Haarflut, die über die Brust des Mädchens fiel. »Ich möchte dableiben! ... Hierher kommt auch die Großmama nicht, niemals – die geht nie ins Packhaus – der Papa auch nicht. Aber Tante Sophie kommt... Bringen Sie mich zu Bette!«

In diesem Augenblick trat die Mutter wieder in das Zimmer.

»Ach, und wie gut Sie riechen, Fräulein Lenz!« rief das Kind lauter und hob tiefatmend den Kopf. »Wie die schönsten Rosen, gerade wie« – ein Paar heißer, zuckender Lippen drückten sich fest auf den kleinen Mund und erstickten jedes weitere Wort.

»Aber, Blanka, das Kind ist ja noch barfuß,« schalt Frau Lenz. »Und wer wird denn einen Patienten auch noch durch die eigene Angst aufregen! Geh nur weg, kleine Ungeschickte! Ich will das Anziehen selbst besorgen.«

In wenigen Minuten war sie mit dem Umkleiden fertig; Eile machte sich aber auch in der That nötig; denn, wie schon im Kornfelde, so mischten sich jetzt wieder Fiebergebilde in die Vorstellungen des Kindes. Frau Lenz hielt ihm das hereingebrachte Trinkglas an die Lippen, und in gierigen Zügen wurde der heißersehnte Kühltrank geschlürft. Gleich nachher kamen Schritte die Treppe herauf, und Herr Lenz ließ die Tante Sophie eintreten.

Wer das humorbeseelte Gesicht der lustigen »alten Jungfer« kannte, der mußte erschrecken, so furchtbar hatte es die Angst der letzten Stunden in Linien und Farben verändert. Mit einem stummen Gruß für die Hausfrau und das wieder in die dunkle Ecke geflüchtete schöne Mädchen trat sie auf die kleine Margarete zu, die ihr matt die Arme entgegenstreckte. Ein einziger prüfender Blick ein Befühlen der Kinderstirn, und sie wußte, daß hier ein schweres Erkranken im Anzuge war.

»Das kommt davon, wenn man mit solch einem jungen Seelchen umgeht wie mit einem schlechten Instrument, auf dem man herumdreschen kann, wie man will,« sagte sie derb in rückhaltslosem Schmerz und unsäglicher Bitterkeit.

Sie hüllte die Kleine in einen Plaid, den sie mitgebracht hatte, nahm sie auf den Arm und reichte Herrn und Frau Lenz die Hand. »Dank, vielen Dank!« Mehr brachte sie beim Verlassen des Zimmers nicht heraus.

Drunten im Hofe aber löste sich eine hohe Gestalt aus dem Dunkel und trat ihr entgegen. Die kleine Margarete schrak zusammen und ein Beben ging durch ihren Körper, als zwei Hände nach ihr griffen – es war der Papa, der sie mit einer ungestümen Bewegung an sich zog.

»Mein liebes Kind, mein gutes Gretchen, erschrecke nicht, ich bin's, der Papa!« sagte seine tiefe Stimme vibrierend. Er hielt sie fest an seiner schweratmenden Brust, während er sie über den Hof trug, und in der hellerleuchteten Hausflur, wo alle Hausbewohner auf ihn und das Kind einstürmten, hob er Schweigen gebietend die Hand und ging an den Verstummenden vorüber nach der Schlafstube der Kinder.– – –

»Na, dann ist's ja gut! Zigeuner haben sie nicht gestohlen, und umgekommen ist sie ja sonst auch nicht, Gott sei gelobt und gepriesen!« sagte Bärbe nachher in der Küche zu den anderen und nahm den ›ersten Ohnmachtsbissen‹ nach so vielen Angststunden. »Aber sag' mir nur keiner, daß nun auch die Geschichte aus und vorbei ist! Wer den armen Wurm mit seinen schlenkernden Aermchen und Beinchen gesehen hat, wie ihn der Herr vorbeitrug, der weiß genug ... Was Hab' ich heute nachmittag gesagt? ›Ein Unglück gibt's,‹ hab' ich gesagt... Aber, da heißt's immer: ›Die abergläubische Bärbe, der Unglücksrabe, die Jammerbase!‹ I ja, spotten kann ein jeder, das ist keine Kunst, aber beweisen, ja beweisen, das steht auf einem andern Blatte. Wollen mal sehen, wer recht behält, die klugen Leute, die an gar nichts glauben, oder die alte Bärbe mit ihrer Einfältigkeit! So eine, wie die mit den Karfunkelsteinen, die wird sich wohl für nichts und wieder nichts in dem Gang da oben 'rumtreiben! Es ist nicht das erste Mal, daß solch ein armes unschuldiges Kindchen ›nachgeholt‹ wird – denkt an mich – mit unserem armen Gretchen geht's schief.«

Bei diesen Worten legte sie die Gabel mit dem angespießten Bissen wieder hin und verhüllte ihr Gesicht mit der blauleinenen Schürze. – –

Und wochenlang hatte die Küchenprophetin die schmerzliche Genugthuung, Tag für Tag mit gesteigertem Nachdruck auf ›das, was sie gesagt‹ hinweisen zu können. Bei all ihrem wirklichen Kummer dachte sie doch schon – ganz im stillen zwar, aber wehmutsvoll ausmalend – an den schönsten Blumenkranz, der zu haben, und an das goldgedruckte Karmen mit dem Namen »Barbara Wenzel« auf breitem, weißem Atlasband, als die tüchtige Natur des Kindes siegte, und eine plötzliche glückliche Wendung eintrat.

Nun war wieder Sonnenschein im Hause. Herr Lamprecht, der in den Stunden der Gefahr fast nicht vom Bette des Kindes gewichen war, richtete seine gebeugte Gestalt auf, und in Blick und Gebärden brach sein feuriges Naturell wieder durch, ja, die Leute meinten, er habe in seinem ganzen Leben nicht so »siegerhaft« und herausfordernd ausgesehen, wie eben jetzt. Was aber die anderen im Hause freudig bemerkten, das erbitterte die alte Bärbe förmlich. Er hatte nämlich seinen Vorsatz, die spukhaften Appartements der verstorbenen Frau Dorothea für eine Zeit selbst zu bewohnen, ausgeführt; auch der Korridor war durch eine Thüre vom Flursaal abgeschlossen worden. Für die alte Köchin war es fast noch schlimmer als eine Gotteslästerung, wenn sie ihn droben ungeniert die verblichenen Gardinen zurückziehen und in sündhafter Herausforderung an das Fenster treten sah. Von der huschenden weißen Frau sprach nun niemand mehr – natürlich! – durch eine dicke Bohlenthüre konnte doch kein Christenmensch sehen! Aber es wollte auch durchaus der Morgen nicht kommen, an welchem man den Herrn mit umgedrehtem Genick in seinem Zimmer fand – im Gegenteil, es war wie gesagt, als lebe er neu auf.

Und der Großpapa, der in der »Unglücksnacht«, von Hermsleben kommend, gar nicht vom Pferde gestiegen, sondern gleich nach der Stadt weiter geritten war, er schäkerte und scherzte auch wieder in seiner derb jovialen Weise; aber an dem Tage, wo sein Liebling zum erstenmal die ganzen Nachmittagsstunden außer Bett sein durfte, da brannte ihm doch der Boden unter den Füßen und er ritt auf und davon. Der infame Schreihals, das verzogene Beest in der oberen Etage jage ihn aus seinen eigenen vier Pfählen, sagte er noch lachend vom Pferde herunter; und die Frau Amtsrätin stand oben am Fenster und streichelte ihren Papagei und reichte ihm mit zierlich gespitzten Fingern ein Stückchen Zucker.

Zwei Tage nachher reiste auch Herr Lamprecht fort – auf lange, sagten seine Leute im Kontor. Die kleine Margarete sah verwundert in sein Gesicht, als er sich Abschied nehmend über sie bog und ihr die herrlichsten Dinge zu schicken versprach. So habe ich den Papa noch nie gesehen, so »schrecklich vergnügt« und so wunderlich mit seinen funkelnden Augen, meinte sie.

»Das glaub' ich gerne,« sagte Tante Sophie. »Er freut sich, daß sein kleiner Ausreißer wieder gesund ist, und wenn er die Geschäftstour hinter sich hat, dann geht er nach Italien und wohl noch weiter. Er will sich wieder einmal die Welt ansehen, und er hat recht! Nach der Angstzeit ist ihm der Spaß zu gönnen – wir alle haben auf lange genug. Ja, Gretel, an den Bleichtag werd' ich denken, so lange mir ein Auge im Kopfe steht!«

Und die Linden vor der Weberei hatten sich inzwischen sommerlich verdunkelt; aus dem Rosenlaub leuchteten nur ganz vereinzelt, wie vom Himmel gefallene Blutstropfen, die Blüten des Jaqueminot, und auf den glitzernden Wassern des Brunnenbassins schwammen schon die ersten herabgewehten herbstgelben Blättchen, als die kleine Genesene ins Freie entlassen wurde. Es war vieles anders geworden; am verwunderlichsten aber war es doch, daß der Papa da oben gewohnt hatte, wo nun, nach seiner Abreise, gerade heute gründlich gelüftet wurde. Die Fenster standen weit offen, man sah die wundervolle Malerei am Plafond des großen, dreifenstrigen Wohnzimmers, und im anstoßenden Gemach den Baldachin eines grünseidenen Himmelbettes. Und auf den Fenstersimsen standen und lagen behufs des Abstäubens allerhand moderne Gegenstände, Rauchutensilien, Statuetten, Albums und ganze Stöße von Zeitungen – Herr Lamprecht hatte sich die verfemten Räume vollkommen wohnlich und nach Bedürfnis eingerichtet.

Die Kleine sah nachdenklich hinauf – aus dem Zimmer mit dem herrlichen Deckengemälde war die Verschleierte geschlüpft, es war die zweite der Thüren im Korridor gewesen, hinter welcher der kleine Fuß im zierlichen Hackenschuh zum Vorschein gekommen war. Seit sie wieder gesund war, wußte sie das alles ganz genau; allein sie sprach nicht mehr darüber, aus Verdruß, weil niemand auf ihr Fragen und Erzählen einging – sie wußte ja nicht, daß die Aerzte erklärt hatten, die »Vision« im Korridor sei bereits der Ausbruch ihrer nervösen Krankheit gewesen. Und so wurde der ganze Vorgang mit seinen unglücklichen Folgen totgeschwiegen, wie auch nie wieder ein Wort über das Unterbringen der »unmanierlichen Grete« in einem Institut verlautete...

Auf dem offenen Gang des Packhauses war es auch totenstill; nur der lustige Sommerwind fuhr manchmal durch das grünschuppige Geschlinge des Pfeifenstrauches, stäubte es mutwillig auseinander und erregte ein flüsterndes Geplapper der zurückfallenden Blätterzungen ... In der hübschen Stube voll Resedadüfte aber saß gewiß die Frau mit dem lieben zärtlichen Muttergesicht und trauerte; denn die schöne Blanka war nun auch fort; sie war heute früh abgereist und »wohl wieder in Kondition nach dem weltfremden Engelland gegangen«, wie Bärbe heute morgen zu Tante Sophie gesagt hatte; und darüber war die kleine Margarete aus ihrem halben Morgenschlafe emporgefahren und hatte still, damit die Tante und Bärbe es nicht hören sollten, in ihr Kissen hinein geweint. In diesem Augenblick aber, wo Reinhold in das Haus gegangen war, um seinen Baukasten zu holen, und das kleine Mädchen allein unter den Linden saß, kam die alte Köchin über den Hof her, die Hand unter der Schürze, und mit einem wahren Inquisitorenblick die Fenster der obersten Etage im Vorderhause streifend.

»Fräulein Sophie weiß drum und will, daß ich dir's geben soll, Gretchen; aber die Frau Amtsrätin braucht's nicht gerade mit anzusehen,« sagte sie. »Wie du krank warst, da hat das schöne Mädchen dort auf dem Gange gar manchmal stundenlang auf mich gelauert, weil ich ihr immer sagen mußte, wie es gerade um dich stand. In den Hof 'runter gekommen ist sie kein einziges Mal, so lange sie auch dagewesen ist – du lieber Gott, freilich, dein Papa und die Großmama sind stolze Leute und leiden keine Zuthulichkeit und Dreistigkeit – nun aber heute in aller Frühe, wie ich das Kaffeewasser am Brunnen holte, da kam sie über den Hof her, schon im Schleierhut und mit der Reisetasche, und blaß wie der Tod und konnte aus keinem Auge sehen vor Weinen, weil's ja gerade fortgehen sollte in die weite Welt. Und sie sagte, ich sollte dich vieltausendmal grüßen und dir das geben.«

Sie zog die Hand unter der Schürze hervor und legte ein kleines, weißes Paket auf den Gartentisch – jubelnd zog die Kleine ein gesticktes Margaretentäschchen aus dem Papier.

»Still, still, Gretchen – mußt nicht so schreien!« mahnte Bärbe. »Das war gar eine eigene Geschichte heute früh, und schön war's nicht von der Frau Amtsrätin, nein – ›alles was recht ist‹, sag' ich immer! – 's ist ja doch kein Unglück, wenn der junge Herr Herbert auch gerade in dem Moment mit seinem Trinkglas 'runter an den Brunnen kommt, wie er es ja jeden Morgen die ganzen letzten Wochen gethan hat! Er sah ganz krank aus, wie eine Leiche, und kam auf das Mädchen zu – ich glaube, er hat was sagen wollen, vielleicht ›glückliche Reise‹ oder sonst eine Höflichkeit; aber da stand auch schon die Frau Amtsrätin da, hat noch das Nachtmützchen aufgehabt, und der Schlafrock hat ihr um den Leib gehangen, als ob sie geradewegs aus dem Bette hineingefahren sei; und Augen hat sie gemacht, als wollte sie das Mädchen aufspießen. Die hat sich aber nur tief vor ihr verneigt und ist zu ihren Eltern gegangen, die im Thorweg auf sie gewartet haben – weißt du, Gretchen, unsere Frau Herzogin kann sich nicht stolzer und vornehmer haben als die Malerstochter, von der Schönheit gar nicht zu reden; und es kann wohl sein, daß das Stolze an ihr deine Großmama geärgert hat, denn eh' ich nur recht wußte wie, hat sie das Papier in meiner Hand aufgerissen und hineingeguckt.

»›Für's Gretchen ist's, Frau Amtsrätin!‹ sag' ich.

»›So?‹ sagt sie ganz laut und böse. ›Wie kömmt denn Fräulein Lenz dazu, meiner Enkelin ein Andenken zu schenken?‹ Und das hat das arme Mädchen noch in ihre Ohren hineingehört und Vater und Mutter auch ... Und den jungen Herrn hat's gerade so gedauert wie mich – er hat schreckliche Augen gemacht und ist ins Haus gestürmt ... So, das war die Geschichte, Gretchen! Die Frau Amtsrätin wollte mir zwar das Paketchen partout wegnehmen, aber ich hab' Fersengeld gegeben, und Fräulein Sophie sagt, sie sähe gar nicht ein, warum du das Täschchen nicht tragen solltest.«

Sie ging wieder in ihre Küche, und die kleine Margarete sann und grübelte. Das Herz that ihr weh, und Zornesthränen stiegen ihr auf, weil die guten Leute im Packhaus gekränkt worden waren. Und Bärbe hatte recht, Herbert sah ganz anders aus, so blaß und so schrecklich ernsthaft; er sprach mit niemand mehr, nicht einmal mit Reinhold, der doch sein Liebling war. Ja, die Großmama! Sie konnte manchmal so furchtbar strenge Augen machen, und davor fürchtete sich der große Primaner Herbert auch – das hatte die Kleine wohl bemerkt ... Aber es half doch alles nichts, und wenn die Großmama noch so sehr zankte und noch so schlimme Augen machte, sie trug das Täschchen doch, sie trug es alle Tage, auch wenn einmal der Papa von seiner Reise zurückkam und sie ausschalt; denn stolz war er, der Papa, vielleicht noch schlimmer als die Großmama; das hörte man an seinem barschen Ton, wenn er Befehle gab, und außerdem sprach er nie mit den Arbeitern, die unter ihm standen. Auch die Malersleute waren ihm zu gering; er sah immer so aus, als wisse er gar nicht, daß jemand im Packhaus wohne, und auf dem offenen Gange mochte sein, wer wollte, er grüßte nie hinauf. An dem Unglücksabend war er ja auch nicht in das Haus gegangen und hatte lieber im dunklen Hofe gewartet, bis sie herausgebracht worden. Nur während ihrer Krankheit hatte er nicht stolz ausgesehen; sie hatte ihm sogar, als es besser mit ihr ging, und er allein an ihrem Bett gesessen, von der hübschen Stube im Packhaus erzählen dürfen, und von dem schönen Mädchen, wie es so weiß und mit offenem Haar vom Gange hereingekommen, wie es ihren Kopf so fest an die Brust gedrückt habe, daß ihr das weiche, dicke Haar ganz schwer über das Gesicht gefallen sei. Und da hatte der Papa gar nicht gezankt – er war ganz still gewesen; er hatte sie auf die Stirn geküßt und gerade so fest an sein starkpochendes Herz gedrückt, wie es die schöne Blanka gethan. Und darüber verwunderte sie sich heute noch ...

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