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Die Frau mit den Karfunkelsteinen

Eugenie Marlitt: Die Frau mit den Karfunkelsteinen - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleDie Frau mit den Karfunkelsteinen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger
seriesE. Marlitt's gesammelte Romane und Novellen
volumeSechster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid99f334c3
created20070103
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29.

Am anderen Morgen war es, als sei die gute Stadt B. durch plötzlichen kriegerischen Trommelwirbel aus dem gewohnten Geleise des Werkeltages aufgeschreckt morden. Das Gerücht von der Verlobung im Prinzenhofe lief von Mund zu Mund, und daß keine Menschenseele auch nur »eine blasse Ahnung« davon gehabt hatte, ja, daß selbst die Damenkränzchen mit ihrem unbestrittenen Monopol für Spürsinn und Kombinationen so stockblind gewesen waren, das machte allerdings die Leute nahezu auf dem Kopfe stehen.

Durch das Stubenmädchen kam auch die alarmierende Nachricht brühwarm in das Schlafzimmer der Frau Amtsrätin. »Unsinn!« rief die alte Dame verächtlich, fuhr aber doch mit beiden Füßen aus dem Bette und stand nach wenigen Minuten im Schlafrock und Nachthäubchen vor ihrem Sohne.

»Was ist das für ein fabelhaft dummes Gerede über Heloise und den Prinzen von X, das die Bäckerjungen und Metzgerfrauen von Haus zu Haus tragen?« fragte sie, das Thürschloß in der Hand.

Er sprang auf von seinem Schreibstuhl und bot ihr die Hand, um sie tiefer ins Zimmer zu führen; aber sie wies ihn zurück. »Lasse das!« sagte sie hart. »Ich habe nicht die Absicht, hier zu bleiben. Ich will nur wissen, wie es möglich ist, daß ein solch grundloses Gerücht entstehen konnte.«

Er zögerte einen Moment. Sie that ihm leid, daß sie diesen bitteren Kelch leeren mußte, wenn sie auch selbst die Schuld trug; aber nun sagte er ruhig: »Liebe Mama, die Leute reden die Wahrheit, Fräulein von Taubeneck hat sich allerdings gestern mit dem Prinzen von X verlobt.«

Das Thürschloß entglitt ihrer Hand – sie fiel fast um. »Wahr?« stammelte sie und griff nach ihrer Stirn, als zweifle sie an ihrem eigenen Verstande. »Wirklich wahr?« wiederholte sie und sah ihren Sohn mit funkelnden Augen an; dann brach sie in ein hysterisches Gelächter aus und schlug die Hände zusammen. »Da hast du dich ja schön an der Nase herumführen lassen!«

Er blieb vollkommen gelassen. »Ich bin nicht geführt worden, wohl aber habe ich das Brautpaar zusammengeführt,« entgegnete er ohne die mindeste Gereiztheit und knüpfte daran mit wenig Worten die Mitteilung des Sachverhaltes.

Sie hatte ihm, während er sprach, immer mehr den Rücken gewendet und nagte erbittert an der Unterlippe. »Und das alles erfahre ich jetzt erst?« fragte sie, nachdem er geendet, mit zuckenden Lippen über die Schulter zurück.

»Kannst du von deinem Sohne wünschen, daß er ein ihm anvertrautes Geheimnis vor Damenohren laut werden läßt? Ich habe nach Möglichkeit gegen deinen Irrtum angekämpft; ich habe dir oft genug erklärt, daß mir Fräulein von Taubeneck vollkommen gleichgültig sei, daß es mir nicht einfiele, mich je ohne Liebe zu binden. Du hast für alle diese Versicherungen stets nur ein geheimnisvolles Lächeln und Achselzucken gehabt–«

»Weil ich sah, wie dich Heloise mit ihren Blicken verfolgte und –«

Er errötete wie ein Mädchen. »Und ist das nicht einseitig gewesen? Kannst du dasselbe von mir behaupten? Fräulein von Taubeneck ist sich ihrer Schönheit bewußt und kokettiert mit allen. Solche Blicke sind wohlfeil – mir machen sie nicht den geringsten Eindruck. Du aber solltest doch wissen, daß das ein leichter amüsanter Tauschhandel ist, den die meisten für erlaubt und durchaus nicht für verpflichtend halten. Fräulein von Taubeneck wird trotz alledem eine brave Frau werden – dafür bürgt schon ihre große Gemütsruhe.

Die Thüre fiel wieder zu, und die alte Dame verschwand mit blassem, verstörtem Gesicht abermals in ihrem Schlafzimmer. Aber eine Stunde später eilte das Stubenmädchen zur Schneiderin und in die Putzhandlung, und der Hausknecht rumorte auf dem Boden und schleppte verschiedene Koffer und Köfferchen die Treppe hinab – die Frau Amtsrätin wollte nach Berlin zu ihrer Schwester reisen.

Und als gegen Mittag der Amtsrat seinen Einzug hielt und am Arme seines Sohnes die Treppe im Lamprechtshause hinaufstieg, da kam just seine Frau im Pelzmantel und Schleierhut von oben herab, um in der Stadt Abschiedsbesuche zu machen. Sie sprach überall von ihrem längstgehegten, sehnsüchtigen Wunsche, doch auch wieder einmal eine gute Oper und Konzerte zu hören, der sie nunmehr unwiderstehlich nach Berlin locke. Das Ereignis im Prinzenhofe wurde nur nebenbei berührt, und lächelnd als etwas längst Gewußtes behandelt, über das sich selbstverständlich jedes loyale Herz innig freuen müsse; der Allerintimsten aber flüsterte sie ins Ohr, daß sie den anfänglichen Widerstand des Fürsten von X sehr wohl begreife – es sei nicht jedermanns Sache, die Tochter einer ehemaligen Ballerina in seine Familie aufzunehmen.

Mit ihrer Abreise wurde es für einige Tage still und friedlich im alten Kaufmannshaufe; aber dann kam noch ein Sturm, der allen Bewohnern das Herz erbeben machte. Reinhold mußte endlich die Umwandlung der Familienverhältnisse erfahren. Der alte Amtsrat und Herbert waren möglichst vorsichtig zu Werke gegangen; allein die Enthüllungen hatten trotz alledem die Wirkung einer zerspringenden Bombe gehabt. Reinhold geriet in eine furchtbare Aufregung. Er schrie und tobte und erging sich in den heftigsten Anklagen gegen seinen verstorbenen Vater. Sein leidenschaftlicher Protest half ihm freilich nichts, er mußte sich schließlich fügen. Aber von da an zog er sich noch mehr als früher zurück von der Familie – er aß sogar allein auf seinem Zimmer, aus Furcht, daß er dem kleinen Bruder einmal in der Wohnstube begegnen könne; denn mit »dem Burschen« wolle er nie und nimmer etwas zu schaffen haben, und wenn er hundert Jahre alt werden solle, wiederholte er immer wieder.

Für diesen Ausspruch hatte der alte Hausarzt immer nur ein melancholisches Lächeln – er wußte am besten, wie es um die Altersaussichten seines Patienten stand. Er forderte deshalb möglichste Nachgiebigkeit und Schonung von seiten der Verwandten für den Kranken, und das geschah bereitwilligst. Der kleine Max kreuzte seinen Weg nie. Die Thüre nach dem Packhause war nicht zugemauert worden; auf diesem Wege wurde der lebhafte Verkehr zwischen dem Vorder- und Hinterhause vermittelt... Der Amtsrat hatte den prächtigen Knaben an sein Herz genommen, als sei er auch ein Kind seiner verstorbenen Tochter, und Herbert war sein Vormund geworden.

In Stadt und Land machte, wie vorausgesehen, das geoffenbarte Geheimnis des Lamprechts Hauses großes Aufsehen; es blieb lange Tagesgespräch, und in den Klubs, den Damenkränzchen und auf den Bierbanken wurde für und wider debattiert – die Lamprechts wurden in der That »auf das Allerschönste zerzaust«. Dieser Widerstreit blieb jedoch ohne jedwede Einwirkung auf das jetzige friedvolle Zusammenleben in Großpapas Zimmer, dem roten Salon. Man kam da täglich zusammen, ein enger Kreis von Menschen, die innige Liebe und Zuneigung verband. Und auf dieses Bild der Eintracht zwischen alt und jung sah »die Frau mit den Karfunkelsteinen« lächelnd und augenstrahlend herab.

»Die Schönheit der Frau da oben ist so dämonisch und packend, daß man sich vor ihr fürchten könnte,« sagte Frau Lenz eines Abends erblassend zu Tante Sophie, die neben ihr auf dem Sopha saß und Margaretens Namenschiffre in eine Ausstattungsserviette stickte. Eine Lampe stand auf der Kommode unter dem Bilde, und aus dem Lichtstrom tauchte das junge Weib so lebenatmend empor, als werde es im nächsten Augenblick die Lippen öffnen, um auch ein Wort in die Unterhaltung zu werfen.

»Dieser verderbliche Zauber muß sich meiner armen Blanka förmlich an die Fersen geheftet haben, als sie von hier wieder in die Welt hinausgegangen ist,« setzte die alte Frau mit gepreßter Stimme hinzu. »Sie hat sich am liebsten mit den Steinen geschmückt, die dort in den dunklen Haaren stecken, und in ihren letzten Fieberträumen hat sie mit der schönen Dore gerungen, die – ›sie mitnehmen wolle‹«

Der Landrat, stand auf und rückte die Lampe fort, so daß die Gestalt wieder ins Halbdunkel zurücktrat. »Ich habe die Rubinsterne heute in den Händen gehabt und sie weggeschlossen... In dein Haar werden sie nie kommen!« sagte er zu Margarete.

Sie lächelte. »Denkst du wie Bärbe?«

»Das nicht – aber an ›den Neid der Götter‹ muß ich denken. Und so mag das unheimliche rote Gefunkel für künftig in Frieden ruhen!«

Bärbe aber sagte fast zu derselben Stunde drunten in der Küche zu den anderen: »Der Weg, den unser Junge jetzt alle Tage durch den Gang machen muß, will mir aber nicht gefallen. Die mit den Karfunkelsteinen hat ihr Kindchen mit in die Erde nehmen müssen, und da ist nun so ein schöner strammer Stammhalter dageblieben, und das macht boshaftig.«

»Jetzt müssen Sie sich aber die Zunge abbeißen, Bärbe!« sagte der Hausknecht. »Sie haben ja von dem Unwesen in Ihrem ganzen Leben nicht wieder sprechen wollen.«

»Ach was, ›einmal ist keinmal‹ Am besten wär's, der Gang würde vermauert; denn wer kann's wissen, ob nicht jetzt gar auch noch der schöne Flachskopf neben der Schwarzhaarigen umgehen thut?« ...

Der Glaube an dunkle Mächte wird nicht sterben, solange das schwache Menschenherz liebt, hofft und fürchtet!

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