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Die Frau mit den Karfunkelsteinen

Eugenie Marlitt: Die Frau mit den Karfunkelsteinen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleDie Frau mit den Karfunkelsteinen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger
seriesE. Marlitt's gesammelte Romane und Novellen
volumeSechster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid99f334c3
created20070103
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25.

Im Vorderhause hatte sich inzwischen eine aufregende Szene abgespielt. Bärbe hatte den Tapezieren eine Erfrischung hinaufgetragen, und nach einem kurzen Gespräch mit den Leuten hatte sie die Thüre geöffnet, um den roten Salon zu verlassen; aber schmetternd war der Thürflügel sofort wieder zugeflogen, und die alte Köchin war mit einem Aufschrei ins Zimmer zurückgewankt. Sie hatte im ersten Augenblick nicht zu sprechen vermocht; mit der Hand nach der Thür deutend, war sie in den nächsten Stuhl gesunken und hatte sich die Schürze verhüllend über den Kopf geworfen. Aber draußen war nun absolut nichts Besonderes zu finden gewesen, wie der eine Arbeiter versicherte, der hinausgegangen war, um zu sehen, was der robusten Alten einen solchen Schrecken eingejagt habe. »Glaub's gern, nicht alle sehen's! Ach, das ist mein Tod!« hatte Bärbe unter ihrer Schürze hervorgestöhnt. Dann hatte sie versucht, wieder auf die Beine zu kommen; aber die waren so schwach und zitterig gewesen, daß sie eine geraume Weile auf ihrem Stuhle hatte sitzen bleiben müssen. Nur ganz allmählich hatte sie die Schürze fallen lassen und sich scheu umgesehen, und ihre gesunde braunrote Gesichtsfarbe hatte ins Aschgraue gespielt. Aber sie war still gewesen – das waren ja fremde Leute, die Gesellen da, denen durfte man doch den Mund nicht aufsperren, die trugen's weiter, und dann wußte in ein paar Stunden die ganze Stadt, was bei Lamprechts passiert war! – Zum Glück waren die Arbeiter bald darauf mit ihrer heutigen Aufgabe fertig gewesen. Da hatte sie doch nicht allein den langen Flursaal passieren müssen. Sie war mit den beiden Gesellen gegangen, hatte nicht rechts noch links gesehen, und war endlich wieder in ihre Küche geschlichen – ja, »geschlichen«, hatte der Hausknecht ausgesagt, – wie ein Gespenst sei sie dahergekommen und auf die Aufwaschbank hingesunken. – Hier war aber ihr Mundwerk wieder flotter gegangen. Nun war sie ihr auch erschienen, die mit den Karfunkelsteinen, und nun sollte nur einer kommen und ihr ausreden wollen, was sie mit ihren eigenen Augen gesehen hatte! Er sollte nur kommen!

Und der Hausknecht samt der alten Jette hatten »Mund und Nase« aufgesperrt; der Kutscher war auch dazu gekommen, und just in dem Moment, wo der Friedrich gefragt hatte: »War sie auch im grasgrünen Schleppkleide, wie bei mir dazumal?« – da war auch ein Lehrling aus der Schreibstube gekommen, um ein Glas Zuckerwasser für den jungen Herrn zu fordern.

»I bewahre – grün nicht!« hatte Bärbe kurzatmig, aber unter energischem Kopfschütteln verneint. »Weiß, schneeweiß ist's in dem Gange hin um die Ecke geflogen! Akkurat so muß sie im Sarge gelegen haben.« Und daran hatte sie eine Schilderung geknüpft, die selbst dem Lehrling das Haar sträuben gemacht.

Durch ihn aber war das Geschehnis bis in die Schreibstube gedrungen. Reinhold war über das lange Ausbleiben des jungen Menschen heftig erzürnt gewesen, und da hatte sich derselbe mit dem Aufstand in der Küche entschuldigt.

Gleich darauf war der junge Herr herüber gekommen. Er hatte in einem dicken Pelzrock gesteckt und seine warme Ottermütze auf dem Kopfe gehabt. »Du gehst jetzt mit mir hinauf und zeigst mir die Stelle, wo du die weiße Frau gesehen haben willst!« hatte er streng der an allen Gliedern zitternden alten Köchin befohlen. »Ich will doch sehen, ob man dem Gespenst nicht endlich einmal auf den Grund kommen kann! ... Ihr Hasenfüße bringt mir das Haus immer mehr in Verruf – wie soll ich da Mieter bekommen, wenn ich später einmal alle überflüssigen Räume abgeben will?... Vorwärts, Bärbe! Du weißt, ich verstehe absolut keinen Spaß!«

Und da hatte Jungfer Bärbe nicht einen Laut des Widerspruchs über ihre bebenden Lippen gebracht. Sie war ihm mit einknickenden Knieen gefolgt, die Treppe hinauf und den Flursaal entlang, ihr entsetzensvolles Sträuben an der Gangecke hatte ihr auch nichts geholfen; er hatte sie am Arme gepackt und an den sie geisterhaft anstarrenden Bildern vorüber geschoben, bis zu dem Treppchen, das seitwärts nach dem Boden des Packhauses führte.

Aber da war er plötzlich wie toll hinabgesprungen, hatte die nur angelehnte Thür der Dachkammer ein wenig weiter aufgeschoben und durch den Spalt hineingelugt, und als er Bärbe das Gesicht wieder zugewendet, da waren seine großen, grauen, toten Augen voll Leben gewesen, sie hatten gefunkelt wie die einer tückischen Katze.

»Nun marschiere du wieder hinunter in deine Küche,« hatte er boshaft grinsend befohlen, »und sage den anderen Hasenfüßen, ein Gespenst, das einen Korb voll eingemachter Früchte bei sich habe, sei nicht gefährlich! Vorher aber gehe hinauf zur Großmama. Ich lasse sie bitten, in den roten Salon zu kommen.«

Bärbe hatte sich schleunigst aus dem Staube gemacht. Aber es war ihr plötzlich nicht ganz geheuer zu Mute gewesen; sie hatte das unbestimmte Gefühl gehabt, als habe sie einen recht dummen Streich gemacht. Und als Tante Sophie gleich darauf von ihrem Ausgang zurückgekehrt war, da hatte sie nach einigen Präliminarien zu erzählen begonnen, aber schon nach wenigen Sätzen war die Tante entsetzt zurückgefahren. »O, du Unglücksbärbe, du!« hatte sie gejammert und war so, wie sie von der Straße hereingekommen, in Hut und Mantel, die Treppe hinaufgeeilt.

Sie hätte alles darum gegeben, ihrer »Gretel« einen heftigen Auftritt zu ersparen, oder ihn wenigstens durch vorherige Vorstellung und Fürsprache zu mildern, aber sie kam zu spät. In demselben Augenblick, wo sie den Flursaal betrat, kam Reinhold in Begleitung der Großmama aus dem roten Salon.

Er machte eine tiefe ironische Verbeugung nach dem Gange hin, und die Frau Amtsrätin rief hinüber: »Ei, meine liebe Grete, du scheinst dir ja als schöne Dore recht zu gefallen! Neulich kamst du, wie aus dem Rahmen gestiegen, in ihrem Brautrock, und heute erschreckst du die Leute im Hause als weiße Frau –«

»Ja, als die Frau mit den Karfunkelsteinen!« ergänzte Reinhold. »Bärbe ist wie verrückt! Sie hat den famosen weißen Theatermantel da durch den Gang laufen sehen und das ganze Haus rebellisch gemacht. So muß es kommen! Ihr da unten haltet gegen mich wie die Kletten zusammen, und nun verrät eine die andere, wenn auch wider Willen!«

Während dieses impertinenten Zurufes war Margarete um die Gangecke gekommen. Sie antwortete nicht – die Bestürzung schien ihr die Lippen zu verschließen.

»Betrügerin!« schnauzte Reinhold sie an, indem er ihr näher trat. »Also auf solchen Schleichwegen gehst du? Hast ja schöne Dinge draußen in der Welt gelernt!«

»Reinhold, mäßige dich!« wies ihn Margarete mit ruhigem Ernst und wirklicher Hoheit in die Schranken, während sie an ihm vorüber zu Tante Sophie gehen wollte; aber er vertrat ihr den Weg. »'s ist recht, flüchte du nur zu deiner Gouvernante! da hast du ja von jeher Schutz und Hilfe gefunden!« –

»Du auch!« fiel Tante Sophie ein. »Eure Gouvernante war ich nie;« – eine Art trockenen Auflachens kam ihr von den Lippen – »ich kann weder Französisch noch Englisch, und aufs Polieren verstehe ich mich auch nicht – aber so etwas, wie ungefähr der getreue Eckard, das bin ich gewesen. Ich hab' euch über Leib und Seele meine beiden Hände gehalten, so gut ich's eben konnte, und mein bißchen Kraft eingesetzt, solange ihr sie brauchtet, und wie dich deine schwachen Beinchen jahrelang nicht tragen wollten, da sind es meine Arme gewesen, auf denen du durch Haus und Hof und in die frische Luft hinausspaziert bist – ich habe dich niemals fremden Händen überlassen... Nun kannst du laufen, aber nicht zu anderer Freude. Du läufst wie ein Kerkermeister horchend von Thür zu Thüre, gönnst deinen Mitmenschen nicht einmal die Luft, geschweige denn eigene Gedanken und eigenes Genießen – alle sollen nach deiner Pfeife tanzen – das alte Lamprechtshaus kommt mir nachgerade vor wie ein Zuchthaus. Und drum mein' ich, es sei hoch an der Zeit, daß man geht. Dich und dein Gnadenbrot brauche ich nicht; aber die Gretel, die nehm' ich mit!«

Während dieser schneidigen Strafpredigt war der Kopf des langen jungen Menschen immer tiefer in den dickzottigen Pelzkragen geschlüpft, und seine Augen irrten scheu an den Wänden hin. Er erinnerte sich recht gut, wie die Tante Sophie wochenlang Nacht für Nacht an seinem Krankenbette gewacht, ihm, dem meist Appetitlosen, eigenhändig jeden Bissen mundgerecht zubereitet, und ihn noch als siebenjährigen Knaben die Treppen hinaufgetragen hatte, und da mochte wohl das Rot, das augenblicklich sein fahles Gesicht überflog, Schamröte sein. Die Frau Amtsrätin aber war sichtlich empört.

»Glauben Sie wirklich, wir würden unsere Enkelin mit Ihnen ziehen lassen?« fragte sie erzürnt. »Das ist ein wenig kühn und voreilig, meine Liebe! Ich meine, die reiche Erbin wird sich doch wohl bedenken, im ersten besten Armeleutestübchen unterzukriechen.«

Tante Sophie lächelte humorvoll. »Es ist nur gut für den Staat, daß Sie nicht Einschätzungskommissar sind, Frau Amtsrätin! So schlimm, wie Sie denken, ist's wirklich nicht – ich müßte ja nicht Lamprecht heißen! Wohlgemerkt, ich sage das nur, um die Beschuldigung der Kühnheit und Voreiligkeit von mir zu weisen!«

Margarete trat auf die Tante zu und legte zärtlich den Arm um die geliebte Gestalt. »Die Großmama irrt,« sagte sie. »Erstens bin ich nicht die reiche Erbin, für die man mich hält, und dann würde ich recht herzlich gern mit dir auch in ein Armeleutestübchen ziehen, wenn ich nur bei dir bleiben dürfte. Aber vorläufig dürfen wir beide das Haus nicht verlassen; ich habe eine Mission zu erfüllen, und du mußt mir beistehen, Tante!«

»Nun, der Missionsweg soll dir von nun an verschlossen sein, Grete – ich werde die Thüre nach dem Packhause zumauern lassen – sie hat ohnehin keinen Zweck – und damit basta! Ich will doch sehen, ob ich mir nicht Ruhe verschaffen kann!« sagte Reinhold, indem er frostgeschüttelt den Pelz fester über die Brust zusammenzog und nach dem Ausgang schritt – die schwache Regung eines guten Gefühls war bereits wieder unterdrückt. »Uebrigens ist es – gelinde gesagt – ein klein wenig unverschämt von dir, an deinem Erbteil zu mäkeln,« setzte er, sich noch einmal zurückwendend, hinzu. »Du erhältst weit mehr, als es der Tochter von Rechts wegen zukommt. Hätte der Papa – wie es seine Pflicht mir, dem Geschäftsnachfolger, gegenüber gewesen wäre – beizeiten ein Testament gemacht, dann stünden die Sachen jetzt anders; so aber muß ich Unsummen an dich hinauszahlen.«

»Ja, der Ansicht bin ich auch, daß mir dieses große Erbe nicht zukommt – ich werde teilen müssen!« versetzte Margarete bedeutsam.

»Mit mir noch einmal?« lachte Reinhold höhnisch auf. »Das wirst du bleiben lassen! Du hast noch nicht einmal das Recht, darüber zu verfügen. Und ich will auch deine Großmut gar nicht, so wenig wie es mir einfällt, auch nur einen Pfennig, oder das kleinste Rechtstüttelchen von dem Meinigen herauszugeben. – Jeder bleibe für sich, das ist meine Maxime! ... Bei dieser Gelegenheit will ich dir auch sagen, Großmama, daß nirgends auch nur eine Spur von einem Geschäftskontrakt zwischen dem Papa und dem Menschen da drüben« – er deutete nach dem Packhause – »zu finden ist. Jene Nachforderung, mit welcher du so geheimnisvoll thust, ist mithin Schwindel und für mich abgethan – ich will nun gar nichts Näheres wissen! ... Uebrigens danke ich dir, daß du auf meine Bitte heruntergekommen bist; du hast dich nun selbst überzeugen können, wie perfide und hinterrücks meine Schwester zu handeln gewohnt ist.«

Er ging hinaus und ließ die Thüre schallend hinter sich zufallen.

Margarete war bis in die Lippen erblaßt.

»Nimm dir's nicht zu Herzen, Gretel!« tröstete die Tante Sophie. »Hast's ja von klein auf nicht besser gewußt, bist immer der Sündenbock und Prügeljunge gewesen! Und er ist dadurch ein herzloser Bursche, ein grausamer Egoist geworden –«

»So jung schon ein ganzer Mann wollen Sie sagen, liebe Sophie, ein Mann, der sich kein X für ein U vormachen und nicht mit sich spaßen läßt,« fiel die Frau Amtsrätin ein. »Margarete trägt selbst die Schuld, wenn er ihr böse Dinge gesagt hat. Sie durfte nicht zu den Leuten gehen, von denen sie wußte, daß sie unstatthafte Ansprüche an die Erben erheben.«

»Jene Ansprüche sind gerecht,« sprach das junge Mädchen fest.

»Was,« – fuhr die Großmama auf – »diese Elenden haben gegenüber der Tochter, als Dank für ihren Samaritergang, über den verstorbenen Vater gesprochen? Und du glaubst die Fabel?« Sie zog mit hastigen Händen an ihrer Kapotte. »Hier ist mir's zu kalt – du gehst jetzt mit mir hinauf, Grete, die Sache muß besprochen werden!«

Margarete folgte ihr schweigend, während Tante Sophie mit einem besorgten Blick nach ihr die Treppe hinabging.

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