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Die Frau mit den Karfunkelsteinen

Eugenie Marlitt: Die Frau mit den Karfunkelsteinen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleDie Frau mit den Karfunkelsteinen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger
seriesE. Marlitt's gesammelte Romane und Novellen
volumeSechster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid99f334c3
created20070103
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2.

Unter den Linden ging es inzwischen ziemlich laut her. Margarete hatte die aufgelesenen Rosen auf den Gartentisch gelegt – nur so lange, bis Fräulein Lenz wieder auf den Gang herauskomme, sagte sie und kniete auf der Bank neben dem kleinen Bruder nieder.

»Da sieh her, Grete!« sagte Herbert und zeigte auf die Schiefertafel. Er sah noch sehr rot aus, und seine Stimme klang so sonderbar zitterig und unterdrückt – wahrscheinlich noch vom Aerger, dachte das kleine Mädchen. – »Sieh her,« wiederholte er, »und schäme dich! Reinhold ist fast zwei Jahre jünger als du, und wie schön und korrekt ist seine Schrift gegen deine Buchstaben, die so häßlich groß und steif sind, als wären sie mit einem Stück Holz, und nicht mit der Feder geschrieben!«

»Aber deutlich sind sie,« entgegnete die Kleine ungerührt – »so schön deutlich, sagte Bärbe, daß sie die Brille gar nicht erst aufzusetzen braucht wie beim Gesangbuchlesen – warum soll ich mich denn da plagen mit den dummen Schnörkelchen?«

»Nun ja, das konnte ich wissen – du bist ein unverbesserlich faules kleines Mädchen!« sagte der junge Mann, wobei er wie zerstreut eine der Rosen ergriff und ihren Duft einatmete – er schien dies aber nur mit den Lippen zu thun.

»Ja, faul bin ich manchmal in der Schule, das ist wahr!« gab die Kleine ehrlich zu; »aber nicht in der Weltgeschichte – nur im Rechnen und –«

»Und in den Schularbeiten zu Hause, wie dein Direktor klagt –«

»Ach, was weiß denn der? Solch ein alter Mann, der fürchterlich schnupft und immer nur in der Schule und in seiner engen, schrecklichen Gasse steckt – keine Sonne scheint hinein, und seine Stube ist voll Tabaksqualm wie ein Schlot –, der weiß viel, wie einem zu Mute ist, wenn man im Dambacher Garten im Grase liegt und – halt, daraus wird nichts! Die wird nicht wegstibitzt!« unterbrach sie sich, warf ihren geschmeidigen Körper blitzschnell über die Tischplatte hin und haschte nach der Rose, die Herbert, vermutlich abermals infolge seiner Zerstreutheit, eben in der Brusttasche verschwinden ließ.

Aber der sonst so beherrschte junge Mann war in diesem Augenblick kaum wieder zu erkennen. Ganz blaß, die Augen voll Grimm, erfing er die kleine Hand, noch bevor sie ihn berührte, und schleuderte sie von sich wie ein bösartiges Insekt. Die Kleine stieß einen Schmerzenslaut aus, und auch Reinhold sprang erschrocken von der Bank.

»Holla – was geht denn da vor?« fragte Herr Lamprecht, welcher dem herbeigeeilten Hausknecht sein Pferd überlassen hatte, und eben an den Tisch trat.

»Er darf nicht! Das ist so gut wie gestohlen!« stieß die kleine Margarete noch unter der Einwirkung des Schreckens hervor. »Die Rosen gehören Fräulein Lenz –«

»Nun, und –?«

»Herbert hat eine weiße genommen und in die Tasche gesteckt – gerade die allerschönste!«

»Kinderei!« zürnte die Frau Amtsrätin. »Was für abgeschmackte Späße, Herbert!«

Herr Lamprecht sah erhitzt aus, als habe ihm der Ritt das ganze Blut nach dem Kopfe getrieben. Er trat dem jungen Mann schweigend näher und wiegte die Reitpeitsche in seiner Hand; und allmählich umschlich ein überlegenes, verletzendes, spöttisches Lächeln seinen Mund; er kniff die Augen zusammen und fixierte sein jugendliches Gegenüber von Kopf bis zu Füßen, und es war, als sprängen Funken aus den Lidspalten in das Gesicht des jungen Menschen, der heftig errötete.

»Lasse ihn doch, Kleine!« sagte Herr Lamprecht endlich mit einem lässigen Achselzucken zu seinem Töchterchen. »Herbert braucht das gestohlene Gut für die Schule – er wird morgen in der botanischen Stunde seinem Professor eine rosa alba vorzeigen müssen.«

»Balduin! –« die Stimme erstickte dem jungen Manne, als würge eine Hand an seiner Kehle.

»Was befiehlst du, mein Junge?« wandte sich Herr Lamprecht mit ironischer Beflissenheit um. »Habe ich nicht recht, wenn ich behaupte, der bravste Schüler, der ehrgeizigste Streber, der je die Schulbank gedrückt hat, werde vor seinem Abiturienten-Examen schlechterdings keinen anderen Gedanken haben, als die Schule und abermals die Schule? – Geh, büffele nicht so übermäßig! Du bist in der letzten Zeit ganz hohläugig geworden, und dein pausbackiges Jungengesicht verliert die Farbe; unser zukünftiger Minister aber braucht – du weißt, wie jeder Minister heutzutage – Nerven von Stahl und ein ganz gehöriges Quantum Eisen in seinem Blut.«

Er lachte spöttisch auf, schlug den jungen Mann auf die Schulter und ging.

»Auf ein Wort, Balduin!« rief ihm die Frau Amtsrätin nach und nahm zum so und so vielten Mal den immer wieder hingestellten Ständer mit ihrem geliebten Papagei auf.

Herr Lamprecht blieb pflichtschuldigst stehen, obgleich er so ungeduldig aussah, als brenne ihm der Boden unter den Sohlen. Er nahm auch seiner Schwiegermutter den Vogel ab, um ihn zu tragen, und währenddem schoß Herbert wie toll an ihnen vorüber in das Haus, und die steinerne Treppe hallte wider unter den wilden Sätzen, mit welchen er aufwärts stürmte ...

»Nun hat Herbert doch recht behalten!« murrte Margarete und schlug zornig mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ich glaub's nicht! Der Papa hat nur Spaß gemacht – Herbert wird wohl dem Professor eine Rose mitbringen müssen! – Dummes Zeug!« Sie raffte die übrigen Blumen zusammen, wand ihr seidenes Haarband um die Stiele und lief nach dem Packhaus, um den kleinen Strauß über das Holzgeländer zu werfen. Er blieb auf dem Sims liegen, niemand griff danach, nicht ein Schein des hellen Musselinkleides wurde sichtbar, noch weniger aber dankte die sanfte süße Mädchenstimme, »die man so gern hörte«, vom Gange herab. – Mißmutig kehrte das kleine Mädchen unter den Lindenschatten zurück.

Es war recht still geworden im Hofe. Tante Sophie und Bärbe hatten die letzten Wäschestücke von der Leine genommen und die hochgetürmten Korbwannen ins Haus getragen, der Hausknecht war, nachdem er die Stallthüre geschlossen, ausgegangen, um Besorgungen zu machen, und der kleine, stille Junge saß wieder auf der Bank und malte mit beneidenswerter Geduld seine gerühmten Buchstaben auf die Schiefertafel.

Margarete setzte sich neben ihn und faltete die kleinen, hageren, sonnverbrannten Hände im Schoße; sie ließ die ewig unruhigen Füße baumeln und verfolgte mit ihren lebendigen, klugen Augen den Flug der Schwalben, wie sie über die Dächer herkamen und im scharfen Bogen die blauen Lüfte durchschnitten, um unter den weit hervorspringenden Fenstersimsen des gegenüberliegenden Seitenflügels zu verschwinden.

Inzwischen kam Bärbe mit dem Wischtuch; sie fuhr mit demselben über den Gartentisch, legte eine Kaffeeserviette auf und stellte das klirrende Tassenbrett hin; dann fing sie an, die Waschleine aufzurollen. Von Zeit zu Zeit warf sie einen ärgerlichen Blick nach dem Kinde, das so ungeniert und angelegentlich seine Augen über die obere Fensterreihe des spukhaften Hauses hinwandern ließ; für die alte Köchin war das eine naseweise Herausforderung, die ihr einen gelinden Schauder über die Haut jagte.

»Bärbe, Bärbe, schnell, drehe dich um! es ist jemand drin!« rief die Kleine plötzlich und zeigte mit dem ausgestreckten Finger direkt nach einem der Fenster in Frau Dorotheens ehemaliger Wochenstube, wobei sie von der Bank sprang.

Unwillkürlich, als werde sie von einer fremden Macht herumgerissen, wandte Bärbe den Kopf nach der bezeichneten Stelle und ließ vor Schrecken den mächtig angeschwollenen Waschleinenknäuel aus den Händen fallen. »Weiß Gott, der Vorhang wackelt!« murmelte sie.

»Unsinn. Bärbe! Wenn er bloß wackelte, so wäre das weiter gar nichts; das könnte auch vom Zugwind sein!« sagte Margarete überlegen. »Nein, er war dort in der Mitte« – sie zeigte abermals nach dem Fenster – »dort war er auseinander und es hat jemand herausgesehen; und das ist doch närrisch – es wohnt kein Mensch drin –«

Umtausend Gotteswillen, Kind, wer wird denn immer mit dem Finger hinzeigen!« raunte Bärbe und griff nach der kleinen Hand, um sie niederzubiegen. Sie war dicht vor die Kinder getreten, als wolle sie die Kleinen mit ihrer breiten massiven Figur decken, und kehrte dem bezeichneten Fenster den Rücken – um keinen Preis hätte sie noch einmal die Augen zurückgewendet. »Siehst du, Gretchen, das hast du nun von deinem ewigen Hingucken! Ich wollte dir's vorhin schon sagen, aber du bist ja immer gleich obenhinaus, und da war ich still ... Für so 'was, wie die Fenster da oben, muß der Mensch gar keine Augen haben.«

»Abergläubische alte Bärbe – das sollte nur Tante Sophie hören!« schalt das kleine Mädchen ärgerlich und suchte die vierschrötige Alte aus dem Wege zu schieben. »Erst recht muß man Hinsehen! Ich will wissen, wer das gewesen ist! Es ging vorhin zu schnell – husch, war's wieder weg! – Ich glaube aber, es war Großmamas Stubenmädchen, die hat so eine weiße Stirn –«

»Die?« – Jetzt war es an der gescholtenen Köchin, eine überlegene Miene anzunehmen. »Erstlich, wie käme die in die Stube? Doch nicht durchs Schlüsselloch?« Und zum zweiten thäte sie's auch gar nicht – nicht um die Welt, Gretchen! Das naseweise Ding hat's gerade so gemacht wie du – die dachte auch, ihr könnt's nicht fehlen, und da hat sie vorgestern abend in der Dämmerstunde ebenso ihren Schreck weggehabt, wie gestern der Kutscher... Geh du lieber 'nauf in die gute Stube mit den roten Tapeten, wo die alten Bilder hängen – die mit den Karfunkelsteinen in ihren kohlpechschwarzen Haaren, die ist's! Die hat wieder einmal keine Ruh' in der Erde und huscht im Hause 'rum und erschreckt die Menschen.«

»Bärbe, du sollst uns Kindern nicht solchen Unsinn vorschwatzen, hat die Tante gesagt!« rief Margarete bitterböse und stampfte mit dem Fuße auf. »Siehst du denn nicht, wie Holdchen sich ängstigt?«... Beruhigend wie ein Großmütterchen legte sie die Arme um den Hals des Knaben, der mit angsterfüllten, weit aufgerissenen Augen zuhörte. »Komm her, du armes Kerlchen, fürchte dich nicht, und laß dir doch nichts weismachen von der dummen Bärbe! Es gibt gar keine Gespenster – gar keine! Das ist alles dummes Zeug!«

In diesem Augenblick trat Tante Sophie aus dem Hause. Sie brachte den Kaffee und stellte einen großen, zuckerbestreuten Napfkuchen auf den Tisch. »Kind, Gretel, du siehst ja aus wie ein streitlustiges Kickelhähnchen! Was hat's denn wieder einmal gegeben?« fragte sie, während Bärbe sich schleunigst aus dem Staube machte und ihrem abwärts gerollten Leinenknäuel nachlief.

»Es war jemand dort in der Stube,« antwortete die Kleine kurz und knapp und zeigte nach dem Fenster.

Tante Sophie, die eben den Kuchen anschnitt, hielt inne. Sie drehte den Kopf um und streifte mit einem flüchtigen Blick die Fensterreihe. »Da oben?« fragte sie mit halbem Lachen. »Du träumst am hellen Tage, Kind!«

»Nein, Tante, es war ein wirklicher Mensch! Gerade dort, wo der Vorhang so rot ist, da ging er auseinander. Ich sah ja die Finger, ganz weiße Finger, die ihn schoben, und auf einen Husch sah ich auch eine Stirn mit hellen Haaren –«

»Die Sonne, Gretel, weiter nichts!« versetzte Tante Sophie gleichmütig und hantierte taktmäßig mit ihrem Messer weiter an dem Kuchen. »Die spielt und spiegelt in allen Farben auf den alten verwetterten Scheiben, und das täuscht. Hätt' ich den Schlüssel, da müßtest du auf der Stelle mit mir hinauf in die Stube, um dich zu überzeugen, daß kein Mensch drin ist, und dann wollten wir sehen, wer recht behielte, du Gänschen! Den Schlüssel hat aber der Papa, und die Großmama ist eben bei ihm, und da will ich nicht stören.«

»Bärbe sagt, die Frau, die im roten Salon hängt, hätte herausgesehen – die läuft im Hause herum, Tante, und will alle Menschen erschrecken,« klagte Reinhold in weinerlich ängstlichem Ton.

»Ach so!« sagte Tante Sophie. Sie legte das Messer hin und sah über die Schulter nach der alten Köchin, die aus Leibeskräften an ihrem riesigen Knäuel wickelte. »Bist ja ein lieber Schatz, Bärbe – die richtige Jammerbase und Todtenunke!... Was hat dir denn das arme Weibchen im roten Salon gethan, daß du sie zum Popanz für die Urenkelchen machst?«

»Ach, mit dem Popanz hat's keine Not, Fräulein Sophie!« entgegnete Bärbe trotzig und ohne von ihrer Beschäftigung wegzusehen. »Gretchen glaubt's so wie so nicht... Das ist ja eben das Unglück heutzutage! Die Kinder kommen schon so superklug zur Welt, daß sie an gar nichts mehr glauben wollen, was sie nicht mit Händen greifen können.« – Sie wickelte mit so grimmigem Eifer weiter, als gelte es, all den kleinen Ungläubigen die Hälse zuzuschnüren. – »Glaubt der Mensch aber nicht mehr an die Geister- und Hexengeschichten, da kömmt auch unser Herrgott zu kurz, ja – und das ist eben die Gottlosigkeit heutzutage, und darauf leb' und sterb' ich!«

»Das magst du halten, wie du willst; aber unsere Kinder lässest du mir künftig aus dem Spiel, ein für allemal!« gebot Tante Sophie streng. Sie schenkte den Kindern Kaffee ein und legte ihnen Kuchen vor; dann ging sie, um ein Rosenbäumchen von der Waschleine zu befreien, die sich durch Bärbes Ungestüm in seinen Aesten verwickelt hatte.

»Die Sonne war's aber nicht – das steht bombenfest! – Ich will's schon herauskriegen, wer immer durch den Gang huscht und in die Stube schleicht!« murmelte die kleine Skeptikerin am Kaffeetisch vor sich hin und brockte sich die Obertasse voll Kuchen.

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