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Die Frau mit den Karfunkelsteinen

Eugenie Marlitt: Die Frau mit den Karfunkelsteinen - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleDie Frau mit den Karfunkelsteinen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger
seriesE. Marlitt's gesammelte Romane und Novellen
volumeSechster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid99f334c3
created20070103
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23.

Kaum in das Zimmer eingetreten, griff er ungeniert nach Margaretens Mantel und schob ihn von dem Körbchen an ihrem Arme weg. »Himbeergelee, Aprikosengelee,« – las er von den Etiketten der Glasbüchsen ab – »lauter gute Sachen aus unserem Keller! ... Und die soll der Mosje Kurrendeschüler drüben essen, Grete?«

»Der nicht!« sagte Margarete ruhig. »Du wirst wohl wissen, daß Frau Lenz schwerkrank ist, daß sie einen Schlaganfall gehabt hat.«

»Nein, das weiß ich nicht, mir kommen solche Dinge nicht zu Ohren, weil ich nie mit unseren Leuten klatsche. Ich halte es genau wie der Papa, der nie danach gefragt hat, ob die Leute im Packhause leben oder sterben.«

»Und das ist die richtige Art,« bestätigte die Großmama. »Strenge Zurückhaltung muß der Fabrikherr beobachten – wo käme er sonst hin, seinen Hunderten von Arbeitern gegenüber? ... Aber sage mir nur ums Himmels willen, Grete, was dir einfällt, am helllichten Tage den Theatermantel da umzuhängen?« Ihr Blick glitt mit scharfer Mißbilligung über die weiße Umhüllung.

»Ich wollte nicht so unheimlich dunkel an das Bett der Kranken treten – «

»Was? Um dieser Frau willen unterbrichst du die Trauer für deinen Vater?« rief die alte Dame erbittert.

»Er wird es mir verzeihen –«

»Der Papa?« lachte Reinhold kurz und hart auf. »Sprich doch nicht Dinge, an die du selbst nicht glaubst, Grete! Damals, wo du auch, vor unser aller Augen, die barmherzige Schwester im Packhause spielen wolltest, da hat er dir streng ein für allemal den Besuch verboten, ›weil ein solches Hinüber und Herüber nie Brauch im Hause gewesen sei‹. Und daß es bei seinem Wunsch und Willen bleibt, dafür werde ich sorgen ... Ist es nicht schon an und für sich eine unverzeihliche Taktlosigkeit von dir, zu dem Menschen zu gehen, den wir wegen notorischer Faulheit entlassen mußten.«

»Der Mann ist halb erblindet –«

»So, weißt du das auch schon? Nun ja, er sucht sich damit zu entschuldigen; aber es ist nicht so schlimm. Uebrigens ist er bei weitem nicht lange genug im Geschäft, als daß wir – selbst diese fingierte Erblindung angenommen – verpflichtet wären, uns um ihn und seine Familie zu kümmern. Frage den Buchhalter, der wird dir sagen, daß ich ganz korrekt handle! – Lege nur deinen Theatermantel ab! Du wirst einsehen, daß du dich nachgerade lächerlich machst mit deinen unverlangten Samariterdiensten!«

»Nein, Reinhold, das kann ich nicht einsehen,« entgegnete sie sanft, aber fest; »so wenig wie ich glaube, auch hart und unbarmherzig sein zu müssen, weil du es bist. Ich widerspreche dir ungern, weil ich weiß, daß dich jeder Widerspruch aufregt; aber bei dem Wunsche, dir jeden Aerger zu ersparen, darf ich nicht andere Pflichten verletzen.«

»Dummheit, Grete! Was geht dich die Malersfrau an?«

»Sie hat Anspruch auf Hilfe und Beistand ihrer Mitmenschen wie jeder andere Kranke auch, und deshalb sei gut, Reinhold, und hindere mich nicht, das zu thun, was ich für gut und recht halte!«

»Und wenn ich dir es trotzdem verbiete?«

»Verbieten?« wiederholte sie erregt. »Dazu hast du nicht das Recht, Reinhold!«

Er fuhr auf sie hinein und seine bläuliche Gesichtsfarbe verdunkelte sich unheimlich.

Die Frau Amtsrätin ergriff beschwichtigend seine Hand. »Wie magst du ihm nur so schroff entgegentreten, Grete!« zürnte sie. »Allerdings steht ihm bereits ein gewisses Recht zu. In kurzem wird er unumschränkter Herr hier sein; denn so viel wirst du doch wissen, daß mit der Firma das alte Erbhaus der Lamprechts an den einzigen männlichen Träger des Namens zu fallen hat –«

»Der Tochter wird dann einfach ihr Anteil hinausgezahlt, und sie hat auf dem Grund und Boden nichts mehr zu sagen und zu suchen, und wenn es zehnmal ihr Geburtshaus ist!« fiel Reinhold mit seiner hämischen, knabenhaften Stimme so hastig ein, als habe er schon längst auf die Gelegenheit gelauert, der Schwester diese Eröffnung zu machen.

»Ich weiß das. Reinhold,« sagte sie traurig, mit umflortem Blick, und der gramvolle Zug um ihren Mund vertiefte sich. »Ich weiß, daß ich mit dem Papa auch das alte, liebe Heim verloren habe. Aber noch bist du nicht der Herr hier, der mich ausweisen darf, wenn ich mich nicht in allem widerspruchslos unterwerfe –«

»Und, deshalb wirst du für die paar Wochen auch noch der Dickkopf bleiben, der du immer gewesen bist, und à tout prix ins Packhaus gehen, gelt, Grete?« unterbrach sie Reinhold mit boshaften Augen. Er schob in fingiertem Gleichmut nach gewohnter Art die Hände in die Taschen, obwohl er vor Aerger bebte. »Nun, meinetwegen,« fügte er achselzuckend hinzu, »wenn du denn durchaus nicht auf mich hören willst, so soll dir Onkel Herbert den Kopf zurechtsetzen!«

»Den lasse aus dem Spiele, Reinhold,« wehrte die Großmama lebhaft ab; »der wird sich schwerlich hineinmischen! Hat er es doch auch entschieden abgelehnt, Gretes Vormund zu werden – nun, was siehst du mich denn so sonderbar erschrocken an, Grete? Mein Gott, was für Augen! ... Du wunderst dich, daß ein Mann wie er sich hütet, einen Mädchenkopf in Zucht zu nehmen, der so voll Eigenwillen steckt wie der deine? Nun, mein Kind, wer dich kennt, wird schwerlich in eine solche Beziehung zu dir treten – denke nur an dein unverzeihliches Verhalten in Bezug auf die Partie, die wir alle so sehr für dich wünschen! – Doch das gehört nicht hierher! Ich habe Eile; mein Krankenbesuch bei der Geheimrätin Sommer fällt sonst in unschickliche Zeit, und deshalb will ich dir kurz sagen, daß du dir selbst einen Schlag ins Gesicht versetzest, wenn du zu den Leuten ins Packhaus gehst ... In der allernächsten Zeit werden dir Dinge zu Ohren kommen, haarsträubende Dinge, die dich möglicherweise ein schönes Stück Geld kosten können. Willst du aber trotzdem deinen Kopf behaupten, so verbiete ich dir hiermit, als deine Großmutter, ein für allemal den Besuch und hoffe den Gehorsam zu finden, der sich ziemt!«

Sie nahm ihren Muff vom Tische, zog den Schleier über das Gesicht und wollte sich entfernen; aber Reinhold hielt sie zurück. »Du sprachst von Geld, Großmama?« fragte er in atemloser Spannung. »Ich will doch nicht hoffen, daß der Mensch da drüben die Unverschämtheit hat, Nachforderungen an unser Haus zu stellen? – Er hat sich wohl gar an Onkel Herbert gewendet?«

»Echauffiere dich nicht, Reinhold!« beschwichtigte die alte Dame. »Die Sache schwebt sehr in der Luft; wer weiß, ob sie je Grund und Boden findet. Auf alle Fälle aber wissen wir, daß diese Lenzens Schlimmes im Schilde führen – deshalb kein Mitleid, sage ich! Man verschwendet nicht Wohlthaten an seine notorischen Feinde.«

Sie verließ das Zimmer. Reinhold aber nahm das Körbchen mit den Einmachbüchsen, das Margarete auf den Tisch gestellt hatte, und rief nach Tante Sophie. Sie kam aus der Küche und er forderte ihr den Kellerschlüssel ab.

»I Gott bewahre! den bekommst du nicht – in meinem Einmachkeller hast du absolut nichts zu suchen!« erklärte Tante Sophie entschieden. »Bist ja ein greulicher Topfgucker! ... Und den Topf lasse du nur ruhig stehen – du hast kein Recht an die Sachen! Das ist Obst aus meinem Garten, das ich jedes Jahr für arme Kranke einkoche.«

Er stellte den Korb schleunigst auf den Tisch zurück; denn das wußte er von Kindesbeinen an, die Tante war die lautere Wahrheit selbst, da gab es für ihn keinen Zweifel. »Nun ja, dann habe ich freilich nichts damit zu schaffen,« gab er zu, »und du kannst mit deinem Obst thun, was dir beliebt. Nur ins Packhaus darfst du nichts schicken – das leide ich nicht!«

»So – das leidest du nicht? Hör' mal, der Kopf da –« sie tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn – »der hat seit vierzig Jahren – denn so lange sind meine guten Eltern tot – für sich allein, schnurstracks nach seinem guten Glauben gehandelt und sich nicht drehen und wenden lassen, wie es anderen Leuten gerade paßte, und jetzt will solch ein ›Kiekindiewelt‹, kommen und mir Vorschriften machen? Das hat selbst dein seliger Vater nicht gethan!«

»O, der wäre noch ganz anders aufgetreten, wenn er gewußt hätte, daß dieser Mosje Lenz sein Feind im stillen gewesen ist! Ich habe der Gesellschaft im Packhause nie getraut; ihr scheinheiliges, stilles Gethue ist mir von klein auf zuwider gewesen. Nun, da der Papa die Augen zugethan hat, nun weisen sie die Zähne – die reine Jesuitengesellschaft! ... Von der Großmama aber ist es unverantwortlich, uns solch berunruhigende Nachricht mit Ungewissen Andeutungen zuzuraunen – ich hätte auf volle Offenheit bestehen sollen! Aber ich weiß schon, es ist mit ihr nichts anzufangen, wenn sie in ihrem Visitenmantel steckt; da brennt ihr der Boden unter den Füßen, und sie thut, als hinge das Wohl der ganzen Stadt von ihren Besuchen ab ... Na, endlich wirst du vernünftig, Grete! Recht so, trage deinen weißen Mantel wieder in den Schrank! Aber denke ja nicht, daß ich dabei an deine vollständige Bekehrung glaube! Ich werde ein scharfes Auge auf den Hof und das Packhaus haben, darauf verlasse dich.«

Mit dieser Drohung verließ er die Wohnstube, während Margarete den Mantel über den Arm hing, um ihn fortzutragen.

»Aber sage mir nur, Gretel, was sind denn das für kuriose Geschichten? Was ist's mit den alten Lenzens?« rief Tante Sophie, nachdem sich die Thüre hinter dem Fortgehenden geschlossen hatte.

»Sie sollen unsere Feinde sein,« antwortete das junge Mädchen bitter lächelnd.

»Unsinn! Was wird noch alles in dem oberen Stock ausgeheckt werden!« zürnte die Tante. »Wenn der alte Mann mit seinem guten, treuherzigen Gesicht falsch und hinterrücks ist, da kann man nur getrost da zuschließen,« – sie zeigte nach ihrem Herzen – »dann taugt die ganze Menschheit nichts und ist nicht wert, daß man sich um ihr Schicksal kümmert! ... Aber die Geschichte ist nicht wahr, da will ich gleich meinen kleinen Finger verwetten!«

»Ich glaube so wenig daran, wie du, und alle Andeutungen und Drohungen würden mich nicht abhalten, zu der kranken Frau zu gehen,« sagte Margarete. »Aber um Reinholds willen darf ich nicht. Er wird bei der geringsten Aufregung so blau im Gesicht und das ängstigt mich unbeschreiblich, Tante! Sein Zustand hat sich offenbar verschlimmert, wenn auch der Arzt es nicht zugeben will. Wie dürfte ich da etwas thun, das ihn reizt und ärgert? – Wir müssen auf andere Mittel und Wege sinnen, der Kranken ein wenig zu Hilfe zu kommen.«

Ein wenig später ging sie hinauf in die Bel-Etage; sie hatte die für den Großpapa bestimmten Zimmer vorläufig lüften und heizen lassen. Die im Oktober beabsichtigte Renovierung der Bel-Etage war bis jetzt selbstverständlich unterblieben; noch standen die Bilder und Spiegel im Gange des spukhaften Seitenflügels.

Nun sollte wieder einiges Leben in die stillen Räume kommen, ein Wärmehauch in die eisige Luft des mächtigen Flursaales, von welcher die junge Verwaiste heute meinte, sie halte noch das ganze Wehe der unglückseligen Katastrophe in ihrer Erstarrung gefangen ... Hier, wo alle Fenster nach Norden gingen, herrschte ein winterlich trübes Lichts und draußen auf der weiten Schneelandschaft, die sich jenseits der Stadt hinbreitete und fern, fern an den wolkenlos blauen Himmel stieß, glitzerte auch nur der bleichgelbe Schein der späten Nachmittagssonne, alles so kalt und ohne Leben, so trostlos, als könne es dort nie wieder grün oder in goldenen Halmen aus der Erde steigen, als würden die dürr und schwarz in den Himmel starrenden Aeste der Obstbäume sich nie mehr mit Blüten bedecken. Margarete trat in das letzte Fenster des Flursaales. Hier hatte sie die Stimme ihres Vaters zum letztenmal für dieses Leben gehört, und hier in die tiefe, dunkle Nische war sie nach fünfjähriger Abwesenheit in jugendlichem Uebermut geschlüpft, um »das neue Lustspiel« im väterlichen Hause unbemerkt mit anzusehen... Ja, und da war auch der ehemalige Student als erster Beamter der Stadt zu ihr getreten, und sie hatte sich über den »Herrn Landrat« lustig gemacht und ihn innerlich verspottet... O, daß sie mit all ihrer gerühmten Kraft, ihrem Eigenwillen diesen Standpunkt nicht wieder zu erringen vermochte! Ihre Hand ballte sich unwillkürlich, und ihr Blick fuhr in ohnmächtiger Erbitterung über die weite Welt draußen hin. Aber in diesem Moment erschrak sie und fuhr heftig zurück – der Landrat kam über den Hof, vom Packhausthor her. Er hatte möglicherweise ihre Zorngebärde beobachtet, denn er lächelte und grüßte hinauf, und da floh sie in das für den Großpapa bestimmte Wohnzimmer, den roten Salon.

Aber ihr schleuniges Zurückziehen half ihr nichts; wenige Augenblicke nachher stand Herbert vor ihr ... Er war fast jeden Tag nach Dambach gekommen um seines Vaters willen, und doch reichte er ihr jetzt so froh die Hand hin, als habe er sie seit lange nicht gesehen.

»Es ist gut, daß du wieder da bist!« sagte er. »Nun wollen wir unsern Patienten zusammen pflegen. Aber auch für dich selbst war es an der Zeit, in dieses Haus mit seinen hohen, luftigen Räumen zurückzukehren – der Aufenthalt in der engen, dumpfen Pavillonstube hat dir nicht gut gethan, du bist so blaß geworden.«

Er suchte mit einem sarkastischen Lächeln und doch auch besorgt ihre Augen, aber sie sah weg, und da fuhr er fort: »Das bleiche Mädchengesicht am Fenster hat mich ein wenig erschreckt, als ich aus dem Packhause trat –«

»Aus dem Packhause?« fragte sie ungläubig.

»Nun ja, ich habe nach der armen, schwerkranken Frau gesehen – hast du etwas dagegen einzuwenden, Margarete?«

»Ich? – Ich sollte es dir verargen, wenn du so echt menschlich und barmherzig handelst?« rief sie feurig. Ihr Blick strahlte auf; sie war in diesem Augenblick vollkommen wieder das enthusiastische Mädchen, dem das warme, edle Empfinden das Blut rascher in die Adern trieb. »Nein, darin denke ich genau wie du – Onkel!« »Nun sieh, da habe ich doch endlich einmal etwas in deinem Geist und Sinn gethan – ich höre es an dem Herzenston deiner Stimme! ... Wir empfinden beide jugendlich warm – dazu paßt aber ein ergrauter, knochensteifer Onkel nicht; du fühlst das auch, denn der ehrwürdige Titel kam dir eben recht schwer von den Lippen – wollen mir ihn nicht lieber begraben, den alten Onkel?«

Jetzt glitt doch auch ein schwach lächelnder Zug um ihren Mund. Trotzdem sagte sie abweisend: »Nein, es muß dabei bleiben! – Was würde auch die Großmama sagen, wenn ich in meine ›Kinderunart‹ zurückfiele?«

»Das wäre doch am Ende lediglich deine und meine Sache.«

»O nein, so unbedingt ganz gewiß nicht! Die Großmama wird ihre Obervormundschaft über uns alle, solange sie lebt, nicht aus den Händen geben, das weiß ich!« antwortete sie bitter. »Und du kannst von Glück sagen, daß sie deinen Besuch im Packhause nicht bemerkt hat; sie würde sehr böse sein.«

Er lachte. »Und was würde die Strafe für den alten Knaben sein? In der Ecke knieen, oder kein Abendbrot bekommen? – Nein, Margarete,« setzte er ernst hinzu, »so sehr ich auch bestrebt bin, Aergernis und Verdruß von meiner Mutter fern zu halten und ihr das Leben nach Kräften leicht und angenehm zu machen, so wenig darf ich ihr aber auch entscheidenden Einfluß auf meine Handlungen gestatten. Und deshalb wirst du mich noch öfter aus dem Packhaus kommen sehen.«

Sie sah hellen Blickes zu ihm auf. »Hätte sich vorhin ein Zweifel in meine Seele geschlichen, vor deinem ruhigen Urteil wäre er geschwunden! Der alte Maler, den ich von meiner Kindheit an lieb gehabt habe, kann nicht unser Feind sein!«

»Wer sagt das?«

»Die Großmama. Ist es wahr, daß er Nachforderungen an uns Geschwister stellt?«

»Ja, Margarete, es ist wahr,« bestätigte er sehr ernst. »Er hat viel von euch zu fordern. Würdest du das ohne Protest über dich ergehen lassen?«

»Wie könnte ich anders, wenn die Forderung eine gerechte wäre?« versetzte sie ohne Zögern; aber die Röte eines plötzlichen Befremdens schlug über ihr Gesicht.

»Auch wenn diese Forderung dein Erbteil bedeutend schmälerte?«

Sie lächelte flüchtig. »Es ist bisher immer von seiten anderer für mich gesorgt und bezahlt morden; ich kann deshalb den eigentlichen Wert des Geldbesitzes nicht beurteilen; darin aber bin ich meiner selbst gewiß, daß ich tausendmal lieber mein Brot mit Nähen verdienen, als auch nur einen Groschen haben möchte, der mir nicht zukäme ... Ich weiß ja auch, daß du nichts Unbilliges unterstützen würdest, und deshalb bin ich zu jedem Opfer bereit!«

»Kleine Tapfere, die den Fuß sofort im Bügel hat, wenn es gilt, eine brave That auszuführen!«

Ihr Gesicht verfinsterte sich. »Ein schlecht gewähltes Bild für mich, die ich nicht reiten kann,« warf sie herb und achselzuckend hin. »Die vornehme Welt spielt in alle deine Gedanken hinein, Onkel!«

Er verbiß ein Lächeln. »Was willst du? Dem Bann der Sphäre, in der man viel lebt, entzieht sich so leicht keiner. Wärst du die Freiheitsdurstige, die glühende Verfechterin eines stolzen, starken Bürgertums geworden, wenn du nicht im Hause des Onkels Theobald gelebt hättest? Ich glaube schwerlich.«

»Du irrst! Das ist nicht angeflogen, nicht eingeimpft, das ist mit mir geboren. Es wäre Eigentum meines Blutes, meiner Seele gewesen, auch ohne den erweckenden äußeren Einfluß, ungefähr so wie man sagt,« – ein Zug ihres ehemaligen Mutwillens umspielte ihren Mund – »daß Raphael ein großer Maler gewesen sei, auch wenn er ohne Hände das Licht der Welt erblickt hätte.« Sie wurde aber sofort wieder ernst und kam auf Herberts Mitteilung zurück. »Auf welches Recht stützt der alte Lenz seine Ansprüche?« fragte sie unumwunden. »Inwiefern ist er unser Gläubiger?«

»Du wirst kurze Zeit Geduld haben müssen,« antwortete er zögernd, und seine Augen streiften prüfend ihr Gesicht, als schwanke er, ob er jetzt schon sprechen solle oder nicht.

»Ach, das ist wohl eigentlich Sache meines Vormundes?« fragte sie scheinbar gleichgültig, aber ihre Wangen färbten sich und ihre Stimme klang geschärft.

»Noch hast du keinen Vormund,« entgegnete er leise lächelnd.

»Allerdings vorderhand nicht – du hast es ja nicht werden wollen.«

»Ah, ist dir das auch schon hinterbracht worden? – Nun ja, ich habe es entschieden abgelehnt, weil mir alles Zwecklose in der Seele zuwider ist.«

»Zwecklos? – Ach so, dann hat ja die Großmama recht, wenn sie sagt, du bedanktest dich für diesen Posten, weil mit meinem bodenlosen Eigenwillen doch nichts auszurichten sei.«

»Nun, stichhaltig wäre diese Begründung in der That – böse genug bist du ja!« Er sah sie schalkhaft von der Seite an. »Indes, ich würde mich nicht fürchten, ich würde mit diesem ›bodenlosen Eigenwillen‹ schon fertig werden. Aber ich habe einen anderen Grund und den sollst du in der allernächsten Zeit erfahren.«

Sie wurden unterbrochen; ein Tapezier trat herein. Der Landrat wollte neue Fußteppiche für seinen Vater legen lassen. Nun kam der Mann, um den Fußboden der Zimmer auszumessen, und während Herbert mit ihm verhandelte, schlüpfte Margarete hinaus. –

»Ja, recht hast du, Jette, 's ist ein wahres Elend!« sagte Barbe seufzend zu dem Hausmädchen in dem Augenblick, als Margarete drunten in der offenen Küchenthüre vorüber nach der Hofstube ging. Die alte Köchin rollte Teig auf dem Nudelbrett aus. »Ja, Sünd' und Schande ist's, daß der Mensch hier im Hause nicht einen Finger rühren darf, um den armen Leuten drüben beizuspringen!« ereiferte sie sich. »Was war's denn nun weiter, wenn ich einen Topf voll Nudelsuppe 'rübertrüge für den alten Mann und das Kind? Aber – daß Gott erbarm'! – das wollt' ich nicht probieren! Der in der Schreibstube thät einem ja den Kopf abreißen!« Sie streute zornig eine Handvoll Mehl über die breite Teigfläche. »Ja, und es muß schlecht stehen um die alte Frau; die Aufwärterin hat eben wieder Eis vom Brunnen geholt, und den Doktor hab' ich heute schon zweimal kommen sehen – paß auf, Jette, die Frau stirbt! Sie stirbt! Meine Kochtöpfe haben nicht für die liebe Langeweile den ganzen Vormittag im Ofen gesungen, das bedeutet allemal Tod im Hause, allemal!«

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