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Die Frau mit den Karfunkelsteinen

Eugenie Marlitt: Die Frau mit den Karfunkelsteinen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleDie Frau mit den Karfunkelsteinen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger
seriesE. Marlitt's gesammelte Romane und Novellen
volumeSechster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid99f334c3
created20070103
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18.

Die Thüre des alten Hauses siel schwerfällig hinter der jungen Dame zu, und sie blieb einen Moment regungslos am Fuße der Treppe stehen. – Diese Stufen war sie an jenem entsetzlichen Tage heruntergekommen, um nach Dambach zu laufen und die grause Gewißheit zu erlangen, daß sie eine Waise sei... Wenn er wüßte, wie der Unmündige jetzt hauste! Wie er ohne Gnade und Erbarmen alles ausschied, was nicht ganz mit seinen Rechenexempeln stimmte!... An dem kleinen Max hatte der Verstorbene sein Wohlgefallen gehabt – mußte sie doch oft dabei an Saul und David denken – der finstere, melancholische Mann hatte sich auch dem Zauber nicht entziehen können, den der schöne, hellschauende Knabe auf alle ausübte. Sie erinnerte sich, mit wie weicher Stimme er zu dem Kinde gesprochen, wie er seinem Schwiegervater versichert hatte, daß er den Knaben später in sein Kontor aufnehmen werde. Und hatte er nicht auch damals, inmitten des verwüstenden Sturmes am Fenster gesagt, daß der Knabe wohl nicht dazu bestimmt sei, andere zu amüsieren?... Und nun sang das Kind in schneidender Winterkälte vor den Thüren! –

Sie stieg die Treppe hinauf. Das Bretterwerk unter ihren Füßen war schneeweiß, und ein feiner Wacholderduft wehte sie an – der echte Thüringer Sonntagsduft!

Auf ihr leises Anklopfen erfolgte kein Herein, und auch ihr Eintreten wurde nicht sofort bemerkt, obgleich, die wachsame Philine sofort in der Küche anschlug. In der einen tiefen Fensternische saß Frau Lenz und strickte an einer bunten Wolljacke, und in der anderen stand der Arbeitstisch ihres Mannes; er saß tiefgebückt über seiner Arbeit. Erst bei dem lauten, freundlichen Gruß der jungen Dame sahen die beiden alten Leute auf und erhoben sich. Den erstaunten, gespannten Mienen des Ehepaares gegenüber geriet Margarete plötzlich in Verlegenheit. Ihr warm aufquellendes Gefühl hatte sie hierher getrieben, aber sie kam aus dem Hause, wo den alten Leuten ein unerbittlicher Feind lebte, der ihnen das Brot vom Munde nahm und sie hinausstieß in Sorge und Elend. Mußten sie nicht Bitterkeit und Mißtrauen gegen alles empfinden, was von dorther kam?

Der alte Maler kam ihr zu Hilfe. Er bot ihr herzlich die Hand und führte sie nach dem Sofa... Da saß sie nun in derselben Ecke, wo man vor zehn Jahren das abgehetzte, fiebergeschüttelte Kind zärtlich gehegt und gepflegt hatte. Jener Abend trat ihr in allen Einzelheiten vor die Seele, und sie begriff nicht, wie der Papa nach solchen Beweisen von Hilfsbereitschaft und Güte für sein Kind in seinem Hochmut gegenüber den Bewohnern des Packhauses bis an sein Ende hatte verharren mögen. Und wie schlimm stand es jetzt erst um die alten Leute!

Noch war der Mangel nicht sichtbar. Die Stube war wohlig durchwärmt. Ein großer warmer Teppich bedeckte den Fußboden; weder Möbel noch Gardinen sahen verkommen und abgenutzt aus – man sah, es war all die Jahre her Geld und Sorgfalt aufgewendet worden, das Behäbige des Heims zu erhalten. Inmitten des Zimmers stand der hergerichtete Mittagstisch. Das frisch aufgelegte Tischtuch glänzte wie Atlas, die Servietten steckten in feinen Ringen, und neben den gemalten Porzellantellern lagen Silberlöffel.

»Ich habe Sie in Ihrer Arbeit gestört,« sagte Margarete entschuldigend, während sie den nächsten Stuhl einnahm und Herr und Frau Lenz sich auf das Sofa setzten.

»Es war keine Arbeit, nur ein Zeitvertreib,« erwiderte der alte Maler. »Ein festes Arbeitspensum habe ich nicht mehr, und da male ich an einer Landschaft, die ich vor Jahren angefangen habe. Freilich geht es langsam. Ich bin auf dem einen Auge völlig erblindet, und das andere ist auch ziemlich schwach; so bin ich immer nur auf die wenigen hellen Mittagsstunden angewiesen.«

»Man hat Ihnen Ihr festes Arbeitspensum genommen?« fragte Margarete, unumwunden auf ihr Ziel losgehend.

»Ja, mein Mann ist entlassen,« bestätigte Frau Lenz bitter. »Entlassen wie ein Tagelöhner, weil er als gewissenhafter Künstler die Arbeit nicht so massenhaft lieferte, wie die jungen gedankenlosen Schmierer.«

»Hannchen!« unterbrach er sie mahnend.

»Ja, lieber Ernst, wenn ich nicht spreche, wer soll es sonst?« erwiderte sie herb, und doch auch mit einem wehmütigen Lächeln in den vergrämten Zügen. »Soll ich in meinen alten Tagen aufhören, das zu sein, was ich zeitlebens gewesen bin, der Anwalt meines allzu bescheidenen, guten Mannes?«

Er schüttelte den grauen Kopf. »Ungerecht dürfen wir aber auch nicht sein, liebe Frau,« sagte er mild. »Für mein festes Einkommen habe ich allerdings in den letzten zwei Jahren nicht mehr die entsprechende Arbeit geliefert, meiner Augen wegen. Ich habe das auch gesagt und um Bezahlung per Stück gebeten, aber der junge Herr will davon nichts hören. Nun, ihm steht ja das Verfügungsrecht zu, wenn er auch noch nicht mündig erklärt ist, und die Testamentseröffnung noch bevorsteht... Auf dieses Testament hoffen noch manche von den alten Arbeitern draußen in Dambach, denen es ähnlich ergeht wie mir,«

Margarete wußte von Tante Sophie, daß ein Testament ihres Vaters vorhanden war, welches in den nächsten Tagen eröffnet werden sollte; aber es war nur eine flüchtige Erwähnung gewesen, die Tante mochte nichts Näheres wissen. Das sagte die junge Dame auf den eigentümlich gespannten Blick des alten Mannes hin. Sie hatte auf diese Thatsache wenig Gewicht gelegt, noch weniger aber war ihr der Gedanke gekommen, daß die letztwillige Verfügung des Verstorbenen möglicherweise Reinholds Eigenmächtigkeiten rückgängig machen könne.

»Mein Gott,« rief sie lebhaft, »wenn Sie meinen, daß das Testament vieles ändern kann –«

»Es wird und muß vieles ändern,« fiel Frau Lenz mit sonderbar harter Betonung und Bestimmtheit ein.

Margarete verstummte für einen Moment, betroffen in den noch immer schönen, blauen Augen der alten Frau forschend – eine Art von wilder Genugthuung funkelte in ihnen auf. »Nun ja,« setzte sie dann nachdrücklich, mit schwerem Vorwurf hinzu, »wozu dann die Grausamkeit, das Kind ums Brot auf der Straße singen zu lassen?«

Frau Lenz fuhr empor und trat auf ihre Füße. Sie war lahm und konnte sich nur schwer fortbewegen; aber in diesem Moment schien sie von Schmerz und Schwäche nichts zu fühlen. »Grausam? Wir? Gegen unser Kind, unseren Abgott, unser alles?« rief sie wie außer sich.

Der alte Maler ergriff begütigend ihre Hand. »Ruhig Blut, liebes Herz!« mahnte er mild lächelnd. »Grausam sind wir zwei alten Menschen nie gewesen, gelt, Hannchen? Nicht gegen die kleinste Kreatur der Schöpfung, geschweige denn gegen unseren Jungen ... Sie haben ihn singen hören?« wandte er sich zu Margarete.

»Ja, vor unserem Hause, und das Herz hat mir wehe gethan. Es ist so bitterkalt – ich meinte, der Atem müsse ihm vor dem Munde gefrieren. Er wird sich erkälten.«

Herr Lenz schüttelte den Kopf. »Der kleine Bursche hat sich selbst hart gewöhnt. Die Stube da ist ihm zu eng für seine Stimme, und da steht er oft, ehe wir uns dessen versehen, droben am Bodenfenster oder auf dem offenen Gange und singt in Sturm und Schneegestöber hinein.«

Er war bei den letzten Worten aufgestanden, hatte zärtlich den Arm um seine Frau geschlungen und sie sanft in die Sofaecke zurückgedrückt. »So – das Stehen macht dir Schmerz, lieber Schatz. Und du mußt auch deinen Alten nicht so ängstigen mit der Erregtheit, die dir allemal schadet! ... Ja, wissen Sie, Fräulein, solch ein Frauenherz ist ein Wunder an Liebeskraft und Liebesfähigkeit,« sagte er, seinen Platz wieder einnehmend, zu der jungen Dame. »Man meint, mit der Hingebung und Aufopferung für die Kinder müsse es erschöpft sein, und da kommen die Enkel, und das Großmutterle ist wieder dieselbe Löwin, die sie in der Jugendkraft gewesen.«

Margarete dachte mit Bitterkeit an die alte Dame im oberen Stock des Vorderhauses, für welche Kinder und Kindeskinder nur Stufen waren, auf denen sie emporsteigen wollte.

»Sehen Sie, da an den warmen Ofenkacheln lehnen die Hausschuhe, und in der Ofenröhre steht heißes Warmbier für unseren kleinen Kurrendeschüler,« fuhr er fort. »Und wenn er heimkommt, da strahlt er allemal vor Freude; denn seiner Meinung nach hat er jetzt einen mächtigen Wirkungskreis – er sorgt für seine Großeltern.« – Der alte Mann lächelte, und dabei wischte er sich unter der Brille eine Thräne der Rührung fort.

»Ja, es kamen ein paar fatale, ein paar schlimme Tage für uns, nachdem der junge Herr mir aufgesagt hatte,« hob er wieder an. »Wir hatten die Schneider- und Schuhrechnung für Max gezahlt, und unseren Kohlenvorrat angeschafft, und eine Summe, auf die wir stets pünktlich rechnen konnten, war plötzlich weggefallen; und da kam ein Abend, an welchem wir vor der leeren Kasse standen und nicht wußten, wovon wir am andern Tag auch nur eine Suppe kochen sollten ... Ich wollte gehen und ein paar von unseren Silberlöffeln verkaufen; aber das Frauchen da« – er zeigte mit zärtlichem Blick auf seine Frau – »kam mir zuvor. Sie nahm Stickereien und Strickereien, die sie mit ihren geschickten Händen in Mußestunden gearbeitet hatte, aus der Kommode und ging – so sauer ihr auch das Gehen wird – mit Max in die Kaufläden, und da brachte sie nicht nur Geld, sondern auch viel Bestellungen mit heim... Nun lasse ich alter Kerl mich von der Hand ernähren, an die ich einst den Verlobungsring gesteckt hatte, in der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß mein Mädchen das Leben einer Prinzessin an meiner Seite haben solle. – Ja, sehen Sie, das ist nun Künstlerleben und Künstlerhoffen!«

»Ernst!« unterbrach ihn Frau Lenz und drohte mit dem Finger. »Willst du wirklich Fräulein Lamprecht weismachen, ich sei so eine gewesen, die sich ein Schlaraffenleben bei dir erträumt hätte? ... Nein, Fräulein, er fabelt, der alte Künstlerkopf! Zum Faulenzen habe ich nie Talent gehabt, dazu bin ich immer zu rasch gewesen. Schaffen und Helfen, das war stets mein Lebenselement, und die Ader hat auch Max von mir. ›Großmama‹ sagte er auf dem Nachhauseweg, ›morgen gehe ich unter die Kurrendeschüler. Der Herr Kantor hat zu mir gesagt, solch einen kleinen Jungen mit meiner Stimme könnte er brauchen für seinen Chor, und die Jungens bekommen ganze Taschen voll Geld‹ –«

»Wir suchten ihm die Idee auszureden,« fiel Herr Lenz ein; »aber er ließ nicht nach; er bat und weinte und schmeichelte, und da gab meine Frau endlich den Ausschlag und erlaubte es –«

»Aber nicht um des Erwerbes willen!« unterbrach sie ihn fast heftig protestierend. »Denken Sie das um Gotteswillen nicht! Die paar Groschen liegen unberührt im Kasten; sie sollen als ein Denkzeichen an die Zeit aufbewahrt werden, wo das bittere ›Muß‹ dem Kinde den Gedanken eingegeben hat, ums liebe Brot vor dem Hause zu singen, das –«

»Hannchen!« mahnte der alte Mann mit großem Ernst und Nachdruck.

Sie preßte die Lippen aufeinander und sah mit seltsam loderndem, beredtem Blick durch das gegenüberliegende Fenster in die froststarrende Luft hinein. Es lag etwas Rachedürstendes in ihrem ganzen Wesen. »Das Kind ist schlecht genug behandelt worden in dem großen, stolzen Hause, seit es die deutsche Heimat betreten hat,« sagte sie mit noch weggewandtem Blick grollend, wie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Der Kies im Hofe war zu vornehm für seine Sohlen, und der Gartentisch unter den Linden wurde entweiht durch seine Bücher, seine schreibenden Händchen. Und von dem Sarge droben im großen Saal sollte er weggescheucht werden wie –« Sie brach ab und legte die Hand über die Augen.

»Mein Bruder ist krank und deshalb keines Menschen Freund; mit ihm dürfen Sie nicht so streng ins Gericht gehen, auch andere müssen unter seiner Schroffheit leiden,« tröstete Margarete sanft. »Dagegen weiß ich, daß mein Vater den kleinen Max sehr gern gehabt hat, wie alle in unserem Hause. Ich weiß, daß er für seine Zukunft hat Sorge tragen wollen, und aus dem Grunde bin ich gekommen... Es würde auch ihm gewiß, wie mir, ans Herz gegangen sein, das prächtige Kind draußen vor der Thüre stehen zu sehen, und deshalb möchte ich Sie bitten, dem kleinen Kurrendeschüler die gegebene Erlaubnis von heute ab zu verweigern und mir die Freude zu gönnen –« Sie schob heißerrötend die Hand in die Tasche.

»Nein, kein Almosen!« rief Frau Lenz fast wild und legte die Hand auf den Arm der jungen Dame. »Kein Almosen!« wiederholte sie beruhigter, als Margarete die leere Hand aus der Tasche zog. »Ich fühle, Sie meinen es gut. Sie haben von klein auf ein edles, braves Herz gehabt. Niemand weiß das besser als ich – Sie trifft kein Vorwurf!... Aber lassen Sie uns auch das bißchen Stolz darauf, den über uns verhängten Schlag aus eigener Kraft pariert zu haben... Sehen Sie,« – sie zeigte nach einer großen Korbwanne im Fensterbogen, die bis an den Rand mit bunter Stickerei gefüllt war – »das ist lauter fertige Arbeit! Wir brauchen vorläufig nicht zu darben, und später wird Gott helfen!... Max soll nicht wieder auf der Straße singen, ich verspreche es Ihnen heilig und teuer! Er wird zwar jammern, aber er muß sich hineinfinden.«

Margarete nahm die Rechte der alten Frau in ihre Hände und drückte sie warm. »Ich kann Sie verstehen und werde gewiß nicht wieder so plump ›mit der Thüre ins Haus fallen‹,« sagte sie mit einem flüchtigen Lächeln. »Sie werden mir dagegen gewiß erlauben, das Kind nach wie vor lieb zu haben und seinen Lebensgang im Auge zu behalten.«

»Wer weiß, Fräulein – die Verhältnisse wandeln oft ganz plötzlich die scheinbar festesten Ansichten – wer weiß, wie Sie nach vier Wochen darüber denken!« erwiderte Frau Lenz mit schwerer Betonung.

»Nicht anders als heute auch, dafür möchte ich meinen alten Kopf verwetten!« rief ihr Mann ganz enthusiastisch. »Ich habe das kleine Gretchen in seinem Thun und Wesen beobachtet, als es noch im Hofe spielte. Es gehört eine starke Geschwisterliebe und Aufopferungsfähigkeit dazu, immer wieder das geduldige Pferdchen eines verzogenen, kränklichen Bruders zu sein und sich widerstandslos schlagen und peinigen zu lassen. Ich habe seiner gesehen, wie das liebe, kleine Ding nach der Küche rannte und von der brummenden Bärbe für die Bettelkinder in der Hausflur Butter auf die Brotstücken ertrotzte... Wollte ich alle die erlauschten Züge eines guten, wackeren Herzens aufzählen, ich würde nicht fertig. Und ich weiß, das Weltleben draußen hat von dem reichen Fonds nichts genommen – das hat der alte Lenz gleich in den ersten Tagen nach der Rückkehr an sich selbst erfahren.«

Margarete hatte sich währenddem erhoben – sie war ganz rot und verlegen. »Nun, dann haben doch wenigstens ein paar Augen die wilde Hummel nachsichtig beurteilt,« sagte sie lächelnd. »Aber Sie sollten nur die Zensuren von damals sehen, sollten wissen, wie oft mir der Kopf gewaschen werden mußte meiner Frevelthaten wegen! Das ist freilich Geheimnis des Vorderhauses geblieben und konnte Ihre gütige Meinung nicht alterieren ... Nur in dem einen Punkte, gebe ich Ihnen recht – ich habe einen harten Kopf, den die Macht der Verhältnisse doch nicht so leicht binnen vier Wochen wandeln dürfte.«

Sie reichte den beiden alten Leuten Abschied nehmend die Hand und verließ, von ihnen bis zur Treppe geleitet, das Packhaus. Sie ging weit gedankenvoller, als sie gekommen war... War das ein köstliches Zusammenleben in dem alten Hause da hinter ihr! Je heftiger das Schicksal auf die Herzen einstürmte, desto enger schlössen sie sich aneinander an.

Ihr Blick flog unwillkürlich über die vornehme obere Etage des Vorderhauses – da herrschte freilich ein anderer Geist, »Anstand, gute Sitte, Konvenienz« nannte ihn die Großmama, und »verknöcherte Selbstsucht, gepaart mit verachtungswürdigem Unterwerfungstrieb gegen Hochgestellte« der alte Mann, der lieber einsam draußen auf dem Lande lebte, als daß er die Eisesluft atmete, in welcher sich die distinguierte Frau Gemahlin gefiel. War es da ein Wunder, wenn Herbert – aber nein, selbst im Geiste durfte sie ihn nicht mehr durch das Vorurteil kränken, daß er herzlos sei!... Er war gut zu ihr. Er hatte ihr sogar zweimal nach Berlin geschrieben, fürsorglich, als sei er ihr Vormund, und sie hatte ihm geantwortet. Daraufhin war er ihr bei ihrer Rückkehr auf die letzte größere Station entgegengekommen, in dem zartsinnigen Wunsche, ihr das Wiederbetreten des vereinsamten Vaterhauses in etwas zu erleichtern... Das hatte die Großmama freilich nicht erfahren; sie hätte diese Zuvorkommenheit und Herablassung des Herrn Landrats gegen das junge Ding, die Grete, sicher nicht gebilligt, schon aus dem Grunde nicht, weil sie ihr das Leid angethan hatte, durchaus nicht Baronin von Billingen werden zu wollen. Die alte Dame hatte bitterböse darüber an ihre Schwester und Margarete geschrieben... Wie Herbert über das Scheitern dieser Wünsche dachte, das war dem jungen Mädchen bis zur Stunde dunkel geblieben. Er hatte die delikate Angelegenheit in keinem seiner Briefe erwähnt, und sie war auf ihrer Hut gewesen, auch nur mit einem Worte daran zu rühren ...

Mit diesen abschweifenden Betrachtungen war sie längst in die Hofstube zurückgekehrt und hatte die Geldrolle wieder in den Kasten des Schreibtisches gleiten lassen – unter einem abermaligen Erröten. So konnte und durfte sie ihre Teilnahme für den kleinen Max nicht wieder bethätigen wollen – der Weg war ihr verschlossen. Sie fühlte sich machtlos; die Verhältnisse übersehen und wissen, wie da zu wirken sei, das konnte nur ein Mann. Sie nahm sich vor, mit Herbert darüber zu sprechen ...

19.

Seitdem waren zwei Tage verstrichen. Der Landrat war noch nicht zurückgekehrt, und deshalb herrschte tiefe Ruhe auf der sonst so frequentierten Treppe und im oberen Stock. Margarete ging jeden Morgen pflichtschuldigst hinauf, um der Großmama guten Tag zu sagen. Das war stets ein saurer Gang; denn die alte Dame grollte und zürnte noch heftig. Sie schalt zwar nicht laut – Gott behüte, nur keine offenkundige Leidenschaftlichkeit! Der gute Ton hat ja dafür feinere und desto sicherer treffende Waffen: Messerschärfe in Blick und Stimme, und Dolch- und Nadelspitzen auf der Zunge. Aber diese Art und Weise des Angriffs empörte die Enkelin doppelt, und sie brauchte oft ihre ganze Selbstbeherrschung, um gelassen und schweigend zu ertragen ... Meist ungnädig entlassen, ging sie dann immer mit dem Gefühl der Erlösung die Treppe wieder hinab, um für einen Moment in den Flursaal einzutreten. Es herrschte zwar eine mörderische Kälte in dem weiten Saal, und Papas Privatzimmer waren versiegelt; nicht einer der traulichen Räume, in denen er gelebt und geatmet, nicht der kleinste Gegenstand, den seine Hand berührt, waren ihr zugänglich; sie mußte sich mit der Stelle begnügen, wo sie ihn zum letztenmal friedlich schlafend, einen Schein der Verklärung auf der im Leben so finsteren Stirn, gesehen hatte. Aber an dieser Stelle überkam sie doch immer das wehmütig wohlthuende Gefühl, als spüre sie einen Hauch seiner Nähe. Drunten geschah ja alles, um die Spuren seines Daseins und Wirkens möglichst schnell zu verwischen ...

Heute morgen nun hatte Margarete beim Verlassen des Flursaales eine Begegnung gehabt. Sie war rasch auf die Schwelle der Thüre getreten und hatte plötzlich Auge in Auge vor der eben vorübergehenden schönen Heloise gestanden. Der jungen Dame um einige Schritte voraus war die Baronin Taubeneck die Treppenwendung hinaufgekeucht; sie hatte, von der Anstrengung des Emporsteigens ganz benommen, die aus dem Flursaal Tretende gar nicht gesehen; ihre Tochter dagegen hatte sehr freundlich gegrüßt, ja, ihr Blick war sogar mit dem unverkennbaren Ausdruck von Teilnahme über die Mädchengestalt in tiefer Trauer hingeglitten, das konnte Margarete sich selbst nicht wegleugnen; und doch war sie in Versuchung gewesen, den höflichen Gruß zu ignorieren und ohne ihn zu erwidern, in den Flursaal zurückzuflüchten... Diese schöne gerühmte Heloise war ihr nun einmal in tiefster Seele unsympathisch – weshalb? Sie wußte es selbst kaum... So in nächster Nähe gesehen war die herzogliche Nichte in der That am schönsten. Die herrliche Sammethaut des jungen Gesichts, die Pracht der Farben und die großen, glänzend blauen Augen blendeten förmlich, und der Großpapa hatte recht, wenn er sagte, davor müsse sich seine Enkelin, das braune Maikäferchen, verkriechen. Selbst die phlegmatische Ruhe ihres Wesens machte sich im Gehen nur als stolze Würde und Vornehmheit geltend. »Was, Neid, Grete?« hatte sich das junge Mädchen selbst in diesem Augenblicke des aufsteigenden Grolles und Widerwillens gefragt. Nein, Neid war es nicht! Ihr war es ja stets ein Genuß gewesen, in ein schönes Mädchenantlitz zu sehen – Neid war es ganz bestimmt nicht! Wohl aber mochte es die angeborene Verbitterung des plebejischen Blutes gegen die Widersacher des Bürgertums sein – ja, das war der Grund! Und als die Großmama droben unter einem Wortschwall der Freude und Beglückung dem Besuch entgegengekommen war, da hatte das junge Mädchen die Hände auf die Ohren gelegt und war die Treppe hinabgeflohen.

Drunten aber hatte der herrschaftliche Schlitten, eine herrliche Muschel mit kostbarer Pelzdecke, vor der Thüre gehalten, und nachdem später die Damen wieder eingestiegen waren, da hatte die schöne Heloise mit ihrem weißen Schleier und wehenden Goldhaar ausgesehen, als stiege eine Fee über den Schnee hin. O weh, wie lächerlich dagegen mochte neulich das zusammengeduckte »Rumpelstilzchen« im Schlitten gehockt haben, wie frostgeschüttelt und hilfsbedürftig neben Herberts vornehmer Erscheinung! –

Den ganzen Tag über hatte sie bittere, aufdringliche Gedanken und Empfindungen nicht los werden können; und dazu war es dunkel in allen Stuben. Der Himmel schüttelte unermüdlich ein dichtes Flockengestöber über die kleine Stadt her, und nur selten fuhr ein Windstoß lichtend durch die stürzenden Schneemassen, die wie ein silberstoffener Behang alle Aussicht in Gassen und Straßen verschloß... Erst am Abend, als die Lampe auf dem Tische brannte, wurde es heimlicher in der Wohnstube und stiller in Margaretens Seele. Tante Sophie war trotz des Schneewetters ausgegangen, um einige unaufschiebbare Bestellungen zu machen, und Reinhold arbeitete in seiner Schreibstube; er kam überhaupt nur noch herüber, wenn er zu Tisch gerufen wurde.

Margarete ordnete den Abendtisch. Im Ofen brannten die Holzscheite lichterloh und warfen durch die Oeffnung der Messingthüre einen breiten, behaglichen Schein über die Dielen, und von dem Gesims der unverhüllten Fenster her, gegen die draußen die Schneeflocken wie hilflos flatternde Seelchen taumelten, um an den erwärmten Scheiben rettungslos zu sterben, dufteten doppelt süß Tante Sophiens Pfleglinge, ganze Scharen von Veilchen und Maiblumen... Nein, gerade dem häßlichen Tage zum Trotze sollte nun der Abend gemütlich werden! Bärbe brachte sauber garnierte kalte Schüsseln herein, und Margarete entzündete den Spiritus unter der Theemaschine; und als Reinhold sagen ließ, man möge ihm ein belegtes Butterbrot hinüberschicken, er werde nicht kommen, da wurde das Herz der Schwester erst recht leicht.

Draußen fuhren mehrere Wagen vorüber, und es war auch, als halte einer derselben vor dem Hause. War der Landrat zurückgekommen? – Nun, das erfuhr man ja morgen, früher freilich nicht! – Margarete fuhr fort, Schinkenscheibchen auf Reinholds Brot zu legen; sie sah auch nicht auf, als ein leises Thürgeräusch an ihr Ohr schlug. – Bärbe brachte jedenfalls noch etwas für den Tisch herein; aber ein so kalter Luftzug, wie er eben über ihre Wange strich, kam doch nicht von der warmen Küche her; unwillkürlich blickte sie auf, und da sah sie den Landrat an der Thüre stehen. Sie schrak heftig zusammen, und die Gabel mit dem Schinken entfiel ihrer Hand.

Er lachte leise auf und trat näher an den Tisch. Er war noch im Reisepelz, und auf seiner Mütze glitzerten Schneeflocken, also direkt von draußen kam er herein.

»Aber solch ein Schrecken, Margarete!« sagte er kopfschüttelnd. »Warst wohl, trotz deiner hausmütterlichen Beschäftigung, im sonnigen Griechenland, und der Hans Ruprecht im Pelz riß dich in die rauhe Thüringer Wirklichkeit zurück? ... Nun, guten Abend auch!« setzte er in treuherzig Thüringer Weise hinzu und bot ihr die Hand – war ihr doch, als müsse es Freude sein, die sie aus seinen Augen unter der Pelzmütze hervor anleuchtete.

»Nein, in Griechenland war ich nicht,« antwortete sie, und die augenblickliche innere Erregung bebte noch in ihrer Stimme nach. »Trotz Schnee und Eis bin ich um die Weihnachtszeit doch lieber hier. Aber es ist für mich etwas Unerhörtes, dich in unsere Wohnstube eintreten zu sehen. Du wirst selbst wissen, daß diese Stube stets abseits von deinem Wege gelegen hat. Früher mag dich der Kinderlärm verscheucht haben, und später« – der schmerzhafte Zug, der seit dem Tode ihres Vaters ihre Lippen umlagerte, wich momentan einem schelmischen Lächeln – »später das ausgesprochene Spießbürgertum in der Einrichtung und dem Leben und Weben hier unten.«

Er zog ein kleines Paket aus der Rocktasche und legte es auf den Tisch. »Das ist's, weshalb ich hier eingetreten bin, das einzig und allein!« sagte er ebenfalls lächelnd. »Weshalb soll ich ein ganzes Pfund Thee, das ich für Tante Sophie in der Residenz besorgt habe, zwei Treppen hinaufschleppen?« Nun nahm er die Pelzmütze ab und schleuderte die letzten funkelnden Schneereste fort. »Uebrigens irrst du in deiner Annahme – ich finde es urgemütlich hier, und dein Theetisch sieht nichts weniger als spießbürgerlich aus,«

»Darf ich dir eine Tasse Thee anbieten? Er ist eben fertig-«

»Ei wohl! Er wird mir gut thun nach der kalten Fahrt. Aber dann mußt du mir auch erlauben, daß ich meinen Pelz ablege. « Er mühte sich, die schwere Last abzustreifen. Unwillkürlich hob Margarete den Arm, um zu helfen, wie sie es bei Onkel Theobald zu thun gewohnt war; aber er fuhr zurück und ein Zornesblitz sprühte aus seinen Augen. »Lasse das!« wies er sie fast rauh zurück. »Die töchterliche Hilfe mag bei Onkel Theobald nötig sein – bei mir noch nicht!«

Unmutig, mit einem letzten kräftigen Ruck riß er den Pelz von der Schulter und warf ihn auf den nächsten Stuhl.

»So, nun bin ich allerdings hilfsbedürftig – ich lechze nach deinem heißen Thee!« sagte er gleich darauf und ließ seine elegante Gestalt in die Sofaecke gleiten. Seine Stirn war wieder heiter, und er strich sich behaglich den Bart. »Aber ich bin auch hungrig, liebes Hausmütterchen, und solch ein appetitliches Butterbrot, wie du es eben vor meinen Augen zurechtgemacht hast, sollte mir schon schmecken und jedenfalls besser munden, als die Butterbrote droben, die meine Mutter konsequent durch die Köchin herrichten läßt... Später, am eigenen Herd, werde ich mir das allerschönstens verbitten – die Hausfrau muß mir eigenhändig dergleichen Bissen mundgerecht machen, wenn sie nicht will, daß ich hungrig vom Tische aufstehe.«

Margarete reichte ihm den Thee; aber sie schwieg und sah ihn nicht an. Sie mußte denken, ob die stolze Heloise wirklich die Etikette so beiseite setzen und mit ihren wundervollen weißen Händen die Butterbrötchen für den Herrn Gemahl streichen würde? – Und Herbert selbst? Dachte er im Ernst so spießbürgerlich häuslich, Großmamas Sohn, der Mann der Formen, mit denen er der Welt imponierte?

»Du bist sehr still, Margarete,« unterbrach er das eingetretene kurze Schweigen; »aber ich sah ein spöttisches Zucken deiner Mundwinkel, und das spricht deutlicher als Worte. Du mokierst dich innerlich über die Häuslichkeit, wie ich sie haben will, und meinst, mein Wille könne an so manchem scheitern. Ja, siehst du, ich lese in deinen Zügen wie in einem Buche – du brauchst deshalb nicht gleich so rot zu werden wie ein Pfingströschcn – ich weiß mehr von deinen Seelenvorgängen, als du denkst.«

Jetzt sah sie verletzt und unwillig auf. »Schickst du deine Gendarmen wirklich auch auf die Hetzjagd nach Gedanken, Onkel?«

»Ja, meine liebe Nichte, das thue ich mit deiner gütigen Erlaubnis, und das mußt du dir schon gefallen lassen,« antwortete er leise lachend. »Mich interessieren alle oppositionellen Gedanken und mehr noch solche, denen der Kopf selbst nur widerwillig Raum gibt, gegen die er ankämpft, wie das junge Roß gegen seinen oktroyierten Herrn, und die schließlich glänzend siegen, weil ein mächtiger Impuls hinter ihnen steht.«

Er führte seine Tasse zum Munde und sah dabei aufmerksam zu, wie die zierlichen Mädchenfinger flink das gewünschte Butterbrot zurechtmachten.

»Ein Einblick in die Wohnstube hier muß in diesem Augenblick außerordentlich behaglich und anmutend sein,« hob er mit einem Blick auf die unverhüllten Fenster nach einem momentanen Schweigen wieder an. »Da drüben« – er neigte den Kopf nach der jenseitigen Häuserfront des Marktes – »könnte man uns füglich für ein junges Ehepaar halten.«

Margarete wurde flammendrot. »O nein, Onkel, die ganze Stadt weiß –«

»Daß mir Onkel und Nichte sind – ganz richtig, meine liebe Nichte,« fiel er sarkastisch gelassen ein und griff abermals nach seiner Tasse.

Margarete widersprach nicht; aber eigentlich hatte sie sagen wollen: »Die ganze Stadt weiß, daß du verlobt bist ...« Nun, mochte er denken, was er wollte! Er neckte sie in fast übermütiger Weise, und Humor, den sie bis jetzt nicht an ihm gekannt, prickelte in jedem seiner Worte. Er war offenbar froh gelaunt und brachte jedenfalls stillbeglückende Aussichten aus der Residenz mit. Aber sie selbst war nicht in der Stimmung, sich mit ihm zu freuen, sie war unsäglich deprimiert und mußte nicht weshalb, und wie man oft im inneren Zwiespalt unbewußt gerade nach Widerwärtigem greift, nur um eine Wendung herbeizuführen, so sagte sie, indem sie ihm das fertige Brötchen hinreichte: »Heute morgen hatte die Großmama Besuch – die Damen vom Prinzenhofe waren da.«

Er richtete sich lebhaft auf, und eine unverkennbare Spannung malte sich in seinen Zügen. »Hast du sie gesprochen?«

»Nein,« erwiderte sie kalt. »Ich hatte nur eine flüchtige Begegnung mit der jungen Dame im Treppenhause. Du weißt am besten, daß sie mich einer Anrede nicht würdigen kann, weil ich im Prinzenhofe noch nicht vorgestellt bin.«

»Ach ja, ich vergaß! – Nun, du wirst das ja wohl nunmehr in den allernächsten Tagen abmachen.«

Sie schwieg.

»Ich hoffe, du thust das schon um meinetwillen, Margarete.«

Jetzt sah sie ihn an; es war ein finsterer Grollblick, der ihn traf. »Wenn ich das Opfer bringe, mich in tiefer Trauer und in meiner jetzigen Seelenstimmung zu der Komödie hinausschleppen zu lassen, so geschieht es einzig und allein, um dem Drängen und den Quälereien der Großmama ein Ende zu machen,« versetzte sie herb. Sie hatte sich auf den nächsten Stuhl gesetzt und kreuzte die Hände auf dem Tische.

Ein kaum bemerkbares Lächeln schlüpfte um seinen Mund. »Du fällst aus deiner Rolle als Hausmütterchen,« rügte er gelassen und zeigte auf ihre feiernden Hände. »Die Gastlichkeit verlangt, daß du mir Gesellschaft leistest und auch eine Tasse Thee nimmst –«

»Ich muß auf Tante Sophie warten.«

»Nun, wie du willst! Der Thee ist vortrefflich und soll mir trotz alledem schmecken. Aber ich möchte dich doch einmal fragen, was hat dir denn die junge Dame im Prinzenhof gethan, daß du stets so – so bitter wirst, wenn von ihr die Rede ist?«

Eine glühende Röte schoß ihr in die Wangen. »Sie – mir?« rief sie wie erschrocken, wie ertappt auf einem bösen Gedanken. »Nicht das mindeste hat sie mir angethan! Wie könnte sie auch, da ich bis jetzt kaum in ihre stolze Nähe gekommen bin?« Sie zuckte die Schultern. »Ich fühle aber instinktmäßig, daß das der Kaufmannstochter noch bevorsteht –«

»Du irrst. Sie ist gutmütig –« »Vielleicht aus Phlegma – möglich, daß sie sich ungern echauffiert. Ihr schönes Gesicht –«

»Ja, schön ist sie, von einer unvergleichlichen Schönheit sogar,« fiel er ein. »Und ich möchte gern wissen, ob heute morgen nicht etwas wie ein heimliches Glück in ihren Zügen zu lesen gewesen ist – sie hat gestern Hocherfreuliches erfahren.«

Ach, also darum war er heute abend so übermütig, so voll übersprudelnder Laune; das »Hocherfreuliche« betraf ihn und sie zusammen. »Das fragst du mich?« rief sie mit einem bitteren Lächeln. »Du solltest doch am besten wissen, daß die Damen vom Hofe viel zu gut geschult find, um ihre Gemütsaffekte jedem profanen Blick auszusetzen. Von ›heimlichem Glück‹ konnte ich nichts bemerken; ich bewunderte nur ihr klassisches Profil, die blühenden Farben, die prächtigen Zähne bei ihrem gnädigen Lächeln und erstickte fast in dem Veilchenparfüm, mit welchem sie das Treppenhaus erfüllte, und das, dieses Uebermaß war nicht vornehm an der Aristokratin –«

»Sieh, da war ja gleich wieder der bittere Nachgeschmack!«

»Ich kann sie nicht leiden!« fuhr es ihr plötzlich heraus.

Er lachte und strich sich amüsiert den Bart. »Nun, das war gutes, ehrliches Deutsch!« sagte er. »Weißt du, daß ich in der letzten Zeit manchmal des kleinen Mädchens gedacht habe, das ehemals mit seiner geradezu verblüffenden derben Offenheit und Wahrheitsliebe die Großmama nahezu in Verzweiflung gebracht hat? ... Das Weltleben draußen hatte nun diese Geradheit in allerliebste, kleine, graziöse Bosheiten verwandelt, und ich meinte schon, auch der Kern der Individualität sei umgewandelt. Aber da ist er, blank und unberührt! Ich freue mich des Wiedersehens und muß wieder an die Zeiten denken, wo der Primaner öffentlich im Hofe als Spitzbube gebrandmarkt wurde, weil er eine Blume annektiert hatte.«

Schon bei seinen ersten Worten war sie aufgestanden und nach dem Ofen gegangen. Sie schob unnötigerweise ein Stückchen Holz um das andere in die helllodernden Flammen, die ihre finster zusammengezogene Stirn, ihre sichtlich erregten Züge anglühten... Sie ärgerte sich unbeschreiblich über sich selbst. Das, was sie gesagt hatte, war allerdings die strikte Wahrheit gewesen, aber dabei eine Taktlosigkeit, deren sie sich bis an ihr Lebensende schämen mußte.

Sie blieb am Ofen stehen und zwang sich zu einem Lächeln. »Du wirst mir glauben, daß ich jetzt nicht mehr so penibel denke,« erwiderte sie von dorther. »›Das Weltleben‹ härtet die Seele gegen allzu feine Auffassung. Es wird in der heutigen Gesellschaft so viel gestohlen an Gedanken, man nimmt vom guten Namen des lieben Nächsten, von seinem ehrenhaften Streben, von der Rechtlichkeit seiner Gesinnungen so viel, als irgend zu nehmen ist, und möchte gar oft am liebsten die ganze Persönlichkeit vom Schauplatz verschwinden machen, wie damals die Rose in deine Tasche eskamotiert wurde. Diesen Kampf ums Dasein, oder eigentlich diesen Diebstahl aus Selbstsucht und Neid kann man am besten im Hause eines Mannes von Namen beobachten. Ich habe mir viel davon hinter das Ohr geschrieben, und diese Weisheit allerdings auch mit einem guten Teil meiner kindlich naiven Anschauung bezahlt... Du könntest mithin vor meinen Augen alle Rosen der schönen Blanka in die Tasche stecken –«

»Die wären jetzt sicher vor meiner räuberischen Hand –«

»Nun, dann meinetwegen das ganze Rosenparterre vor dem Prinzenhofe!« fiel sie schon wieder erregter ein.

»O, das wäre denn doch zu viel für das Herbarium meiner Brieftasche, meinst du nicht, Margarete?« Er lachte leise in sich hinein und lehnte sich noch behaglicher in seine Sofaecke zurück. »Ich brauche mich auch nicht als Dieb dort einzuschleichen. Die Damen teilen redlich mit mir und meiner Mutter, was an Blumen und Früchten auf ihren Fluren wächst, und auch du wirst dir bei deinem Besuche einen Strauß aus dem Treibhause mitnehmen dürfen.« »Ich danke. Ich habe keine Freude an künstlichen Blumen,« sagte sie kalt und ging nach der Stubenthüre, um sie zu öffnen. Tante Sophie war zurückgekommen und stampfte und schüttelte draußen den Schnee von ihren Schuhen und Kleidern.

Sie machte große Augen, als sich Herberts hohe Gestalt aus der Sofaecke erhob und sie begrüßte. »Was, ein Gast an unserem Theetische?« rief sie erfreut, wahrend Margarete ihr Mantel und Kapotte abnahm.

»Ja, aber ein schlecht behandelter, Tante Sophie!« sagte er. »Die Wirtin hat sich schließlich in die Ofenecke zurückgezogen und mich meinen Thee allein trinken lassen,«

Tante Sophie zwinkerte lustig mit den Augen. »Da hat's wohl ein Examen gegeben, wie vor alten Zeiten? – Das kann die Gretel freilich nicht vertragen. Und wenn Sie vielleicht ein bißchen ins Mecklenburgsche hineinspaziert sind, um hinzuhorchen –«

»Keineswegs,« antwortete er plötzlich ernst, mit sichtlichem Befremden. »Ich habe gemeint, das sei abgethan?« setzte er fragend hinzu.

»Bewahre! Noch lange nicht, wie die Gretel alle Tage erfährt!« entgegnete die Tante stirnrunzelnd im Hinblick auf die Quälereien der Frau Amtsrätin.

Der Landrat suchte prüfend Margaretens Augen, aber sie sah weg. Sie hütete sich, auch nur mit einem Worte auf dieses widerwärtige Thema einzugehen, das die Tante unvorsichtigerweise berührt hatte... Aber er sollte es nur wagen, mit der Großmama gemeinschaftlich vorzugehen und in sie zu dringen, ihren Entschluß doch noch zu ändern – er sollte es nur wagen!

Sie trat, beharrlich schweigend, hinter die Theemaschine, um Tante Sophiens Tasse zu füllen; Herbert aber kehrte nicht wieder an den Tisch zurück. Er übergab der Tante den mitgebrachten Thee und wechselte in verbindlicher Weise noch einige Worte mit ihr; dann nahm er den Pelz auf den Arm und hielt Margarete seine Rechte hin. Sie legte ihre Fingerspitzen flüchtig hinein.

»Kein ›Gutenacht‹?« fragte er. »So bitterböse, weil ich dich bei Tante Sophie verklagt habe?«

»Das war dein Recht, Onkel – ich war nicht höflich. Böse bin ich nicht; aber gerüstet!«

»Gegen Windmühlen, Margarete?« – Er sah ihr lächelnd in die zornig aufblickenden Augen; dann ging er

»Sonderbar, wie sich der Mann geändert hat!« sagte Tante Sophie und sah über ihre Tasse hinweg heimlich lächelnd in das blasse Mädchengesicht, das, den Fenstern zugewendet, mit verfinstertem Blick in das Schneegestöber hinausstarrte. Er ist immer gut und voll Höflichkeit gegen mich gewesen, das kann ich nicht anders sagen; aber er war und blieb mir doch ein Fremder, von wegen seiner vornehmen, kühlen Art und Weise... Jetzt ist mir aber oft ganz kurios zu Mute, ganz so, als hätte ich ihn auch, wie euch,: unter meiner Zucht gehabt. Er ist so herzlich, so zutraulich – und daß er heute abend den Thee hier unten genommen hat –«

»Das will ich dir erklären, Tante!« unterbrach sie das junge Mädchen kalt. »Es gibt Stunden, in denen man die ganze Welt umarmen möchte, und in einer solchen Stimmung ist er aus der Residenz, vom Fürstenhofe zurückgekommen. Er hat, wie er selbst sich ausdrückte, ›hocherfreuliche Nachrichten‹ mitgebracht. Wir dürfen demnach in der Kürze die ›endliche Proklamation‹ seiner Verlobung erwarten.«

»Kann sein!« meinte Tante Sophie und leerte den Rest ihrer Tasse.

20.

Margarete stand am andern Morgen im offenen Fenster der Hofstube. Sie fegte das dicke Schneepolster vom Steinsims draußen und streute Brotkrumen und Körner für die hungernden Vögel. Droben über dem weiten Viereck des Hofes stand ein klarblauer, frostflimmernder Himmel; nicht das kleinste Flöckchen hatte er zurückbehalten, und wenn es noch da und dort silbern herniederstäubte, so kam es von einem der müde gewordenen Lindenzweige, die einen Teil der schweren Schneelast zu Boden sinken ließen... Es war sehr kalt. Keine Taube wagte sich heraus auf die Flugstange, und die Vögel, für welche der Futterplatz zurechtgemacht wurde, hungerten auch lieber in ihren Verstecken – nicht das leiseste Fluggeräusch unterbrach die tiefe Morgenstille des Hofes.

Margarete wollte eben frostdurchschauert das Fenster schließen, als die Thüre des Stallraumes im Weberhause geöffnet wurde, und der Landrat auf seinem schönen Braunen über die Schwelle ritt. Er grüßte herüber und kam direkt unter das Fenster.

»Du reitest nach Dambach zum Großpapa?« fragte sie wie mit zurückgehaltenem Atem.

»Zunächst nach dem Prinzenhofe,« antwortete er, und zog glättend an seinem neuen, eleganten Handschuh. Vielleicht gelingt es mir besser als dir, in den Zügen der jungen Dame zu lesen, was ich wissen will – was meinst du dazu, Margarete?«

»Ich meine, daß du das bereits weißt und durchaus nicht nötig hast, ein Orakel zu befragen,« sagte sie schroff. »Ob dir aber die Dame so in aller Frühe Rede stehen wird, das ist eine andere Frage. Sie sieht zu wohlgepflegt aus, als daß man an ein Frühaufstehen glauben möchte.«

»Da bist du wieder sehr im Irrtum. Ich wette, sie ist in diesem Augenblick bereits bei ihrer Lady Milford im Stalle und sieht nach dem Rechten. Das Reiten ist ihre Passion. – du hast sie noch nicht zu Pferde gesehen?«

Sie schüttelte den Kopf und warf ihn zurück.

»Nun, sie reitet süperb und wird viel bewundert. Sie sieht in der That aus wie eine Walküre, wenn sie auf ihrem stattlichen Pferd daherkommt. Diese Lady Milford ist übrigens kein englisches Vollblut, ist vielmehr eine ehrliche Mecklenburgin, schön gebaut und fromm – du kennst vielleicht die Rasse –«

»Jawohl, Onkel. Herr von Villingen hat zwei prächtige Mecklenburger Wagenpferde.« Mit diesem Namen warf sie selbst trotzig den Fehdehandschuh hin. Mochte er nun auf dem Terrain vorgehen, wie die Großmama; das war ihr doch lieber, als die unerschöpflichen Lobpreisungen einer Verhaßten anhören zu müssen. Gerüstet war sie ja, sie fühlte eine wahre Kampfbegierde in sich aufglühen.

Er bog sich vor und klopfte seinem Braunen, der unruhig wurde, den Hals. »Zu diesen prächtigen Pferden gehört selbstverständlich ein eleganter Wagen?« fragte er gelassen.

»Gewiß – ein sehr schöner, selbst in Berlin bewunderter Wagen. Es sitzt sich ganz hübsch im Fond, auf den silbergrauen Atlaspolstern. Herr von Villingen hat Tante Elise und mich öfter ausgefahren –«

»Ein vornehmer, stattlicher Kutscher –«

»O ja, stattlich wohl, wie ich dir schon einmal gesagt habe! Groß und breit, und weiß und rot wie eine Apfelblüte! Ganz der norddeutsche Typus, wie zum Beispiel die junge Dame im Prinzenhofe.«

Er warf einen schnellen Blick auf ihren trotzig geschwellten Mund, ihre dunkel geröteten Wangen und lächelte. »Geh, schließe das Fenster, Margarete! Du wirst dich erkälten,« sagte er. »Solche Dinge erzählt man sich am besten am gemütlichen Theetisch.« Er neigte sich grüßend und ritt fort, und sie schloß hastig das Fenster.

Auf den nächsten Stuhl niedersinkend, vergrub sie das Gesicht in den verschränkten Armen, die sie auf den Fenstersims legte. Sie hätte weinen mögen vor Erbitterung und Aerger über sich selbst– sie zog seiner lächelnden Ruhe gegenüber stets den kürzern – – –

Gegen Mittag kehrte Herbert wieder zurück und bald darauf kam die Großmama herunter, um mit großer Feierlichkeit anzuzeigen, daß die Herrschaften im Prinzenhofe sie und die Enkelin heute nachmittag bei sich zu sehen wünschten.

Nun flog der Schlitten in der dritten Nachmittagsstunde wieder über die weite Schneefläche draußen. Diesmal saß die Großmama neben dem jungen Mädchen, erwartungsvoll und hoch aufgereckt; sie strotzte von Samt und Seide.

Herbert fuhr selbst. Er saß hinter den Damen, und wenn er sich vorbog, da konnte Margarete seinen Atem an ihrer Wange spüren. Heute brauchte sie seinen Pelz nicht; sie hatte sich schleunigst einen warmen Pelzumhang gekauft, und es war ihr vorgekommen, als habe er diese neue Acquisition beim Einsteigen mit sarkastischem Blick gemustert.

Das Rokokoschlößchen rückte wie im Fluge immer näher. Mit seinen mächtigen, sonnenglitzernden Spiegelscheiben lag es in der weiten Schneelandschaft wie ein Schmuckstück auf weißem Sammetpolster ... Drüben in Dambach qualmten die Fabrikschlöte, und diese Zeugen der Arbeit stiegen als riesige schwarze Säulen in den Himmel hinein und verschleierten auf weite Strecken hin sieghaft seine klare Bläue; aber die durchsichtige Luftschicht über dem Prinzenhofe berührten sie nicht. Die Frau Amtsrätin bemerkte das mit hörbarer Befriedigung dem Sohn gegenüber.

»Wir haben augenblicklich Westluft,« sagte er. »Der Nordwind verfährt nicht so glimpflich; er trägt oft die Rauchspuren bis in die Fenster hinein, wie die Damen klagen.«

»Aber mein Gott, ließen sich denn da nicht Vorkehrungen treffen?« rief die alte Dame ganz empört.

»Ich wüßte keine anderen, als daß man bei solcher Windrichtung einfach das Feuer ausbliese – «

»Und dann ginge ein Teil der Arbeiter spazieren und hätte nichts zu essen,« warf Margarete bitter ein.

Die Großmama fuhr herum und sah ihr ins Gesicht. »Ist das ein Ton!... Du bist ja hübsch vorbereitet auf deine Vorstellung in einem hochadligen Hause! Ich muß dich sehr bitten, dich und uns nicht etwa zu blamieren mit liberalen Gemeinplätzen, wie ich sie leider an dir kenne! Der Liberalismus ist nicht mehr Mode – Gott sei Dank! – In den Kreisen, in denen ich zu leben das Glück habe, hat er nie Boden gefunden, und wenn hier und da einer der Unseren mit dem früheren Humanitäts- und Freiheitsschwindel kokettiert hat, so ist er jetzt desto gründlicher kuriert und – will es nicht gewesen sein.«

Herbert ließ in diesem Augenblick die Peitsche auf dem Rücken der Pferde spielen und mit doppelter Schnelligkeit sauste der Schlitten über die glatte Bahn, um nach kaum einer Minute vor der Hauptthüre des Prinzenhofes zu halten. – –

»Ach ja, wir wohnen schauerlich einsam hier!« bestätigte die Dame des Hauses eine dahin zielende Bemerkung der Frau Amtsrätin, und sah mit einem tiefen Seufzer in die totenstille Schneelandschaft hinaus. Die Vorstellung war vorüber, und man hatte sich im Salon niedergelassen.

In den Kaminen der ineinandergehenden Zimmer knisterten und knackten die brennenden Holzscheite; man saß behaglich und warm inmitten alter Pracht und Herrlichkeit. Das Inventar des Prinzenhofes war seit alters her dasselbe verblieben, gleichviel, ob ein apanagierter Prinz oder eine fürstliche Witwe die jeweiligen Bewohner gewesen waren. Herrliche Möbel aus den Zeiten Ludwig des Vierzehnten füllten die Zimmer, und das eingelegte Schmuckwerk ihrer Holzflächen in Silber, Bronze und Schildpatt schimmerte und blitzte heute noch wie vor länger als hundert Jahren. Nur die Polsterbezüge und die Gardinen schien man für die jetzigen Bewohnerinnen erneuert zu haben; sie waren frisch und geschmackvoll, aber sehr einfach.

»Ich habe seit meinem sechzehnten Jahre in der großen Welt gelebt,« fuhr die dicke Dame fort, »und qualifiziere mich absolut nicht zum Eremitendasein. Ich würde thatsächlich hier verkümmern, wüßte ich nicht, daß nunmehr eine Erlösung kommen muß.« Sie warf dem Landrat einen lächelnden, verständnisinnigen Blick zu, und er neigte zustimmend den Kopf. Die kleine Frau Amtsrätin aber wuchs förmlich unter jenem Blicke. Sie sah entzückt zur Seite, wo die schöne Heloise saß.

Die junge Dame lehnte in ihrem Armstuhl, reich gekleidet und stolz nachlässig wie eine Fürstin. Sie hatte ein paar freundliche Worte zu Margarete gesprochen und verhielt sich seitdem schweigsam. Aber es sprach in der That heute mehr Seele aus ihren Zügen, und das erhöhte ihre Schönheit wahrhaft überraschend. Ziemlich entfernt, aber in gerader Linie hinter ihr an der Schmalseite des Salons hing das Oelbild einer Dame, ein Kniestück. Sie war in schwarzem Samtkleide; herrliches blondes Haar quoll unter einem Hütchen mit langer weißer Feder hervor, und ihre linke Hand ruhte auf dem Kopfe eines neben ihr stehenden Windspieles.

Die Aehnlichkeit zwischen ihr und der schönen Heloise war eine frappante, und das sprach die Frau Amtsrätin mit bewundernden Blicken aus.

»Ja, die Aehnlichkeit ist groß und leicht begreiflich – es ist das Bild meiner Schwester Adele,« sagte die Baronin Taubeneck. »Sie war an den Grafen Sorma verheiratet und starb zu meinem großen Schmerz vor zwei Jahren. Und denken Sie sich, mein Schwager, der sechzigjährige Mann, spielt uns jetzt den Streich und heiratet die Tochter seines Gutsverwalters! Ich bin außer mir!«

»Das begreife ich,« sprach die Frau Amtsrätin ganz empört. »Es ist hart, solche Elemente in der Familie dulden zu müssen, wirklich deprimierend. Aber meines Erachtens sind die modernen Heiraten von der Bühne weg, wie sie die hohen Herren jetzt belieben, doch noch viel schrecklicher. Wenn ich mir denke, daß eine Theaterprinzessin, vielleicht gar eine Ballerina, die noch wenige Tage zuvor in schamlos kurzen Röckchen von der Herrenwelt beklascht worden ist, plötzlich als Herrin in solch ein altes Grafenhaus einzieht, da schaudert mir die Haut, da empört sich jeder Blutstropfen in mir!«

Der Landrat räusperte sich, und die Dame des Hauses ergriff ein Flacon und atmete den Duft so eifrig ein, als sei ihr übel geworden.

In diesem Augenblicke trat ein Bedienter ein und überreichte Fräulein von Taubeneck auf silbernem Teller einen Brief. Sie ergriff das Schreiben mit ganz ungewohnter Hast und zog sich in das Nebenzimmer zurück, und nach wenigen Augenblicken berief sie den Landrat zu sich.

Margarete saß dem Eckkamin des Salons gerade gegenüber. Der mächtige, etwas nach vorn geneigte Spiegel über demselben warf einen Teil des Salons mit all seinen blinkenden Gerätschaften zurück, aber er fing auch eine Fensterecke des Nebenzimmers auf, einen lauschigen Winkel voll Blumen hinter Tüllgardinen.

In dieser Fensterecke stand Heloise und reichte dem eintretenden Landrat den geöffneten Brief hin. Er überflog den Inhalt und trat noch näher an die junge Dame heran. Sie sprachen leise und eingehend miteinander, und mitten im Gespräch bog sich die schöne Heloise plötzlich seitwärts, brach eine vollaufgeblühte rote Kamelie vom Stock und befestigte sie eigenhändig mit einem vielsagenden Lächeln in Herberts Knopfloch.

»Mein Gott, wie blaß Sie sind, Fräulein!« rief die Baronin in diesem Moment und griff nach Margaretens Hand. »Sind Sie unwohl?«

Das junge Mädchen schüttelte heftig, in sich zusammenfahrend, den Kopf, und alles Blut schoß ihr in die Wangen. Sie sei gesund wie immer, versicherte sie, und das Blaßwerden sei wohl eine Nachwirkung der kalten Fahrt.

Und jetzt kam auch Fräulein von Taubeneck in Herberts Begleitung wieder herüber.

Die Baronin hob mit einem Lächeln den Zeigefinger drohend gegen den Landrat. »Was, mein schönstes Kamelienbäumchen haben Sie geplündert? Wissen Sie nicht, daß ich's eigenhändig pflege, daß jede Blüte gezählt ist?« Heloise lachte. »Die Schuldige bin ich, Mama! Ich habe ihn dekoriert! ... Und habe ich nicht alle Ursache dazu?«

Die Mama nickte lebhaft zustimmend mit dem Kopfe und nahm eine Tasse Kaffee von dem Präsentierbrett, das ein Bedienter eben herumreichte. Und nun blieben die Kamelien das Gesprächsthema. Die Baronin war eine eifrige Blumenzüchterin, und der Herzog hatte ihr deshalb einen kleinen Wintergarten einrichten lassen.

»Den müssen Sie sich nachher ansehen, Fräulein,« sagte sie zu Margarete. »Die Großmama kennt ihn bereits, sie bleibt bei mir und wir plaudern derweil ein wenig, wahrend der Landrat Sie hinüberführt.«

Herbert kam dieser Aufforderung ziemlich eilig nach. Er ließ Margarete kaum Zeit, eine Tasse Kaffee zu trinken, weil er meinte, es würde sehr bald dämmerig werden. Das junge Mädchen erhob sich, und während Heloise ihre seidenrauschende Gestalt auf den Sessel vor dem geöffneten Flügel sinken ließ und ziemlich ungeschickt zu präludieren begann, verließen die beiden den Salon.

Sie durchschritten eine ziemlich lange Zimmerflucht, und von allen Wänden sahen Angehörige des Herrscherhauses auf sie herab, im gestickten Hofkleide, oder mit harnischgeschützter Brust – ein helläugiges Geschlecht mit weißer Haut und blühenden Wangen und einem intensiven Rotgold auf den mächtigen Schnauzbärten oder dem zierlichen Henriquatre.

»In deiner langen Wollschleppe schwebst du geräuschlos wie die Ahnenfrau der Rotbärte da oben durch das alte interessante Prinzenschlößchen,« sagte Herbert zu seiner schweigenden Begleiterin.

»Die würden mich nicht anerkennen,« versetzte sie mit einen: über die Bilder streifenden Blick; ich bin zu dunkel.«

»Allerdings, ein deutsches Gretchen bist du nicht!« meinte er lächelnd. »Du könntest leicht das Modell zu Gustav Richters italienischem Knaben gewesen sein.«

»Wir haben ja auch welsches Blut in den Adern – zwei Lamprechts haben sich ihre Frauen aus Rom und Neapel mitgebracht. Weißt du das nicht, Onkel?«

»Nein, liebe Nichte, das weiß ich nicht; ich bin in eurer Hauschronik nicht so bewandert. Aber so wie ich gewisse Charakterzüge an der Nachkommenschaft beurteile, müssen diese Frauen zum mindesten Dogentöchter oder sonstige Prinzessinnen aus italienischen Palästen gewesen sein. »Schade, daß ich dir diese Illusion zerstören muß, Onkel! Sie paßt so hübsch zu deinen und Großmamas Wünschen, und gerade unter diesen stolzen Augen allen« – sie zeigte nach den Bildern – »wird dir die Berichtigung nicht angenehm sein; aber daran läßt sich nichts ändern, daß die eine der Frauen ein Fischerkind, und die andere eine Steinmetztochter gewesen ist.«

»Sieh da, wie interessant! Da haben ja die alten, gestrengen Handelsherren doch auch ihre romantischen Anwandlungen gehabt! ... Aber im Grunde genommen, was geht denn mich die Vergangenheit des Lamprechtschen Hauses an?«

Eine Art schmerzhaften Erschreckens ging durch die Züge des jungen Mädchens. »Nichts, gar nichts hast du damit zu schaffen!« antwortete sie hastig. »Es steht dir ja frei, die Verwandtschaft zu ignorieren. Mir kann das nur lieb sein; dann habe ich von deiner Seite keine Einmischung und Quälerei zu befürchten, wie ich sie täglich von der Großmama erleiden muß.«

»Sie quält dich?«

Sie schwieg einen Moment. Anklagen hinter dem Rücken anderer war nie ihre Sache gewesen, und hier sprach sie zum Sohn über seine Mutter. Aber die bösen Worte waren ihr nun einmal entschlüpft und nicht rückgängig zu machen.

»Nun, ich war ja auch ungehorsam und habe einen ihrer Lieblingswünsche nicht erfüllt,« sagte sie, während Heloise drüben aus ihrem Präludium in ein rauschendes modernes Musikstück überging. »Diese bittere Enttäuschung nagt an ihr – das thut mir leid, und ich entschuldige ihre Mißstimmung gegen mich, soviel ich kann. Aber das ist mir unfaßlich, wie sie trotz alledem noch hoffen mag, mich umzustimmen, meine Entscheidung null und nichtig zu machen. Ich kann das leidenschaftliche Verlangen, jenem exklusiven Kreise verwandtschaftlich nahe zu kommen, überhaupt nicht verstehen; und ist es nicht auch dir verwunderlich, daß die Großmama so selbstverständlich auf das Anathema eingehen mochte, das die Baronin gegen den Eindringling, die Zukünftige ihres Schwagers, schleuderte? Was bin ich denn anderes als diese Gutsverwalterstochter?«

Er lächelte und zuckte die Achseln. »Herr von Billingen ist ein Graf, und die Lamprechts genießen das Ansehen eines alten Patrizierhauses, so mag meine Mutter denken, und deshalb ist mir ihr Verhalten nicht so ›verwunderlich‹. Weniger verständlich bist du mir ... Woher die leidenschaftliche Erregung gegen jene Geburtsbevorrechteten, die oft in so erbitterter Weise zu Tage tritt?«

Sie hatten bei diesen letzten Worten den Wintergarten betreten; aber weder die Farbenpracht der blühenden Pflanzen, noch der ihr entgegenströmende Blumenduft schienen für Margarete vorhanden. Sichtlich erregt blieb sie dem Eingang nahe stehen.

»Du beurteilst mich ganz falsch, Onkel,« sagte sie. »Nicht jene Exklusiven sind es, mit denen ich zürne – dazu kenne ich sie zu wenig. Ich weiß nur, daß sich von alters her große Vorrechte und Privilegien an ihre Namen knüpfen, und daß vor ihrer Hochburg ein Engel mit feurigem Schwerte steht. Wie sollte mich das feindselig stimmen? Die Welt ist weit, und man kann seinen Weg gehen, ohne daß Anmaßung und Geburtsdünkel verletzend an einen herantreten dürfen. Also darin trifft mich der Vorwurf der Verbitterung nicht; wohl aber grolle ich mit jenen, die meinesgleichen sind, und von denen Unzählige so glücklich sind wie ich, auf eine große Summe bürgerlicher Tugenden in ihrer Familie zurückblicken zu können. Sie sind so gut ›Geborene‹ wie jene, sie haben auch Ahnen, von denen verschiedene in tapferer Verteidigung ihres Eigentums so manchen hochgeborenen Strauchritter in den Sand gestreckt haben.«

Er lachte. »Und trotzdem weist eure gemalte Ahnensammlung keinen Mann in Wehr und Waffen auf?«

»Wozu auch?« fragte sie bitterernst zurück. »Im Leben und Streben ist jeder ein ganzer Mann gewesen, wie der blühende Wohlstand seines Hauses, sein Ansehen bei den Zeitgenossen bewiesen – braucht es da noch äußerer Abzeichen? – Wäre es immer so geblieben, das Bürgertum hätte auch seine respektierte Hochburg. Aber die Nachkommen ziehen es vor, zu katzbuckeln, ja sogar in serviler Weise Steine hinzuzutragen, welche jene anderen zum Wiederaufbau alter, gestürzter Schranken und Postamente brauchen ... Das Genie, der Reichtum, die großen Talente, sobald sie dem bürgerlichen Boden in aufsehenerregender Weise entsteigen, werden wie von einem Magnet in jene Sphäre gezogen und gehen drin auf, Macht und Ansehen derselben immer aufs neue stärkend, während die ›Erhobenen‹ dem geachteten Namen ihrer Vorfahren undankbar ins Gesicht schlagen, um in dem neuen Stand mit Widerwillen und Geringschätzung von den Erbeingesessenen geduldet zu werden.« Er war sehr ernst geworden. »Seltsames Mädchen! Wie tief geht dir die Erbitterung über Dinge, die für andere junge Mädchen deines Alters kaum existieren!« sagte er kopfschüttelnd. »Und wie hart klingt die Verurteilung in deinem Munde! Noch vor kurzem wußtest du wenigstens diese herbe, strenge Auffassung unter lächelnder Satire und Grazie zu verstecken.«

»Ich habe seit dem Tode meines Vaters Lachen und Scherz verlernt,« fiel sie mit zuckenden Lippen ein, und Thränen verdunkelten ihren Blick. »Weiß ich doch, daß gerade ihn Vorurteil und falscher Wahn verblendet und sein Leben unheilvoll verdüstert haben, wenn ich auch den eigentlichen Grund seiner Seelenqual nicht kenne. Doch genug davon! Ich bitte dich nur um eins, Onkel! Nun du weißt, wie ernst ich's meine, wirst du auch nicht anstehen, die Großmama Zu bestimmen, daß sie mich nicht länger bestürmt – sie erreicht doch nichts!«

»Wenn du den Mann liebtest, dann würden deine strengen Prinzipien unterliegen, er bliebe der Sieger!«

»Nein! Und tausendmal nein!«

»Margarete!« – Er trat plötzlich auf sie zu und ergriff ihre beiden Hände. »Ich sage ›wenn du ihn liebtest‹. Kannst du dir wirklich nicht denken, daß man, um das Glück, eines anderen Menschenlebens zu werden, seine Antipathien, seine liebsten Neigungen, ja, ganz und gar sich selbst überwindet und hingibt?«

Sie preßte die Lippen aufeinander und schüttelte heftig den Kopf.

»Du willst sagen, daß du kein Verständnis für das Wesen der Liebe hast?« Er drückte ihre Hände fester, die sie ihm zu entziehen strebte.

Ihre Augen hafteten am Boden, sie sah nicht auf. »Muß das sein?« murmelte sie mit tieferblaßten Lippen. »Ist ein solches Verständnis nötig für jedes Menschenkind, und kann man nicht auch durchs Leben gehen, ohne jener dämonischen Macht Raum zu geben?« Sie richtete sich plötzlich auf und entzog ihm mit einem gewaltsamen Ruck ihre Hände. »Ich will nichts mit ihr zu schaffen haben,« rief sie und in ihren Augen brannte ein wildes Feuer. »Seelenfrieden will ich und nicht jenen mörderischen Kampf –« Einen Moment hielt sie wie erschrocken inne, als ertappe sie sich selbst auf einer Unvorsichtigkeit. – »Ich würde übrigens nicht unterliegen,« setzte sie beherrschter hinzu. »Mein bester Helfer wäre der Kopf – ich hoffe, er ist hell und stark genug dazu.«

»Glaubst du? Nun, so versuche es und leide, bis –« Er brach ab, und sie sah scheu zu ihm auf – so tief erregt hatte sie seine Züge noch nicht gesehen. Aber er hatte eine wunderbare Gewalt über sich selbst. Nachdem er den Wintergarten einmal durchschritten, trat er wieder auf sie zu.

»Wir müssen wieder in den Salon zurückkehren,« sagte er ganz ruhig. »Du würdest in Verlegenheit kommen, wenn man dich drüben um dein Urteil befragte, denn du hast nichts gesehen. Drum betrachte dir hier das prächtige Palmenexemplar, dort die kanarische Dracaena. Und sieh, hier über das Tulpen- und Hyazinthenbeet hängt der spanische Flieder seine Trauben; sie sind am Aufbrechen – ein wahres Frühlingsbild! Hast du dich nun ein wenig orientiert?«

»Ja, Onkel!«

»Ja, Onkel,« wiederholte er spöttisch. »Der Titel kommt dir ja heute wieder einmal recht flott von den Lippen; du siehst hier wohl ganz besonders die altehrwürdige Respektfigur in mir?«

»Hier nicht anders als daheim auch.«

»Also immer! Der Onkeltitel geht und steht mit mir, wie mit jenem der Zopf, ›der ihm hinten hing‹. Nun, ich will ihn ertragen, bis du dich vielleicht einmal auf meinen Namen besinnst.«

Bald nachher saßen die drei wieder im Schlitten; aber sie fuhren nicht nach der Stadt zurück. Der Landrat lenkte in den Feldweg ein, der das Ackerland seitwärts durchschnitt und direkt nach Dambach führte. Sein Vater habe heute morgen über Rheumatismus in der Schulter geklagt, und da wolle er doch sehen, wie es um den Patienten stünde, sagte Herbert und trieb die Pferde an.

Die Frau Amtsrätin kauerte mißgelaunt in ihrer Ecke. Der Abstecher war durchaus nicht nach ihrem Geschmack, aber sie wagte nicht, offen zu protestieren. Statt dessen sprach sie sich mißbilligend und sehr scharf über Margaretens Schweigsamkeit aus – sie habe zwischen den Damen gesessen wie eine Landpomeranze, der man jedes, Wort abkaufen müsse, und die nicht »drei« zählen könne.

»Das Schweigen hat auch sein Gutes, Persönlichkeiten gegenüber, deren Antezedenzien man nicht ganz genau kennt, liebe Mama,« raunte der Landrat dicht an ihrem Ohr. »Mir wäre es heute auch lieber gewesen, du hättest dich nicht so rückhaltslos über die Ballerinen ausgesprochen – die Baronin Taubeneck ist auch eine gewesen!«

»Großer Gott!« Die Frau Amtsrätin sank mit diesem Ausruf wie vernichtet in sich zusammen. »Nein, nein, das ist ein Irrtum, Herbert, eine bodenlose Verleumdung böser Zungen!« raffte sie sich nach kurzem Besinnen wieder auf. »Die ganze Welt weiß, daß die Gemahlin des Prinzen Ludwig von altem Adel gewesen ist –«

»Gewiß. Aber die Familie war seit langem total verarmt. Die letzten Träger des alten Namens waren Subalternbeamte, und die zwei schönen Schwestern, die Baronin Taubeneck sowohl, als auch die verstorbene Gräfin Sorma haben unter angenommenem Namen als Tänzerinnen ihr Brot verdient!«

»Und das sagst du mir heute erst?«

»Ich weiß es selbst erst seit kurzem.«

Die Frau Amtsrätin sprach kein Wort mehr. Wenige Minuten später hielt der Schlitten im Dambacher Fabrikhofe. Das Abenddunkel war längst hereingebrochen, und aus den langen Fensterreihen der Arbeitssäle fiel Heller Lichtschein auf die breite Schneefläche des Hofes.

Die alte Dame zog tief aufseufzend, unter hörbarem Frostschütteln den Pelz über der Brust zusammen und trippelte am Arm ihres Sohnes über den schneebedeckten Kiesweg des Gartens. Bei der Biegung der Weglinie um den festgefrorenen Teich sahen sie den Amtsrat am offenen Fenster seines Zimmers stehen. Die Lampe brannte auf dem Tische hinter ihm; er war im Schlafrock und klopfte seine Pfeife am Fensterbrett aus.

»Nun sehe mir einer den Mann!« schalt die Frau Amtsrätin geärgert mit unterdrückter Stimme. »Er behauptet, rheumatisch zu sein und stellt sich bei der entsetzlichen Kälte ans offene Fenster!«

»Ja, das sind so Reckengewohnheiten, Mama – die ändern wir nicht,« lachte der Landrat und führte sie nach der Thüre des Pavillons.

»O je, was für ein rarer Besuch!« rief der alte Herr, sich vom offenen Fenster zurückwendend, während seine Frau über die Schwelle schritt. »Potztausend, Franziska, bist du's denn wirklich? Und so bei Nacht und Nebel, bei Schnee und Eis? Das hat seinen Haken!« Er schloß schleunigst das Fenster, durch welches allerdings ein eisiger Zugwind fauchte. »Soll ich Kaffee kochen lassen?«

Die alte, kleine Dame schüttelte sich förmlich. »Kaffee? Um diese Zeit? Nimm mir's nicht übel, Heinrich, aber du verbauerst entsetzlich in deinem Dambach! es ist ja nahezu Theezeit! ... Wir kommen vom Prinzenhofe –«

»Dacht' ich's doch! Da sitzt der Haken –«

»Und wollten nicht in die Stadt zurückkehren, ohne uns zu erkundigen, wie es dir geht.«

»Danke für gütige Nachfrage. Je nun, es reißt und zwickt mich in der linken Schulter, und der Rumor wird mir manchmal ein bißchen zu bunt – das ist richtig. Ich habe heute schon ein paarmal dazu gepfiffen, um wenigstens Takt in die Geschichte zu bringen.«

»Sollen wir dir nicht doch den Arzt herausschicken, Vater?« fragte Herbert besorgt.

»Nichts da, mein Sohn! In die alte Maschine da« – er zeigte auf seine breite Brust – »ist zeitlebens kein Tropfen Quacksalbergift gekommen, da werde ich mir doch nicht in meinen alten Tagen noch das Blut verderben! Die Faktorin ist mir mit Senfspiritus fürchterlich zu Leibe gegangen und hat mir ein Wergbündel übergebunden; sie behauptet, das würde helfen –«

»Ja, besonders, wenn du bei der Kälte ans offene Fenster trittst, wie vorhin!« sagte die Frau Amtsrätin anzüglich und fuhr mit dem Muff zerteilend durch den Tabaksdampf, der sich nun bei geschlossenem Fenster sehr bemerklich machte. »Ich weiß schon, mit dem Arzt darf man dir nicht kommen; aber du solltest es wenigstens mit einem Hausmittel versuchen.«

»Vielleicht einem Täßchen Kamillenthee, Fränzchen?«

»Nein, Lindenblüte mit Zitronensaft würde praktischer sein; das hilft mir immer – du mußt schwitzen, Heinrich!«

»Brr!« schüttelte er sich. »Dann lieber gleich ins Fegfeuer! Siehst du, Maikäferchen,«– er schlang seinen Arm um Margaretens Schultern, die längst Hut und Mantel abgeworfen hatte, und an seiner Seite stand – »so soll dein alter Großvater malträtiert werden! In den Spittel mit ihm, wenn er wirklich Lindenblüte trinkt – meinst du nicht!«

Sie lächelte und schmiegte sich an ihn. »In solchen Dingen bin ich unerfahren wie ein Kind, Großpapa, da darfst du nicht an mein Urteil appellieren. Aber erlauben mußt du mir schon, daß ich bei dir bleibe. Du darfst nachts mit deinen Schmerzen nicht allein sein. Ich stopfe dir immer frische Pfeifen, lese vor und erzähle, bis dir der Schlaf kommt.«

»Das wolltest du, kleine Maus?« rief er erfreut. »Ach ja, mir wär's schon recht! Aber morgen ist ja Testamentseröffnung, da darfst du nicht fehlen.«

»Ich werde den Onkel bitten, mir den Schlitten herauszuschicken –«

»Und der fürsorgliche Onkel wird pünktlich Sorge tragen,« sagte der Landrat mit einer ironisch tiefen Verbeugung.

»Abgemacht!« rief der Amtsrat. »Aber, Franziska, du retirierst ja in halbem Sturmschritt nach der Thüre! – Na ja, du wirst für die da drüben« – er hob die Hand in der Richtung des Prinzenhofes – »deinen besten Staat angezogen haben, und der wird hier eingeräuchert. Ich hab's freilich ein bißchen schlimm gemacht mit dem Qualmen und Dampfen.«

»Und mit was für einer Sorte!« warf sie malitiös und naserümpfend ein und schüttelte an ihrer Seidenschleppe. »Nun, nun, ich bitte mir's aus! Es ist ein feines Kraut, ein kräftiges Kraut! Davon verstehst du aber so wenig, wie ich von deinem Pekkothee, Fränzchen ... Aber geniere dich nur nicht! Es prickelt dir in deinen kleinen Pedalen, so schnell wie möglich in die frische Luft zu kommen. Du hast mehr als deine Schuldigkeit gethan, hast dich in meine »verräucherte Spelunke« gewagt – wer mir das vor einer halben Stunde gesagt hätte! ... Drum gib deiner kleinen Mama den Arm, Herbert, und bringe sie schleunigst und fein säuberlich in den Schlitten zurück.«

Er öffnete galant die Thüre, und die alte Dame schlüpfte an ihm vorüber, beide Hände im Muff vergraben, und war gleich darauf im Dunkel jenseits der Hausthüre verschwunden.

In diesem Augenblick bückte sich Margarete und nahm die Kamelie vom Boden auf, die Herbert beim Lüften seines Pelzes unbewußt abgestreift hatte. Stumm reichte sie ihm die Blume hin.

»Ah, beinahe wäre sie zertreten worden!« sagte er bedauerlich und hielt die Kamelie prüfend in den Lampenschein. »Das hätte mir sehr leid gethan! Sie ist so schön, so frisch und strahlend wie die Geberin selbst – findest du das nicht auch, Margarete?«

Sie wandte sich schweigend weg, nach dem Fenster, an welches die Großmama draußen ungeduldig klopfte, und er schob die rote Blume, wie einst die weiße Rose, in seine Brusttasche und schüttelte seinem Vater zum Abschied die Hand – dann ging auch er.

21.

Die Testamentseröffnung war vorüber und hatte so manchem der plötzlich entlassenen mißliebigen Fabrikarbeiter die bitterste Enttäuschung gebracht. Das Schriftstück war alten Datums gewesen. Wenige Jahre nach seiner Verheiratung war der Kommerzienrat mit dem Pferde gestürzt, die Aerzte halten ihm und den Seinen nicht verhehlen können, daß Lebensgefahr vorhanden sei, und da hatte er eine letztwillige Verfügung getroffen. Dieses Dokument war sehr kurz und knapp abgefaßt gewesen, wie sich bei der heutigen Eröffnung herausgestellt. Die verstorbene Frau Fanny war zur Universalerbin ernannt; auch war verfügt, daß das Geschäft verkauft werden solle, weil damals noch kein männlicher Erbe existiert hatte – Reinhold war erst ein Jahr später geboren. Dieser letzte Wille war mithin nicht mehr rechtskräftig, und die beiden einzigen Erben, Margarete und Reinhold, traten in ihre unverkürzten, natürlichen Rechte.

Margarete war sofort nach dem Schluß des Eröffnungsaktes nach Dambach zurückgekehrt, »weil der Großpapa sie noch brauche«. Reinhold dagegen hatte sich auf seinen Schreibstuhl gesetzt, hatte die kalten Hände aneinander gerieben und dabei streng und finster wie immer die arbeitenden Kontoristen gemustert. Seine Miene war unverändert – was auch hätte das Testament bringen können, das ihm die bereits usurpierten Rechte auch nur um ein Titelchen zu kürzen vermochte? ... Und die Leute schielten ängstlich mit gelindem Grauen nach dem unerbittlichen gespensterhaften Menschen, der den Platz des ehemaligen Chefs nunmehr vollberechtigt einnahm, und welchem sie auf Gnade und Ungnade für immer überantwortet waren.

Es war in der vierten Nachmittagsstunde desselben Tages. Der Landrat war eben heimgekommen, und die Frau Amtsrätin stand im Vorsaal, mit einer Verkäuferin um eine Henne feilschend. Da kam der Maler Lenz herein. Schwarzgekleidet vom Kopf bis zu den Füßen trat er in einer Art von ängstlicher Hast auf die alte Dame zu; sein sonst so friedensvolles, freundliches Gesicht war ungewöhnlich ernst und trug die Spuren innerer Erregung.

Er fragte nach dem Landrat, und die Dame wies ihn kurz nach dessen Arbeitszimmer; aber sie musterte ihn doch prüfenden Blickes, bis er nach einem bescheidenen Anklopfen im Zimmer ihres Sohnes verschwunden war. Der Mann war sichtlich verstört, irgend eine schwere Last lag auf seiner Seele. Sie fertigte die Handelsfrau schleunigst ab und ging in ihr Zimmer. Sie hörte den Mann drüben sprechen; er sprach laut und ununterbrochen, und es klang, als erzähle er einen Vorgang ... Der alte Maler war für sie bis auf den heutigen Tag eine abstoßende Persönlichkeit verblieben; sie konnte es ihm nicht vergessen, daß seine Tochter Blanka ihr einst schlaflose Nächte verursacht hatte ... Was mochte er wollen? – Sollte der Landrat bei Reinhold ein gutes Wort einlegen, auf daß der Entlassene in Brot und Wohnung verbleiben dürfe? Das durfte nun und nimmer geschehen! –

Die Frau Amtsrätin war eine äußerst feinfühlige, eine hochgebildete Dame, das war männiglich bekannt. Wer behauptet hätte, ihr kleines Ohr unter dem feinen Spitzenhäubchen komme zuzeiten in nahe Berührung mit der Zimmerthüre ihres Sohnes, der wäre als böswilliger Verleumder gebrandmarkt worden. Nun stand sie aber in der That da, auf den Zehen und weit hinübergereckt und horchte, horchte, bis sie plötzlich wie von einem Schuß getroffen zurückfuhr und weiß bis in die Lippen wurde.

Im nächsten Augenblick hatte sie die Thüre aufgerissen und stand im Zimmer ihres Sohnes.

»Wollen Sie die Gewogenheit haben, Lenz, das, was Sie soeben behaupteten, auch mir in das Gesicht hinein zu wiederholen?« herrschte sie gebieterisch, aber sichtlich an allen Gliedern bebend, dem alten Manne zu – alle Sanftheit war wie weggeblasen von dieser schrillen Stimme.

»Gewiß will ich das, Frau Amtsrätin!« antwortete Lenz sich verbeugend mit bescheidener Festigkeit, »Wort für Wort sollen Sie meine Erklärung noch einmal hören. Der verstorbene Herr Kommerzienrat Lamprecht war mein Schwiegersohn – meine Tochter Blanka ist seine rechtlich angetraute Ehefrau gewesen –«

Die alte Dame brach in ein hysterisches Gelächter aus. »Lieber Mann, bis zum Fasching haben wir noch weit – sparen Sie Ihre unfeinen Späße bis dahin auf!« rief sie mit zermalmendem Hohn und wandte ihm verächtlich den Rücken.

»Mama, ich muß dich dringend bitten, in dein Zimmer zurückzukehren!« sprach der Landrat und reichte ihr den Arm, um sie hinwegzuführen – auch er war bleich wie ein Toter, und in seinen Zügen malte sich eine tiefe, innere Bewegung.

Sie wies ihn unwillig zurück. »Wäre es eine Amtsangelegenheit, um die es sich handelt, dann hättest du recht, mich aus deinem Geschäftszimmer zu weisen; hier aber ist's ein schlau eingefädeltes Bubenstück, das unsere Familie beschimpfen will –«

»Beschimpfen?« wiederholte der alte Maler mit einer Stimme, die vor Entrüstung bebte. »Wäre meine Blanka das Kind eines Fälschers, eines Spitzbuben gewesen, dann müßte ich die schwere Beleidigung schweigend hinnehmen; so aber verwahre ich mich entschieden gegen jede derartige Bezeichnung. Ich selbst bin der Sohn eines höheren Regierungsbeamten geachteten Namens; meine Frau stammt aus einer vornehmen, wenn auch verarmten Familie, und wir beide sind völlig unbescholten durchs Leben gegangen; nicht der geringste Makel haftet an unserem Namen, es sei denn der, daß ich mein Brot als akademisch ausgebildeter Künstler schließlich aus Mangel an Glück in der Fabrik habe suchen müssen ... Aber es ist in den bürgerlichen Familien, die zu Reichtum gelangt sind, Mode geworden, auch von Mesalliance zu sprechen, wenn ein armes Mädchen hineinheiratet, und zu thun, als sei das Blut entwürdigt, wie der Adel den bürgerlichen Eindringlingen gegenüber behauptet. Und diesem völlig unmotivierten Vorurteil hat sich leider auch der Verstorbene gebeugt und damit eine schwere Schuld gegen seinen zärtlich geliebten Sohn auf sich geladen.«

»O, bitte – ich wüßte nicht, daß der Kommerzienrat Lamprecht seinem einzigen Sohn, meinem Enkel Reinhold, gegenüber irgend eine Schuld auf dem Gewissen gehabt hätte!« warf die Frau Amtsrätin höhnisch, mit verächtlichem Achselzucken ein.

»Ich spreche von Max Lamprecht, meinem Enkel.«

»Unverschämt!« brauste die alte Dame auf.

Der Landrat trat auf sie zu und verbat sich ernstlich und entschieden jeden ferneren verletzenden Einwurf. Sie solle den Mann ausreden lassen – es werde und müsse sich ja herausstellen, inwieweit seine Ansprüche begründet seien. Sie trat in das nächste Fenster und wandte den beiden den Rücken zu. Und nun zog der alte Maler ein großes Briefkouvert hervor.

»Enthält das Papier die gerichtlich beglaubigten Dokumente über die gesetzliche Vollziehung der Ehe?« fragte der Landrat rasch.

»Nein,« erwiderte Lenz; »es ist ein Brief meiner Tochter aus London, in welchem sie mir ihre Verehelichung mit dem Kommerzienrat Lamprecht anzeigt.«

»Und weiter besitzen Sie keine Papiere?«

»Leider nicht. Der Verstorbene hat nach dem Tode meiner Tochter alle Dokumente an sich genommen.«

Die Frau Amtsrätin stieß ein helles Gelächter aus und fuhr herum. »Hörst du's, mein Sohn?« rief sie triumphierend. »Die Beweise fehlen – selbstverständlich! Diese nichtswürdige Beschuldigung Balduins ist ein Erpressungsversuch in optima forma.« Sie zuckte die Achseln. »Möglich, daß die Verführungskünste der kleinen Kokette, die einst vor unseren Augen auf dem Gang des Packhauses ihr Wesen getrieben hat, nicht ohne Wirkung auch auf ihn geblieben sind; möglich, daß sich daraufhin draußen in der Welt eine intimere Beziehung zwischen ihnen angesponnen hat – das ist ja nichts Seltenes heutzutage, wenn ich auch Balduin einen solchen Liebeshandel nimmermehr zugetraut hätte. Indes, ich will es zugeben – aber eine Verheiratung? Eher lasse ich mich in Stücke hacken, als daß ich solchen Blödsinn glaube!«

Der alte Maler reichte Herbert den Brief hin. »Bitte, lesen Sie,« sagte er mit völlig tonloser Stimme, »und bestimmen Sie mir gütigst eine Stunde, zu welcher ich Ihnen morgen auf dem Amte das weitere vortragen darf! Es ist mir unmöglich, noch länger mein totes Kind so schmachvoll verlästern zu hören... Nur mit der größten Selbstüberwindung gestatte ich fremden Augen den Einblick in das Schreiben –« Sein schmerzlicher Blick hing wie sehnsüchtig an dem Briefe, den der Landrat an sich genommen hatte. »Es kömmt mir vor, wie ein Verrat an meiner Tochter, welche die einzige Schuld, die sie je auf ihre Seele genommen hat, in den Zeilen ihren Eltern beichtet. Wir haben keine Ahnung gehabt, daß mein Chef und Brotherr hinter unserem Rücken unser Kind zu einem Liebesverhältnis verleitet hat – auf seinen dringenden Wunsch, sein strenges Gebot hin hat sie uns alles verschwiegen ... Wäre sie kinderlos gestorben, ich hätte die ganze Angelegenheit auf sich beruhen lassen. Sie ist in fremdem Lande heimgegangen; niemand in dieser Stadt hier hat um die seltsamen Verhältnisse gewußt, es wäre somit keine Veranlassung dagewesen, für ihre Ehre einzutreten. So aber gilt es, ihrem Sohn zu seinem Rechte zu verhelfen, und das will und werde ich mit allen Mitteln, die mir zu Gebote stehen –«

»Sie hätten das schon bei Lebzeiten meines Schwagers thun müssen!« unterbrach ihn der Landrat fast heftig, nachdem er in sichtlich großer Aufregung das Zimmer durchmessen. »Herbert!« schrie die alte Dame auf. »Ist es möglich, daß du diesem empörenden Lügengewebe auch nur den allergeringsten Glauben schenkst?«

»Sie haben recht, ich bin dem herrischen Mann gegenüber allerdings schwach gewesen,« versetzte Lenz, ohne auf den Ausruf der Amtsrätin zu hören. »Ich durfte mich nicht mit Versprechungen von Zeit zu Zeit hinhalten lassen, wie es leider geschehen ist... Als wir vor einem Jahre unseren Enkel sehen und zu uns nehmen durften, da sagte der Kommerzienrat, daß ihm augenblicklich die Verhältnisse noch nicht gestatteten, mit der öffentlichen Anerkennung seines in zweiter Ehe geborenen Sohnes hervorzutreten. Dagegen werde er schleunigste sein Testament machen, um schlimmstenfalls dem kleinen Max seine Sohnesrechte zu sichern... Nun, er hat sein Versprechen nicht gehalten – im Vollgefühl seiner Kraft mag ihm dieser ›schlimmste Fall‹, sein plötzlicher Tod, ganz unmöglich erschienen sein... Aber ich verzage nicht – die Legitimationspapiere sind ja da, der Trauschein, das Taufzeugnis meines Enkels, diese Papiere müssen sich im Nachlaß finden. Und deshalb komme ich zu Ihnen, Herr Landrat – es widerstrebt mir, einen Rechtsanwalt hineinzuziehen. Ich lege die Sache in Ihre Hände.«

»Ich nehme sie an,« versetzte Herbert. »In diesen Tagen werden die Siegel abgenommen, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß alles geschehen soll, um Licht in die Angelegenheit zu bringen!«

»Ich danke Ihnen innig!« sagte der alte Mann und reichte ihm die Hand. Dann verbeugte er sich nach der Richtung, wo die Frau Amtsrätin stand, und ging hinaus.

Eine kurze Zeit blieb es still im Zimmer, so bedrückend still, wie es nach dem ersten Windstoß eines heranziehenden Gewitters zu sein pflegt – man hörte nur das Knistern der Papiere, die Herbert aus dem Kouvert nahm und entfaltete, während die Amtsrätin wie geistesabwesend nach der Thüre starrte, hinter welcher »der Unglücksmensch« verschwunden war... Nun aber raffte sie sich auf.

»Herbert,« rief sie entrüstet ihrem lesenden Sohn zu, »kannst du wirklich deine Mutter in ihrer furchtbaren Aufregung und Erbitterung vor dir stehen sehen, während du dich in das lügenhafte Geschreibsel jener erbärmlichen Kokette vertiefst?«

»Es ist kein lügenhaftes Geschreibsel, Mama,« sagte er aufblickend, sichtlich erschüttert.

»Ah, du bist gerührt, mein Sohn? ... Nun, das Papier ist geduldig, und die schöne Dame wird selbstverständlich alle ihre Schreibekünste aufgeboten haben, um ihren Eltern gegenüber ihrem Fehltritt ein Mäntelchen umzuhängen... Und ein Mann wie du läßt sich auch bethören und glaubt daraufhin –«

»Ich habe schon vorher geglaubt, Mama.«

»Lächerlich! – Das Gerede eines alten, halbblöden Mannes –«

»Liebe Mama, gib es auf, dich und mich mit falschen Vorspiegelungen beruhigen zu wollen; sieh lieber der Wahrheit gefaßt ins Auge! ... Mit den ersten erklärenden Worten des alten Malers war es, als würde mir eine Binde von den Augen gerissen. Balduins ganzes geheimnisvolles Gebaren während der letzten Jahre, zu welchem wir vergebens den Schlüssel gesucht haben, es liegt entschleiert vor mir! Er hat einen furchtbaren inneren Zwiespalt mit sich herumgetragen. Hätte ihm der Tod nicht diese zweite Frau entrissen, dann wäre es anders gekommen. Das schöne, hochgebildete Weib an seiner Seite, hätte er es wohl über sich vermocht, nach Jahr und Tag mit ihr in die heimischen Verhältnisse zurückzukehren. So aber ist der Zauber gebrochen gewesen. Ihm ist nichts geblieben, als die Thatsache, daß er der Schwiegersohn des alten Lenz sei, und da hat der Feigling in ihm gesiegt – der erbärmliche Feigling!« zürnte er. »Wie hat er's über das Herz bringen können, den Knaben, diesen prächtigen Jungen, der sein Stolz sein mußte, in seinem eigenen Hause, im Vaterhause des Kindes zu verleugnen? Wie hat er's ertragen, daß Reinholds schielender Neid oft genug den kleinen Bruder tückisch getroffen hat? ... Armer, kleiner Kerl! Wie er mir am Sarg des Verstorbenen ins Ohr flüsterte: ›Ich will ihn lieber auf den Mund küssen. Er hat mich auch manchmal geküßt, im Thorweg, wo wir ganz allein waren‹ –«

»Siehst du, mein Sohn, das alles beweist nur, daß ich recht habe, daß dieser ›prächtige Junge‹ ein – Bastard ist,« unterbrach ihn die Amtsrätin. Sie war ganz ruhig geworden; es spielte sogar ein verlegenes Lächeln um ihren Mund. »Den Hauptgrund aber, weshalb Balduin eine zweite Ehe nicht eingehen konnte und durfte, scheinst du ganz zu übersehen: sein Gelöbnis, das Fanny mit ins Grab genommen hat –«

»Ja, das ist's, was ich meiner Schwester nur schwer verzeihen kann!« sagte Herbert fast heftig. »Es ist eine Grausamkeit, eine Unnatur ohnegleichen, den Trennungsschmerz eines Zurückbleibenden zu benutzen, um solch einen unglückseligen Mann für Lebenszeit an eine Totenhand zu schmieden –«

»Nun, darüber wollen wir nicht streiten; ich sehe das mit anderen Augen an und sage mir, daß uns dieser Umstand die beste Gewähr ist und bleibt. Denke an mich, die Papiere werden sich nicht finden – sie haben nie existiert! ... Nun, desto besser! Die Sache läßt sich mit Geld abmachen; das Vermögen der beiden rechtmäßigen Erben wird freilich bluten müssen; allein was hilft es? Das kann in aller Stille abgewickelt werden und ist doch dem Skandal, einen Stiefbruder so vulgärer mütterlicher Abkunft zu haben, weit vorzuziehen.«

Ihr Sohn sah ihr starr ins Gesicht. »Sprichst du im Ernste, Mutter?« fragte er gepreßt. »Du ziehst es vor, den Verstorbenen mit der Schuld eines ehrlosen Verführers in der Erde belastet zu sehen? Großer Gott, bis zu welcher Unmoralität verirrt sich doch das unselige Standesvorurteil! ... War Fanny nicht auch die Tochter eines Bürgerlichen? Und war ihre eigene Mutter, die erste Frau meines Vaters, nicht auch ein einfaches Mädchen aus dem Volke gewesen?«

»Recht so! Schreie diese Thatsachen in die Welt hinaus, jetzt, wo wir im rapiden Steigen begriffen sind!« zürnte die alte Dame mit unterdrückter Stimme. »Ich begreife dich nicht, Herbert. Woher auf einmal diese penible Auffassung?«

»Ich habe nie anders gedacht,« rief er empört.

»Nun, dann ist es deine Schuld, wenn ich mich irrte. Weiß man doch nie, wie du denkst. Ein intimeres Aussprechen, wie es sich zwischen Mutter und Sohn eigentlich von selbst versteht, gibt es bei uns nicht – man tappt dir gegenüber stets im Finstern ... Uebrigens denke du über die Sache, wie du willst, ich stehe fest auf meinem Standpunkt. Ich ziehe es in der That vor, eine mit Geld aufgewogene, gesühnte und verschwiegene Schuld in der Familie zu wissen, als plötzlich die liebe Muhme oder Base von Krethi und Plethi zu werden... Dann möchte ich aber auch fragen: Hast du denn gar kein Herz für Fannys Kinder? – Wenn ein dritter rechtmäßiger Erbe auftritt, so erleiden sie einen ungeheuren Verlust.«

»Es bleibt ihnen immer noch mehr als genug –«

»In deinen Augen vielleicht, aber nicht in denen der Welt... Gretchen ist eine der ersten Partien im Lande, und wenn sie auch kopflos genug die glänzendsten Aussichten jetzt noch von der Hand weist, so wird und muß doch eine Zeit kommen, wo sie verständig wird und diese Dinge ansieht, wie sie sind. Wie es aber um diese ihre brillanten Aussichten stehen würde, wenn ein Drittel des Lamprechtschen Vermögens einem Nachgeborenen zufiele, darüber bin ich keinen Augenblick im Zweifel.«

»Ein Mädchen wie Margarete wird begehrt werden, auch wenn ihr Vermögen noch so sehr zusammenschmilzt,« sagte Herbert. Er war ans Fenster getreten, wo er abgewendet von seiner Mutter verharrte. »Je weniger, desto besser!« setzte er fast murmelnd hinzu.

Sie schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. »Die Grete? Ohne Geld? Was machst du dir für Illusionen, Herbert! – Nimm ihr diesen Nimbus, und das schmächtige Ding wird sein wie ein armer Vogel, dem man allen Federschmuck ausgerupft hat! ... Nun wahrhaftig, fast möchte ich wünschen, du kämst nach meinem Tod in die Lage, das Mädchen unter die Haube bringen zu müssen!«

»Das sollte mir nicht schwer werden,« sagte er mit einem unmerklichen Lächeln. »Ein klein wenig schwerer denn doch, als wenn du einen neuen Schreiber anzustellen hättest – das glaube deiner alten Mutter, mein Sohn!« entgegnete sie spöttisch. »Aber wozu um des Kaisers Bart streiten!« schnitt sie kurz den Wortwechsel ab. »Wir sind beide erregt; ich über die Unverschämtheit des Menschen, der uns eine Bombe ins Haus wirft, welche sich, näher besehen, als ein Schreckschuß erweist, und du, weil dir das Seelenbekenntnis einer ehemaligen Flamme zu Gesicht gekommen ist... Wenn wir ruhiger geworden sind, dann wollen wir weiter sprechen... Selbstverständlich bleibt die Angelegenheit vorläufig unser beider Geheimnis. Die Kinder, Margarete und Reinhold, erfahren es noch zeitig genug, wenn es gilt, die Abfindungssumme aus ihrem Erbe zu entnehmen, um – für die unselige Verirrung ihres Vaters zu büßen – arme Kinder!«

Damit verließ sie das Geschäftszimmer ihres Sohnes.

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