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Die Frau mit den Karfunkelsteinen

Eugenie Marlitt: Die Frau mit den Karfunkelsteinen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleDie Frau mit den Karfunkelsteinen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger
seriesE. Marlitt's gesammelte Romane und Novellen
volumeSechster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid99f334c3
created20070103
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17.

Es war Winter geworden, so ein rechter Winter thüringischer Art, der die Federbetten der Frau Holle oft so lange über die Berge und Thaltiefen ausschüttet, bis nur noch die niederen Firste der Dorfhäuser aus dem silberweißen Gestäube hervorragen ... Auch die kleine Stadt an der Pforte des Thüringer Waldes erhielt ihr redliches Teil der warmen Schneedecke. Blank und glatt, und immer neue Millionen der Schneesternchen in sich einwebend, lag sie da; alle Missethaten der Oktoberstürme, die mühsam geflickten Schäden an Mauern, Dächern und Türmen und auch das wiederhergestellte Ziegeldach des Packhauses im Lamprechtschen Hofe verschwanden unter dem eintönigen Weiß.

Und draußen vor dem vergoldeten Eisengitter des halb offenen steinernen Häuschens, dessen Fallthüren sich vor acht Wochen über dem letztverstorbenen Lamprecht geschlossen hatten, türmte der Flockenwirbel eine alabasterne Mauer, ein Epitaphium; und wer lesen konnte, für den stand auf der glitzernden Schrägseite: »Bleibet fern! Was hinter mir liegt, hat mit euch draußen nichts mehr zu schaffen!« – Einsame Schläfer! Einer nach dem anderen waren sie hier eingerückt, und wohl ein jeder der alten Kauf- und Handelsherren hatte bei diesem notgedrungenen Abmarsch, beim Scheiden aus der geliebten Firma im stillen gemeint: »Es wird nicht gehen ohne dich!« Aber es war gegangen. Das Geschäftsgetriebe war stets über der vermeintlichen Lücke präzise zusammengeklappt, und die Bücher hatten danach keinerlei Verlust zu verzeichnen gehabt.

So hatte sich auch die letzte Wandlung anscheinend geräuschlos vollzogen. Reinhold war zwar noch minorenn, aber er hatte das achtzehnte Jahr überschritten und sollte binnen kurzem mündig gesprochen werden, eine leere Form, deren Vollziehung durchaus nicht erst abgewartet zu werden brauchte. Der junge Kaufmann mit den kühlen Prinzipien eines greisen Kopfes hielt die Zügel schon nach wenig Tagen stramm in den Händen; und er war sattelfest, das mußte ihm ein jeder lassen. Der erste Buchhalter und der Faktor, die einstweilen mit der Fortführung der Geschäfte betraut waren, sanken neben ihm an Macht und Willen zur Null herab, und machten ihr Einspruchsrecht, im Hinblick auf die kurze Dauer ihres Amtes und die Reizbarkeit des Erben, nur selten geltend. Die anderen aber, die Herren im Kontor und die in der Fabrik Beschäftigten, duckten sich scheu und finster über ihre Arbeit, wenn der nervöse lange Mensch, schlotterig in Haltung und Gliedmaßen, aber mit Augen voll entschlossener, unerbittlicher Härte, in den Arbeitsräumen erschien. Der Kommerzienrat war auch streng gewesen und hatte den Untergebenen selten ein freundliches Wort gegönnt; aber an seine Gerechtigkeit hatte man nie vergebens appelliert, dies und seine Noblesse in Bezug auf die Bezahlung seiner Leute – »leben und leben lassen« war sein Grundsatz gewesen – hatte ihm bei all seinem Hochmut dennoch die Herzen aller geneigt gemacht.

Daran übte jetzt der jugendliche Nachfolger eine geradezu vernichtende Kritik.

»Das alles hat ein Ende! – Dem Papa ist Geld genug durch die Finger gefallen – er hat gehaust wie ein Kavalier, Kaufmann ist er nie gewesen!« sagte er und begann »aufzuräumen« mit dem alten Schlendrian... Da wurde gleichsam über Nacht vieles anders...

Margarete war auch wieder da – seit vorgestern abend. Tante Sophie hatte die Stunde ihrer Ankunft gewußt und war mit dem Wagen an die Bahn gekommen, und die Frau Amtsrätin hatte sich herabgelassen mitzufahren, um die Verwaiste unter die großmütterlichen Flügel zu nehmen. Aber die alte Dame war nicht wenig überrascht gewesen, mit der Enkelin auch den Herrn Landrat aus dem Coups steigen zu sehen... Er hatte sich als Abgeordneter des Landtages seit mehreren Wochen in der Residenz aufgehalten und war erst in den nächsten Tagen zurückerwartet worden. »Ein besonderer Fall« habe ihn für einige Stunden nach der nächsten größeren Station geführt, hatte er lächelnd gesagt, und da sei es ihm sehr lieb gewesen, die heimkehrende Nichte zu treffen und sie während des mehrstündigen Aufenthaltes auf dem Bahnhof beschützen zu können... Die Frau Amtsrätin hatte ärgerlich den Kopf geschüttelt über dies »unnütze Hin- und Herfahren« bei der Kälte. »Der besondere Fall« hätte sich jedenfalls bequem auch auf dem Heimwege abwickeln lassen; aber der Dampf mache es jetzt den Menschen allzuleicht, jeder Laune nachzugeben.

Und gestern in aller Frühe hatte er verabredetermaßen mit dem Schlitten vor der Thüre gehalten, um Margarete mitzunehmen. Er habe seinem Vater eine Mitteilung über das verpachtete Gut zu machen, hatte er gesagt, und da sei es die beste Gelegenheit auch für sie, den Großpapa zu begrüßen... Dann waren sie hingeflogen über die weite, weiße Fläche draußen. Der Himmel war eine kompakte Schneewolkenmasse gewesen, und eisige Windstöße hatten ihnen um die Ohren gepfiffen und ihr den Schleier vom Gesicht gerissen. Die Zügel mit einer Hand haltend, hatte er schleunigst die flatternde Gaze erfangen, war aus dem Aermel seines weiten Pelzes geschlüpft und hatte den freigewordenen Teil der zottigen Hülle um den frostbebenden Körper des jungen Mädchens geschlagen... »Lasse doch!« hatte er gleichmütig gesagt und trotz ihres Sträubens den Pelz noch fester um sie gezogen. »Töchter und Nichten können sich das getrost, unbeschadet ihrer Mädchenwürde, von einem Papa oder alten Onkel gefallen lassen.«

Und mit einem scheuen Seitenblicke nach dem Prinzenhof hat sie gemeint, man könne möglicherweise von dort aus die Mummerei sehen. »Nun, und wenn auch? Wäre das ein Unglück?« hatte er mit einem lächelnden Blick auf sie wieder geantwortet. »Die Damen werden wissen, daß das Rumpelstilzchen da neben mir gar niemand anderes sein kann, als meine kleine Nichte...« Ja, freilich, die schöne Heloise war ihrer Sache so gewiß, daß sie unmöglich auf einen zweifelnden Gedanken kommen konnte!

Gegen Abend war er wieder in die Residenz zurückgekehrt, um einer letzten Sitzung beizuwohnen. In den gestrigen Tag hatte sich mithin so vieles zusammengedrängt, daß Margarete erst heute gewissermaßen zu sich selbst kommen konnte.

Es war Sonntag. Tante Sophie war in der Kirche, und die Dienstleute, Bärbe ausgenommen, waren auch gegangen, die Predigt zu hören. So herrschte tiefe, sonntägliche Stille im Hause, die der Heimgekehrten gestattete, die Eindrücke, die sie bei ihrer Rückkehr empfangen, zu überdenken.

Sie stand auf dem Fenstertritt und sah mit umflortem Blick über den schneeflimmernden Marktplatz hinweg... War es doch, als herrsche nicht allein draußen bittere Winterkälte – die Atmosphäre im Hause war auch kalt und frostig, wie durchhaucht von unsichtbaren Eiszapfen... Es hatte ja früher auch oft genug Zeiten gegeben, wo ein finsterer Geist durch das alte, liebe Heim gewandelt, wo die Melancholie des Hausherrn einen Druck auf die Gemüter ausgeübt hatte. Aber das war doch nur der Widerschein seiner Verstimmung gewesen, mit welcher er sich ohnehin meist in die Einsamkeit seines Zimmers vergraben hatte. Alles, was sonst das Vaterhaus traut und anheimelnd machen konnte, war dadurch nicht alteriert worden. Er hatte sich nie in die althergebrachten häuslichen Einrichtungen gemischt, hatte stets mit vollen Händen gegeben, und war somit bemüht gewesen, das Behäbige seines Hausstandes für die Seinen und die ihm dienten, zu erhalten... Wie hatte sich das geändert!

Er saß in diesem Augenblick auch wieder drüben auf seinem Schreibstuhl, hinter dem geliebten »Soll und Haben«, der Nachfolger; aber das Kontor war nicht mehr allein der Schauplatz seiner Thätigkeit. Er war gleichsam überall. Wie ein Schatten spukte die lange Gestalt im Hause umher, vom Dachboden bis zum Keller hinab, und erschreckte die hantierenden Leute durch ihr plötzliches lautloses Erscheinen. Bärbe jammerte, daß er ihr wie ein »Gendarm« auf den Fersen sei, er rufe die fortgehenden Butter- und Eierfrauen an sein Kontorfenster und frage, wie viel sie in der Küche abgeliefert hätten, und dann käme er selbst hinüber und schimpfe über den »riesigen« Verbrauch; er ziehe ihr auch frisch aufgelegte Holzstücke aus dem Bratfeuer und habe die große Küchenlampe mit einer ganz kleinen vertauscht, die sich wie ein Fünkchen in der mächtig weiten Küche ausnehme, und wobei sich der Mensch die alten Augen blind gucken müsse.

»Geld verdienen, Geld sparen!« das war jetzt die Devise, und die kalten, blutleeren Hände aneinanderreibend, versicherte der junge Chef bei jeder Gelegenheit, jetzt erst solle die Welt wieder das Recht haben, die Lamprechts als die Thüringer Fugger zu bezeichnen – unter den letzten beiden Chefs sei der Geldruhm halb und halb in die Brüche gegangen.

Ueber Tante Sophiens Lippen war bis jetzt noch kein anklagendes Wort gekommen, aber sie war recht blaß geworden, das frische, geistige Leben war wie weggewischt aus ihrem lieben, treuen Gesicht, und heute morgen beim Kaffee hatte sie gesagt, daß sie mit dem nächsten Frühjahr ein paar Stuben und eine Küche an ihr Gartenhaus anbauen lasse; draußen in der schönen Gottesnatur zu wohnen, das sei immer ihr stiller Wunsch gewesen.

Jetzt kam sie über den Markt her. Die Kirche war aus. Massenhaft strömten die Andächtigen die Gasse herab, die von der Kirche nach der »Galerie«, dem stattlichen, die Ostseite des Marktes begrenzenden Pfeilergang führte. Dort wehten Schleier und Hutfedern, schleiften Samt und Seide über die Steinplatten. Reich und arm, alt und jung, wanderten sie nebeneinander, ihres Lebens und Daseins so sicher und gewiß – und vielleicht nächsten Sonntag schon ging so mancher nicht mehr mit. Wer hört das Rauschen des Zeitwaltens über seinem Haupte? – So sicher und gewiß waren einst auch die stolzgeschmückte Frau Judith und die schöne Dore den Weg über den Markt hergegangen, den jetzt Tante Sophie in ihrem neuen Pelzmantel beschritt.

Auch die Kurrendeschüler kamen choralsingend daher. Margarete zog ihr Pelzjäckchen über der Brust zusammen und ging hinaus, die Tante an der Thüre zu begrüßen, und in dem Augenblicke, wo sie den Thorflügel öffnete, stimmten die jungen Kehlen draußen das herrliche »Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre« in ergreifender Weise an.

»Hab' mir's ganz extra für den Sonntag bestellt – sonst werden nur Choräle gesungen,« sagte Tante Sophie eintretend und schüttelte den Schnee von den Schuhen. Aber Margarete hörte kaum, daß sie sprach. Sie stand und horchte atemlos auf den hohen Sopran, der seraphimgleich, sieghaft und silberklar über den anderen Stimmen schwebte.

»Nun ja, 's ist der kleine Max aus dem Packhause,« sagte die Tante. »Der kleine Kerl muß nun auch ums Brot singen.«

Margarete trat auf die Schwelle der halboffenen Thüre und sah hinaus. Dort stand er, das schwarze Barett auf den Locken, die blühenden Wangen noch tiefer gerötet durch die scharfe Winterluft, und mit den Tönen, die der warmen, jungen Brust entquollen, wurde der Hauch des Atems zum Dampf vor seinem Munde.

Sobald der letzte Ton verklungen war, winkte ihm Margarete, und er kam sofort herüber und neigte sich wie ein kleiner Kavalier vor der jungen Dame.

»Geschieht es mit dem Willen deiner Großeltern, daß du bei der Kälte vor den Thüren singst?« fragte sie in fast unwilligem Ton, wobei sie die Hand des Knaben ergriff und ihn zu sich auf die Schwelle zog.

»Das können Sie sich doch denken, Fräulein!« antwortete er unumwunden und wie empört. »Die Großmama hat's erlaubt, und da ist's dem Großpapa auch recht. Es ist ja auch nicht immer so kalt, und das macht auch nichts – die frische Luft ist mir gesund.« »Und wie kommt es, daß du unter die Schüler gegangen bist?«

»Ja, wissen Sie denn nicht, daß wir Jungens damit viel Geld verdienen?« – Er warf einen hastigen Blick hinter sich, wo eben die letzten kleinen Nachzügler weiter gingen. »Lassen Sie mich!« drängte er ängstlich. »Der Präfekt zankt!« Er zog sein kaltes Händchen gewaltsam aus der Rechten der jungen Dame, und fort war er.

»Da hat sich wohl auch vieles im Packhause geändert?« fragte Margarete beklommen, wie mit zurückgehaltenem Atem.

»Jawohl, meine liebe Grete, alles!« antwortete Reinhold an Stelle der Tante. Er stand an seinem offenen Kontorfenster. »Und du sollst auch sogleich erfahren, in welcher Weise sich's geändert hat. Habe nur zuvörderst die Freundlichkeit, die Thüre zu schließen, es kommt mörderisch kalt herein... Die Nachbarsleute werden sich wohl gefreut haben, daß Fräulein Lamprecht die selige Frau Cotta in Eisenach nachäfft und die Kurrendeschüler ins Haus ruft – schade, daß du nicht auch einen Napf voll Suppe in der Hand hattest! Das wäre noch rührender gewesen.«

Tante Sophie schloß die Thüre und entfernte sich schweigend.

»Die Tante macht jetzt immer ein Gesicht, als wenn sie Essig verschluckt hätte,« sagte Reinhold achselzuckend. »Der neue, scharfe Besen, mit welchem jetzt das Haus ausgefegt wird, gefällt ihr nicht – selbstverständlich, den Alten mag es freilich nicht behagen, wenn frische Luft durch ihr warmes, verrottetes Nest fährt; aber das ficht mich nicht an, und noch weniger werde ich der Tante den Gefallen thun, das alte Lotterleben fortbestehen zu lassen und notorische Faullenzer im Geschäft zu behalten. Der alte Lenz ist schon seit fünf Wochen entlassen und hat mit Neujahr das Packhaus zu räumen... So, nun weißt du's, Grete, weshalb der Junge vor den Thüren singt. Andere Kinder müssen das auch – es fällt ihnen keine Perle aus der Krone – und ich sehe nicht ein, weshalb der Prinz aus dem Packhause zu gut dafür sein soll.«

Er schlug das Fenster zu, und Margarete ging ohne ein Wort der Entgegnung in die Hofstube. Dort hüllte sie sich in einen Shawl, schob eine kleine Geldrolle in die Tasche und schritt gleich darauf über den Hof nach dem Packhause.

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