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Die Frau mit den Karfunkelsteinen

Eugenie Marlitt: Die Frau mit den Karfunkelsteinen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleDie Frau mit den Karfunkelsteinen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger
seriesE. Marlitt's gesammelte Romane und Novellen
volumeSechster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid99f334c3
created20070103
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12.

Die Eintretenden prallten zurück vor der aus dem Rahmen gestiegenen »schönen Dore«, die sich wieder bis an den Tisch inmitten des Salons zurückgezogen hatte, die Stirn gesenkt, als erwarte sie widerspruchslos die Grobheiten, die auf ihr Haupt niederregnen sollten. »Das ist wieder einmal ein verrückter Streich von dir, Grete! Den Tod könnte man davon haben,« sagte denn auch Herr Lamprecht junior prompt, nachdem er zu Atem gekommen war.

»Ja, Holdchen, es war eine grenzenlose Albernheit,« gab sie sanft lächelnd zu. Dabei ging sie von Thüre zu Thüre, um die offenen Flügel zu schließen – für Reinhold war der Zug stets verderblich.

»Unsinn!« murrte er und folgte jeder ihrer Bewegungen mit geärgertem Blick. »Das rauscht und rasselt, und das Silber stäubt ab von den morschen Fäden. Der Papa sollte nur kommen und sehen, wie du das kostbare Inventarstück über die Dielen schleifst! Da wär's aus und vorbei mit seiner Vorliebe, die ihm geradezu über Nacht gekommen sein muß – thut er doch gerade, als hättest du in Berlin die Weisheit mit Löffeln gegessen!«

»Rege dich nicht auf!« bat sie. »Ich gehe gleich. In wenig Minuten hängt das Kleid an seinem Platze, und ich werde mich nie wieder daran vergreifen. Geh, sei gut!« Sie legte bittend ihre zarten Fingerspitzen auf seine Hand, die er auf den Tisch stützte; aber er schob sie weg. »Ach, lasse doch diese Kindereien, Grete! Ich hab's von klein auf nicht leiden können, wenn man mir zu nahe kommt – das weißt du doch!« Sie nickte lächelnd mit dem Kopfe, nahm vorsichtig das Kleid auf, um das Lärmen beim Hinausgehen zu verhindern und ging zur Mittelthüre. Aber an der Schwelle zögerte sie und wandte sich zurück.

»Was sind denn da für Dummheiten geschehen?« hatte sie Reinhold sagen hören; und nun sah sie, wie er die Vasenscherben durcheinander warf.

»Ja, siehst du, Reinhold, das ist nun so ein kleines Malheur, wie es einem bei einer gründlichen Räumerei leicht passiert,« sagte Tante Sophie achselzuckend. Sie vermied es geflissentlich, den eigentlichen Missethäter, den »armen Tapps«, zu nennen.

»Was, ein kleines Malheur?« wiederholte der junge Mensch ganz empört. »Aber, Tante, du scheinst auch nicht die blasse Ahnung von dem Geldwert zu haben, der dir hier oben anvertraut ist! Bare zehn Dukaten hat diese Vase gekostet; ich will es dir aus dem Inventarbuch beweisen – bare zehn Dukaten!... Ja, weiß Gott, es ist geradezu haarsträubend, wie oft aus Marotte mit dem Gelde gehaust wird. Der gute Großpapa ist auch so einer gewesen. Tausende stecken in dem Kram aus Olims Zeiten, den er zusammengeschleppt hat. Die Antiquitätenhändler wissen das und klopfen immer wieder an bei uns; aber der Papa wird allemal grob, und ich würge dann tagelang an dem Aerger über die unverantwortliche Verschwendung! ... Aber es wird auch einmal anders, und dann weiß ich einen, der aufräumt. Da wird alles versilbert, alles, was nicht absolut nötig ist zum Hausgebrauch.« Er schüttelte den Kopf und warf die Scherbe in seiner Hand auf den Tisch. »Zehn Dukaten! Ein Pappenstiel natürlicherweise! Eine Lappalie für alle in unserem Hause, die nicht rechnen können.«

»Na, sei nur ruhig; ich hab' das Einmaleins gründlich weg und brauche nicht auf euren Kontorstühlen zu sitzen, um zu wissen, was das Geld wert ist,« unterbrach ihn Tante Sophie gleichmütig. »Die zehn Dukaten sind aber schon dazumal zum Fenster hinausgeworfen gewesen. Auch der Klügste läßt sich einmal anführen mit nachgemachtem Zeug, wie das hier ist.« Sie zeigte auf die Scherben.

»Wie – nachgemacht? Wer sagt denn das?«

»Margarete sagt es,« sprach der Landrat, der langsam an den Tisch getreten war.

Reinhold lachte laut auf. »Die Grete? Diese da?« Er zeigte mit dem Finger nach dem jungen Mädchen.

»Ja, deine Schwester,« bestätigte Herbert mit festem verweisendem Blick in das impertinent grinsende Gesicht des Neffen. »Ich möchte dich übrigens bitten, den Ton, welchen du der Tante und deiner Schwester gegenüber noch so jungenhaft unmanierlich anschlägst, nunmehr zu ändern. Es ist dir zeitlebens, deiner reizbaren Nerven wegen, sehr viel nachgesehen worden, allzuviel, wie ich fürchte – aber nun solltest du doch wissen, daß auch du Anstandspflichten hast.«

Reinhold hatte den Sprecher anfänglich ganz perplex angestarrt, eine solche ernste Rüge aus diesem Munde war ihm neu; aber bei all seiner Unverfrorenheit war er doch ein feiger Bursche, der jedem Stärkeren aus dem Wege ging. Er nagte an seiner Unterlippe und wagte kein Wort der Erwiderung. Scheu wegsehend, griff er in die Brusttasche, zog einen Brief heraus und warf ihn so auf den Tisch, daß das sehr große Siegel obenauf zu liegen kam. »Hier, Grete, der Brief ist vorhin im Kontor für dich abgegeben worden,« sagte er mürrisch. »Nur des Wappens wegen, das fast so groß ist, wie unser herzogliches, bin ich die zugige Treppe heraufgeklettert; sonst ist es mir sehr egal, wer dir schreibt.«

Das junge Mädchen war feuerrot geworden. Der Uebermut, der vorhin ihre ganze Erscheinung beseelt hatte, war kläglich zusammengesunken. Fast hilflos, mit einem angstvoll scheuen Blick nach dem Briefe, stand sie da wie ein tieferschrockenes Kind.

»Das ist das Wappen der Herren von Billingen-Wackewitz, Reinhold,« sagte die Frau Amtsrätin ganz feierlich, mit hörbarer Ergriffenheit. »Ich könnte dir manches heilig aufgehobene Billetdoux mit diesem herrlichen Siegel zeigen. Ein Fräulein von Billingen war früher Oberhofmeisterin bei unseren gnädigsten Herrschaften. Sie war mir sehr gütig gesinnt und korrespondierte mit mir über unseren Frauenverein ... Mein Gott, wenn ich damals hätte denken sollen –« Sie brach ab mit einem fast verzückten Ausblick, schlang ihren Arm um die Taille der Enkelin und zog sie an sich. »Mein liebes, liebes Gretchen, du kleine Spitzbübin!« rief sie mit tiefer Zärtlichkeit. »Also das ist der Magnet gewesen, der dich in Berlin festgehalten hat? ... Und ich bin so unverantwortlich kurzsichtig gewesen und habe dir Vorwürfe gemacht, während du berufen warst, ein unaussprechliches Glück in unser Haus zu bringen. Solch eine blinde, ungerechte Großmama, gelt Herzenskind? Bist du mir böse?«

Die Enkelin entschlüpfte der Umarmung und trat um einen Schritt weg. Sie hatte ihre Fassung wiedergewonnen. »Ich habe keinen Grund, böse zu sein – ein solches Gefühl würde sich auch wenig schicken für die Enkelin,« sagte sie fast trocken und zupfte ordnend, mit einem Seitenblick nach Reinhold, an den Spitzen des »kostbaren Inventarstückes«. »Solche Extravaganzen dürfen wir uns nicht erlauben, solange ich im Staatskleid der schönen Dore stecke – Reinhold wird zanken.«

»Ach, wüßte er, was ich weiß,« entgegnete die alte Dame mit schalkhaftem Augenblinzeln, dann würde er nur mit mir finden, daß dir die Robe unvergleichlich steht! Ja, so wie ich dich da vor mir sehe, mit der wirklich vornehmen Haltung und dem – nun, auch eine Großmama darf einmal schwach sein in ihrer großmütterlichen Eitelkeit – und dem durchgeistigten, pikanten Gesichtchen – ja, so könntest du dich getrost den illustren Frauengestalten anreihen, die in einem gewissen Saale von den Wänden blicken.«

»Auch mit dem ›wilden Haar und den Jungenmanieren‹, Großmama?!«

Die Frau Amtsrätin wurde ein wenig rot und hob beide Hände empor. »Liebes Kind – doch nein,« unterbrach sie sich – »ich will heute still sein! Morgen, oder vielleicht auch erst in einigen Tagen, wirst du mir viel zu sagen haben, unendlich viel, mein Kind, was mich lebenslang beseligen wird. Ich weiß es. Bis dahin will ich mich bescheiden!«

Margarete antwortete nicht. Mit scheuem Finger griff sie nach dem Briefe, schob ihn in die weite Kleidertasche und ging hinaus, um die Staatsrobe wieder an Ort und Stelle zu bringen. In diesem Augenblick erinnerte sich auch die Frau Amtsrätin, daß sie ja eigentlich nur heruntergekommen sei, um sich bei Tante Sophie ein Tortenrezept auszubitten; der Herr Landrat aber, der ja auch nur hier eingetreten, weil er draußen im Vorübergehen das Geräusch der stürzenden Vase gehört, hatte Hut und Stock vom Tische genommen und war mittlerweile in den Flursaal hinausgegangen.

Er stand vor dem nächsten Büffett und besah anscheinend sehr interessiert die alten Humpen und Becher, als Margarete an ihm vorüber nach dem Gange schritt. »Du wirst mir später einmal viel abzubitten haben, Margarete,« sagte er halblaut, aber mit Nachdruck über die Schulter hinweg zu ihr.

»Ich, Onkel?« Sie hemmte ihre Schritte und trat verstohlen lächelnd näher. »Mein Gott, sofort, auf der Stelle soll es geschehen, wenn du es wünschest! Tochter und Nichten müssen das, und können es auch getrost, unbeschadet ihrer Mädchenwürde.«

Er wandte sich voll nach ihr um; zugleich warf er aber auch auf den herankommenden Reinhold einen so streng und finster zurückweisenden Blick, daß der lange Mensch betroffen kehrt machte und mit den beiden alten Damen den Flursaal verließ.

»Du scheinst die Jahre, während welcher wir uns nicht gesehen haben, für meine Person doppelt zu rechnen,« sagte Herbert finster. »Ich komme dir wohl sehr alt und ehrwürdig vor, Margarete?«

Sie bog ihr Gesicht ein wenig zur Seite und die übermütigen Augen huschten musternd über seine Züge. »Nun, weißt du, gar so schlimm ist's nicht – ich sehe noch kein einziges graues Haar in deinem schönen Barte.«

»Schlimm genug, wenn du bereits danach suchst!« Er sah einen Moment weg durch das nächste Fenster, »Es war mir ein wenig verwunderlich, bei deiner Ankunft so respektvoll von dir begrüßt zu werden; meines Wissens hat mich immer nur Reinhold ›Onkel‹ genannt, du nie!«

»Du hast recht – ich nie, trotz so mancher Strafpredigt! – Dein Onkelgesicht imponierte mir nicht! ›Gerade wie Milch und Blut ist's,‹ sagte Bärbe immer.«

»Ach so – nun sind dir die Farben greisenhaft genug?«

Sie lachte. »Ach, das spricht ja nicht mehr mit – der Bart macht's! Solch ein aristokratisch gescheitelter Kinnbart imponiert, Onkel!«

Er verbeugte sich ironisch.

»Und dann – als ich dich vorgestern abend neben der schönen Dame sitzen sah, und du kamst dann heraus in den Flursaal, Zoll für Zoll der erste Beamte der Stadt, und deine ganze Erscheinung umleuchtet von dem Widerschein fürstlicher Vornehmheit, da kam mir das Respektgefühl geradezu überwältigend, und ich schämte mich furchtbar.«

»Da muß ich ja wohl sehr entzückt sein, daß dir der Onkeltitel nun so flott von den Lippen kommt?«

Sie wiegte lächelnd den Kopf. »Nun weißt du, so ganz unbedingt ist das nicht zu verlangen. Ich sehe recht gut ein, daß es nicht angenehm sein mag, von einem so alten Mädchen, wie ich bin, ›Onkel‹ genannt zu werden. Aber ich kann dir nicht helfen. Wir armen Lamprechtskinder sind ohnehin zu kurz gekommen; wir haben nur diesen einen Mutterbruder, und wenn auch nur ein Stiefonkel, mußt du dir es doch gefallen lassen, zeitlebens Onkel Herbert zu bleiben.«

»Nun gut, ich bin's zufrieden, liebe Nichte. – Aber du wirst nun auch wissen, daß du diesem anerkannten Onkel gegenüber die Pflicht des Gehorsams übernimmst.«

Sie stutzte; aber sofort ging auch ein Strahl des Verständnisses durch ihre Züge. »Ah, du meinst das!« Sie legte die Hand dunkel errötend auf die Tasche, in welcher das angekommene Schreiben steckte, und in ihren Augen glomm es wie feindselig auf.

Er sah nur mit halbem Blick hin und schwieg.

»Ja, das ist's!« nickte sie mit Bestimmtheit. »Du denkst genau wie die Großmama. Ihr seid stolz auf die Aussicht, die sich mir bietet, und öffnet dem Freier Herz und Arme, ohne ihn je gesehen zu haben. Wozu auch? Kennt ihr doch seinen Namen – mehr braucht es nicht ... Nun kennst du aber auch den Querkopf deiner Nichte, und vielleicht beschleicht dich die geheime Furcht, daß sie den grenzenlos dummen Streich machen könnte, lieber Grete Lamprecht bleiben zu wollen; da ist ein Recht mehr gegen den Oppositionsgeist von großem Wert für die Familie. Das Haus ›Marschall‹ ist im Begriff, bis über die Wolken zu steigen, und da verlangt es das eigene Interesse, daß auch die verwandten Lamprechts höher gehoben werden.«

»Es ist erstaunlich, wie scharfsinnig du bist!«

Sie lachte. »Nein, Onkel, das Kompliment weise ich zurück! Du denkst zu schmeichelhaft von mir. Der da,« – sie hob den kleinen Finger der Rechten – »der sagt mir's nicht ... Für mich ist die ganze Luft unseres Hauses beseelt und lebendig; aus allen Gängen und Treppenwinkeln wispert und flüstert es mir zu; denn ich bin an einem Ostersonntag geboren und habe mich immer sehr gut mit unseren Hausgeisterchen gestanden. Und wie sie mir früher von den alten Zeiten zuraunten, von den Silberfäden des Lein, die sich draußen auf Handelswegen verwandelt und als eitel Gold in die Truhen meiner Urväter zurückgeflossen seien, so flüstern sie jetzt von einem ganz anderen Glanz, von fürstlicher Huld und Gnade, von der Gunst schöner, blaublütiger Frauen, und von dem alten Plebejerblut, das nach jahrhundertelangem Sammelfleiß nunmehr reif sei, in einer höheren Kaste aufzugehen.«

»Ei, das sind ja ganz allerliebste Kobolde mit ihren kleinen Bosheiten, die die Luft vergiften! Man sollte auf sie fahnden –«

»Mit deinen Gendarmen, Onkel? Das gäb' aber einen Spaß für die lustigen Kameraden! Sie würden erst recht an meinem Ohr niederhocken und weiter erzählen von dem neuen Theaterstück in Lamprechts Hause, in welchem sogar das dumme Ding, die Grete, mitspielen soll – ein Freiherrnkrönchen auf das Struwwelhaar gesetzt, und die Wandlung sei fertig, meinen sie... Aber weißt du, Onkel, ein ganz klein wenig Stimme habe ich doch auch dabei, meinst du nicht? Das kleine Wörtchen ›Ja‹ muß doch auch gesagt werden. Und da nehmt euch nur in acht, daß der Vogel nicht davonfliegt, ehe er gesungen hat! Mich fangt ihr nicht!«

»Es käme auf eine Probe an –«

»Versuch's, Onkel!« Sie sah halb über die Schulter nach ihm zurück, und ihre Augen sprühten auf, als sei sie sofort bereit, den Wettlauf der Geister anzutreten.

»Ich nehme die Herausforderung an, darauf verlasse dich! Aber das merke dir, habe ich den Vogel einmal, dann ist's um ihn geschehen!«

»Ach, das arme Ding, da muß es singen, wie du pfeifst!« lachte sie. »Aber ich fürchte mich nicht – ich bin eine Spottdrossel, Onkel, und könnte dich leicht auf den verkehrten Weg locken!«

Sie verbeugte sich graziös, unter heimlichem Lachen, und schritt eiligst nach dem Gange hinter der Frau Dorotheens Sterbezimmer, und während sie mit flinken Händen die Spangen des Kleides löste, hörte sie, wie der Landrat den Flursaal verließ. Zugleich wurde aber auch die Stimme ihres die Treppe heraufkommenden Vaters laut. Die beiden Herren begrüßten sich, wie es schien, unter der Thür; dann fiel diese zu und der Kommerzienrat ging nach seinem Zimmer.

Er war schon in aller Frühe nach Dambach geritten, war über Mittag draußen verblieben und kam eben heim. Es drängte sie, ihn zu begrüßen, um so mehr, als er heute Morgen düster schweigend, mit verfinstertem Gesicht zu Pferde gesessen und für ihr fröhliches »Guten Morgen« vom Fenster aus kaum ein leichtes Kopfnicken und kein Wort der Erwiderung gehabt hatte. Das war ihr schmerzlich auf das junge, froh gestimmte Herz gefallen. Aber Tante Sophie hatte sie getröstet. Das sei wieder einmal solch ein schlimmer Tag, wo man sich stillschweigend zurückhalten und ihm aus dem Wege gehen müsse, hatte sie gemeint. Er wisse da selbst am besten, was ihm not thue, um das schwarze Gespenst los zu werden – das sei ein Ritt in die frische Luft hinaus und Zerstreuung draußen im Fabrikgetriebe. Abends werde er schon »umgänglicher« zurückkommen.

Die Brokatschleppe der schönen Dore hing wieder in der tiefsten Schrankecke, und Margarete war eben im Begriff, ihr Haar zu ordnen, als sie abermals die Zimmerthür ihres Vaters gehen hörte. Er trat wieder heraus und ging den Flursaal entlang. Er kam rasch näher, und es schien, als schreite er direkt dem Gange zu.

Margarete erschrak. Sie war in Unterkleidern und mochte sich überhaupt nicht hier vor ihm sehen lassen; wußte sie doch nicht, in welcher Stimmung er heimgekommen war und wie er ihr mutwilliges Attentat auf das ehrwürdige Inventarstück des Hauses beurteilen würde. Ein wahres Angstgefühl packte sie. Unwillkürlich schlüpfte sie in den Schrank, schmiegte sich tief in die Seidenwogen – es war ihr, als versinke sie in rauschenden Gewässern – und zog die Thür leise an sich.

Wenige Augenblicke nachher kam der Kommerzienrat um die Gangecke. Durch die schmale Thürspalte konnte ihn die Tochter sehen. Der Ritt in die frische Luft und das Fabriktreiben in Dambach hatten nicht an das Gepräge schwarzer Melancholie gerührt, welches diese schöne Männererscheinung für alle im Hause oft so furchterweckend machte. Er hatte einen kleinen Strauß frischer Rosen in der Rechten und schritt achtlos zwischen den Bilderreihen seiner Vorfahren hin. Nur das Oelbild der schönen Dore, welches schräg zwischen die Schrankecke und die Wand gelehnt, ihm die bezaubernde Gestalt gewissermaßen entgegentreten ließ, schien eine unheimliche Wirkung auf ihn zu üben. Er fuhr zurück und legte die Hand über die Augen, als befalle ihn ein Schwindel. Dieses Erschrecken war begreiflich. Drüben im roten Salon, hoch an der hellen Wand, trat das Dämonische dieser Schönheit nie so sieghaft hervor, wie hier im spukhaften Halbdunkel... Er murmelte leidenschaftliche Worte in sich hinein, packte wie in einem Wutanfall das schwere Bild und kehrte es gegen die Wand. Der Rahmen schlug hart an das Mauergestein und krachte in den Fugen.

Der erschrockenen Tochter stockte der Atem. War es doch, als schlage aus dem finsteren, melancholischen Brüten plötzlich die Flamme des Irrsinns empor, als müsse die gewaltthätige Hand zerstörungswütig das stille Kaufmannshaus zum Schauplatz grauenvoller Ereignisse machen. Aber das Furchtbare geschah nicht. Mit dem Verschwinden der Frauengestalt in der dunklen Ecke schien auch der Sturm des in der Seele aufgeregten Mannes beschwichtigt. Er schritt weiter, dicht an der Tochter vorüber, so daß sie durch die klaffende Thürspalte sein heftiges Ausatmen zu spüren meinte.

Gleich darauf rasselte der Schlüssel im nächsten Thürschloß. Der Kommerzienrat trat ein, zog den Schlüssel wieder ab und schob drinnen den Riegel vor.

Ein Grauen überschlich die Lauschende. Was that er drinnen, so allein mit seinen dunklen Gedanken in den öden, verstaubten Räumen? – Niemand im Hause ahnte, daß er noch hier verkehrte. Bärbe behauptete, er sei mit keinem Fuß wieder in den Gang gekommen – dazumal müsse ihm doch gar zu arg aufgespielt worden sein; denn für nichts und wieder nichts gebe kein beherzter Mann so jämmerlich Fersengeld, daß er sich nicht wieder zurücktraue. Nun war er doch drin – wie vergraben in der tiefen Stille und Dämmerung; denn kein Laut drang heraus. – Vielleicht war es aber gerade diese grabesruhige Abgeschiedenheit, die er schließlich suchte, wenn er im Weltgetriebe seinen bösen Dämon nicht abzuschütteln vermochte. Sie sänftigte wohl den inneren Sturm, das heiße, kranke Blut, das ihm so beängstigend den Kopf verdunkelte... Ja, er war krank. Es war nicht, wie die Großmama fälschlich behauptete, ausschließlich der Gram um ihre verstorbene Mutter, der ihn so furchtbar verändert – war er doch in den ersten Jahren nach ihrem Tode nicht so verbittert und schwarzgallig gewesen – nein, er war krank, Wahngebilde verfolgten und marterten ihn; das hatte sie schon am Abend ihrer Ankunft erkennen müssen. Er, der strengrechtliche, pünktliche Chef der hochgeachteten Firma Lamprecht, der stolze Mann, auf dessen Ehre auch nicht der leiseste Makel haftete, er bildete sich plötzlich ein, es könne eine Zeit kommen, wo man mit Fingern auf ihn zeige, wo er verfemt sein werde in Kreisen, denen sein falscher Ehrgeiz unablässig zustrebte. Das Herz krampfte sich ihr zusammen vor Weh, indem sie sich vergegenwärtigte, wie er vor ihr, seinem Kinde, in jenem Augenblick fast flehend gestanden und an ihre Mithilfe, ihre kindliche Treue appelliert hatte. So weit hatte ihn die tückische Krankheit bereits gebracht!

Einen Moment noch horchte sie nach der verriegelten Thür hin – es blieb totenstill dahinter –, dann stieg sie mit zitternden Knieen aus ihrem Versteck, raffte ihre vorhin abgeworfenen Oberkleider zusammen und flog nach einem der vorderen Zimmer, um dort ihren Anzug schleunigst wieder in Ordnung zu bringen ... Welch ein Glück, daß der Papa nicht zehn Minuten früher nach Hause gekommen war! Versetzte ihn schon die gemalte, leblose Leinwand in eine so hochgradige Aufregung, was wäre wohl geschehen, wenn er das unselige Weib scheinbar leibhaftig jählings vor sich gesehen hätte! Daß die Mummerei bereits ein anderes Unheil angerichtet, daran dachte ihre Seele nicht.

Seit einer halben Stunde saß er drunten auf der Küchenbank, der erschrockene Hausknecht. Die zitternden Beine trugen ihn noch immer nicht, und die sonst so schön rot lackierten Backen blieben blaß. Die ganze Küche roch nach Likör – »nichts besseres als das!« hatte Bärbe gesagt und ihm ein beträufeltes Stück Zucker um das andere in den Mund geschoben. Und das ganze Hausgesinde stand um ihn her und konnte sich nicht satt hören und »graulen«.

»Nein, nein, nein – ein für allemal nicht!« wiederholte er zum so und so vielten Male entschieden. »Ich rühre sie nicht wieder an – nicht um die Welt! Mag sie doch sehen, wie sie wieder hinaufkommt an ihren Haken... Ich und etwas zerbrechen! – Du lieber Gott, meinen Pfeifenkopf habe ich nun schon an die vierzehn Jahre, und soll mir 'mal einer herkommen und auch nur ein Ritzchen dran finden! Und zeigen Sie mir den Teller oder das Glas, das ich beim Abtrocknen hier in der Küche zerbrochen hätte, Bärbe! Sie können's nicht, mit dem besten Willen können Sie's nicht – so was giebt's nicht bei mir! ... Und da oben fliegt mir das Ding, die Vase, nur so aus der Hand! So ein heimlicher Puff von hinten an den Ellbogen und, krach, da lag die Bescherung am Erdboden! Und das war die Strafe, weil ich sie von ihrem Platz genommen hatte, die Boshaftige! ... Ich dachte mir's gleich und wollte nicht. Die Stube wird ja nicht tapeziert, Fräulein, sagte ich. Das Bild könnte am Ende hängen bleiben. – Aber Fräulein Sophie glaubt ja an nichts – das Bild mußte runter, absolut runter, und ich armer Teufel kriegte die Prügel. Ja, den Schreck verwind' ich in meinem Leben nicht! Und wie sie nachher auf mich zukam, just aus dem Rahmen 'raus, und das grüne Kleid rauschte und brauste, und die Karfunkelsteine glühten ihr auf dem Kopfe, wie Funken aus dem höllischen Feuer, da dachte ich, jetzt ist dein Brot gebacken, 's ist aus mit dir! Die Thüre hab' ich noch glücklich erwischt, und sie krachte fürchterlich hinter mir zu; aber auf der Treppe hat's mir doch noch eiskalt an den Hals gegriffen –«

»Unsinn, Friedrich! Auf der Treppe that sie Ihnen nichts mehr – sie kann ja nicht über die Thürschwelle!« sagte Bärbe und reichte ihm ein Likörgläschen hin. »So – und nun nehmen Sie 'mal den Schluck Pfefferminzschnaps da, der bringt Sie auf die Beine! ... Und daß ich's euch sage, ihr Leute – die Geschichte bleibt unter uns! Bei der Herrschaft findet man ja doch keinen Glauben, und wenn man's schwarz auf weiß brächte. Da wird allemal zuerst gelacht und nachher gezankt, und man kriegt seine Totenunke und Jammerbase nur so an den Kopf geworfen und hat seinen Aerger weg. Und den Leuten in der Stadt dürfen wir auch die Mäuler nicht aufsperren – beileibe nicht! Die sind uns Lamprechts ohnehin nicht grün; unser großes Geschäft und das Ansehen und der unmenschliche Reichtum – das alles paßt den Neidhammeln nicht; für die ist ein Unglück in unserem Hause so gut wie Zuckerbrot – und ein Unglück gibt's, das steht fest. Dazumal, wie unser Gretchen beinahe gestorben ist, da hat es da oben auch so lange rumort, bis sie uns das Kind halbtot ins Haus brachten... Da heißt's nun, die Ohren steif halten und aufpassen. Ich sage euch, nehmt Feuer und Licht in acht – das ist unsere Sache! Was freilich sonst geschehen soll, daran kann unsereiner nichts ändern ... Mich überläuft eine Gänsehaut –« Sie streifte zur Beweisführung den Aermel vom Arm zurück. – »Jeden Augenblick kann's kommen – jeden Augenblick!« –

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