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Die Frau mit den Karfunkelsteinen

Eugenie Marlitt: Die Frau mit den Karfunkelsteinen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleDie Frau mit den Karfunkelsteinen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger
seriesE. Marlitt's gesammelte Romane und Novellen
volumeSechster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid99f334c3
created20070103
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11.

Aber wahr ist's, Gretel – bist doch noch genau derselbige Kindskopf, wie dazumal, wo du mir auf Tritt und Schritt nachgelaufen bist, beide Hände an meinen Rockfalten, ganz einerlei, ob's auf den Boden oder in den Keller ging!« sagte Tante Sophie halb lachend, halb ärgerlich in einer der späteren Nachmittagsstunden des anderen Tages. Sie stand im roten Salon der Bel-Etage, und der Hausknecht reichte ihr die Bilder von den Wänden herab. Alle nach dem Flursaal mündenden Thüren der Zimmerreihe standen offen; das Tageslicht fiel durch lauter vorhangentblößte Fenster, und aufgescheuchte Staubwölkchen flirrten und tanzten lustig in den Flursaal hinaus. Neue Tapeten, neue Gardinen, Portieren und Teppiche sollten für die voraussichtlich glänzende, gesellschaftlich belebte Wintersaison in die Zimmer kommen – das gab auf Wochen hinaus einen fürchterlichen Rumor.

»Hier oben ist's nichts für dich, Gretel, Trotzkopf!« wiederholte die Tante nachdrücklicher und winkte abwehrend dem jungen Mädchen, das lachend nun erst recht auf der Schwelle Posto faßte. »Es zieht und stäubt – ganz unverschämt stäubt's, sag ich dir! Möchte nur wissen, wo er immer wieder herkommt, der verflixte graue Puder! Da rennt man das ganze Jahr durch mit Wischtuch und Staubwedel hier oben herum, als wenn's extra bezahlt würde – und nun solche Wolken! Die Alten da oben« – sie zeigte auf verschiedene noch hängende Oelbilder längst vermoderter Geschlechter – »müssen sie geradezu aus ihren Perücken und Haarbeuteln schütteln... Und dein Pudelkopf wird davon gerade auch nicht schöner werden, Gretel!«

»Schadet nichts, Tante! Ich bleibe da, und ehe du dich versiehst, hast du auch meine beiden Hände wieder an deinen Rockfalten. Es ist eine gar verwirrte Zeit, in der wir leben, der moderne Turmbau zu Babel – nur umgekehrt – wir bauen nach unten, in die stockdunkle Nacht hinein. Man weiß kaum noch, was recht, was schlecht, was krumm oder gerade, erlaubt oder verpönt ist, einen solchen Mischmasch der Begriffe haben die famosen Baubeflissenen nach unten zustandegebracht. Und da muß ein junges Ding wie ich froh sein, wenn es sich an einen richtigen Steuermann festklammern kann – und der bist du, Tante!«

»Geh weg! Ich dächte doch, gerade du hättest dein Köpfchen für dich und ließest dir nicht so leicht ein X für ein U vormachen ... Da, hilf mir – wenn du denn durchaus nicht fortzubringen bist – nimm sie am anderen Ende, ich kann sie nicht allein schleppen, die schöne Dore!«

Und Margarete ergriff das eben von der Wand gehobene Bild und half es über den Flursaal hinweg in den spukhaften Gang tragen, dessen Thüre heute weit zurückgeschlagen war. Dort lehnte schon eine ganze Reihe abgenommener Bilder an den Wänden; da standen sie geschützt; kein vorübergehender Fuß berührte sie, und nicht ein zudringlicher Sonnenstrahl schädigte ihre Farben.

Sie war in der That schwer, die Frau mit den Karfunkelsteinen. Sie stand in einem geschnitzten, reichvergoldeten, wenn auch nahezu erblindeten Rahmen, der eine von breitem Band umwundene Rosen- und Myrtenguirlande bildete. Die Frau hielt ja auch ein paar Myrtenzweiglein lässig zwischen den schlanken Fingern – so war sie jedenfalls als Braut gemalt. Das Bild war ein Kniestück, das junge Weib in smaragdfarbener, mit Silberblumen durchwirkter Brokatrobe darstellend – aber was für ein Weib war das!

Margarete hatte oft in kindlicher Neugier zu dem Bilde aufgeblickt; aber was hatte sie damals von der Beseelung einer Gestalt, von der Darstellungskraft des Pinsels verstanden? – Es war ihr immer nur aufgefallen, daß die hohe Frisur, die bei all den anderen Lamprechtschen Hausfrauen und Töchtern schneeweißer Puder bestäubte, ihre tiefe Schwärze behauptet hatte. Jetzt kniete das junge Mädchen auf den Dielen vor dem Bilde und sagte sich angesichts dieser erstaunlichen Haarfülle, aus deren nachtdunklem Geschlinge die täuschend gemalten fünf Rubinensterne förmlich glitzerten, und von welchem einzelne gelöste Ringel schlangenhaft weich auch über die zarte Brustwölbung hinabsanken, daß diese Frau sich kühn und energisch gegen die herrschende Mode und die Verunglimpfung ihres stolzesten Schmuckes verwahrt habe. Jetzt war es auch begreiflich, daß ihr der Volksmund das Wandern nach dem Tode angedichtet. Ihre Zeitgenossen, welche das Feuer aus diesen mächtigen dunklen Augen in Wirklichkeit hatten sprühen sehen, und vor welchen die zarte, bis in die graziös gebogenen Fingerspitzen hinein beseelte Erscheinung leibhaftig gewandelt und geatmet, sie hatten an ein wirkliches Sterben und Erlöschen solchen Zaubers nicht glauben können.

Es war doch etwas Wunderbares um so ein urdeutsches, altes Haus mit seinen Traditionen, die sich an das altfränkische Gerät knüpften und jeden Winkel belebten! Nur feierlicher, aber geheimnisvoller gewiß nicht war ihr beim Beschreiten der marmorbelegten Korridore alter venezianischer Paläste zumute gewesen, als jetzig im Vaterhause, wo die Gangdielen unter ihren Tritten seufzten und die Gestalten der alten Leinenhändler die Wand entlang mit gespenstigem Leben aus dem Halbdunkel auftauchten, in ihrer Reihe immer nur von einer der stummen, geschlossenen Thüren unterbrochen, hinter denen so manches Geheimnis schlafen mochte.

Wohl hatte der Papa einst das hier seit vielen Jahren herrschende Schweigen gestört und sich in den verrufenen Zimmern einquartiert, um das abergläubische Gesinde von seiner Gespensterfurcht zu kurieren, war auch bei seiner jedesmaligen Heimkehr, die zu jener Zeit stets nur für wenige Wochen seine Reise unterbrach, mit Vorliebe in diesem seinem »Tuskulum« verblieben. Aber schon nach zwei Jahren hatte sich das geändert; der Ausblick in den stillen Hof mochte ihm doch auf die Dauer nicht behagt haben. Nach einer fast halbjährigen Abwesenheit hatte er eines Tages von der Schweiz aus angeordnet, daß das ehemalige Boudoir seiner verstorbenen Frau wieder für ihn hergerichtet werde. Margarete erinnerte sich noch, daß damals zu ihrer Betrübnis die rosenfarbene Polstereinrichtung, die Aquarellen und Rosenholzmöbel in ein anderes Zimmer geschafft und durch ein dunkles Meublement ersetzt worden waren. Und als er nach Hause gekommen, da hatte er das große Oelbild seiner verstorbenen Frau, das einzige, welches seinen Platz an der Wand behauptet, sofort in den anstoßenden Salon hängen lassen – der Anblick des Bildes, ebenso wie die ganze Einrichtung scheine ihm neuerdings die alte Wunde aufzureißen, hatte die Großmama gemeint und deshalb das Arrangement vollkommen gebilligt. Die Zimmer im Seitenflügel aber waren unter seiner speziellen Aufsicht wieder in den früheren Stand versetzt worden – auch nicht der geringste Gegenstand der modernen Einrichtung war darin verblieben – dann hatte er lüften und scheuern lassen, hatte eigenhändig die Vorhänge zugezogen und den Schlüssel, wie früher auch, an sich genommen.

Margarete bückte sich und sah durch das weite Schlüsselloch in das Zimmer mit dem herrlichen Deckengemälde. Wie Kirchenluft wehte es sie an, und die abgeblaßten, transparenten Klatschblumenbouketts der Seidengardinen hauchten drinnen über Dielen und Wände einen schwachrötlichen Schein. – Arme, schöne Dore! In ihrem kurzen Leben angebetet, auf den Händen getragen, hatte sie ihr ertrotztes Glück mit einem frühen Tode gebüßt; und nun sollten der Psyche auch noch bis in alle Ewigkeit die Flügel geknebelt sein, auf daß sie immer wieder angstvoll gegen die zwei engen Wände des düsteren Ganges aufflattern müsse!

Wie durch fernes Nebelgewoge dämmerte in dem jungen Mädchen die Erinnerung an die Weißverschleierte auf. Die mächtigen Reiseeindrücke, die sie draußen in der Welt empfangen, das hochgesteigerte geistige Leben im Hause des berühmten Onkels hatten diese Episode ihrer Kinderzeit ziemlich in ihrem Gedächtnis verwischt, so zwar, daß sie schließlich selbst oft gemeint, der ganze seltsame Vorfall sei doch wohl auf den Ausbruch ihrer damaligen schweren Nervenkrankheit zurückzuführen. In diesem Augenblick jedoch, wo sie wieder vor derselben Thüre stand, aus welcher »das Huschende« damals gekommen war, und schräg gegenüber den riesigen Kleiderschrank stehen sah, hinter welchen sie sich versteckt, da gewann der Vorgang wieder schärfere Umrisse, und es war ihr plötzlich, als müsse sie auch jetzt, wie in jenem Moment, das Geklapper der forteilenden kleinen Absätze wieder hören.

An dem Schranke steckte der Schlüssel, dem ein mächtiges Schlüsselbund anhing. Margarete öffnete die nur angelehnte Thüre weiter und sah, daß Tante Sophie verschiedenes Gerät auf das obere Regal gestellt hatte, um es während der Zimmerrenovierung in Sicherheit zu wissen. An den Haken aber hingen die kostbaren Brokatschleppen der Urgroßmütter noch in Reih und Glied, wie sie es vor Jahren oft gesehen. Wie auf einem Tulpen- und Hyazinthenbeet flammten da alle starken Farben, und dazwischen funkelte Gold- und Silbergewebe und schweres Borden- und Tressenwerk – ein bedeutendes, totes Kapital, das die Pietät und der Stolz des alten Handelshauses unberührt im Schranke zerbröckeln ließen. Tief in der dunkelsten Ecke schimmerte auch ein Streifen der smaragdfarbenen Schleppe, in welcher sich die schöne Frau Dore hatte malen lassen. Margarete zog das köstliche Fundstück ans Tageslicht. Ja, Tante Sophie hatte recht, wenn sie behauptete, in alten Zeiten habe man für sein Geld solider gekauft. Das echte Silber der eingewebten Blumen schimmerte, das Grün war vollkommen frisch und unverblichen, und nur in den Falten zeigte sich der dicke, starrende Seidenstoff etwas brüchig.

Es war ein enges, schmales Mieder, an welches das junge Herz der Frau Dore einst geklopft hatte. Margarete meinte, es müsse auch ihr selbst passen – und da hatte plötzlich »der Kindskopf der lustigen Gretel« die Oberhand. Ganz nahe an der Wand lehnte auch ein hoher Pfeilerspiegel; er stand den Bildern gegenüber. Es schreckte die junge Uebermütige nicht, daß es just die hohe, stolze Gestalt des Urgroßvaters Justus war, die der Spiegel zurückwarf. Sie löste das lange Kragenband vom Halse und band sich die Lockenfülle hoch über der Stirn zum Toupet. Die sternförmige Brosche, und die dazu gehörigen Ohrringe und Manschettenknöpfe von böhmischen Granaten mußten die Rubinensterne vertreten, und für einen ersten flüchtigen Blick täuschten sie auch hinlänglich.

Es war doch wunderlich, daß die Natur noch einmal an Größe und schmächtigem Wuchs genau dieselbe Gestalt geschaffen hatte, wie sie vor fast einem Jahrhundert durch das Lamprechtsche Haus gewandelt war. Das Mieder schmiegte sich glatt und faltenlos an den Leib des jungen Mädchens, und das silberstoffene Tablier des Rockes berührte gerade ihre Fußspitzen.

Sie erschrak vor sich selber, als sie die letzte Spange des Brustlatzes festgenestelt hatte und noch einmal vor den Spiegel trat. Sie sah auch ein wenig scheu zur Seite, wo neben ihrer Schulter die Augen des Justus Lamprecht aus dem Düster des Ganges glühten und seine beringte Hand so plastisch dort auf dem großen Folianten lag, als werde sie sich im nächsten Augenblick von der Leinwand lösen und nach der Vermessenen herübergreifen ... Nun, die frevelhafte Maskerade sollte rasch ein Ende haben; in wenigen Minuten hing das Kleid unversehrt wieder im Schranke, freilich nicht, ohne daß Tante Sophie die moderne Ahnfrau gesehen hatte.

Mit unwillkürlich verlangsamten Schritten und Bewegungen trat sie aus dem Gange. Die Schleppe rauschte mit einem förmlichen Getöse über die rauhen Dielen – in diesem panzerartig klirrenden Staatsgewande wäre der schönen Dore das lautlose Huschen freilich nicht möglich gewesen.

Der Hausknecht kam eben aus dem großen Salon und schritt durch den Flursaal nach dem Ausgang. Bei dem herankommenden Geräusch wandte er arglos den Kopf zurück und schoß gleich darauf entsetzt mit einem grotesken Sprunge zur Thüre hinaus, die er rasselnd hinter sich zuschlug.

Margarete lachte über den Effekt und trat über die Schwelle des großen Salons; aber sie wich betreten zurück, denn die Tante war nicht allein, Onkel Herbert stand neben ihr am Fenster.

Gestern nachmittag um dieselbe Zeit nun wäre es ihr sehr gleichgültig gewesen, ob der Onkel dort gestanden oder nicht. Er hatte ja nie zu denen daheim gehört, an die sie besonders gern oder gar mit Heimweh gedacht, und auch das erste Wiederbegegnen bei ihrer Heimkehr hatte ihr keinerlei Interesse für ihn geweckt. Seit gestern abend jedoch, wo sie einige Stunden droben bei den Großeltern mit ihm zusammen gewesen war, hatte sie ihm gegenüber das seltsame Gefühl eines moralischen Unbehagens. Nicht, daß sie sich durch die enthusiastische Verehrung der Großmama für den wohlgeratenen Herrn Sohn, oder den unverkennbaren Respekt, welchen ihr Vater dem jungen Schwager entgegenbrachte, hätte beeinflussen lassen – sie wußte ja, daß jene beiden leider nur dem Glück huldigten, welches sich an seine Fersen zu hängen schien, und einen Auserwählten in ihm sahen, weil Hochgestellte mit ihm wie mit ihresgleichen verkehrten – das bestach sie nicht; nur der Großpapa, der sonst so gerade, unbestechliche Charakter hatte sie stutzig gemacht. Es war doch kaum zu glauben, daß er völlig blind sei gegen die Art und Weise, wie sein Sohn Karriere machte, daß er nicht wisse, welche Mächte ihn mühelos über Staffeln hinweghoben, die andere erst nach jahrelanger Aufbietung aller eigenen Kraft zu erringen vermochten. Und doch hatten dem alten Manne gestern inniges Wohlgefallen und väterlicher Stolz frank und frei aus den Augen gestrahlt. Er hatte wiederholt gegen das moderne Strebertum geeifert, das nie nach der Lauterkeit der Mittel frage, um emporzukommen; Fuchsschwanz und Katzenbuckel und die Tartüffes seien wieder einmal an der Tagesordnung, und der rechtschaffene deutsche Sinn müsse sich vor den »Nachbarsleuten« schämen, die es mit ansähen, wie diese schleichenden und buckeligen Figuren auf dem großen Schachbrett Fuß zu fassen suchten.

Fühlte er in verblendeter Vaterliebe den Pfahl im eigenen Fleische nicht, oder verstand es der Herr Landrat, ihm Sand in die Augen zu streuen? Der hatte so gemütsruhig dabei gesessen, als sei dieses Anathema ganz in der Ordnung. Nicht ein einziges Mal war ihm das Not der Verlegenheit oder der Beschämung in das Gesicht getreten; er hatte seine Zigarre geraucht und die seinen blauen Duftringel nachdenklich mit den Augen verfolgt; wenn er aber gesprochen, dann hatte es stets »Hand und Fuß gehabt«, wie Tante Sophie sich auszudrücken pflegte.

Uebrigens mochte doch der wahre Kern dieses Charakters sein wie er wollte, das focht sie nicht weiter an; es verdroß sie nur, daß er sich im Urteil über die beiden Kinder seiner verstorbenen Schwester so gleich geblieben war – der exemplarisch fleißige Reinhold von ehedem schien für ihn nichts von seinen Tugenden eingebüßt zu haben, während er offenbar der »wilden Hummel« auch heute noch nichts Gutes zutraute. Und halte er nicht recht? Reinhold ging in seinem Berufe auf; er war der kühle Verstand selbst – und in ihrem Kopfe spukten heute noch tolle Fastnachtsscherze, wie Figura zeigte... Die Glut des Aergers im Gesicht, versuchte sie, sich ungesehen zurückzuziehen. Die beiden dort wendeten ihr den Rücken zu; sie schienen auf dem Fenstersims liegende Gegenstände zu betrachten, und das Rasseln der draußen zugeschlagenen Thüre mochte für ihr Ohr das Rauschen der Schleppe übertönt haben. Nun aber war es wieder so still, daß die erste Rückwärtsbewegung des jungen Mädchens die am Fenster Stehenden aufmerksam machte. Tante Sophie wandte sich um und schien einen Moment sprachlos; dann aber schlug sie die Hände zusammen und lachte laut auf.

»Beinahe wär' dir's geglückt, Gretel! Ach ja, gelt, ein Hauptspaß wär's gewesen, wenn sich die alte Tante auch einmal gegrault hätte? Na, damit war's nichts; aber es hat mir doch einen Stich durch und durch gegeben.« Sie drückte unwillkürlich die Rechte auf die Brust. »Lasse dich nur um Gotteswillen vor Bärbe nicht sehen! ... Nein, wie du doch der armen Dore ähnlich bist in der Tracht, und hast doch kein Tröpfchen Blut von ihr in den Adern! Hast ja auch sonst ein ganz anderes Gesicht mit deinem schmalen Näschen und den Grübchen in den Backen –«

»Gewisse Züge um Mund und Augen und die Haltung des Kopfes machen die Aehnlichkeit,« fiel der Landrat ein. »Die schöne Dorothea hat es in ihrer Oppositionslust kühnlich mit den Vorurteilen der Welt aufgenommen, wie ihr ungepudertes Toupet und ihre Heirat beweisen. Sie muß Eigenwillen und Uebermut in hohem Grade besessen haben, und diese Charaktereigenschaften geben einen besonderen Stempel.«

Margarete hob gleichmütig die Augen nach dem gegenüberhängenden Spiegel, der ihre ganze Gestalt zurückwarf. »Ja, wahr ist's, es liegt viel kindischer Uebermut in der dummen Maskerade! Aber Spaß macht sie mir doch, köstlichen Spaß! – Und wenn alle Welt die Nase darüber rümpft, es war doch wonnig, in das Staatskleid unserer ›weißen Frau‹ zu schlüpfen ... Und wahr ist's auch, daß ich gern mit den Vorurteilen der Welt anbinde – ein Staatsverbrechen, das natürlich gesetzten Leuten die Haare zu Berge treiben muß. Und darum hast du ganz recht, Onkel Herbert, mir den Text zu lesen, wenn auch nur in der verblümten Form der Satire ...« Sie zupfte die schönen Niederländer Spitzen an Brustlatz und Aermeln so ruhig und sorgsam zurecht, als sei sie vorhin nicht einen Augenblick außer Fassung gewesen, und trat tiefer in das Zimmer herein. »Ich fürchte nur, du kommst auch jetzt nicht weiter mit mir, als damals, wo meine Schreibehefte und das Hersagen der französischen Vokabeln dir die Nerven irritierten,« fuhr sie achselzuckend fort. »Ich schreibe nämlich heute noch wie mit dem Zaunpfahl, und vor Pariser Ohren lasse ich mein bißchen Thüringisch-Französisch aus guten Gründen nie laut werden.«

»Geh, übertreib's nicht! So schlimm wird's nicht sein!« sagte Tante Sophie lachend. »Da komm einmal her und sieh dir den Schaden an!« – Sie nahm die Scherben einer antiken Vase vom Fenstersims und legte sie auf den großen Tisch inmitten des Zimmers. »Ich behüte die Sachen hier oben mit Augen und Händen und hab' auch bis jetzt noch kein Unglück gehabt mit dem zerbrechlichen Zeug; und nun macht mir der dumme Mensch, der Friedrich, den Streich und wirft die Vase da vom Spiegeltisch ... Und ich konnte nicht einmal zanken; dem armen Tapps klapperten die Zähne aneinander vor Schreck, und es war fast zum Lachen, wie er seine paar Groschen aus der Tasche holte, um den Schaden zu bezahlen. Ich weiß nicht mehr, wieviel Dukaten die paar Thonscherben da gekostet haben sollen – ein unsinniges Geld war's, das ist gewiß. Vetter Gotthelf, dein Großvater, Gretel, hat diese Vase aus Italien mitgebracht.«

Margarete war an den Tisch getreten. »Imitation, und noch dazu schlechte!« sagte sie bestimmt nach kurzer Prüfung. »Der Großpapa hat sich betrügen lassen. – Wirf die Scherben getrost in den Schutt, Tante! Bärbes geliebter Kaffeetopf ist von ähnlicher Abkunft.«

»Das klingt ja so entschieden, als spräche Onkel Theobald selbst,« sagte der Landrat vom Fenster her. »Nun begreife ich, daß er seine Mitarbeiterin bereits schmerzlich vermißt –«

»Mitarbeiterin?!« Sie lachte amüsiert auf. »Seinen dienstbaren Geist, einen Erdgnomen, willst du sagen! So eine Art Wichtelmännchen, das geräuschlos den Ofen in der Bibliothek besorgt, was kein Dienstbote kann; das dann und wann eine Tasse starken Kaffes kocht und unbemerkt hinschiebt, wenn der große Forscher angestrengt arbeitet, und ab und zu eidechsenhaft still die Treppenleiter der Bibliothek hinauf- und hinabgleitet, um ihm mit der pünktlichen Bücherzufuhr die ›Quellenstudien‹ zu erleichtern – solch ein Wichtelmännchen, ja, das bin ich! ... Und wenn hier und da etwas an mir hängen bleibt von dem Geist und dem Wissen, das man dort gleichsam mit der Luft atmet, so ist das kein Wunder. Systematisch geordnet und wirklich brauchbar aber ist das kunterbunte Chaos hier nicht« – sie tippte mit dem Finger gegen die Stirn. »Wer verlangt das aber auch von einem Mädchenkopf, gelt, Onkel?«

Lächelnd warf sie das Vasenbruchstück auf den Tisch. »Woher aber weißt du, daß Onkel Theobald meine kleinen Dienste vermißt?« fragte sie plötzlich lebhaft aufblickend.

»Das kannst du erfahren. Meine Mutter hat vorhin einen Brief von Tante Elise erhalten. Du fehlst nicht allein in Onkels Studierstube, auch im Salon der Tante, wo sich die Freunde des Hauses versammeln, wird deine schleunige Rückkehr ersehnt ... Herr von Billingen-Wackewitz ist wohl das enfant gâté in diesem Salon?«

»Aus welchem Grunde glaubst du das?« – Ein helles jähes Rot stieg ihr in die Wangen, während sie die Brauen leicht zusammenzog.

Er wandte den durchdringenden Blick nicht von ihrem Gesicht. »Das will ich dir sagen. Ich möchte wetten, daß der lange, eingehende Bericht der Tante keine fünf Zeilen aufzuweisen hat, in welchem der schöne Mecklenburger nicht figuriert.«

»Er ist Tante Elisens Protegé und einer der wenigen Adeligen, die das Haus des Onkels, des ›alten Freiheitsschwärmers‹ besuchen,« sagte sie, sich von ihm wegwendend, erklärend zu Tante Sophie.

Der Landrat lehnte sich mit dem Rücken an Sims und Fensterkreuz. »Also eine politische Inklination, Margarete?« warf er spöttisch hin. »Tante Elise schreibt anders darüber.«

Ihre Augen funkelten in tiefverletztem Mädchenstolz; aber sie bezwang sich. »Das sieht aus wie der Anfang eines Familienklatsches, und dazu sollte Tante Elise, die geistreiche Frau, ihre Feder hergeben?« sprach sie mit ungläubigem Achselzucken.

Er lachte leise, aber hart auf. »Die Erfahrung lehrt, daß im Punkt des Ehestiftens die Frauen insgesamt – gleichviel ob geistreich oder beschränkt – ein und dieselbe kleine Schwäche haben.«

»O, ich bitte mir's aus – ich nicht!« protestierte die Tante energisch. »An solchen heiklen Dingen hab' ich mir nie die Finger verbrannt.«

»Rühmen Sie sich nicht zu früh, Fräulein Sophie – Sie könnten gerade jetzt stark in Versuchung kommen!« warnte er sarkastisch. »Herr von Billingen soll ein schöner Mann sein –«

»Ja, er ist groß von Gestalt und hat ein Gesicht weiß und rot wie eine Apfelblüte,« warf Margarete ein. Er sah nicht auf von seinen Fingernägeln, die er angelegentlich zu betrachten schien.

»Vor allem trägt er einen Namen, der hochangesehen und sehr alt ist,« fuhr er unbeirrt fort.

»Jawohl, uralt!« bestätigte Margarete abermals. »Die Heraldiker streiten bis auf den heutigen Tag, ob das seltsame Gebild in einem der Wappenfelder das Feuersteinbeil eines Höhlenbewohners, oder ein Webstuhlfragment aus der späteren Pfahlbauzeit sein soll.«

»Potztausend, was für ein Stammbaum! Davor müssen sich ja unsere dicksten Eichen verkriechen,« meinte Tante Sophie mit schelmischem Augenblinzeln. »Was, so hoch willst du hinaus, Gretel?«

Die Augen des jungen Mädchens sprühten förmlich in Mutwillen. »Mein Gott, warum sollte ich denn nicht?« fragte sie zurück. »Ist das ›Hochhinauswollen‹ nicht ein Zug unserer Zeit? Und ich, ein Mädchen! ein Mädchen, das acht Lot Gehirn weniger hat, als die Herren der Schöpfung, wie sollte ich mir darüber ein eigenes Urteil bilden und meinen eigenen Weg gehen wollen! Nein, so vermessen bin ich nicht! Ich laufe brav mit auf der Heerstraße der Tagesmode und sehe nicht ein, weshalb es mir nicht auch Spaß machen soll, mehr zu werden und den Staub meiner Abkunft von den Füßen zu schütteln.«

»Na, das sollten unsere alten Herren da oben hören!« drohte die Tante und zeigte auf einige noch nicht abgenommene Oelbilder der aus ihrer Allongeperücke stolz und ernsthaft von der Wand herabschauenden Kaufherren.

Margarete zuckte lächelnd die Achseln. »Wer weiß, wie sie heutzutage mit ihrem strengen Bürgersinn fertig würden! ›Wir sind Kinder unserer Zeit und keine Spartaner!‹ hörte ich kürzlich sagen; und so könnte es immerhin sein, daß die alten, mit Bienenfleiß in Kontor und Lagerräumen schaffenden Lamprechts es machten wie so viele jetzt, und sich glücklich schätzten, ihren Honig als Mitgift der Töchter in den leeren Stock irgend eines ›alten, hochangesehenen Geschlechts‹ gießen zu dürfen ... Das soll der Bürgerstolz heutigestags sein – so sagen die Leute.«

»So sagen die Leute,« wiederholte der Landrat kopfnickend. »Selbstverständlich hast du diesen Ausspruch scharfer Zungen auch wieder nur von anderen –«

»Natürlicherweise,« bestätigte sie lachend. »Ich mache es genau wie andere junge Mädchen auch – ich plappere nach, Onkel ... Ich höre zu, wenn andere über die heutigen Zustände diskutieren, und manches interessiert mich wirklich. So zum Beispiel die Kletterstange voll wünschenswerter Dinge, die jetzt in der Welt aufgerichtet sein soll –«

»Und welcher die Streber in hellen Haufen zuströmen, nicht wahr, Margarete?« unterbrach sie Herbert mit kaltem Lächeln.

Ihr Blick, der dem seinen begegnete, verdunkelte sich. »Jawohl, Onkel! Solche, denen der ehrliche Heimatboden nicht gut genug, der gerade Weg nicht der beste ist. Manch braves Menschenkind soll bei dem Ansturm zu Boden getreten werden. Sonst soll das Klettern leicht sein, sagen die Leute; man müsse immer nur auf die äußeren Signale achten, um Gotteswillen aber nie auf irgend eine innere Stimme, wie die des Herzens oder der wahren Ueberzeugung, sonst falle man herab, wie der angerufene Nachtwandler vom Dach. Auch schöne Damenhände sollen manchmal helfen – «

»Pst!« machte Tante Sophie und hob den Zeigefinger in der Richtung des Treppenhauses. Es mochte ihr wohl gelegen kommen, daß draußen Schritte heraufpolterten und das Gespräch unterbrachen, welchem die übermütigen Anspielungen des jungen Mädchens eine peinliche Wendung zu geben drohten. »Lauf und wirf das Kleid ab, Gretel!« drängte sie. »Dem Schritte nach ist's Reinhold, der heraufkommt, und der kann selten einen Spaß vertragen, er wird leicht grob!«

Margarete flog nach der Thüre. Sie vermied es ängstlich, mit dem reizbaren Bruder in Kollision zu kommen; aber schon war es zu spät; Reinhold kam in Begleitung der Großmama den Flursaal entlang.

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