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Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/roth/fluchten/fluchten.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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VIII

Jeden Abend konnte man im Hafen von Baku abseits von einer heiteren, buntgekleideten, lärmenden Menge einen Mann sehen, der in jeder anderen Stadt die Aufmerksamkeit einiger Menschen erregt hätte, hier aber unbemerkt und in eine starke und undurchsichtige Einsamkeit gehüllt blieb. Manchmal setzte er sich auf die niedrige steinerne Mauer, welche die See einfaßte, als wäre sie ein Garten, seine Füße hingen über dem Kaspischen Meer, und seine Augen hatten kein Ziel. Nur wenn ein Schiff landete, geriet er in eine sichtbare Erregung. Er drängte sich durch die dichten Scharen der Wartenden und betrachtete die aussteigenden Passagiere. Man hätte glauben können, daß er jemanden erwartete. Aber sobald alles vorbei war, die türkischen Lastträger wieder an den weißen Mauern lehnten oder in Gruppen Karten spielten, die leeren Phaetons langsam, die besetzten in einem feurigen und fröhlichen Tempo davongerollt waren, kehrte der einsame Mann offensichtlich zufrieden heim, nicht mit dem Ausdruck der Verlegenheit, die uns befällt, wenn wir jemanden vergeblich erwartet haben und allein zurückgehen müssen.

Wenn in Baku Schiffe ankommen, seltene, nur russische, aus Astrachan, herrscht Aufregung im Hafen. Die Menschen wissen, daß kein fremder Dampfer ankommen wird, kein englischer, kein amerikanischer. Aber aus der Ferne, wenn man den Rauch sieht, tun die Menschen so, als wüßten sie nicht, ob das Schiff nicht zufällig doch ein fremdes ist. Denn über allen Dampfern wehen die gleichen blauweißen Rauchfahnen. Auch wenn keine Dampfer ankommen, befindet sich Baku in einer Erregung. Sie kommt vielleicht von dem vulkanischen Boden. Manchmal erhebt sich der gefürchtete Wind, der keinen Widerstand findet, der über die flachen Dächer fegt, über die gelbe Landschaft ohne Vegetation, der Fenster, Stukkaturen, Steingeröll mit sich trägt und in dem selbst die Bohrtürme zu schwanken scheinen – in diesem Lande Stellvertreter der Bäume.

Tunda ging zum Hafen, wenn die Schiffe ankamen. Obwohl er wußte, daß es nur die alten heimischen Pendeldampfer waren, die einheimische Beamte und seltene fremde Kaviarhändler bringen konnten, stellte er sich doch immer wieder vor, die Schiffe kämen von irgendwelchen fremden Meeren. Schiffe sind die einzigen Fahrzeuge, denen man jede abenteuerliche Fahrt zutraut. Es müssen nicht einmal Dampfer sein. Jedes gewöhnliche Boot, jedes gemächliche Floß, jeder klägliche Fischerkahn kann das Wasser aller Meere gekostet haben. Für den Menschen, der an einem Ufer steht, sind alle Wasser gleich. Jede kleine Welle ist eine Schwester der großen und gefährlichen.

Ach, er war entschlossen gewesen, nichts Überraschendes mehr zu erwarten. Die Schweigsamkeit seiner Frau dämpfte das Geräusch der Welt und mäßigte den Lauf der Stunden. Dennoch floh er aus seinem Hause, er ging zum Hafen, und der Geruch dieses kleinen Meeres beunruhigte ihn heftig. Er kehrte wieder heim, sah Alja unbewegt am Fenster sitzen und die leere Straße betrachten. Sie wandte kaum den Kopf, wenn er kam, und wenn ein Geräusch im Zimmer entstand, lächelte sie, als wäre ihr etwas Heiteres begegnet.

In diesen Tagen begann Tunda, alle unbedeutenden Ereignisse niederzuschreiben, es war, als bekämen sie dadurch eine gewisse Bedeutung.

Eines Tages schrieb er:

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