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Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/roth/fluchten/fluchten.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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VII

Ich habe schon erzählt, daß jenes stille Mädchen aus dem Kaukasus, Alja genannt, Nichte des stumpfsinnigen Töpfers, Tunda gefiel. Von allen Handlungen und Erlebnissen Tundas, der mir manchmal merkwürdig erscheint, ist mir sein Verhältnis zu Alja am verständlichsten. Sie lebte inmitten der Revolution, der historischen und der privaten Wirrnisse, wie die Abgesandte einer anderen Welt, Vertreterin einer unbekannten Macht, kühl und neugierig, vielleicht der Liebe ebensowenig fähig wie der Klugheit, der Dummheit, der Güte, der Schlechtigkeit, aller irdischen Eigenschaften, aus denen sich ein Charakter zusammensetzen soll. Welch ein Zufall, daß sie ein menschliches Gesicht und einen menschlichen Körper hatte! Sie verriet keinerlei Art von Erregung, von Freude, Ärger, Trauer. Statt zu lachen, zeigte sie ihre Zähne, zwei weiße, fest aufeinanderschließende Reihen, ein schöner Kerker für alle Töne der Kehle. Statt zu weinen – sie weinte selten –, ließ sie aus weit offenen Augen, über ein freundlich gleichmütiges, fast lächelndes Angesicht ein paar große helle Tränen fließen, von denen man auf keinen Fall glauben konnte, sie schmeckten nach Salz wie alle vulgären Tränen der Welt. Statt einen Wunsch zu äußern, deutete sie mit den Augen nach dem Gegenstand, den sie wünschte, es schien, als könnte sie nichts ersehnen, was außerhalb ihres Gesichtsfeldes gelegen war. Statt etwas abzulehnen oder abzuwehren, schüttelte sie den Kopf. Nur wenn vor ihr im Kino jemand die Aussicht auf die Leinwand verhinderte, zeigte sie Zeichen stärkerer Unruhe. Die Fläche der Leinwand war ihr ohnehin zu klein, sie mußte jedes Detail sehen, ja, wahrscheinlich interessierte sie die Kleidung der handelnden Personen oder der gleichgültige Gegenstand einer Zimmereinrichtung mehr als das Drama und eine Katastrophe.

Ich beschränke mich bei der Beschreibung Aljas nur auf Vermutungen. Auch Tunda kannte nicht viel mehr von ihr, obwohl er beinahe ein Jahr mit ihr zusammenlebte. Daß er zu ihr kam, erscheint mir, wie schon gesagt, selbstverständlich. Ach, er gehörte nicht zu den sogenannten »aktiven Naturen«. (Es wäre allerdings ebenso falsch, von seiner »Passivität« zu sprechen.) Alja empfing ihn wie ein stilles Zimmer. Abgeschlossen von jeder Lust, sich anzustrengen, zu kämpfen, sich zu ereifern oder auch nur sich zu ärgern, lebte er auf einem abseitigen Weg. Er brauchte nicht einmal verliebt zu sein. Auch die kleine häusliche Strategie blieb ihm erspart. Alja half ihrem Onkel, dem Töpfer, bei Tag. Wenn der Abend anbrach, schlief sie bei ihrem Mann. Es gibt kein gesünderes Leben.

Inzwischen bekam Tunda einen Stellvertreter. Er selbst ging mit seiner Frau nach Baku. Er sollte Filmaufnahmen für ein wissenschaftliches Institut machen.

Es schien ihm, daß er den wichtigsten Teil des Lebens hinter sich habe. Es war nicht mehr an der Zeit, sich Erwartungen hinzugeben. Er hatte das dreißigste Jahr überschritten. Er ging am Abend an das Meer und hörte die traurige dünne Musik der Türken. Er schrieb jede Woche seinem sibirischen Freund Baranowicz. Im Laufe der Zeit, in der sie sich nicht sahen, wurde Baranowicz wirklich sein Bruder. Der Name Tundas war nicht falsch, Tunda war wirklich Franz Baranowicz, Bürger der Sowjetstaaten, zufriedener Beamter, verheiratet mit einer schweigsamen Frau, wohnhaft in Baku. Vielleicht kamen zu ihm seine Heimat und sein früheres Leben manchmal im Traum.

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